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Südlink 161 - September 2012

Unternehmensverantwortung - Chancen und Grenzen eines umstrittenen Konzepts

Warum dieser Artikel nicht im Südlink sondern als Extrablatt erschienen ist, erfahren Sie hier.

Virtuose Ablenkmanöver

Viele Firmen nutzen CSR-Strategien, um ihr Image reinzuwaschen – oft bleibt es bei einem Lippenbekenntnis.

von Christina Felschen

Kaum ein größeres Unternehmen kommt heute ohne eigene CSR-Abteilung aus. Doch viele Häuser lagern ihr Gewissen in diese Abteilung aus, um im Rest „business as usual” zu betreiben. Wie funktioniert professionelles Greenwashing bei einem Skandalkonzern, einem Händler mit Öko-Image und einem Surfbretthersteller, der auf Freiwilligkeit pocht?

Vale hat ein Imageproblem und weiß das. Auf dem Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos hat der brasilianische Bergbaukonzern dieses Jahr den „Public Eye Award” für das verantwortungsloseste Unternehmen der Welt erhalten. 25.000 Menschen hatten online für Vale gestimmt – als Denkzettel für eine 70-jährige Geschichte voller Menschenrechtsverstöße, unmenschlicher Arbeitsbedingungen und Vertreibungen wie jetzt am Belo-Monte-Staudamm.

Vale hat auf den Schmähpreis mit einem kurzen Brief reagiert: Die Anschuldigungen seien „schwerwiegend” und „ungerechtfertigt”. Immerhin halte man nur neun Prozent an Belo Monte und sei damit ein „unwesentlicher Teilhaber”. Kein Wort davon, dass Vale der Motor hinter dem Projekt ist, weil es den Strom für seine benachbarte Eisenerzmine braucht. Vale, mit 18,9 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz das zweitgrößte Bergbauunternehmen der Welt, duckt sich weg. Ein Ausweichmanöver – wie seine CSR-Arbeit auch.

Vales CSR-Abteilung bedruckt eine Menge Papier und unterzeichnet fleißig Abkommen: Jährlich erscheint ein 100-seitiger Nachhaltigkeitsbericht, Angestellte erhalten ein Menschenrechtshandbuch und einen Ethikkodex und die Öffentlichkeit kann eventuelle Verstöße über einen unternehmenseigenen Whistleblowing-Kanal anzeigen. Qua Mitgliedschaft im Global Compact verpflichtet sich Vale formal nachhaltig zu wirtschaften – und darf sich das blaue Siegel der Vereinten Nationen anheften. Eine Strategie, die so häufig und durchschaubar ist, dass sie ihren eigenen Terminus bekam: Bluewashing.

Mit konkreten Zusagen ist dieses CSR-Gerüst allerdings kaum verbunden. So darf Vales Vorstandsvorsitzender Ricardo Flores im Nachhaltigkeitsbericht 2011 philosophieren: „Für unsere Firma ist Leben wichtiger als Produktion; falls wir wählen müssen, entscheiden wir uns für das Leben.” Genauso nebulös klingen die zentralen Unternehmenswerte: „Das Leben zählt am meisten. Schätzt unsere Leute. Würdigt unseren Planeten. Tut, was richtig ist. Arbeitet gemeinsam an Verbesserungen. Macht es möglich.”

Vale: Strategische Irreführung

Vale scheint aus seinen Fehlern keineswegs zu lernen. Vertreibungen bei fehlendem Mitspracherecht und mangelhafter Entschädigung: Derzeit wiederholt der Konzern das Belo-Monte-Muster bei einem Megaprojekt in Mosambik. Seit 2011 baut Vale in der Provinzstadt Moatize eine der größten Kohleminen der Welt. Dafür wurden 2009 750 Familien zwangsumgesiedelt, nachdem sie sich jahrelang zur Wehr gesetzt hatten. Dorfgemeinschaften wurden auseinandergerissen und die Familien können sich auf dem weniger fruchtbaren Land kaum ernähren. Die von Vale versprochenen Entschädigungen entpuppten sich als bloße Makulatur: „Wenn es regnet, fließt Wasser in mein Haus und wir müssen die Nacht im Stehen verbringen”, berichtete ein umgesiedelter Mann der Nichtregierungsorganisation Justicia Ambiental. „Meine Familie ist hungrig, ich habe keinen Job mehr. Seit elf Monaten esse ich nichts als Kleie. Wenn ich dürfte, würde ich zurückgehen.”

Offensichtlich hat Vale zwar 1,3 Milliarden US-Dollar für das Moatize-Projekt übrig, aber kein Geld für stabile Hütten. Monika Orlowski, die seit Jahren als Agraringenieurin in Maputo arbeitet, beschreibt das Vorgehen des Konzerns in einem Artikel für den Mosambik-Rundbrief: „Die Verträge zwischen Vale und der Regierung (...) werden in Maputo ausgehandelt und die Bevölkerung wird nicht oder nur mangelhaft in die Diskussion mit einbezogen. Gemeindevertretern und politischen Funktionsträgern auf Distriktebene werden oft Privilegien angeboten, um sie als Fürsprecher für die Projekte zu gewinnen. Wenn sie sich aber kritisch äußern und Beschwerden benachteiligter Gemeindemitglieder aufgreifen, werden sie von höherer Stelle als Agitatoren oder fortschrittsfeindlich bezeichnet.”

Vor diesem Hintergrund klingt es geradezu zynisch, was Vale auf seinen CSR-Seiten verspricht: „Unser Verhalten basiert auf Dialog und gegenseitigem Respekt. Wir sind bestrebt, Beziehungen zu pflegen, die von kontinuierlichem Engagement geprägt sind, und Initiativen zu unterstützen, die zur sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklung in unseren Projektregionen beitragen, von Anfang bis Ende unserer Tätigkeit vor Ort.” Papier ist geduldig.

Quiksilver: Schildkröten statt Mindestlohn

Viele Firmen verstehen CSR als freiwilliges, beliebiges und per se lobenswertes Engagement. Der Surf- und Outdoorhersteller Quiksilver ist ein typisches Beispiel für eine solche „Charity”-Philosophie, die auf einer libertären Grundhaltung basiert. So hat das australisch-kalifornische Unternehmen zwar eine aufwendig gestaltete CSR-Website mit einem bunten Allerlei an externen Kampagnen, vom Fundraising für Meeresschildkröten bis zu Brustkrebsprävention, doch in ihrer eigenen Produktionskette arbeitet es keineswegs an Verbesserungen. Auch scheint Quiksilver lieber mit prominenten Surfern zusammenzuarbeiten als mit internationalen Kampagnen und etablierten Strukturen.

Die wort- und bildreiche Website steht in Kontrast zu Quiksilvers mangelnder Transparenz in eigenen Angelegenheiten. Den Fragebogen der Clean Clothes Campaign (CCC), die sich international für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt, hat Quiksilver gar nicht erst beantwortet. Laut CCC gibt Quiksilver keine Information zur Struktur der Zulieferkette, der Produktionsländer und der Produktionsstätten und veröffentlicht keinen Sozialbericht. Weder ist das Unternehmen Mitglied einer Business-Monitoringinitiative noch veröffentlicht es Ergebnisse von Fabrikaudits.

Die EinkäuferInnen erhalten laut CCC keine Anreize, Aufträge bevorzugt an Produktionsstätten mit besseren Arbeitsbedingungen zu geben. In seinem Verhaltenskodex bleibt Quiksilver hinter den Bestimmungen der ILO-Kernarbeitsnormen zurück: So müssen Quiksilver-ArbeiterInnen lediglich den gesetzlichen Mindestlohn oder Standard-Industrielohn des Produktionslandes erhalten und haben keinen Anspruch auf einen Existenzlohn. Wo lokale und internationale Arbeitsstandards variieren, dürfen sich die Zulieferer für den niedrigeren Standard entscheiden. Zu vielen Arbeitsrechtsverletzungen bezieht Quiksilver keine Position und nimmt sie damit bewusst in Kauf; das kann Strafen bei Krankheit oder Schwangerschaft, das Einbehalten des Personalausweises oder Nachtarbeit für Minderjährige mit einschließen.

dm: Keine grüne Weste

Seit Jahren gilt die Drogeriekette dm als Inbegriff von Nachhaltigkeit und gelungener Unternehmensverantwortung. Bei der Verbraucherbefragung CSR-Tracker des Instituts für Handelsforschung Köln wurde sie 2011 zu einem der nachhaltigsten deutschen Unternehmen gekürt. Zu diesem Image trägt auch die öffentlichkeitswirksame „Futuristen“-Initiative bei, bei der dm und die deutsche UNESCO-Kommission jährlich bis zu 1.000 Projektideen junger Menschen mit je 1.000 Euro fördern. Bei einem Jahresumsatz von 4,5 Milliarden Euro fällt diese Million kaum ins Gewicht, zumal sie durch Kassieraktionen zustande kommt, bei denen ein dm-Markt eine halbe Stunde lang alle Einnahmen für ein bestimmtes Projekt sammelt – oft verbunden mit einem Kundenansturm und lokaler Berichterstattung. Die jungen Leute und ihre Projektideen werden somit zu ehrenamtlichen Werbeträgern. Wie erfolgreich und langfristig diese nach dem Gießkannenprinzip geförderten Projekte sind, wird hingegen nicht geprüft.

„Gemeinsam gestalten wir Zukunft” lautet das Motto der Initiative. Damit sollte dm jedoch erst einmal bei seinen Herstellern anfangen. Während die Arbeitsbedingungen in den deutschen dm-Märkten als gut gelten – Tarifzahlung und gute Noten von Ver.di inbegriffen –, hält dm Herstellungswege bewusst intransparent. Eine WDR-Dokumentation zeigte, dass in vielen bei dm verkauften Shampoos und Kosmetika Palmöl unbekannter Herkunft verwendet wird. Die massive Nachfrage nach Palmöl führt in Anbauländern wie Indonesien und Malaysia zu Regenwaldrodungen und Vertreibungen. Soja und Raps wären bessere Alternativen, doch dann müsste dm Abstriche an seinen Gewinnmargen hinnehmen oder die Preise um ein paar Cent erhöhen.

Außerdem verfolgte das WDR-Team eine Kinderhose ohne Angabe des Herstellerlandes bis in einen bengalischen Sweatshop zurück. Auf diesen Vorwurf reagierte dm mit der Versicherung, ab 2013 genaue Herkunftsbezeichnungen aufzunehmen. „Absurd” sei jedoch die Forderung, „dass wir unsere Lieferanten kontrollieren statt auf eine vertrauensvolle und vertraglich sauber ausgestaltete Zusammenarbeit zu bauen. Die Aufforderung, dass das mittelgroße Unternehmen dm seriöse und weltweit operierende Großkonzerne wie Henkel, Unilever oder Procter&Gamble kontrollieren soll, muss jedem Menschen nach kurzem Nachdenken als unmöglich und anmaßend erscheinen.” Ein Unternehmen, das möglichst billig produziert und seine Lieferketten nicht kennt? Verantwortung sieht anders aus.

Christina Felschen ist Südlink-Redakteurin und freie Journalistin.

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