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Südlink 176 - Juni 2016

Körper und Politik - Einverleibte Macht und gelebte Widerstände

„Es geht um Macht über die Frauen“

Das absolute Abtreibungsverbot in El Salvador ist auch ein Mittel zur Disziplinierung von Frauen und ihren Körpern.

Ein Gespräch mit der Feministin Morena Herrera

Wie steht es um die Rechte von Frauen in El Salvador über ihre Körper?
Die Politik, die mit den Körpern von Frauen zu tun hat, ist ein sehr deutlicher und zentraler Ausdruck der Unterordnung von Frauen in diesem Land. Die salvadorianische Gesellschaft weist den Frauen eine ganz bestimmte soziale Funktion zu, die auch mit ihren Körpern zu tun hat: die Mutterschaft. Häufig gelten sie erst dann als richtige Frauen, wenn sie Mütter geworden sind.

Zugleich wissen Frauen – wie auch Männer – meist wenig über ihren Körper. In unserer Gesellschaft gibt es nur wenig Aufklärung über den Körper, weil er, vor allem was die Frauen angeht, als etwas Sündhaftes angesehen wird. Von klein auf werden die Geschlechtsteile von Mädchen bedeckt. Wenn sie in die Pubertät kommen, heißt es, dass sie geschützt werden müssen, damit sie nicht schwanger werden. Zugleich ist es aber die Zeit, in denen es am häufigsten zu Missbrauchsfällen kommt, in einer Zeit also, in denen sie selbst am wenigsten über ihren eigenen Körper bestimmen können. Die sexuellen und reproduktiven Rechte gehören in El Salvador sicherlich zu denen, die am wenigsten respektiert werden.

Dies ist wohl einer der Bereiche, in denen die politische Macht von Männern über die Körper von Frauen am direktesten wirkt. Zum Beispiel indem es mehrheitlich Männer sind, die Gesetze wie das absolute Abtreibungsverbot in El Salvador erlassen.
El Salvador hat eine lange Geschichte eines patriarchalen Staates, indem Männer über Frauen und ihre Körper bestimmen. Mit dem Bürgerkrieg (1980-1992; Anm. der Red.) kam allerdings ein Bruch, der vielen Frauen den Ausbruch aus alten Rollen ermöglicht hat. Die sozialen Beziehungen und manchmal auch die sexuellen haben sich in dieser Zeit verändert. Viele Frauen haben eine deutlich aktivere Rolle eingenommen.

Zum Beispiel als Guerillakämpferinnen?
Dies gilt sowohl für die Frauen in der Guerilla als auch für jene, wo die Männer weggegangen sind und in der Guerilla gekämpft haben. Der Bruch war aber nur vorübergehend. Nach dem Ende des Krieges 1992 sollten die Frauen wieder zurück in ihre alten Rollen, die sozialen Beziehungen sollten wieder werden wie zuvor.

In El Salvador waren viele Frauen, die nicht im Krieg waren, in Flüchtlingslagern, im Land selbst oder in den Nachbarländern. Dort haben sie sehr große Verantwortung übernommen, in der Verwaltung, der Finanzierung oder auch bei der Sicherheit in den Lagern. Nach ihrer Rückkehr in ihre Dörfer sahen sie sich häufig einem großen Druck ausgesetzt, wieder ihren alten Platz in der Gemeinschaft einzunehmen.

Etwa zehn Jahre nach der Rückkehr aus den Flüchtlingslagern wurde genau darüber eine Untersuchung durchgeführt. Viele Frauen hatten ein ambivalentes Gefühl in der Bewertung dieser Zeit. Einerseits waren sie froh wieder zurück und aus der Enge der Lager herausgekommen zu sein. Andererseits sehnten sie sich nach den Freiheiten, die sie unter der Abwesenheit der Männer für sich erkämpft hatten. Sie lebten in diesem Widerspruch, doch die große Mehrheit hatte sich wieder in die traditionelle Rolle eingefunden.

Ist die Verschärfung des Abtreibungsrechts 1998 mit dem absoluten Abtreibungsverbot und deutlichhöheren Strafen in diesem Kontext zu sehen: als eine Reaktion auf die gestiegenen Freiheiten der Frauen während des Kriegs und als ein Versuch, die Körper der Frauen zu disziplinieren?
Diese Verschärfung resultierte sicherlich auch aus der Angst, dass diese Freiheiten sich auf die gesamte Gesellschaft ausweiten könnten. Denn bis dahin galten sie ja nur für einen Teil der Frauen. Dies ist einer der großen Widersprüche in der Entwicklung der salvadorianischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit: Als mit den Friedensabkommen Freiräume und Möglichkeiten für eine Demokratisierung der Gesellschaft entstanden, interessierten sich die politischen Eliten nicht für einen wichtigen Bereich, der mit den Rechten der Frauen zu tun hatte. Dies gilt auch für die Führung der linken Opposition, der ehemaligen Guerillabewegung FMLN.

Welche Rolle spielten die Kirchen, vor allem die katholische, in diesem Versuch die Körper der Frauen und ihre reproduktiven Rechte zu kontrollieren?
Sie spielt bis heute eine sehr wichtige Rolle. Sie produziert die Ideologie und fördert die gesellschaftliche Mobilisierung gegen das Recht der Frauen, über ihren Körper selbst zu entscheiden, und nimmt mit ihrer Macht Einfluss auf die Regierenden. Die katholische Kirche in El Salvador hat sich sehr verändert. Unter Erzbischof Oscar Arnulfo Romero war sie sehr fortschrittlich. Nicht unbedingt im Bereich der reproduktiven Rechte, aber Romero hat sich kaum zu diesem Thema geäußert. Ihm waren andere Sachen wichtig, er hat sich für die Armen und gegen soziale Ungerechtigkeit eingesetzt. Leider haben wir nach dem Krieg einen Erzbischof vom Opus Dei bekommen, der reaktionäre Positionen in der Kirche gestärkt hat, auch im Bereich reproduktive Rechte.

Um etwas gegen die hohe Anzahl von Teenager-Schwangerschaften zu unternehmen, gab die rechte ARENA-Regierung 1999 die Aufklärungsbroschüre „Von Jugendlichen für Jugendliche“ in Auftrag. An deren Erarbeitung waren neben dem Bildungs- und dem Gesundheitsministerium auch die Vereinten Nationen beteiligt. Die Broschüre war gut, und sie war bereits fertig und in hoher Auflage für das ganze Land gedruckt. Doch dann intervenierte der Erzbischof Saenz Lacalle bei der Regierung und setzte durch, dass die Verteilung gestoppt wurde. Es wurden tausende und abertausende dieser Broschüren verbrannt. Saenz Lacalle stoppte die wichtigste Aktivität der Regierung im Bereich der Sexualkunde in diesen Jahren.

Freiheit für die 17 plus
Auf einem Bus in San Salvador fordert eine Ärztin, das Leben ihrer Patientin zu schützen – und ihr dafür eine Abtreibung zu ermöglichen. Foto: Kampagne Freiheit für die 17 plus


Warum ist es für die konservativen Kreise eigentlich so eminent wichtig, Kontrolle über die Körper der Frauen auszuüben?

Das spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab. In El Salvador werden häufig sehr schlechte Löhne bezahlt. Das funktioniert nur, wenn die Frauen eine bestimmte Rolle erfüllen und in vielen Bereichen unbezahlte Arbeit leisten. Diese Rolle erfüllen sie am besten, wenn im Zentrum ihres Lebens die Mutterschaft steht, überhaupt Sorgearbeit, die Pflege von Kranken, von Alten oder von Behinderten. Um dies sicherzustellen muss eine ganz bestimmte ideologische Kontrolle über die Frauen ausgeübt werden.

Für viele Männer, vor allem wenn sie arbeitslos sind, sind die Frauen und ihre Kinder wiederum das einzige Territorium, in dem sie Macht ausüben und eine althergebrachte Form der Männlichkeit ausüben können, die darin besteht Befehle zu geben. Wem? Den Frauen und den Kindern.

Insgesamt hat in El Salvador in all den letzten Jahren die Vision eines breiteren Gesellschaftsmodells gefehlt. Das gilt für die männlichen Parteiführer, von denen viele kein Problem mit der Unterordnung der Frauen in der Gesellschaft hatten. Aber auch für die Frauen, die ihre Kämpfe ebenfalls zu sehr auf den Zugang zu politischen Entscheidungspositionen konzentriert haben.

Das bezieht sich auf die Linke, seit sie 2009 an die Regierung gekommen ist?
Das gilt aber ebenso für die Frauenbewegung und viele fortschrittlich denkende Menschen. Sehr lange haben wir die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen daran bemessen, wer die Entscheidungen treffen kann.

Worum hätte sich die Frauenbewegung mehr kümmern müssen?
Um Vorschläge für einen kulturellen Wandel – für eine Gesellschaft, die auch eine andere Art der Beziehungen zwischen Männern und Frauen einschließt und eine andere Politik in Bezug auf Körper. Auf diesen Bereich hätten wir mehr Wert legen sollen. Der Kampf für eine gleichberechtigtere Präsenz von Männern und Frauen in Entscheidungspositionen stand zu sehr im Vordergrund.

In Bereichen, die sich auf den Körper beziehen, wie zum Beispiel beim Thema reproduktive Rechte gab es in der Frauenbewegung Angst vor Stigmatisierung und beim Kampf für die Entkriminalisierung der Abtreibung auch vor juristischer Verfolgung. Seit der Strafrechtsänderung 1998 gibt es den Paragraf 136 über „Anstiftung zur Abtreibung“, der bis zu fünf Jahre Haft für jene vorsieht, die eine Frau in irgendeiner Weise bei einer Abtreibung unterstützen. Mehrmals wurde uns gedroht, diesen Paragrafen auch auf unsere Arbeit anzuwenden. Inzwischen hat sich die Stimmung aber verändert, heute fürchtet sich in der feministischen Bewegung niemand mehr davor.

Was fordern die feministische Bewegung und die Frauenorganisationen in El Salvador in Bezug auf die reproduktiven Rechte?
Zunächst natürlich die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. El Salvador hat heute eine der weltweit repressivsten Gesetzgebungen, eine Abtreibung ist aus gar keinen Gründen erlaubt. Bis 1998 war diese zumindest noch nach einer Vergewaltigung, bei Gefahr für das Leben der Frau oder wenn das Kind nicht lebensfähig war, erlaubt.

Das andere wichtige Thema ist die Verabschiedung eines Gesetzes zur Einführung von Sexualkunde in den Schulen. El Salvador ist eines der Länder mit der höchsten Zahl an Schwangerschaften von Minderjährigen – und einer hohen Selbstmordrate dieser Mädchen. Wir sprechen hier teilweise von Zehn- oder Elfjährigen. Diese Mädchen brauchen eine viel stärkere Unterstützung.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Lateinamerika zum Beispiel auch in Nicaragua oder in Chile unter allen Umständen verboten. El Salvador ist aber das einzige Land, wo Frauen zu bis zu 40 Jahren Haft verurteilt werden, wenn sie eine Fehlgeburt hatten und dann wegen Mordes verurteilt werden. Warum ist das so?
Mit der Reform des Strafrechts 1998 gewann das Konzept der Bestrafung des Ungehorsams enorm an Bedeutung. Eine Professorin der Universität Harvard hat zahlreiche Zeitungsartikel ausgewertet und dabei eine interessante Veränderung festgestellt, die sich auf den öffentlichen Diskurs ausgewirkt hat: Vor der Reform wurden Frauen, die abtrieben, nicht als Mörderinnen dargestellt. Das Konzept der Mutter als Mörderin wurde nun immer wichtiger.

Diese Ideologie führte zur juristischen Verfolgung von Frauen, die eine Fehlgeburt hatten, und auch in den Medien als Mörderinnen präsentiert wurden. Bei der Kriminalisierung dieser Frauen spielt es dann keine große Rolle mehr, dass sie keine freie Entscheidung getroffen und ihre Schwangerschaft beendet hatten. Es gibt viele Frauen, die nach Fehlgeburten wegen Mordes verurteilt wurden und derzeit in Haft sind. (Eine der inhaftierten Frauen, María Teresa Rivera, ist im Mai freigekommen, siehe Seite 19; Anm. der Red.) Ihre soziale Verletzlichkeit und der Umstand, dass sie alleine und außerhalb von Krankenhäusern eine Frühgeburt hatten, macht sie zu Opfern des Justizsystems, das hier das Konzept der Strafe besonders leicht umsetzen kann.

Wir haben vor kurzem eine junge Frau unterstützt, deren Fötus im Mutterleib gestorben war. Um abzutreiben nahm sie Tabletten, bekam eine schwere Blutung und musste ins Krankenhaus. Obwohl der Fötus tot war, wurde sie verurteilt. Sie musste nicht ins Gefängnis, aber sie muss nun unter anderem ein Jahr lang einmal pro Woche in einer Kinderkrippe arbeiten. In die Urteilsbegründung schrieb der Richter, dass die Strafe dazu dienen solle, ihren Mutterinstinkt zu wecken.

Jedwede Handlung einer Frau, die von der Norm abweicht, soll betraft werden. Darum geht es. Und das Justizsystem spielt dabei eine wichtige Rolle.


Das Interview führte Michael Krämer im Februar in Suchitoto, El Salvador.

Morena Herrera ist eine der bekanntesten Feministinnen El Salvadors, arbeitet beim Colectiva de Mujeres para el Desarrollo Local und ist eine der Sprecherinnen der Kampagne „Freiheit für die 17 plus“, die INKOTA unterstützt.