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Wenn stramm rechte Internetseiten den europäischen Sklavenhandel sowie den Kolonialismus verharmlosen, ist das zwar verurteilenswert, aber auch nicht weiter verwunderlich. Wenn solche Stimmen jedoch in eigentlich seriösen Blättern wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Berliner Zeitung (BZ) zu finden sind, lohnt sich ein genaueres Hingucken. Die Debatte um die Umbenennung des Berliner Gröbenufers in May-Ayim-Ufer offenbart von konservativer Seite einen Kampf um Deutungshoheit, den man so heute kaum mehr erwartet hätte.
Los ging es mit einem Beitrag von Martin Otto in der FAZ Anfang Januar. Darin wird der Namensgeber der kleinen Uferstraße in Kreuzberg, Otto Friedrich von der Groeben (1657-1728), als „Forschungsreisender“ bezeichnet und die Umbenennung als „ein Stück linkes Biedermeier“ von „Kreuzberger Pfahlbürgern“. In der BZ legte Götz Aly dann im Februar noch mal richtig nach: Die Initiatoren der Umbenennung werden als „Altstalinisten“ beschimpft. Die durch von der Groeben im Auftrag des brandenburgischen Kurfürsten gegründete Kolonie an der Küste des heutigen Ghanas bezeichnet Aly als „Koloniechen“, stellt die Umbenennung in eine Traditionslinie mit den Nationalsozialisten und diffamiert ihre Akteure – in Anlehnung an Nazijargon – als „Straßenschänder“. Wie nebenbei äußern sich beide Autoren abschätzig über May Ayim (1960-1996) – offensichtlich ohne wirkliche Kenntnisse von Werk und Person.
Man reibt sich die Augen ob so viel Furor. Wie kann es sein, dass die historisch gesicherten Fakten so grob ignoriert werden? Von der Groeben hatte den Auftrag, die Kolonie Groß-Friedrichsburg zu gründen, damit die Brandenburger von dort aus Sklavenhandel betreiben konnten. An Bord der zwei von ihm geführten Fregatten befanden sich hunderte eiserner Fußfesseln für ebenjenen Handel. Er selbst bekam vor Reisebeginn die Erlaubnis, auf dem Schiff „Moriaen“ (holl. Mohr) fünf oder sechs versklavte Kinder zum „Eigenbedarf“ mit nach Deutschland zu bringen. Die Fracht der zweiten durch von der Groeben nach Afrika geführten Fregatte bestand aus knapp 300 Versklavten, die wie Vieh zum Verkauf in die Karibik transportiert wurden. Zwischen 1683 und 1711 verschleppten die Brandenburger nachweislich 20.000 Menschen in die Sklaverei. Von der Groeben wusste genau, was er tat und welche Konsequenzen die Gründung von Groß-Friedrichsburg hatte, für die ihn Kaiser Wilhelm II. 1895 in der Hochphase des deutschen Kolonialismus mit dem Straßennamen ehrte.
„Sklaverei und Sklavenhandel sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die zu allen Zeiten als solche hätten gelten sollen“, heißt es in der – auch von der deutschen Bundesregierung unterzeichneten – Abschlusserklärung der UN-Antirassismus-Konferenz von 2001. Die Akteure heute noch mit einem Straßennamen zu ehren, verbietet sich. Doch die Umbenennung einer Straße nach einer afrodeutschen Wissenschaftlerin und Dichterin, die sich kritisch mit Rassismus und Kolonialismus beschäftigt hat, scheint eine gewisse Generation weißer Männer in Panik zu versetzen. Da werden dann auch schon mal Fakten verdreht oder gleich ganz frei erfunden. Insoweit kann man der Debatte aber auch etwas Positives abgewinnen: Sie weist darauf hin, dass die weiße Deutungshoheit zunehmend durch andere Perspektiven in Frage gestellt wird.
Armin Massing ist Redakteur des INKOTA-Briefs. Zugleich arbeitet er beim Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER), der sich für die Straßenumbenennung eingesetzt hat.
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