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In vielen afrikanischen Gesellschaften spielen Gemeingüter seit jeher eine wichtige Rolle. In Simbabwe sind sie Teil der Shona-Kultur. Der Sozialpsychologe Tendayi Viki ist spezialisiert auf Beziehungen zwischen Gruppen und multikulturelle Co-Innovationen. Er ist in Simbabwes Hauptstadt Harare aufgewachsen und lehrt heute an der Universität von Kent in England. Ein Gespräch über die spezifischen Traditionen des Umgangs mit Gemeingütern in Afrika und deren Lernpotenziale.
Welche Rolle spielt das Teilen in der traditionellen Kultur Simbabwes?
Afrikanische Gesellschaften haben schon immer um die Wichtigkeit des Teilens gewusst und dem eine große Bedeutung zugemessen. Grundsätzlich spielt die Gemeinschaft, der eine Person zugehört, eine große Rolle für den persönlichen Erfolg im Leben jedes Einzelnen. In Simbabwe wird das, im Gegensatz etwa zu den USA, sehr klar wahrgenommen. Es gibt dort auch Mechanismen, die eine unaufhörliche Anhäufung von Reichtum begrenzen. So ist etwa auf dem Lande traditionell eine gemeinschaftliche Landwirtschaft die Norm. Das Land gehört der Gemeinschaft, so man denn überhaupt von Eigentum sprechen will. Es ist eher eine Art Verwaltung. Jeder Familie wird ein Stück Land zugewiesen aufgrund sozial allgemein anerkannter Regeln. Alles was sie dort anbauen, gehört ihnen. Aber das Land gehört ihnen niemals vollständig. Es gibt also eine Balance zwischen individuellem Besitz und den Beziehungen in der Gemeinschaft.
Wie ist die Sozialstruktur eines typischen Dorfs in Simbabwe?
In den meisten Gegenden steht dem Dorf ein „Chief“ vor. Der Chief ist einem König vergleichbar und überschaut die täglichen sozialen Interaktionen der Gemeinschaft. Unterhalb des Chiefs gibt es eine Reihe von Verwaltern, die „Sabhukus“ heißen. Wenn beispielsweise ein junger Mann heiratet und Land für seine neu gegründete Familie benötigt, geht er zu einem Sabhuku. Dieser wird ihm Land zuweisen, entsprechend den Bedürfnissen seiner Familie. Er kann darauf Landwirtschaft betreiben, ein Haus darauf bauen, aber es gehört ihm nicht. Er kann nicht damit zur Bank gehen und es als Sicherheit für einen Kredit benutzen.
Gehört das Land also dem Sabhuku?
Nein, dieser verwaltet es nur treuhänderisch für den Chief. Und dieser wiederum hat es als Treuhänder von der Gemeinschaft. Chiefs und Sabhukus haben eine gewisse Verfügungsmacht über das Land, aber auch sie können darauf keine Hypothek aufnehmen oder es gar verkaufen.
Ist dieses System nicht auch anfällig für Missbrauch und Vetternwirtschaft?
Vetternwirtschaft kann in so einem System durchaus ein Problem sein. Dies könnte sogar einen Teil zu den politischen Problemen auf nationaler Ebene in Simbabwe beitragen. Doch auf der dörflichen Ebene ist der Chief eine Kontrollinstanz. Wenn die Entscheidungen eines Sabhuku als unfair empfunden werden, kann der Chief zur Überprüfung angerufen werden. Für den Chief ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft oberstes Ziel und oberste Pflicht, er wird also seine Entscheidungen daran orientieren. Außerdem ist es wichtig, dass es einen starken normativen Druck gegen Vetternwirtschaft gibt.
Gibt es noch andere Formen des Teilens in den Dörfern?
Es gibt viel gemeinschaftliches Leben in den Dörfern. Es ist fast so, dass alles, was man besitzt, von anderen zur Benutzung ausgeliehen werden kann. Die Leute unterstützen sich etwa beim Pflanzen und bei der Ernte. Man stellt einfach etwas Essen und Bier zur Verfügung und lädt das gesamte Dorf zum Helfen ein, und fast alle kommen. Die Leute unterstützen sich auch bei Hochzeiten, Beerdigungen und vielen anderen Festen. Die Menschen leihen sich ihr Werkzeug und teilen Essen, wann immer das nötig ist. Es gilt als unhöflich, Besuchern kein Essen anzubieten. Damit ist nicht eine Tasse Tee oder Kaffee gemeint, sondern ein richtiges Mittag- oder Abendessen. Wenn ich zu Besuch in der Heimat bin, mache ich manchmal den Fehler, bei mehr als zwei oder drei meiner Verwandten an einem Tag vorbeizuschauen. Dann bin ich abends wirklich vollgestopft, wenn ich vier oder fünf volle Mahlzeiten intus habe. Es gilt nämlich ebenfalls als unhöflich, Essen abzulehnen.
Wenn so viel geteilt wird, gibt es auch ein großes Konfliktpotenzial. Wie werden Konflikte gemanagt?
Im dörflichen Simbabwe findet sich vieles, was von der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom als Schlüsselfaktoren für den Erfolg von Commons angesehen wird. Erstens sind die Regeln für den Gebrauch des gemeinschaftlichen Besitzes gut an die lokalen Gegebenheiten und Bedürfnisse angepasst. Sie werden von den Mitgliedern der Gemeinschaft klar verstanden und durch mündliche Überlieferung von einer Generation auf die andere übertragen. Zweitens wird die Rechtmäßigkeit dieser lokalen Verwaltung der Gemeingüter von den externen Autoritäten anerkannt, bis hinauf zur Bundesregierung. Drittens gibt es ein abgestuftes System von Sanktionen bei Missbrauch, und die Mitglieder der Gemeinschaft haben Zugang zu kostengünstigen Konfliktlösungsmechanismen. Der Chief ist mit der Autorität ausgestattet, kleinere Streits zu schlichten, etwa bei Landstreitigkeiten oder auch bei Diebstahl. Erst wenn die Konflikte nicht gelöst werden können oder es sich um gravierende Delikte wie Vergewaltigung oder Mord handelt, wird der Fall an die Polizei übergeben.
Viele afrikanische Staaten haben Probleme mit Armut. Inwieweit ist das ein Problem für die Commons?
Zunächst: Es gibt einen historischen Kontext für die Armut in Afrika. Dieser wird oft ignoriert. Aber es stimmt auch, dass soziale Beziehungen einen hemmenden Effekt auf die individuelle Autonomie haben können. So kann es vorkommen, dass einzelne in ihren wirtschaftlichen Aktivitäten behindert werden, nur damit die soziale Ordnung aufrechterhalten bleibt. Diese Erfahrungen gibt es in kollektiv orientierten Gesellschaften. Aber dies ist nicht unvermeidbar. Ich glaube nicht, dass Privateigentum die ausschließliche Grundlage für die Schaffung von Wohlstand ist. Es muss einen Ausgleich geben, etwas wie „Gemeinschaftskapitalismus“ oder „relationales Unternehmertum“.
Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?
Bis jetzt habe ich dazu nur ungefähre Ideen. Stellen wir uns eine Gemeinschaft vor, die unternehmerisches Handeln bestärkt, aber gleichzeitig Mechanismen installiert, die systematisch dazu führen, dass das wirtschaftliche Handeln am wertvollsten ist, welches die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen fördert und verbessert. Nicht die Art von Unternehmensverantwortung wie etwa bei McDonalds, wo ein paar Stipendien an Jugendliche vergeben werden. Natürlich hat das auch seinen Wert. Aber es muss darum gehen, dass das Kerngeschäft, die Aktivitäten mit denen das Geld verdient wird, so organisiert ist, dass es die Lebensbedingungen für die gesamte Gemeinschaft verbessert. Dazu braucht es eine Kultur großer Anerkennung für Unternehmertum einerseits, zugleich aber einer starken Missbilligung jeglicher Tätigkeiten, bei denen Menschen ausgebeutet werden. Allgemein wird angenommen, dass Privateigentum die Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung ist. Doch das übersieht die Tatsache, dass die sozialen Beziehungen im Westen sehr gelitten haben, während sich der Wohlstand dort vermehrt hat. So gibt es im Westen sehr, sehr reiche Menschen, die zugleich sehr, sehr unglücklich sind. Die Philanthropie im Westen wird von der Idee beherrscht, den Entwicklungsländern zu helfen. Ich denke, wir können viel oder sogar mehr von den Entwicklungsländern bekommen. Wie kann Afrika dem Westen helfen?
Entwicklungsländer haben sicherlich viel beizutragen zu den kulturellen Aspekten von Werten und menschlicher Zufriedenheit. Natürlich kann der Westen finanzielle Mittel bereitstellen, doch selbst das muss in gemeinsamer Planung geschehen. Es muss ein Austausch in beide Richtungen sein, bei dem die Gleichwertigkeit von beiden Seiten aus anerkannt wird. Ich denke, dass kultureller Austausch, bei dem beide Seiten profitieren, eine Idee ist, die sich wunderbar teilen lässt.
Das Interview führte Neal Gorenflo im Mai 2010 in Stanford, Kalifornien, als Tendayi Viki dort an der Universität als Gastdozent unterrichtete. Gorenflo ist Herausgeber des Online-Magazins Shareable (www.shareable.net). Wir danken für die Abdruckgenehmigung. Übersetzung aus dem Englischen von Armin Massing.
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