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Kampagnen: In Bewegung für eine andere Welt

Rohstoffe in Zeiten von Industrie 4.0

Die nächste Industrielle Revolution beginnt, doch Menschenrechte und ökologische Standards im globalen Süden werden nicht beachtet

Industrie 4.0 heißt das neue Glaubensbekenntnis der Industrie. Industrieverbände und Bundesregierung sehen in der digitalisierten Vernetzung von Maschinen und Dingen die Superwaffe für die drängendsten Fragen der Zeit. Doch Industrie 4.0 verschärft den unermesslichen Rohstoffbedarf vor allem im globalen Norden weiter. Und die Einhaltung menschenrechtlicher und ökologischer Standards bei der Rohstoffgewinnung ist noch kein Thema der Debatte. Das muss sich ändern.

Maschinen und Dinge kommunizieren miteinander, der Lieblingsjoghurt wird auf Bestellung gemischt, der Laufschuh als Unikat im 3D-Drucker produziert und das Auto fährt selbständig zur Werkstatt für den Batteriewechsel. Die Zukunft mit dem Kürzel 4.0 klingt angenehm und verlockend, verspricht nicht nur in der weltweiten Produktion, sondern auch im alltäglichen Leben Unterstützung bei ungeliebten Arbeitsschritten.

Dass der Mensch nach Optimierung strebt, ist nicht neu. Technologische Innovationen wirken schon seit Jahrhunderten als Katalysatoren der Verbesserung und Vereinfachung von Arbeitsschritten. Drei große industrielle Revolutionen liegen inzwischen hinter uns: Ende des 18. Jahrhunderts übernahmen Dampf- und Wasserkraft den Antrieb von Maschinen. Kohle, Eisen und Stahl waren die Bausteine dieser ersten Revolution. Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Elektrizität dazu, verwandelte kleine Betriebe in große Fabriken, ersetzte Hand- durch Fließbandarbeit und Einzelfertigung durch Massenproduktion. Noch immer war es der Mensch, der steuerte, Maschinen unterstützen ihn. Bereits mit der Dritten Industriellen Revolution in den 1970er Jahren änderte sich dies ein wenig. Computer übernahmen die Datenverarbeitung und ermöglichten einen immensen Daten- und Informationsaustausch, Maschinen übernahmen immer mehr Aufgaben des Menschen, der die Maschinen aber noch steuerte oder die Steuerung programmierte.

Doch die Entwicklung schreitet rasant voran. Mit dem, was Bundesregierung, Industrieverbände und die Deutsche Akademie der Wissenschaften nun als Vierte Industrielle Revolution bezeichnen, bekommt alles Materielle ein elektronisches Kleinhirn, mit dem es Daten ins digitale, globale Netz einspeisen, sich abstimmen und von anderen Elektrohirnen Steuerungsbefehle erhalten kann. Maschinen lernen von Maschinen. Maschinen programmieren und steuern Maschinen. Der Mensch sitzt nur noch im Kontrollraum, irgendwo in der Welt, womöglich die Füße auf dem Schreibtisch.

„Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen oder Material nachbestellen – wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen, dann sprechen wir von Industrie 4.0.“, schreibt das Bundeswirtschaftsministerium auf seiner Webseite. Die Vernetzung der Dinge, im anglophonen Raum auch oft als das Internet der Dinge bezeichnet, ist Wirklichkeit geworden.

Woraus die Dinge sind

Jedes dieser elektronischen Kleinhirne benötigt eine Hülle, jeder Sensor eine Platine, jeder Roboter zahlreiche Sensoren, elektronische Geräte ihren Touchscreen, jedes vernetzte Ding seinen RFID-Tag1, jedes Windrad seinen Hochleistungspermanentmagneten. Der Verbrauch an metallischen und mineralischen Rohstoffen, ganz zu schweigen von fossilen Energieträgern, stieg in den letzten Jahrzehnten beständig an. In den letzten 30 Jahren hat sich der Rohstoffverbrauch verdoppelt, auch ohne Industrie 4.0. Digitalisierung bedeutet nun nicht nur ökonomisch, sondern auch rein materiell gesehen, nicht Verringerung, sondern weiteres Wachstum. Doch unendliches Wachstum, das vor allem auf der Herstellung von Materiellem basiert, ist schlicht nicht vereinbar mit den ökologischen Grenzen des Planeten.

Viele Zukunftstechnologien bringen zudem einen sehr spezifischen Rohstoffbedarf mit sich. Einzelne Komponenten müssen bestimmte Eigenschaften hinsichtlich ihrer Dichte, Schwere, Leiterfähigkeit oder Elastizität aufweisen, die nur ein bestimmter Rohstoff hergibt. 16 Rohstoffe, die bei der Konstruktion und Funktion dieser Technologien unerlässlich sind, rücken dabei ins Zentrum des Interesses, darunter Gallium, Germanium, Indium, Kobalt, Kupfer, Lithium, Platin, Dysprosium, Silber, Tantal, Titan und Zinn. Einige waren schon immer begehrt, andere werden es sein.

„Ausgerechnet für etliche dieser Rohstoffe ist die sichere Versorgung der Industrie in Gefahr”, sorgte sich Ulrich Grillo, damaliger Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), bei dessen fünftem Rohstoffkongress 2016 mit dem Titel „Rohstoffsicherung 4.0”. Die Digitalisierung erhöht den Rohstoffbedarf, dazu bekennen sich inzwischen alle. Doch während das für den BDI vor allem Handlungsbedarf bei der Rohstoffsicherung bedeutet, sorgen sich Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen in der ganzen Welt um die Auswirkungen der rohstoffsichernden Strategien auf Mensch und Natur.

Industrie 4.0
Elektromobilität wird die Rohstoffnachfrage massiv anheizen. Auch wenn, wie hier in Paris, noch einige Ladeplätze leer stehen.

Zementierte Machtverhältnisse statt globaler GerechtigkeitDenn wenn der BDI und andere Industrieverbände Rohstoffsicherung betreiben, treten Menschenrechte und Ökologie nicht selten in den Hintergrund. Die Vierte Industrielle Revolution wird den Wirtschaftsstandort Deutschland verändern. Industrie 4.0 steht für intelligente Vernetzung. Doch wenn wir nicht aufpassen, zementiert sie globale Macht- und Produktionsverhältnisse und verschärft Umweltkrisen und Menschenrechtsverletzungen beim Rohstoffabbau – ungestraft.

Wer trägt die Kosten, wenn schwermetallbelasteter Rotschlamm und ätzende Natronlauge aus dem Bauxitabbau in Guinea für gravierende gesundheitliche Probleme bei der lokalen Bevölkerung sorgen? Wer übernimmt die Anwaltschaft, wenn in der kongolesischen Provinz Katanga MinenarbeiterInnen über Jahre toxischem Kobaltstaub ausgesetzt sind und Flüsse durch radioaktive Rückstände unbrauchbar geworden sind? Die negativen Auswirkungen des Rohstoffabbaus finden im Hype um Industrie 4.0 neben den Versorgungsängsten der Industrie derzeit keinen Platz.

Die Bundesregierung verweigert eine stärkere Regulierung, mit der deutsche Unternehmen für Schäden beim Rohstoffabbau Verantwortung übernehmen müssten. Stattdessen knüpfen ihre rohstoffpolitischen Forderungen nahtlos an die fast ein Jahrzehnt alte Rohstoffstrategie der Bundesregierung an: Freihandelsabkommen, Klagemöglichkeiten gegen Exportbeschränkungen, Investitionsgarantien und andere Methoden der Rückendeckung für die deutsche Wirtschaft.

Dabei wissen wir heute, was die Auswirkung dieser Politik ist: Der Großteil der Abbaulasten liegt auf den Schultern der Bevölkerungen in den rohstoffreichen Ländern, die teure Abbautechnologien importieren müssen, um überhaupt eine Rolle im neuen, großen Spiel zu haben. Sie werden nicht davon profitieren, dass sich im globalen Norden multinationale Konzerne den 4.0-Markt unter sich aufteilen.

Industrie Fair.0
Industrie 4.0 kann nur fair werden, wenn sie konsequent mit staatlichen Regulierungen im Bereich Menschenrechte- und Umweltschutz flankiert wird.
Die Begeisterung für Industrie 4.0 darf nicht von der politisch notwendigen Frage nach der Suffizienz, dem rechten Maß, ablenken. 2013 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung Industrie 4.0 euphorisch als Lösungsansatz für die herausfordernde Verknappung natürlicher Ressourcen und Rohstoffe eingeordnet. Und 2017 schwebt Industrie 4.0 noch immer unter einer Euphoriekuppel: Mit fast schon ignoranter Technologiegläubigkeit wähnt man sich auf der Zielgeraden zur Dematerialisierung. Die wird aber nicht stattfinden, das zeigen inzwischen auch die Prognosen verschiedener staatlicher Einrichtungen.2  Fossile werden durch metallische Rohstoffe ersetzt, Rohstoffströme werden sich wandeln. Weniger aber wird es wohl nicht. Industrie 4.0 bietet intelligente Lösungen, unter anderem sogenannte Cyber-Physical Systems, Interaktionen zwischen Mensch, Sensor und Softwarewelt, eines der Herzstücke der Revolution. 2015 erkannte die Wirtschaftswoche die große Chance von Industrie 4.0 für Unternehmen: Mittels verschiedener Instrumente der Datenfernübertragung können Lieferketten kontrolliert und transparenter werden. Technisch ist da sicherlich noch Spielraum. Aber die politischen Weichen dafür müssen erst gestellt werden.

Ende 2016 bot sich der Bundesregierung eine gute Gelegenheit hierfür: Mit dem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte hätte das Bundeskabinett Unternehmen zu menschenrechtlicher Verantwortung verpflichten können. Doch unter dem massiven Druck der Industrie verzichtete es wieder einmal auf verbindliche Regulierungen.

Industrie 4.0 ist da. Wann aber kommt die rohstoffpolitische Revolution?

1 RFID-Tag: Radio Frequency Identification Tags sind mobile Datenträger mit integriertem Mikrochip, die ermöglichen, Objekte im Raum über Funk zu orten. In der Produktion kann so analysiert werden, wo und wann etwas hergestellt wurde, im Marketing werden RFID-Tags genutzt, um nachzuverfolgen, wohin die Ware sich bewegt.

2 DERA (2016) Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016, BGR und DERA (2016): Mineralische Rohstoffe für die Energiewende. Commodity TopNews, Ausgabe 50, und: BDI (2016): Ohne Rohstoffe keine Industrie 4.0.

Industrie 4.0

Michael Reckordt arbeitet bei PowerShift als Koordinator des bundesweiten Netzwerks AK Rohstoffe.

Industrie 4.0

Beate Schurath leitet die INKOTA-Regionalstelle und koordiniert den Themenbereich Ressourcengerechtigkeit.