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Für die Fußball-WM werden Straßenkinder und Arme aus den Städten vertrieben
Für die Fußball-WM werden Straßenkinder und Arme aus den Städten verFußball-Weltmeisterschaften werden gerne als großes Fest der Völkerverständigung inszeniert, das alle Menschen schicht- und nationalitätenübergreifend zusammenbringt. Stellvertretend für den ganzen Kontinent möchte Südafrika bei der WM in diesem Jahr eine gute Figur machen. Straßenkinder, Arme und Obdachlose stören da nur. Sie sehen sich im Zuge der WM Vertreibungen gegenüber. Insbesondere für die Straßenkinder bringt dies zusätzliche Bedrohungen mit sich.
Hinter der Vorfreude und dem Glamour der Fußball-WM in Südafrika verbirgt sich noch eine andere Geschichte. 2010 ist nicht nur für Südafrika, sondern für ganz Afrika ein bedeutendes Jahr. Der „vergessene Kontinent“, der allzu oft nur mit Armut, Krieg und Hungersnot in Verbindung gebracht wird, möchte der Welt ein anderes Gesicht präsentieren. Für Südafrikas Straßenkinder ist die Fußball-WM jedoch keine schöne Erfahrung. Denn die Behörden sind darauf bedacht, dass die vielen erwarteten Touristen ihre Existenz weder zu spüren noch zu sehen bekommen.
Eine Vielzahl von armutsbedingten Faktoren haben dazu geführt, dass heute Kinder auf den Straßen von Südafrikas Großstädten leben. Das Leben auf der Straße kann verheerend und traumatisch sein. Straßenkinder leben in der ständigen Gefahr von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und Ausbeutung. Hunger, Gewalt und Krankheiten sind allgegenwärtig. Drogenmissbrauch, insbesondere Klebstoffschnüffeln, ist weit verbreitet und wird von den Kindern benutzt, um der harten Realität des Straßenlebens zu entfliehen. Kleinkriminalität wird für die Kinder oft zur notwendigen Überlebensstrategie. Viele sterben aufgrund der riskanten Lebensumstände.
Für den Außenstehenden mag das Leben auf der Straße hoffnungslos erscheinen, viele Kinder betrachten es jedoch als die bessere Alternative gegenüber einer Rückkehr nach Hause oder der Annahme von Hilfsprogramme von Regierungsbehörden oder Nichtregierungsorganisationen (NRO). Die Gesellschaft sieht Straßenkinder oft nur als ein Problem, das gelöst werden muss, teilweise werden sie schlicht als „öffentliches Ärgernis“ angesehen. Dabei handelt es sich bei ihnen um eine marginalisierte Gruppe, deren Verletzbarkeit zusätzlich dadurch erhöht wird, dass die Bevölkerung und die Behörden sich großteils weigern, sie als das zu sehen, was sie sind: Kinder. Sie versuchen, den extremen sozialen und wirtschaftlichen Missständen in ihren Townships zu entfliehen. Neben Armut haben Straßenkinder oftmals Gewalt und Missbrauch zu Hause und in ihren Gemeinden erlebt. Gewalt zieht sich wie eine Epidemie durch ihr Leben. Wenn sie versuchen, dies hinter sich zu lassen, finden sie sich in einer Straßenkultur wieder, die noch größere Gefahren birgt.
Stadtplaner in Südafrika haben schon oft öffentlichen Raum kommerzialisiert. Dies führt zur Ausgrenzung der Armen und Benachteiligten. Menschen, die ohne Elektrizität und Wasser im Schatten von funkelnden neuen Stadien leben, sind nicht das Bild, das die Regierung der Welt zeigen will. Die südafrikanische SlumbewohnerInnen-Bewegung „Abahlali baseMjondolo“ beschuldigt die Regierung, für die Fußball-WM große Zwangsräumungsaktionen in den Armenvierteln durchzuführen, um Platz für die TouristInnen zu schaffen. Die Zeitung „The Guardian“ schrieb dazu in einer Reportage: „Die Rolle der Armen scheint zu sein, in Hotels, Fußballstadien und anderen Einrichtungen, die den internationalen Besuchern dienen, hart zu arbeiten. Aber nach Feierabend müssen sie die Städte verlassen und bekommen keinen Anteil am Gewinn.“
Für die südafrikanische Regierung sind Slums ein Imageproblem. Für diejenigen, die ihr Zuhause verlieren, ist dies allerdings ein menschliches Problem. Die Austragungsorte versuchen krampfhaft, die Straßen „zu säubern“, um sie für die WM sicher und attraktiv zu machen. Besonders betroffen davon sind die Straßenkinder.
Die Überschrift eines kürzlich erschienenen Artikels in der südafrikanischen Zeitung „Mail & Guardian“, der die „Straßensäuberungsaktionen“ der lokalen Polizei in Durban aus Sicht der Straßenkinder beschreibt, lautet „Zusammengetrieben und verfrachtet.“ Die interviewten Kinder beschuldigen die Polizei, während den Razzien Gewalt anzuwenden. Sie laufen im Allgemeinen so ab, dass die Polizei die Kinder in Kleintransporter pfercht und erst weit vom Stadtzentrum entfernt wieder laufen lässt. Die Kinder müssen dann zu Fuß wieder zurückgelangen. Ein Marsch, der oftmals Tage dauert.
Razzien sind keine Neuheit in Durban. Die Polizei hat sie im Vorfeld von anderen internationalen Veranstaltungen schon des Öfteren angewendet, um die Straßen „zu säubern“. Vor der Fußball-WM haben sich nun aber Ausmaß und Häufigkeit drastisch gesteigert. Die südafrikanische Sunday Times berichtete Mitte Februar, wie die Polizei in Durban die Kinder mit Gewalt aus dem Stadtzentrum wegbringt und sie an Autobahnen sowie in Außenbezirken und nicht registrierten Obdachlosenheimen, in denen weder Betreuung noch Sozialarbeiter vor Ort sind, aussetzt.
Ein Lichtblick in dieser schwierigen Lage ist „Umthombo Street Children ” in Durban. Umthombo ist eine dynamische Organisation, die überwiegend von ehemaligen Straßenkindern geleitet wird, die als JugendarbeiterInnen, ReferentInnen fur Öffentlichkeitsarbeit und GruppenleiterInnen ausgebildet werden. Sie revolutionieren den Status Quo, wie Straßenkinder von der Gesellschaft gesehen und behandelt werden. Von ihrem Stützpunkt aus, dem sogenannten „Safe Space”, einem Rehabilitations- und Therapiezentrum für Straßenkinder im Stadtzentrum, organisiert Umthombo Sport- und Kunstaktivitäten für Straßenkinder.
Die Projekte sollen die Kinder stärken und ihnen Alternativen bieten, um die Straße zu verlassen und ein besseres Leben zu führen. Umthombo kritisiert, dass es der Polizei an sozialpädagogischer Ausbildung fehlt, um mit den Kindern adäquat umzugehen. Die Methoden der Polizei bei den Razzien haben schwere traumatisierende Folgen und machen den Versuch zunichte, die Kinder durch therapeutische Rehabilitation wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Die AktivistInnen fürchten, dass weitere Razzien vor der WM, bei denen die Kinder in sogenannte „safe houses” fur Obdachlose gebracht werden, zu verstärktem sexuellem Missbrauch und Abrutschen in die Kriminalität führen werden. Ein grundsätzliches Problem ist, dass die staatliche Verantwortung für den Umgang mit den Straßenkindern bei den Provinzen und nicht bei der nationalen Regierung liegt. Die Provinzregierungen neigen dazu, Straßenkinder als eine Sicherheitsfrage und nicht als ein soziale Frage wahrzunehmen.
Umthombo will die WM und das Medieninteresse dafür nutzen, dass Straßenkinder mit einem menschlichen Gesicht wahrgenommen werden und die Gesellschaft ihnen hilft, anstatt sie abzuschieben und zu schikanieren. Ein wichtiges Event dafür ist die „Straßenkinder-WM” mit Teams aus neun Ländern, die Umthombo Mitte März in Durban mitorganisiert. Promis wie David Beckham gehören zu den Unterstützern. Der 15-Jährige Mbali drückt seine Hoffnungen auf das Turnier so aus: „Die Menschen lachen uns immer nur aus. Mein Mund scheint verschlossen, da sie über und für uns reden. Ich wünsche mir, dass sie uns die Chance geben, für uns selbst zu sprechen.”
Aus dem Englischen von Katja Kellerer.
Joe Walker ist Gründer der Nichtregierungsorganisation Street Action (www.streetaction.org) mit Sitz in London, die sich für die Rechte von Straßenkindern einsetzt und die Arbeit von Umthombo unterstützt.
Kommentar von Armin Massing: Antikoloniale Straßenumbenennungen: Kampf um Deutungshoheit
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