INKOTA-Brief 150 - Dezember 2009
Gute Arbeit, schlechte Arbeit - Decent Work und der Kampf um eine würdige Beschäftigung weltweit
Wem gehört die Welt? Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Gemeingüter
Rezension von Hans-Joachim Döring
Fangen wir einfach an. Fragen wir, wem die diesjährig besonders schönen Äpfel überall an den Straßenalleen gehören? Denen, die sie auflesen und nutzen? Oder jenen, die sie liegen und vergammeln lassen, obwohl es „Gemeindebäume“ ihrer Kommune sind? Mögliche Antworten wären auch: Sie gehören denen, die vor Generationen die Bäume gepflanzt haben bzw. denen, die sie heute pflegen. Was würde sich alles ändern, wären die Äpfel aus purem Gold? Wir sind beim Fallobst gelandet, wie Eva im Paradies oder Newton bei der Schwerkraft.
Wir könnten zum Verstehen auch Wikipedia, das virtuelle Lexikon, heranziehen. Verstehen sie sich da als Nutzer, Verbraucher, Wissensmitgenosse oder Autor? Wikipedia ist phantastisch. Es verbraucht sich nicht, gleich wie viele Menschen es nutzen. Ja, es wird durch häufig Nutzung besser und wertvoller. Es gibt scheinbar keine Übernutzungsgefahr wie an Trinkwasserstellen im Niltal oder bei der CO2-Verschmutzung unserer Atmosphäre.
Es geht um Gemeingüter oder Gemeineigentum, Allmende oder Commons und um verschiedenartige Eigentumsrechte von natürlichen wie geistigen Ressourcen jenseits von Privat- und Staatseigentum. Ein aktueller Sammelband, den Silke Helfrich in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben hat, treibt die notwendige Debatte voran.
Gut 40 AutorInnen kommen zu Wort. Sie erörtern, wie modern Gemeingüter sind, und erklären, dass sie unter dem Stichwort Allmende schon im frühen Mittelalter ein Prinzip des sozialen Ausgleiches waren. Oder fragen, ob sie „eine verlässliche Quelle des Wohlstandes“ sein könnten (David Bollier). Ulrich Duchrow bestreitet, dass ein Mensch seine eigene Mutter besitzen kann. Er untersucht biblisch orientierte Eigentumsbegriffe, denn „Menschen sind Pächter auf Gottes Land“. Die These von der zwangsläufigen „Tragik des Gemeineigentums“ bezweifelt Achim Lerch und diskutiert verschiedene Ressourcenzugänge.
Eine „Politische Ökonomie der Gemeingüter“ entwirft Yochai Benkler von der Harvard Law School und bezieht sich dabei vor allem auf immaterielle Gemeingüter, die sogenannten Wissensallmende. Ausgehend von klassischen Gemeingütern (Weideland oder Wasserzugang) sucht er nach Strategien gemeinsamer Basisinfrastrukturen der Softwareökonomie. Er hofft, „das wir (damit) zu einer Gesellschaft werden, in der alle mit allen kommunizieren können“. Er stellt (neben anderen Autoren) Verknüpfungen zwischen „Gemeingütern der Erde“ und „Gemeingütern des Geistes“ her, die beide im Prinzip in Fülle vorhanden sein sollten bzw. es waren.
Den immateriellen oder Geist-Gütern freilich (und damit ihren Vertretern) haftet Dank ihrer fast unbegrenzten Kopierfähigkeit ein Optimismus an, den die natürlichen Ressourcen der Erde nicht ausstrahlen. Den Dialog der „Gemeingüterklassen“ in dieser Intensität eröffnet zuhaben, ist ein großes Verdienst dieses Bandes. Weitere Beträge beschäftigen sich mit nichtspekulativen Bodenrechten oder kollektiven Wald- und Fischbestandsnutzungen.
Vertreten sind ebenso Abhandlungen über internationales Patentrecht oder den Erhalt genetischer Ressourcen. Die Verbindung hier gefährdetet Zugangsfreiheit. Hochpolitisch und monetär wird es bei Vorschlägen zum CO2-Zertifikatehandel (Jörg Haas und Peter Barnes). Die hohe Aktualität der Gemeingüter-Debatte zeigt sich auch daran, dass Elinor Ostrom, in diesem Band mit einem Beitrag über „Gemeingütermanagement und bürgerschaftliches Engagement“ vertreten, den diesjährigen Nobelpreis für Ökonomie (!) erhalten hat.
Die Debatte tritt aus den Zirkeln und Salons und stellt sich dem Mainstream. Reiht Euch ein. Der Lesestoff liegt bereit. Freilich, die Lektüre ist nicht ganz einfach. Es ist eine junge Crossover-Debate im Open-Source-Verfahren. Meine Empfehlung: Beginnt mit dem guten Nachwort „Gemeingüter; eine große Erzählung“. Am besten bei einem Glas frisch gepressten, leicht gespritzten und naturtrüben Apfelmost.
Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. oekom-Verlag, München 2009, 290 Seiten, 24,90 Euro.
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