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Südlink 181 - September 2017

Soziale Ungleichheit: Wenn die Reichen immer reicher werden

Wer verdient an der Schokolade?

Die Kakaolieferkette ist ein Paradebeispiel für globale soziale Ungleichheit.

Während die Mehrheit der Kakaobäuerinnen und -bauern in Armut lebt, machen wenige Akteure am anderen Ende der Wertschöpfungskette fette Gewinne mit der Schokolade. Zudem leiden die Kakaoanbauländer unter ihrer Exportabhängigkeit – einer Altlast der Kolonialzeit. Was müsste geschehen, um die Ungleichheit in der globalen Kakao- und Schokoladenherstellung zu überwinden?

Albert ist in Kamerun auf einer Kakaoplantage aufgewachsen, als Sohn eines Kakaobauern. Als er vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland kam, traute er seinen Augen kaum: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass man hier so viel Geld mit Schokolade verdienen kann – während in Westafrika die Mehrheit der Kakaobauern in bitterer Armut lebt.“

Der Anbau von Kakao und die Herstellung von Schokolade sind ein anschauliches Beispiel für soziale Ungleichheit im globalen Maßstab. Diese Ungleichheit ist nicht neu – der Grundstein dafür wurde schon in der Kolonialzeit gelegt. Kakao, ursprünglich die „Speise der Götter“ der Maya und Azteken, wurde nach der kolonialen Eroberung zuerst zum beliebten Luxusprodukt für europäische Adelige. Als sich Schokolade ab dem 19. Jahrhundert zum Massenkonsumartikel entwickelte, brachten europäische Kolonialist*innen den Kakao nach Afrika, um ihn dort – unter menschenunwürdigen Bedingungen – im großen Stil anbauen zu lassen.

Der Kolonialismus ist in den Hauptanbauländern von Kakao zwar seit mittlerweile rund sechzig Jahren überwunden. Doch an der Grundstruktur, die sich durch den Kolonialismus etablierte – Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden produzieren unter ausbeuterischen Bedingungen für den Konsum im globalen Norden – hat sich seitdem nur wenig geändert.

Die Einkommen müssten sich mindestens verdreifachen
Dies wird einerseits an der extremen Ungleichheit in der Wertschöpfungskette von Kakao deutlich. Am einen Ende stehen rund 5,5 Millionen Kakaobäuerinnen und -bauern, die die wichtigste Zutat für die Schokolade anbauen. Die Mehrzahl von ihnen lebt in Armut oder extremer Armut. Laut Kakaobarometer 2015 kommen Kakaobauernfamilien in der Elfenbeinküste, dem weltweit wichtigsten Anbauland, durchschnittlich auf ein Pro-Kopf-Einkommen von 0,54 US-Dollar am Tag. Dass sich ihr Einkommen verdreifachen oder sogar vervierfachen müsste, damit sie der Armut entkommen, wird mittlerweile auch von Industrievertreter*innen anerkannt. Die meisten Kakaobäuerinnen und -bauern sind bis heute selbst nie in den Genuss einer Schokolade gekommen. Noch dazu arbeiten rund zwei Millionen Kinder in Westafrika unter ausbeuterischen Bedingungen auf Kakaoplantagen.

Doch natürlich sind die Kakaobäuerinnen und -bauern keine homogene Gruppe. Der Begriff der „low-hanging fruits“ verweist zum Beispiel auf das Problem, dass viele Nachhaltigkeitsprogramme von Entwicklungsorganisationen und Industrie nur einen kleinen Teil der Bäuerinnen und Bauern erreichen – und zwar diejenigen, die bereits in Kooperativen organisiert sind und tendenziell über einen besseren Marktzugang verfügen.

Rund 80 Prozent der Kakaobäuerinnen und -bauern sind dagegen nicht organisiert, können ihre Interessen somit kaum vertreten und fallen meistens durch das Raster. Auch Geschlechterungleichheit spielt im Kakaoanbau eine Rolle und führt dazu, dass Frauen beispielsweise beim Zugang zu Land und zu Führungspositionen in Kooperativen stark benachteiligt werden.

Die Lage der Kakaobauern und -bäuerinnen steht im krassen Gegensatz zur Situation am anderen Ende der Wertschöpfungskette. Schokoladenhersteller und Einzelhandel im globalen Norden kommen gemeinsam auf einen Anteil von rund 70 Prozent an der Wertschöpfung – während die Kakaobäuerinnen und -bauern nur etwa sechs Prozent erhalten. Wenige, transnational tätige Süßwarenunternehmen, die meisten mit Sitz in Europa oder den USA, dominieren den Markt und machen jährlich Milliardenumsätze mit Schokoladeprodukten.

Doch auch die Konsument*innen im globalen Norden profitieren: Ausbeuterische Bedingungen im Kakaoanbau sind eine Voraussetzung dafür, dass die Schokolade im Supermarkt so günstig verkauft werden kann. Dies trägt dazu bei, dass auch sozial benachteiligte Gruppen in Deutschland in den Genuss des einstigen Luxusprodukts kommen können.Die Geschichte des Schokoladenkonsums ist ein gutes Beispiel, wie die „imperiale Lebensweise“, die Ulrich Brand und Markus Wissen in ihrem jüngsten Buch beschreiben (eine Rezension des Buches findet sich auf Seite 42), zu einer Demokratisierung der Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand geführt hat – allerdings auf Kosten anderer Teile der Welt.

Ein weiteres Erbe des Kolonialismus ist die Exportabhängigkeit der Kakaoanbauländer. Für Ghana und die Côte d'Ivoire ist Kakao die Hauptdevisenquelle. Der Kakaosektor erwirtschaftet mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts von Ghana. Fällt der Weltmarktpreis für Kakao, führt dies schnell zu wirtschaftlichen Problemen. Die aktuelle Kakaopreiskrise ist dafür ein eindrückliches Beispiel: Innerhalb von wenigen Monaten stürzte der Preis für Kakao an den Börsen um mehr als ein Drittel ab. Dem ghanaischen Staat entgingen dadurch Schätzungen zufolge in der ersten Jahreshälfte 2017 Einnahmen in Höhe von rund einer Milliarde US-Dollar.

Während die ghanaische Regierung ankündigte, den staatlich garantierten Mindestpreis für Kakao trotz der Krise stabil zu halten, wurde dieser in der Côte d'Ivoire aufgrund finanzieller Probleme um 30 Prozent gesenkt. Es ist zu befürchten, dass in der Folge die missbräuchliche Kinderarbeit zunehmen könnte, weil sich die Kakaobäuerinnen und -bauern keine bezahlten Erntehelfer*innen mehr leisten können.

Vom Preisverfall profitiert zynischerweise vor allem die Schokoladenindustrie. So erreichten etwa die Aktien von Barry Callebaut, dem größten Kakaoverarbeiter der Welt, einen neuen Höchststand. Laut Aussage des Geschäftsführers verbesserten sich die Gewinnaussichten des Unternehmens vor allem aufgrund des niedrigen Kakaopreises. Es ist in solchen Fällen also keine Übertreibung zu sagen, dass Unternehmen Extragewinne auf Kosten extremer Armut machen.

Kakaobauern, die ─ wie hier in Ghana ─ den Fairen Handel beliefern, bekommen zumindest etwas höhere Preise bezahlt. Foto: Divine Chocolate

Wie aber lässt dich die Ungleichheit in der globalen Kakao- und Schokoladenherstellung überwinden? Vor allem durch eine Umverteilung innerhalb der Wertschöpfungskette. Deshalb setzt sich zum Beispiel der Faire Handel für eine gerechtere Verteilung der Gewinne und für eine Stärkung der Produzent*innen ein. Allerdings zeigen Studien von Fairtrade, dass sich die gezahlten Prämien und festen Mindestpreise bisher nur geringfügig auf die Einkommenssituation der Kakaobäuerinnen und -bauern auswirken und diese in der Regel nicht der Armut entkommen. Damit der Faire Handel seinen Namen wirklich verdient, muss er die Mindestpreise und Prämien deutlich erhöhen. Nur dies kann den Bäuerinnen und Bauern ein existenzsicherndes Einkommen garantieren.

Darüber hinaus stehen vor allem die Schokoladenunternehmen aufgrund ihrer Marktmacht in der Pflicht. Sie dürfen sich nicht länger hinter dem Argument verstecken, keinen Einfluss auf den Kakaopreis zu haben, der lediglich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf dem Weltmarkt resultiere.

Unternehmen könnten kurz- und mittelfristig  den Weltmarktpreis durch die Zahlung flexibler Prämien umgehen1. Die Höhe der Prämien könnte sich an einem Richtwert orientieren, den der sogenannte Farm-Gate-Price (Erzeugerpreis) auf keinen Fall unterschreiten sollte. Solche Prämienmodelle werden schon heute von einzelnen Unternehmen im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsprojekte verwendet, allerdings bisher nur in sehr begrenztem Umfang.

Auch die Regierungen in den Anbauländern können Einfluss auf den Erzeugerpreis nehmen. Neben den staatlich garantierten Mindestpreisen, die die Situation der Kakaobäuerinnen und -bauern in den letzten Jahren verbessert haben, könnte ein weiteres Instrument die Steuerung des Kakaoangebots sein. Ghana und die Côte d'Ivoire wären hierfür in einer geeigneten Position, da sie gemeinsam rund 60 Prozent des globalen Kakaos herstellen. Gegenwärtig verhandeln beide Länder mit der Afrikanischen Entwicklungsbank über einen Kredit, um die dafür notwendigen Lagerkapazitäten aufzubauen. 

Eine Grenze von Alternativen wie dem Fairen Handel ist, dass auch sie die Grundstruktur „Globaler Süden produziert Rohwaren für Weiterverarbeitung und Konsum im globalen Norden“ nicht oder nur in Ausnahmefällen in Frage stellen. Deshalb wird als längerfristige Strategie häufig gefordert, die Weiterverarbeitung stärker in die Anbauländer zu verlagern und ihnen somit einen größeren Anteil an der Wertschöpfung zu ermöglichen. Außerdem soll die dortige Binnennachfrage gestärkt werden, um die Exportabhängigkeit der Anbauländer zu verringern.

Auch hier gilt es jedoch, genau hinzusehen: Wie sehr von der Weiterverarbeitung in den Anbauländern die dortige Bevölkerung profitiert, hängt davon ab, wem die Fabriken gehören und wie stark Unternehmensgewinne besteuert werden. Die erste große Schokoladenfabrik in der Côte d'Ivoire, die 2015 eröffnet wurde, gehört zum Beispiel dem französischen Unternehmen Cémoi. Auch die Kakaoverarbeitungsanlagen in Ghana gehören größtenteils multinationalen Unternehmen und operieren in Freien Exportzonen, wo sie massive Steuervergünstigungen genießen und ihre Gewinne abführen können.

Schokolade in den Anbauländern selbst herzustellen ist zudem vor allem dann sinnvoll, wenn es einen lokalen Markt dafür gibt. In Westafrika gibt es jedoch keine Tradition des Kakao- und Schokoladenkonsums. Zwar gibt es in den Geschäften der ivorischen Hauptstadt Abidjan in den letzten Jahren immer mehr Schokolade „Made in Ivory Coast“ zu kaufen. Diese kann sich bisher aber vor allem die Ober- und Mittelschicht leisten.

Von einer Überwindung der Ungerechtigkeit im globalen Kakao- und Schokoladengeschäft sind wir also noch weit entfernt. Der Kolonialismus mag offiziell lange vorbei sein – doch seine Folgen sind hier bis heute spürbar.

1 Antonie Fountain / Friedel Hütz-Adams (2017): Raising Farm Gate Prices. Approaches to Ensure a Living Income for Smallholder Cocoa Farmers. Cocoa Barometer Consultation Paper.

Johannes Schorling

Johannes Schorling arbeitet beim INKOTA-netzwerk für die Kampagne Make Chocolate Fair! und ist Mitglied der Südlink-Redaktion.