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27. Oktober 2010
Pressemitteilung: Bundesregierung ignoriert Sklavenarbeit auf Zuckerrohrplantagen.
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Der Irrweg der Agrokraftstoffe
Die Interessen hinter dem Boom des vermeintlichen „Biosprits“
Ein Artikel von Timo Kaphengst
Ein Artikel von Timo Kaphengst
Vorspann: Die Herstellung von Agrokraftstoffen legt kräftig zu. Doch der vermeintliche Beitrag zum Klimaschutz verstärkt den weltweiten Hunger, die Zerstörung von Regenwäldern und die Tendenz hin zur industrialisierten Landwirtschaft. In einer auf die Profitinteressen transnationaler Konzerne ausgerichteten globalen Landwirtschaft ist eine nachhaltige Produktion von Agrokraftstoffen unmöglich. Als die Europäische Union 2003 mit der Biokraftstoffrichtlinie das Ziel veranschlagte, bis 2010 einen Anteil von 5,75 Prozent des Kraftstoffverbrauchs durch „Biokraftstoffe“ zu decken, war die Euphorie noch groß. Agrokraftstoffe galten nicht nur aus Sicht der Politik und der Industrie, sondern auch seitens vieler Umweltorganisationen als Wundermittel, um Treibhausgasemissionen und die Abhängigkeit von Erdölimporten zu reduzieren und gleichzeitig noch die Landwirtschaft in Europa zu stärken. Seitdem ist die weltweite Produktion von Bioethanol und Biodiesel rasant angestiegen. Allein zwischen 2000 und 2005 verdoppelte sich die Produktion von Bioethanol, der 90 Prozent der weltweit produzierten Agrokraftstoffe ausmacht. Global liegt der Anteil von Agrokraftstoffen derzeit jedoch bei kaum mehr als einem Prozent des gesamten Flüssigkraftstoffs. Und die positive Stimmung ist längst umgeschlagen.
Immer mehr Gegenwind
Sehr bald zeigten wissenschaftliche Potenzialabschätzungen, dass zur Erfüllung der ehrgeizigen EU–Ziele das eigene Land nicht ausreichen würde und große Mengenanteile der benötigten Biomasse aus Drittländern importiert werden müssen. Noch bevor die Politik hierauf mit Steuerungsmechanismen angemessen reagieren konnte, breitete sich der Agrokraftstoffboom auf viele Länder des Südens – insbesondere Brasilien, Indonesien und zunehmend auch in Afrika – aus, oft mit verheerenden Folgen: Regenwaldrodungen für Palmölplantagen, Menschenrechtsverletzungen beim Zuckerrohranbau, Vertreibungen von Kleinbauern von ihrem Land und zuletzt die globale Hungerkrise durch die Preisanstiege bei Nahrungsmitteln werden dank zahlreicher Berichte und Studien heute als Probleme der Agrokraftstoffe wahrgenommen. Darüber hinaus wurde mehrfach wissenschaftlich belegt, dass Biomasse für Energiezwecke um ein Vielfaches effizienter eingesetzt werden kann, wenn man aus ihr Wärme und Elektrizität herstellt anstatt flüssiger Kraftstoffe. Die stetig sinkende Zahl der Befürworter von Agrokraftstoffen klammert sich noch an einen argumentativen Strohhalm: Für einen nachhaltigen Verkehr gäbe es schlicht keine regenerative Kraftstoffalternative zu Benzin und Diesel. Dabei wird gerne auf die sogenannte „zweite Generation“ der Agrokraftstoffe verwiesen, bei der eine deutlich größere Bandbreite an Biomasse (neben Holz auch zellulosehaltige Biomasse) verwendet werden könnte als bei Biodiesel und Bioethanol. Es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis man eingesehen hat, dass ohne eine längst überfällige Effizienzsteigerung im Automobilsektor und eine langfristige Umstellung auf völlig neue Antriebssysteme (z.B. Biogas oder Elektrizität aus erneuerbaren Energiequellen) kein nachhaltiger Verkehr möglich ist. Auch wird die „zweite Generation“, wenn sie denn eines Tages technisch ausgereift und wirtschaftlich einzusetzen ist, bei kräftigem Ausbau auf ähnliche Rohstoffprobleme treffen wie Biodiesel und Bioethanol. Die deutlichen Gegenargumente sind mittlerweile bis in die engen Kreise der Europäischen Kommission vorgedrungen, sodass es berechtigte Hoffnung gibt, dass sich die EU mittelfristig von ihren Beimischungsquoten für Agrokraftstoffe verabschieden wird, für die sie 2007 die Zielmarke bis 2020 noch auf verbindliche zehn Prozent heraufgesetzt hat. In Deutschland scheinen in diesem Zusammenhang nur Argumente aus der Industrie zu zählen: Umweltminister Sigmar Gabriel nahm im April das Beimischungsziel von zehn Prozent Ethanol nur deshalb zurück, weil diesen höheren Anteil nach Angaben der Autoindustrie mindestens drei Millionen Fahrzeuge nicht vertragen würden.Ein Spielzeug der Mächtigen
Trotz merklichem Stimmungswechsel in der Politik besteht kein Grund zur Euphorie. Denn die Folgen des Booms von Bioethanol und Biodiesel offenbaren sehr viel tiefer liegende Verwerfungen einer globalen Landwirtschaft, die sich immer weniger an den Bedürfnissen von Menschen als vielmehr am Profit orientiert. Nicht umsonst sind es einige der weltgrößten transnationalen Konzerne und das Finanzkapital, die von der Entwicklung der Agrokraftstoffe am meisten profitieren und deshalb bemüht sind, den Boom aufrechtzuerhalten. Mächtige Konsortien aus Mineralölindustrie, Agrobusiness, Gentechnik– bis hin zur Automobilindustrie investieren kräftig in den Anbau von Zuckerrohr, Soja, Mais, Palmöl und Raps, um ihre Marktmacht durch zentralisierte Strukturen aufrechtzuerhalten. Als willkommener Nebeneffekt können sie sich mit den Agrokraftstoffen ein grünes Mäntelchen umhängen. Allein BP – früher British Petrol, heute „Beyond Petrolium“ – hat gemeinsam mit dem Agrarkonzern DuPont eine halbe Milliarde Euro in die Entwicklung eines neuen Kraftstoffs auf Basis von gentechnisch veränderten Energiepflanzen investiert. Abgesehen von der Unterstützung durch die Politik fanden die Investoren von Beginn an beste Bedingungen für den Ausbau der Energiepflanzen in den ärmeren Ländern des Südens vor: IWF (Internationaler Währungsfonds) und Weltbank haben in den 1980er und 90er Jahren mit ihren sogenannten „Strukturanpassungsprogrammen“ zahlreiche Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika dazu gezwungen, ihren Agrarsektor auf den Export auszurichten und ihre Märkte für Importe und Investitionen aus den Industrieländern zu öffnen. Lokale Märkte wurden dadurch vielfach ge– oder zerstört. Mit dem Boom der Agrokraftstoffe ist diese Entwicklung noch verstärkt worden. Während immer größere Mengen billigen Futtermittels (vor allem Soja) für die europäische Fleischproduktion nach Europa verschifft werden, kommen nun noch Agrarrohstoffe für Biodiesel und Bioethanol hinzu. Allein in Argentinien hat sich innerhalb von nur zehn Jahren die Anbaufläche von Soja – einer typischen cash crop – verdreifacht. Je mehr Fläche für den Rohstoffexport „reserviert“ ist, desto weniger bleibt für die Nahrungsmittelproduktion im eigenen Land. Paradox wird es, wenn dadurch auch ärmere Länder, die reich an Land und Rohstoffen sind, immer mehr Nahrungsmittel importieren müssen, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Leidtragende dieser Entwicklung waren und sind vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, deren Produktion auf lokale Märkte ausgerichtet ist und die mit der Massenproduktion der industrialisierten Landwirtschaft nicht konkurrieren können. Diejenigen, die ihre Produktion aufgeben mussten oder sogar auf Druck der Agrarindustrie von ihrem Land vertrieben wurden, gehören dann zu dem Teil der Bevölkerung, der aktuell die hohen Nahrungsmittelpreise nicht mehr bezahlen kann und hungert. Konzerne und Investoren haben meist leichtes Spiel. Die Regierungen in Indonesien, Brasilien aber auch in vielen afrikanischen Staaten lassen sich durch das Kapital locken, das ins Land strömt und weitere Ländereien in industrielle Produktionseinheiten umwandelt. Sie sind zum Teil besessen von der Idee, die „grüne Opec“ der Zukunft zu werden und vergessen (oder ignorieren) dabei, dass von einer Industrialisierung im Agrarsektor in der Regel nur wenige profitieren, aber sehr viele andere das Nachsehen haben und die Umwelt geschädigt wird. Die Vormachtstellung der Agrokraftstofflobby in Brasilien zeigte sich Mitte Mai am Rücktritt von Umweltministerin Marina Silva. Die Bundesregierung jedenfalls hat damit kein Problem: Unmittelbar nach dem Rücktritt der verdienten Umweltschützerin unterzeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel ein bilaterales Energieabkommen mit Brasilien, das auf eine Ausweitung der brasilianischen Agrokraftstoffproduktion abzielt. Dort, wo der politische Wille nicht ausreichend vorhanden ist oder sogar auf Gegenwehr trifft, greifen die finanzstarken Investoren auch zu Mitteln der Korruption. Politiker werden geschmiert und Großgrundbesitzern wird Geld versprochen, um an das wertvolle Land oder an Rodungserlaubnisse zu kommen.„Nachhaltige“ Agrokraftstoffe?
Als „politischer Rettungsanker“ wird derzeit intensiv über Nachhaltigkeitsstandards für Agrokraftstoffe diskutiert. Ein Zertifizierungssystem soll gewährleisten, dass die Agrokraftstoffe, die der Beimischungsquote angerechnet werden, aus einer „nachhaltigen“ Produktion stammen. Nun werden in den aktuellen Entwürfen der Europäischen Kommission und der Bundesregierung allerdings soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen oder die Verhinderung von Landvertreibungen erst gar nicht adressiert. Zudem kann kein Zertifizierungssystem verhindern, dass es durch die immens gestiegene Nachfrage nach Flächen und Rohstoffen zu Verdrängungseffekten kommt: Nahrungsmittelanbau, wenn er auf bestimmten Flächen dem Anbau von Energiepflanzen weichen muss, wandert häufig in andere Gebiete, wo nicht selten Regenwald steht oder andere Ökosysteme bisher noch nicht unter landwirtschaftlicher Nutzung sind. Nicht zuletzt laden die vagen Umweltkriterien dazu ein, wegen der allgemein hohen Komplexität und der schlechten Kontrollierbarkeit umgangen zu werden. Eine nachhaltige Produktion von Agrokraftstoffen ist demnach in einer globalen Landwirtschaft, die in erster Linie auf die Profitinteressen transnationaler Konzerne ausgerichtet ist, nicht möglich. Nur eine Landwirtschaft, die sich am Konzept der Ernährungssouveränität orientiert, das heißt an den Bedürfnissen der Menschen, die Lebensmittel benötigen, erzeugen und verteilen, kann Rahmenbedingungen schaffen, in denen auch Biomasse nachhaltig für Energiezwecke produziert werden kann. Unter diesem Leitbild ließen sich dezentrale Versorgungssysteme verwirklichen, die den Anspruch und das Recht auf Nahrung sowie (angemessene) regionale Energiebedürfnisse befriedigen können. In manchen Fällen kann sich sogar die Produktion von Agrokraftstoffen zu Transport oder Wärmezwecken als geeignet herausstellen. Entscheidend ist allerdings, dass bäuerliche Gemeinschaften weltweit in der Lage sein müssen, selbst zu entscheiden, was und für wen sie produzieren.Timo Kaphengst ist unter anderem aktiv beim Attac AgrarNetz.

