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INKOTA-Brief 153 - September 2010

Die Renaissance der Gemeingüter

Saatgut, ein Gemeinschaftsgut?

Benny Härlin

Der Angriff der Saatgutmultis auf genetische Vielfalt und Jahrtausende altes Wissen

Seit rund zehntausend Jahren wird Saatgut verbessert und das gemeinsame Wissen darüber weitergegeben. Seit einigen Jahrzehnten versuchen Konzerne dessen freie Nutzung mehr und mehr einzuschränken. Nachzuchtverbote, Lizenzgebühren und Patente ermöglichen enorme Gewinne für wenige, während zugleich genetische Vielfalt und traditionelles Wissen verloren geht. Doch es gibt auch Versuche, den freien Austausch von Saatgut zu retten.

Als vor rund zehntausend Jahren unsere Vorfahren anfingen, Gräser und Knollen nach Ertrag, Geschmack, Widerstandsfähigkeit und anderen nützlichen Kriterien zu selektieren, und damit den Grundstein für das vielleicht älteste Kulturerbe der Menschheit legten, hätten sie sich wohl kaum träumen lassen, dass einmal eine Handvoll transnationaler Konzerne Saatgut als Privateigentum betrachten und immer ausgefeiltere Strategien entwickeln würde, andere daran zu hindern, es zu nutzen oder zu vermehren.

Dass einmal die größte Samensammlung der Welt in einem Bunker im ewigen Eis von Spitzbergen, fernab aller fruchtbaren Ebenen lagern würde, wäre wohl kaum einer der Millionen von Saatguthüterinnen in den Sinn gekommen, die seither von Generation zu Generation stets die besten Samen für die nächste Aussaat verwahrten und selbst bei Hungersnot nicht herausrückten.

Verhungert sind MitarbeiterInnen des Vavilov-Instituts in Leningrad, als die Deutschen 1941-44 die Stadt belagerten. Das Saatgut ihrer einmaligen Sammlung aus aller Welt aber rührten sie nicht an. Sie taten dies in dem Bewusstsein, einen für die Allgemeinheit und für künftige Generationen einmaligen Schatz zu hüten. Auch heute erhalten ZüchterInnen aus aller Welt auf Anfrage kleine Portionen des Saatguts vom Vavilov-Institut aus St. Petersburg ebenso wie von der deutschen Genbank in Gatersleben und von anderen öffentlichen Institutionen, die einen Teil der Samenvielfalt dieser Welt verwalten und erhalten.

Die globale Gen-Oligarchie

Aus den Tiefen der Saatgutsammlungen von Monsanto, Syngenta oder BASF dagegen gibt es kein Korn. Im Gegenteil: Wo sie mit öffentlichen Institutionen kooperieren, stehen am Anfang komplizierte Verträge, in denen sie sich nicht nur die Rechte an dem, was sie selbst einbringen, sondern an der Verwertung der Ergebnisse vorbehalten. Dies gilt auch für Datenbanken, in denen heute mehr Privatunternehmen als öffentliche Einrichtungen Gensequenzen einzelner Pflanzen sammeln und online verfügbar machen.

Der letzte, öffentlich höchst umstrittene Schritt ist die Patentierung von Pflanzen und Tieren, aber auch von einzelnen Gensequenzen. Allein deren Isolierung gilt dabei als erfinderischer Akt, der exklusive Rechte begründen soll. Großunternehmen überziehen einander mit Patentklagen, die meist zu außergerichtlichen Einigungen führen. Kleine Bauern, Züchter, aber auch die öffentliche Wissenschaft können bei diesem Millionen-Poker nicht mithalten. Das Risiko jahrelanger, teurer Gerichtsverfahren reicht in aller Regel bereits als Abschreckung.

Eine globale Gen-Oligarchie bemächtigt sich so der Grundlage unserer heutigen Ernährung und des genetischen „Rohstoffes“ künftiger Sorten. Auf über 500 sogenannte stressrelevante Gene hatten die Firmen BASF, Monsanto, Syngenta, Dow und Dupont 2008 bereits Patentansprüche angemeldet: Wer immer in den nächsten Jahren an Trockenheits-, Überflutungs- oder Salztoleranz der wichtigsten Ernährungspflanzen forscht, wird früher oder später unweigerlich mit ihren Rechtsabteilungen Bekanntschaft machen.
„Einige Saatgutunternehmen geben bereits weit mehr Geld für Rechtsanwälte als für Forschung aus“, schreibt der 2009 erschienene Weltagrarbericht.

„Dieses Übergewicht der Rechts- über die Forschungskosten, um sich durch das Patent-Dickicht zu kämpfen, mag öffentlichen Forschungsinstitutionen eine Warnung sein, dass kommerzielle Züchtungspraktiken zur Herstellung öffentlicher Güter kein optimaler Weg sind.“

Der Verlust der Vielfalt

Weil das Bessere der Feind des Guten ist und die Maximierung des Ertrags in Monokulturen sich als überlegener wirtschaftlicher Ansatz auf dem Weltmarkt erwies, ist die Vielfalt der in der Landwirtschaft eingesetzten Pflanzen und die genetische Vielfalt ihrer Sorten in Laufe des vergangenen Jahrhunderts dramatisch gesunken. 90 Prozent unserer Getreideproduktion beruhen heute auf vier Pflanzen: Mais, Reis, Weizen und Roggen. 75 Prozent der Anfang des letzten Jahrhunderts noch verfügbaren Sorten, sind nach Angaben der FAO weltweit verschwunden.

Daran hatte die „grüne Revolution“ des vergangenen Jahrhunderts vor allen Dingen in Asien einen entscheidenden Anteil: Hochleistungssorten, die durch optimierte Aufnahme von Kunstdünger gewaltige Ertragssprünge sicherten, allerdings auch massiven Pestizideinsatz verlangten und häufig mehr Kalorien um den Preis geringerer Qualität produzierten, verdrängten nicht allein die herkömmlichen regionalen Sorten auf dem Felde, sondern auch das Wissen um deren besondere Qualitäten. Sie vernichteten die traditionelle bäuerliche Saatgutkompetenz, meist eine Domäne der Bäuerinnen, und vielfältige gemeinschaftliche Kulturen des Austauschs und Erhalts dieses Wissens.

In den goldenen Jahren der fossilen Landwirtschaft, deren Produktivitätssteigerung auf der Steigerung des Einsatzes von Energie und Maschinerie auf Kosten menschlicher Arbeitskraft beruhte, wurde diese Verarmung als Kollateralschaden des Fortschritts hingenommen. Erinnerungen an untergegangene Geschmäcker und vielfältige Kulturlandschaften, an gesunde Hausrezepte und regionale Eigenheiten galten als romantische Marotten jener, die nicht wissen wie sich der Rücken nach einem Tag an der Hacke anfühlt, geschweige denn was Hunger ist.

Landwirtschaft vor epochalen Herausforderungen

Heute steht die Landwirtschaft vor gänzlich neuen, epochalen Herausforderungen und zugleich vor einem Scherbenhaufen. In den kommenden Jahrzehnten muss sie eine Steigerung des Nährwertes gerade der kleinbäuerlichen Produktion unter teilweise radikal veränderten Umweltbedingungen mit einem Bruchteil des bisherigen Einsatzes teurer und klimaschädlicher fossiler Energie und Chemie bewerkstelligen.

Die einzige realistische Chance, dies zu erreichen, liegt in der Nutzung der Vielfalt: von Pflanzen, deren Anbau vernachlässigt wurde, von Sorten, die in Vergessenheit gerieten, von Anbaumethoden, Fruchtfolgen und Pflanzenkombinationen, die mit Mähdrescher und Spritzflugzeugen nicht realisierbar sind, von lokal angepassten Ernährungstraditionen und -innovationen.

Dazu bedarf es des gemeinschaftlichen Einsatzes der Vielfalt des Wissens von Landwirten und Gärtnern, Waldnutzern, Fischern, Viehhaltern, Jägern, Schamanen, Hexen, Köchen, Sammlern und sonstiger Expertinnen und Experten vor Ort. Die faire und kreative Kombination solch lokalen und traditionellen Wissens und Saatgutes mit modernen Methoden der Wissenschaft und Kommunikation kann dabei gewaltige neue Potenziale erschließen.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft und ihre ökonomischen Protagonisten haben grandios versagt. Der Wahn, landwirtschaftliche Produktion nicht den Umweltgegebenheiten anzupassen, sondern umgekehrt die Umwelt den Erfordernissen durchrationalisierter Produktion, hat buchstäblich abgewirtschaftet. Das daraus entstandene Prinzip der Privatisierung von Wissen und Technologie in immer schneller drehenden Produktinnovationszyklen steht der freien Entfaltung ganzheitlicher, multifunktionaler, nachhaltiger Erneuerung von Produktions- und Verbrauchskreisläufen im Weg, deren Ausgangspunkt immer wieder das Saatgut ist.

Das Dilemma globaler Zusammenarbeit

Was der Software das Open-Source-Prinzip ist, schien in der kommerziellen Saatgutproduktion mit dem internationalen Sortenschutzübereinkommen UPOV realisiert, das Züchtern ein exklusives Recht zum Verkauf ihrer Sorten einräumt, aber das Saatgut als Ausgangsmaterial für neue Züchtungen und für die eigene Vermehrung frei verfügbar hält.

Durch die Integration von Patentrechten und ein rigides Kontrollsystem, mit dem zusätzliche Gebühren für die Nachzucht eingetrieben werden sollen, hat es mittlerweile sein ursprüngliches Anliegen weitgehend verraten. Auch staatliche Sortenprüfungsgesetze wurden mehr und mehr zu Instrumenten der Verhinderung des freien Austausches von Saatgut.

Internationale Vereinbarungen, die dem Erhalt der Vielfalt, freiem Zugang und gleichzeitig dem Schutz traditioneller Rechte an sogenanntem pflanzengenetischen Material dienen sollen, sind zu Anhängseln privater Verfügungsmacht über das Saatgut verkommen.

Sowohl das bis heute unvollendete Konzept von „Access and Benefit Sharing“ im Rahmen der Konvention für Biologische Vielfalt (CBD) als auch das Übereinkommen über Pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGR) formulieren letztlich nur die Absicht, einen minimalen Prozentsatz des aus Patent- und Lizenzgebühren gewonnenen Profits den Bauern und Gemeinden zukommen zu lassen, die seine Grundlagen geschaffen haben. Regierungen, die die Privatisierung des „geistigen Eigentums“ an Saatgut anerkennen, versprechen sie ein Trinkgeld aus der Portokasse.

Das Dilemma der gemeinschaftlichen Nutzung ist, dass jede Form des freien Zugangs zu Saatgut solange auch ein Einfallstor der Enteignung ist, wie parallel dazu Patentrechte existieren. Das Ende der Patentierbarkeit von Saatgut und natürlichen DNA-Sequenzen ist deshalb die Voraussetzung für eine rechtliche Wiederaneignung dieses Erbes der Menschheit als Gemeinschaftsgut.

Copyleft für Saatgut

Praktische Ansätze, Saatgut als Gemeinschaftsgut zu behandeln gibt es dennoch. Nur in wenigen Staaten der Welt und bei wenigen cash-crops werden Saatgutmultis sich gegen ein (legal oder nicht) gemeinschaftlich durchgehaltenes Prinzip „Zahle niemals für Samen, die auf deinem Acker gewachsen“ sind, tatsächlich durchsetzen. Alle öffentlichen und gemeinschaftsorientierten Züchter und Institutionen, die Saatgut zur Verfügung stellen, sollten in Zukunft daran eine am „copyleft“ der software-community orientierte Bedingung knüpfen: Neue Produkte, die mit Hilfe dieses Materials entwickelt werden, müssen ebenso frei zugänglich bleiben wie das Ausgangsmaterial.

Schließlich ist es an der Zeit, dass der Staat seine Rolle bei der Saatguterhaltung und -entwicklung überdenkt: Öffentliche Forschung, Entwicklung und Erhaltung, die ausschließlich öffentlichen Zielen dient, ist dringend erforderlich. Sie kann übrigens auch durch Beauftragung privater Züchter und Unternehmen erfolgen.

Der Erhalt alter Sorten, die möglicherweise nicht nur einmalige Geschmackserlebnisse sondern auch entscheidende Vorteile bei der Anpassung an den Klimawandel bergen, ist die Domäne von GärtnerInnen, von „Amateuren“ und Sammlerinnen geworden, die sich allerdings wachsenden Zuspruchs erfreuen und möglicherweise auch im öffentlichen Bewusstsein den Keim einer Renaissance des züchterischen Wissens legen. „Participatory plant breeding“, die Beteiligung der Bäuerinnen und Bauern an der Entwicklung neuer Sorten, ist zwar eine kleine, oft verlachte, doch vielversprechende Nische in der öffentlichen Züchtungsforschung Asiens und Afrikas, wo sie an noch nicht gänzlich untergegangene Traditionen anknüpfen kann.

Daraus können wir auch hier im Norden lernen: Tradition und Vielfalt auf der einen Seite und ökologische wie gesellschaftliche Nischen auf der anderen sind es, in denen die unvermeidliche Revolution einer neuen, gemeinschaftlichen Saatgutkultur keimt.

Benny Härlin arbeitet bei der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und koordiniert die Kampagne Save Our Seeds.

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Editorial

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