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Kampagnen: In Bewegung für eine andere Welt

Die Macht der Münder

Eine feministische Kampagne prangert seit 2002 verschiedene Arten von Fundamentalismus in Lateinamerika und weltweit an. / Von Lucy Garrido

Nicht nur religiöser, auch ökonomischer, politischer und kultureller Fundamentalismus richtet sich gegen die Rechte von Frauen. Als Antwort darauf zielt die Kampagne „Tu boca fundamental contra los fundamentalismos” („Dein Mund – fundamental gegen Fundamentalismen“) auf feministisches empowerment und die Vernetzung sozialer Bewegungen.

Die Plakate zeigen Gesichter, deren Münder mit einem schwarzen Balken verdeckt sind. Äußern können sich die dazugehörigen Personen nicht, doch hinter den Balken lässt sich erkennen, dass sie lächeln. Dieses Lächeln ist subversiv, undogmatisch und veralbert jede Art von Fanatismus.

Die Münder sind das Symbol der Kampagne „Tu boca fundamental contra los fundamentalismos“. Sie startete im Januar 2002 als Initiative der „Articulación Feminista Marcosur“ (AFM), einem Zusammenschluss feministischer Organisationen und Frauen aus verschiedenen lateinamerikanischen Ländern. Die Kampagne zielt darauf, die Ausdrucksformen verschiedener Fundamentalismen sichtbar zu machen, die sich gegen die Rechte von Frauen richten. Es geht dabei zum Beispiel um religiösen Fundamentalismus, den es in allen großen Weltreligionen gibt und der sich in Lateinamerika darin zeigt, dass die katholische Kirche den weiblichen Körper und dessen Sexualität kontrollieren will.

Daher geht es in der Kampagne auch um Laizismus, die strikte Trennung von Staat und Kirche. Nur auf diese Weise ist garantiert, dass öffentliche Politiken nicht durch eine dominierende Moral dieses oder jenes Glaubens vorbestimmt sind. Die Forderung nach einem laizistischen Staat beinhaltet, dass alle Personen das Recht haben, über ihren Körper und ihr Leben selbst zu entscheiden. Dies erfordert einen Kampf gegen Machtzirkel, die ihre Normen nicht nur den eigenen Mitgliedern, sondern der gesamte Gesellschaft aufzwingen wollen, und dafür systematisch Einfluss auf Regierungen nehmen.

Tu boca fundamental contra los fundamentalismos
Parodie auf Anonymous: Anonymas setzt sich für Frauenrecht ein. Foto: Cotidiano Mujer

In der Kampagne geht es aber nicht nur um religiösen Fundamentalismus. Die Rechte der Frauen werden ebenso durch ökonomische, politische und kulturelle Fundamentalismen angegriffen. Zum Beispiel begreift die Kampagne auch neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik als eine Art von Fundamentalismus.

Die Zivilgesellschaft stärken
Um den Laizismus zu verteidigen und die feministische Bewegung zu stärken, kommt der Kampagne in Lateinamerika und der Karibik eine wichtige Bedeutung zu. Mittels sozialer Kommunikationsstrategien will sie das verbreitete „Einheitsdenken“ anprangern und die Leute dafür sensibilisieren, dass ihre Münder und Stimmen Macht haben.

Münder sind ein Instrument, um Missstände zu benennen und Gegenvorschläge zu unterbreiten. Darauf verweisen die bei feministischen Aktionen häufig getragenen Masken, die aus einem übergroßen Mund bestehen. Mit politischen und kulturellen Interventionen in den öffentlichen Raum sollen die Organisationsfähigkeit und Partizipation der Zivilgesellschaft gestärkt und Allianzen zwischen breiten Sektoren der feministischen- und anderer sozialer Bewegungen geschaffen werden.

Die Kampagne bietet darüber hinaus den Organisationen aus verschiedenen Ländern eine Möglichkeit, ihren spezifischen Forderungen Ausdruck zu verleihen, indem sie den Slogan an ihre jeweiligen Interessen anpassen können. So entstand in Paraguay „Dein Mund gegen die Korruption“, um eine größere Transparenz und eine Antikorruptionspolitik einzufordern. In Kolumbien setzte sich eine ähnliche Kampagne für eine bessere Beteiligung von Frauen im Friedensprozess ein.

Die Kampagne gehört allen
Mit Plakaten, Masken, T-Shirts, Ansteckern und anderen Materialien startete die Kampagne auf dem Weltsozialforum 2002 in Porto Alegre. Die AFM wollte unter anderem zeigen, dass Feministinnen Vorschläge für eine andere Welt, eine pluralistischere, gerechtere, gleichere, inklusivere und demokratischere Gesellschaft haben. Genau deshalb haben wir die Kampagne zuerst auf dem Weltsozialforum präsentiert: um mit allen anderen sozialen Bewegungen über Inhalte, gemeinsame Agenden und politische Strategien zu debattieren.

Auf ein Buch über die Kampagne, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, folgten Videoclips und weitere Vernetzung auf den nächsten Weltsozialforen. Innerhalb weniger Jahre gelang es, verschiedene Akteur*innen auf dem amerikanischen Kontinent und in Europa, darunter in Asunción, La Paz, Managua, Buenos Aires, Sao Paulo, Mexiko-Stadt, New York oder Bilbao, miteinander in Kontakt zu bringen.

Indem sie die Fundamentalismen im Plural anprangert, hat die Kampagne breite Debatten entfacht. Vor allem mediale Aktionen spielten dabei eine zentrale Rolle. Der Mund richtet sich als Symbol nicht nur an die Köpfe, sondern auch die Herzen der Leute. Und da die Initiative von einem regionalen feministischen Zusammenschluss ausging und inklusiv gestaltet ist, entfaltete sie ihre Wirkung über Ländergrenzen hinweg.

Ein großer Erfolg war, dass irgendwann niemand mehr wusste, wer die Kampagne eigentlich lanciert hatte. Ob mexikanische Feminist*innen, die gegen Frauenmorde in Chiapas demonstrieren, Katholik*innen, die sich für das Recht selbst zu entscheiden gegen die Position des Vatikans zu Schwangerschaftsabbrüchen positionieren, oder Gewerkschafter*innen im brasilianischen Recife: Überall verwenden Menschen die Masken mit dem großen Mund, um rückschrittliche Regierungen zurückzuweisen, die sich an den Menschenrechten vergreifen.

Tu boca fundamental contra los fundamentalismos
Die Maske verweist darauf, dass Münder und Stimmen Macht haben. Foto: Articulación Feminista Marcosur

Die Kampagne gehört allen, egal wo sie sind. Und auch der jüngste Clou hat mit einer Maske zu tun. Im Vorfeld des UN-Nachhaltigkeitsgipfels im September 2015 ging eine Parodie auf die Hacker von Anonymous online, die bei ihren öffentlichen Auftritten häufig die populär gewordene Guy-Fawkes-Maske aus dem Comic „V wie Vendetta“ tragen. Diesen Stil aufgreifend verlas die langhaarige Anonymas Statements, die für die Einbeziehung von Frauenrechten in die Ziele für Nachhaltige Entwicklung warben. Ihr Gesicht verdeckte Anonymas mit einer weiblichen Version der Guy Fawkes-Maske, deren Lippen knallrot geschminkt waren.

Gemeinsame Strategien sind nötig
In einer so vielfältigen Region wie Lateinamerika, zeigt sich Ungleichheit entlang von Geschlecht, Klasse, Alter, Herkunft oder sexueller Orientierung. Daher will die AFM die Kampagne gegen Fundamentalismen politisch und kulturell stärken und ausbauen. Da es die Frauen sind, die am meisten unter den verschiedenen Fundamentalismen leiden, dient die Kampagne dazu, deren Partizipation und Kampf gegen das „Einheitsdenken“, das keine Alternativen zulässt, sowie ihre Bürgerinnenschaft zu stärken. Das größte Potenzial der Kampagne liegt darin, das Fortschreiten dieses Einheitsdenkens zu erschweren und die Demokratie sowie den Laizismus zu vertiefen, um die Ausübung der Menschenrechte für Frauen und deren gesellschaftliche Teilhabe zu garantieren.

Und der Anspruch von „Tu boca fundamental contra los fundamentalismos“ bleibt hochaktuell. Das Jahr 2017 wird voraussichtlich neue Mauern, Geflüchtete, Kriege und Ungerechtigkeiten mit sich bringen. In diesem regionalen und globalen Kontext müssen soziale Bewegungen dazu fähig sein, dieser „neuen fundamentalistischen Welle“ mit gemeinsamen Strategien entgegenzutreten und die Menschenrechte zu verteidigen und auszuweiten.

Die Bewegungen sind aufeinander angewiesen und sollten Allianzen schließen, um gemeinsame Aktionen und Kämpfe zu koordinieren. Um diese Kämpfe zu unterstützen, hat die AFM beschlossen, der Kampagne neuen Schwung zu verleihen. Wir setzen auf das, was Menschen bewegen können, wenn sie sich organisieren. Wir zählen auf die Macht, die von deinem Mund ausgehen kann.

Aus dem Spanischen von Tobias Lambert.

Lucy Garrido

Lucy Garrido ist Journalistin, Mitarbeiterin der Articulación Feminista Marcosur in Montevideo und eine der Initiatorinnen der Kampagne „Tu boca fundamental contra los fundamentalismos“.