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Der Sommer der Katastrophen
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Zocker an den Warenterminbörsen haben wieder einmal zugeschlagen, mit dem Thermometer sind auch die Getreidepreise in die Höhe geklettert: Alleine die Aussicht auf Ernteeinbußen in West- und Osteuropa aufgrund der anhaltenden Hitze in den Wochen zuvor hatte den Preis für Weizen Anfang August auf über 200 Euro je Tonne getrieben (nach rund 130 Euro zu Beginn des Jahres). Das war noch bevor die Brände in Russland außer Kontrolle gerieten und bevor große Teile Pakistans – immerhin einer der zehn weltgrößten Getreideexporteure – unter Wasser standen. Nach mehr als 61 Millionen Tonnen im Jahr 2009 wird für Russland 2010 inzwischen nur noch eine Weizenernte von circa 44 Millionen Tonnen erwartet. In Pakistan wird das Desaster noch viel größer sein.
Wer nun fest mit weiter steigenden Preisen rechnet, kann sich noch wundern. Alles ist möglich: Riesige Preissteigerungen genauso wie ein erneuter Preisverfall. Zu unberechenbar ist das Verhalten der Spekulanten, zu häufig hat es nur wenig mit dem wirklichen Leben – also zum Beispiel sinkenden oder steigenden Erntemengen – zu tun. Es kann also, muss aber nicht zu einer neuen allgemeinen Nahrungsmittelkrise wie zuletzt 2007/08 kommen – Brotrevolten, Regierungskrisen und enorme Extragewinne an den weltweiten Börsen inklusive.
Klar zeigt sich indes schon jetzt, dass viel zu wenig passiert ist seit der letzten Krise. Die Spekulation an den Getreidebörsen zu erschweren, wäre dabei nur ein Schritt. Wichtiger noch wäre eine Kehrtwende in der internationalen Agrarpolitik, wie sie schon der UN-Weltagrarbericht 2008 gefordert hat. Um 150 Millionen auf über eine Milliarde ist die Zahl der Hungernden seitdem gestiegen, die Mehrheit von ihnen lebt auf dem Land. Sie hungern, weil sie keinen Zugang zu ausreichend Land haben, ihnen dringend nötige Kredite verwehrt werden und sie zu wenig Hilfe bei der Vermarktung ihrer Produkte erhalten.
Dabei wird seit einigen Jahren wieder verstärkt in Land investiert. Nur ist nicht die Förderung der kleinbäuerlichen Produktion das Ziel, es geht gar nicht unbedingt um den Anbau von Nahrungsmitteln. Bei der neuen Landnahme durch Konzerne und internationale Investmentfonds geht es in vielen Fällen um den Anbau von Energiepflanzen zur Herstellung von Agrosprit. Volle Tanks sind ein lukrativeres Geschäft als volle Teller, unsere Mobilität zählt mehr als die Ernährung der ländlichen Armen in Mosambik, Malawi oder Madagaskar.
Beim Tag der offenen Tür im Bundesentwicklungsministerium am 22. August hat INKOTA über 2.000 Unterschriften an Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz übergeben, die von der Bundesregierung ein deutliches „Nein zum Ausverkauf von Afrika!“ fordern. Immerhin soll das Problem des Land Grabbings Eingang in das neue Afrika-Konzept finden, dass die Bundesregierung im Oktober veröffentlichen wird. Ob sie sich allerdings dazu durchringt, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Spekulation mit Land einzudämmen, darf bezweifelt werden. INKOTA jedenfalls bleibt an diesem Thema dran.
Land ist im Übrigen auch ein wichtiges Thema in der Debatte über die Bedeutung der Gemeingüter. Mehr dazu lesen können Sie im Schwerpunkt dieses INKOTA-Briefs über „Die Renaissance der Gemeingüter“. Eine anregende Lektüre des gesamten INKOTA-Briefs wünscht Ihnen
Michael Krämer
Massimo de Angelis: Das Indigene in uns. Eine Reise durch die Commons in den Anden
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