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Liebe Leserin, lieber Leser,
was sich vor rund 125 in Berlin ereignet hat, ist ein einzigartiger Vorgang in der Weltgeschichte: Die Spitzen eines ganzen Kontinents (Europa) kommen in einer Konferenz zusammen, um die Aufteilung eines anderen Kontinents (Afrika) untereinander auszuhandeln – ohne dass dessen Führer davon auch nur in Kenntnis gesetzt werden. Der moderne Kolonialismus hatte zwar bereits zuvor begonnen, doch die Konferenz im Winter 1884/85 war das Schlüsselereignis. Dort einigten sich die europäischen Staaten sowie die USA und das Osmanische Reich auf die Regeln für die koloniale Landnahme in Afrika. Wenige Jahrzehnte später stand der gesamte Kontinent unter Fremdherrschaft, mit Ausnahme von Liberia und Äthiopien.
Dass es bei der Berliner Afrika-Konferenz nicht nur um die Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Europäern um den Kongo (daher auch der bisher in Deutschland übliche Name „Kongokonferenz“), sondern um die Aufteilung Afrikas insgesamt ging, daran hatte die deutsche Regierung entscheidenden Anteil. Deutschland wollte mit dieser Konferenz zur Kolonialmacht aufsteigen, was auch gelang. Es folgte eine 30-jährige Kolonialherrschaft in den Gebieten des heutigen Namibia, Togo, Kamerun, Tansania, Burundi und Ruanda.
Soweit diese überhaupt bekannt ist, gilt sie heute vielen Deutschen als eher harmlos. Angesichts des Völkermords an Herero und Nama in Namibia sowie der schätzungsweise 300.000 tansanischen Opfer des Maji-Maji-Kriegs muss dieser Sichtweise entschieden widersprochen werden. In Deutschland findet eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialvergangenheit jedoch bisher fast ausschließlich auf zivilgesellschaftlicher Seite statt, der Staat drückt sich um seine Verantwortung.
Das Erbe des Kolonialismus ist in Afrika noch nicht überwunden. Welche Folgen er genau hat, ist auch unter AfrikanerInnen nicht unumstritten. Von vielen Despoten wurde der Hinweis auf den Kolonialismus missbraucht, um von der eignen verfehlten Politik abzulenken, etwa von Robert Mugabe in Simbabwe. Auch der schwarze US-Präsident Barack Obama hat bei seiner Rede in Ghana im Juli dieses Jahres die Verantwortung der afrikanischen Regierungen für die Lage ihrer Länder betont und Korruption und Misswirtschaft kritisiert.
Für die Europäer sollte es im Kontext des Kolonialismus vor allem darum gehen, „ihre Hausaufgaben zu machen“. Reste von Strukturen aus der Kolonialzeit finden sich an vielen Stellen: in der Entwicklungszusammenarbeit genauso wie in der Wirtschafts- und in der Migrationspolitik. Die eigene Kolonialvergangenheit müsste kritisch reflektiert werden, um tatsächlich zu einem Verhältnis auf Augenhöhe mit den afrikanischen Staaten zu gelangen.
Stattdessen sehen sich heute viele Länder Afrikas neuen Formen des Kolonialismus gegenüber. Die zurzeit beunruhigendste ist der in großem Stil betriebene Kauf von Ackerland durch ausländische Firmen und Staaten. Für die Ernährungssituation gerade der armen Menschen stellt dies eine große Bedrohung dar und könnte zur Destabilisierung ganzer Staaten führen. Die Beschäftigung mit dem Kolonialismus ist also leider immer noch hochaktuell.
Eine interessante Lektüre wünschen Ihnen
Armin Massing und Michael Krämer