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Südlink 167 - März 2014

Brasilien vor der WM - Boomland in Schwierigkeiten

Die Farbe der Gewalt

In Brasilien schwarz zu sein, kann Diskriminierung und eine Gefahr für das eigene Leben bedeuten

von Glaucia Marinho und Katarine Flor

In Brasilien sind Schwarze häufig von Gewalt und Diskriminierung betroffen. Gesetze allein konnten das Problem bisher nicht beseitigen. Dies zeigen auch die rolezinhos junger AfrobrasilianerInnen in privaten Shopping-Malls. Damit decken sie auf kreative Art und Weise den verbreiteten Alltagsrassismus in Brasilien auf.

Zehn Jahre ist es nun her, dass der Zahnarzt Flávio Ferreira Sant´Anna im Norden der Millionenmetropole São Paulo erschossen wurde. Im Februar 2004 exekutierten ihn Militärpolizisten mit zwei Kugeln aus kürzester Distanz. Flávio Ferreira Sant´Anna wurde 28 Jahre alt. Sein Vergehen: Er war schwarz.

Kurz zuvor war ein Geschäftsmann überfallen worden. Sieben Militärpolizisten suchten nach dem Täter und trafen auf Ferreira Sant´Anna. Für die Polizisten war sofort klar, dass er schuldig sein musste. Sie umringten ihn und machten kurzen Prozess. Doch bei der Durchsuchung seines Leichnams fanden sie weder das Diebesgut, noch eine Waffe. Also steckten sie ihm einen Revolver und einige Wertsachen zu. Der Geschäftsmann selbst erkannte Flávio jedoch nicht wieder. Erst als die Polizisten den Mann bedrohten, identifizierte er Ferreira Sant´Anna als den Täter. Der Fall schien zunächst erledigt, wie so viele vergleichbare Fälle.

In Brasilien haben die Opfer von Gewalt eine Farbe und ein Alter. Ein junger Schwarzer hat ein 3,7 Mal höheres Risiko getötet zu werden als ein Weißer. Laut Erhebungen des brasilianischen Statistikinstituts IBGE sind 63,7 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass der Einfluss der Hautfarbe auf das Leben sehr hoch ist. Und auf das Überleben. Denn zwischen 2002 und 2010 wurden 272.422 BrasilianerInnen schwarzer Hautfarbe erschossen. Im Jahr 2010 gab es 132 Prozent mehr erschossene AfrobrasilianerInnen als weiße Opfer.

Die Zahlen stammen aus der Karte der Gewalt, die der Wissenschaftler Júlio Jacobo Waiselfisz jährlich erstellt. Nicht wenige der Erschossenen gehen auf das Konto der Militärpolizei. Und meistens kommen die Polizisten straffrei davon, denn in Brasilien werden nur acht Prozent der Morde aufgeklärt.

Im Fall von Flávio Ferreira Sant´Anna kam es anders. Der Geschäftsmann haderte mit seinem Gewissen und sagte trotz der Drohung der Militärpolizisten gegen diese aus. Ein Jahr später kam es zum Prozess gegen sieben Polizisten. Im Oktober 2005 verurteilte das zuständige Gericht drei von ihnen zu Haftstrafen zwischen siebeneinhalb und siebzehn Jahren.

Bummeln gegen Diskriminierung

Flávio Ferreira Sant´Anna aber ist tot. Er ist Opfer des Rassismus in Brasilien geworden. Nicht immer äußert sich dieser Rassismus derart offensichtlich, er ist auch im Alltag präsent. Seit einigen Monaten erleben wir dies täglich, vor allem an den Wochenenden. Denn die Jugend aus den Armenvierteln hat eine neue Freizeitbeschäftigung entdeckt. Über soziale Medien verabreden sie sich zu Hunderten in einer der elitären Shoppingmalls zum rolezinho (Bummelei). Die in der Mehrzahl schwarzen und armen Jugendlichen treffen sich zum Abhängen in den Einkaufszentren – und werden so zum Horrorszenario für die weiße Elite São Paulos. Sie ziehen in Gruppen durch die Mall, singen Funklieder, schauen sich die Vitrinen der Edelshops an, doch sie konsumieren nicht.

Am 12. Januar kam es im Metrô Itaquera, in der Ostzone von São Paulo, zu einem rolezinho von dreitausend Jugendlichen aus der Peripherie der Stadt. Schnell wurde die Polizei gerufen, die mit Schlagstockeinsatz, Tränengas und Gummigeschossen den mit Facebook organisierten Spaziergang der Jugendlichen brutal auflöste.

Kurz darauf fanden aus Solidarität auch in Rio de Janeiro rolezinhos statt. Diesmal gezielt als Protest gegen den täglichen Rassismus und die Repression, die schwarze Jugendliche erleiden, sei es in den Shoppingmalls, am Strand, auf der Straße oder auf den bei Jugendlichen so beliebten Funkparties. Immer wieder kommt die Militärpolizei – und hat ihren Finger sehr locker am Abzug ihrer Waffen.

In São Paulo wurden die ersten über Facebook organisierten rolezinhos von Richtern verboten. So haben die Eigentümer der Shoppingmalls die de facto-Entscheidung darüber, wer in ihre Konsumtempel darf und wer nicht. Wer schwarz und arm ist, bleibt draußen. „Einmal mehr agieren Polizei und Justiz im Interesse des Privateigentums und diskriminieren die schwarze Bevölkerung unseres Landes und die Bewohner der armen Peripherien der Städte”, empört sich Fransérgio Goulart vom Nationalen Jugendrat Conselho Nacional da Juventude, der in der Favela Manguinhos in Rio de Janeiro wohnt. „Die Medien berichten über den Fall und hetzen gegen die Jugendlichen, die sie als kriminell darstellen”, so Goulart.

Es sind aber nicht erst die rolezinhos, die die in den Shoppingmalls herrschende sozial-ethnische Apartheid ans Tageslicht gerückt hätten. Bereits im Jahr 2000 hatte sich eine Gruppe von Obdachlosen zusammengetan, um das noble Rio Sul Shopping Center in der reichen Südzone von Rio de Janeiro zu besuchen. Die Obdachlosen wollten nur die Vitrinen anschauen, die Gänge entlang flanieren und in den Erfrischungszonen des Einkaufszentrums etwas essen. Sofort schlossen dutzende Geschäftsleute ihre Türen und riefen 50 Polizisten zur Unterstützung des privaten Sicherheitsdienstes zur Hilfe.

Seither versuchen die Shoppingmalls, sich ihre Kundschaft auszusuchen und verweigern einem Teil der brasilianischen Bevölkerung den Zugang – und somit das Recht auf uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Es ist direkte Diskriminierung, abgesichert durch die anwesenden Polizei- und privaten Sicherheitskräfte.

Dabei jährte sich im Januar dieses Jahres zum 25. Mal die Verabschiedung des brasilianischen Antirassismusgesetzes, das Haftstrafen für diskriminierende Handlungen aufgrund von „Rasse, Hautfarbe, Ethnie, Religion oder nationaler Herkunft” festlegt. Und bereits seit 29 Jahren gilt in Brasilien das sogenannte „Lei Caó”. Dieses klassifiziert Rassismus und die Verweigerung von Dienstleistungen aufgrund von Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht oder Familienstand als nicht kautionsfähige Straftat, die mit Haft von bis zu fünf Jahren und einer Strafzahlung belegt werden kann.

Der Staat muss mehr gegen Rassismus tun

Aber weder das „Lei Caó” noch das Antirassismusgesetz hat die RassistInnen bislang von ihren Untaten abgehalten. Erst im Januar hatte ein Jugendlicher aus Wut über staatliche Quoten an Universitäten für Schwarze im Internet „Schwarze für einen Real” zum Kauf angeboten. Die Justiz ermittelt.

Die Chancen, Rassismus zu verhindern, sind eher begrenzt, solange der Staat nicht auf effektive Maßnahmen setzt. Für Alexandra Montgomery, Rechtsanwältin der Menschenrechtsorganisation Justiça Global, haben „die sozialen Bewegungen in den vergangenen Jahren zwar viele Erfolge erzielt, aber diese gehen bislang nicht über die Gesetzesebene hinaus”. Für Montgomery müsste ein viel grundlegenderer Ansatz verfolgt werden. „Die Kultur der brasilianischen Bevölkerung fußt auf dem Modell der Bestrafung. Aber um Rassismus effektiv aus der Gesellschaft zu verbannen, bedarf es seitens des Staates einer massiven Investition in soziale und affirmative Politiken und Maßnahmen”, so die Anwältin.

Vom Gesetz her ist diskriminierendes Verhalten verboten und wird strafrechtlich geahndet. Aber die Realität sieht anders aus. Entweder werden die Gesetze nicht angewendet oder aber durch den Staat selbst gebrochen, wie jüngst erneut im Fall der rolezinhos von São Paulo.

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Christian Russau.

Glaucia Marinho ist Journalistin und arbeitet in Rio de Janeiro in der Presseabteilung der Menschenrechtsorganisation Justiça Global.

Katarine Flor ist Journalistin bei der Gewerkschaft der Ingenieure des Bundesstaats Rio de Janeiro und arbeitet auch für die alternative Nachrichtenagentur Agência Pulsar Brasil.

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