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Südlink 182 - Dezember 2017

Literarischer Süden: In Büchern unterwegs

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Wind aus dem Norden, Wind aus dem Süden

Der Ort im literarischen „globalen Süden“. Eine Positionsbestimmung.

Großstädtisches Durcheinander und gewaltige Landschaften, verborgene Winkel und einladende Tische, Plätze des Liebens und Leidens – Orte zu beschreiben ist für Autorinnen und Autoren nicht nur ein Instrument, der Handlung einen Rahmen zu geben oder die eigene erzählerische Kunstfertigkeit zu beweisen. Es bedient auch das Bedürfnis des Publikums, fremde Orte kennenzulernen und vertraute neu zu sehen. Aber wo liegen diese Orte eigentlich? Bei der Literatur aus dem globalen Süden ist die Antwort nur scheinbar einfach.

Mir wird bewusst, dass ich die Bücher nicht verfasst habe, um eine Landschaft zu beschreiben, sondern um weiter Teil von ihr zu sein. (...) Erst als ich in Montréal lebte, fand ich zu meiner Individualität. Bei minus 30 Grad wird man sich sofort seines Körpers bewusst. In der Hitze von Port-au-Prince entflammt sich leicht die Phantasie. Der Diktator hatte mich vor die Tür meines Landes gesetzt. Um dorthin zurückzukehren, bin ich durch das Fenster des Romans gestiegen.
- Dany Laferrière, „Das Rätsel der Rückkehr“

Im internationalen Vergleich müssen besonders viele haitianische Autorinnen und Autoren fern von ihrem Geburtsort schreiben. Jahrzehntelange Diktaturen, unproduktive Lebens- und Arbeitsverhältnisse haben Zentren haitianischer Kultur außerhalb des Landes entstehen lassen, in Kanada, Florida oder New York. Es ist geradezu ein Markenzeichen der reichhaltigen haitianischen Literatur geworden, was Dany Laferrière über das Spannungsverhältnis zwischen Montréal und Port-au-Prince in seinem Werk bemerkt: Erst fern der Insel findet er zu sich selbst, aber das Schreiben ist auf Haiti hin orientiert.
1939 brachte Aimé Césaire, Schriftsteller von der Antilleninsel Martinique, mit seinem großen Prosapoem „Cahier d’un retour au pays natal“ einen Titel in die Welt, der zum geflügelten Wort wurde. Auf Deutsch gibt es verschiedene Fassungen: „Zurück ins Land der Geburt“ übersetzte Janheinz Jahn einst den Titel, aber Klaus Laabs’ „Aufzeichnungen von einer Rückkehr ins Land der Geburt“ ist viel treffender, denn die Reflexion der Rückkehr durch den literarischen Text, das „cahier“, ist gerade das Entscheidende. Auch Dany Laferrière – sein Essay trägt den schönen, auf Césaire bezogenen Titel „Das Rätsel der Rückkehr“ – findet ja „durch das Fenster des Romans“ nach Haiti zurück.

Ist der literarische Ort also ein anderer als der, durch den man mit seinen Füßen gehen kann? Wie viel Montréal steckt in Laferrières Haiti? Wie viel aus den US-Südstaaten steckt im Macondo des Gabriel García Márquez, der sich doch immer dazu bekannt hat, wie stark er von William Faulkner beeinflusst wurde? Und wie viel Burma steckt im Werk George Orwells, der dort als unglücklicher Kolonialbeamter einige Jahre verbrachte und mit „Tage in Burma“ einen auch heute noch sehr lesenswerten Roman schrieb?

Wenn ein Nord-Süd-Magazin wie der Südlink der Literatur aus dem globalen Süden einen Schwerpunkt widmet, ist die Frage nach dem Ort, nach der Lokalisierung des „globalen Südens“ in der Literatur jedenfalls eine relevante Frage.

Es geht um (post)koloniale Verhältnisse

Was eigentlich eine Autorin, ein Autor des Südens ist, scheint vergleichsweise leicht zu beantworten. Wir haben es uns mit der Formel „Afrika, Asien, Lateinamerika“ recht bequem eingerichtet. Dass aber Schriftstellernamen manchmal in die Irre führen können, haben wir mit der bei Orléans geborenen Marie NDiaye oder dem im kolumbianischen Barranquilla geborenen Marco Schwartz genauso gelernt wie mit manch argentinischem Autor italienischen Namens: Bianciotti, Dal Masetto; die Migration hat seit jeher auch die Namen reisen lassen. Auch die Staatsangehörigkeit hilft kaum weiter: Dass der Peruaner Mario Vargas Llosa den Papieren nach Spanier ist und der auf Trinidad geborene V. S. Naipaul Brite, dass die Algerierin Assia Djebar Französin war und der Kurde Yusuf Yesilöz einen Schweizer Pass besitzt, spielt keine Rolle, wenn uns doch interessiert, was sie zu erzählen haben.

Wir erwarten vor allem Geschichten aus den Ländern des Südens, die auf eigenen Erfahrungen, auf Prägungen und originären Einsichten beruhen. Die Kindheit muss im Süden verbracht worden sein, das soziale Umfeld und die Familie sollte „stimmen“. Es geht bei der Literatur des Südens wohl vor allem um den Stoff und damit um Themen, die im weitesten Sinne koloniale oder postkoloniale Verhältnisse berühren.

»Alle Literatur trägt das Exil in sich«, erklärte Roberto Bolaño. Dany Laferrière fand durch »das Fenster eines Romans« in seine Heimat zurück. Foto: Rémi Kaupp (CC BY-SA 2.0)

Nun beschränkten sich derartige Verhältnisse keineswegs auf die Länder, die wir als Kolonialmächte zu betrachten gelernt haben, noch auf jene Regionen in Übersee, die wir als Kolonien kennen (eben: „Asien, Afrika, Lateinamerika“). Dass das Russische Imperium ebenfalls ein Kolonialreich war – nur eben nicht übers Meer, sondern über Land errichtet –, kann uns gewisse estnische, georgische, kirgisische oder jakutische Verhältnisse auch als (post-)koloniale sehen lehren.

Das Osmanische Reich hat nicht nur selbst Völker und Königreiche unterworfen, sondern ist in den letzten Jahrzehnten seines Niedergangs selbst zum Objekt kolonialen Zugriffs geworden. Persien, der heutige Iran, wurde zwar nie formal kolonisiert, war aber neben Zentralasien einer der wichtigsten Schauplätze des imperialen „Great Game“ zwischen Großbritannien und Russland.

Sogar die österreichische und deutsche Politik gegenüber dem aufgeteilten beziehungsweise besetzten Polen wird gelegentlich als ein Kampffeld imperialistischer Politik gedeutet. So betrachtet, gehören Werke der polnischen, türkischen oder modernen persischen Literatur ebenfalls zur Literatur des „globalen Südens“, insofern sie von diesen historischen Prägungen durch Kolonialismus und Imperialismus sprechen.

Folgt man dieser Argumentationslinie konsequent, lösen sich weitere Grenzen auf. Das Spiel mit Personifizierungen, Metaphern und Allegorien ist so alt wie die Literatur selbst und darf von jedem weitergespielt werden. Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen überhaupt keine konkreten historischen, politischen oder sozialen Verhältnisse benennen, um von kolonialer Unterdrückung, Entrechtung und Ausbeutung zu sprechen.
Sie lassen sich auch als unterdrückerische, entrechtende, ausbeuterische Verhältnisse in einem beliebigen Büro, einer Mittelschichtspartnerschaft, im Kontakt mit Außerirdischen oder im Kopf eines Dorflehrers erzählen. Käme der Autor aus Kenia, würden wir den Roman ohne zu zögern der Literatur des Südens zurechnen – selbst wenn kein einziger eindeutiger lokaler Hinweis vorhanden wäre. Und wenn ein solches Buch von einer schwedischen Autorin geschrieben wäre?

Die Frage nach einem eingrenzbaren globalen Süden in der Literatur wird, so betrachtet, zu einer müßigen. Zu lesen bedeutet ja bei jedem neuen Buch auch: ihm die Chance zu geben, etwas ganz Neues zu erzählen. Etwas, was ich weder vorausgesehen habe (als ich den Geburtsort der Autorin im Klappentext las) noch wiedererkenne (etwa eine Geschichte, deren Stoff ich schon in anderen Romanen begegnet bin).

Dazu bietet der Roman seit eh und je unermesslich reiche Möglichkeiten des Erzählens, man denke nur an den inneren Monolog. Er bringt uns seinen Stoff nicht nur nahe, sondern hilft ihn weit über die eigentliche Handlung hinaus auch verstehen. Mario Vargas Llosas „Krieg am Ende der Welt“, Chinua Achebes „Alles zerfällt“, Taiye Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“, Assia Djebars „Fantasia“ – sie alle vermitteln Konflikte und Konstellationen so, dass sie sich dank ihrer künstlerischen Gestalt tief einprägen.

Wenn sich beim Lesen Abgründe öffnen
Die Unerbittlichkeit der französischen Armee bei der Eroberung Algeriens versteht, wer gelesen hat, wie Assia Djebar in „Fantasia“ den Kampf gegen die in Höhlen versteckten Einheimischen im Jahre 1845 beschreibt: „Obendrein kommt Wind auf und weht die Flammen in die gewünschte Richtung; der Rauch zieht fast restlos in die Höhlen. Die Soldaten sind glücklich; die Soldaten sind beschäftigt. Sie schüren das Feuer bis um sechs Uhr morgens am 20. Juni, also achtzehn Stunden lang ohne Unterbrechung. (...) Mitten in der Nacht waren aus den Höhlen einige Detonationen zu hören, ziemlich deutliche Explosionen. Dann nichts mehr. Die Stille dauerte bis zum Morgen. Dann verlöschten die Feuer.“
Die Formulierung „Die Soldaten sind glücklich; die Soldaten sind beschäftigt“ öffnet verschiedene Denkräume: „Sie sind glücklich und beschäftigt“, oder aber: „Sie sind glücklich, weil sie beschäftigt sind“, und auch: „Sie sind nach langer Zeit endlich einmal beschäftigt“ – mit einem Massaker allerdings, das ihre bisherige militärische Erfolglosigkeit beendet und sich gegen Einheimische richtet, die gegen die Eroberung ihres Landes Widerstand leisten. „Die Stille dauerte bis zum Morgen“ – eine entsetzliche Stille, aber das muss Assia Djebar gar nicht genauer sagen.

Das Kriegsgebiet hat Djebar im Roman kenntlich gemacht – die felsige, abgelegene Gegend zwischen Mostaganem und Orléansville, trocken und karg, mit „als uneinnehmbar geltenden Grotten, die ihnen schon zur Zeit der Türken als Zuflucht gedient haben“. Assia Djebar nennt Namen, Daten, Orte, zitiert aus Dokumenten, und doch ist „Fantasia“ weit mehr als ein regionales Geschichtsbuch. Denn ihr Ort engt den Zugang des Lesers zum Text nicht ein. „Die Soldaten sind glücklich; die Soldaten sind beschäftigt“ – dieser Abgrund des Menschlichen offenbarte sich 1845 und kann als Bekenntnis Assia Djebars, Unabhängigkeitsaktivistin im Algerienkrieg Mitte des 20. Jahrhunderts, gelesen werden. Aber dieser Abgrund öffnete sich an vielen anderen Orten und Zeiten eben auch. Gute Bücher zeigen uns auch dann etwas über uns selbst, wenn sie an entlegenen Orten handeln.

Durch die Literatur bekommen wir einen anderen Blick auf die Welt. Foto: Eneas de Troya (CC BY 2.0)

Manche Autoren haben ihrem literarischen Ort einen erfundenen Namen gegeben, um Assoziationen mit tatsächlichen Orten zu minimieren. Gabriel García Márquez’ Macondo ist wohl der berühmteste unter diesen Orten, Juan Carlos Onettis Santa María wäre allerdings genauso zu erwähnen wie Juan Rulfos Comala. Roberto Bolaño wählte für die mexikanisch-US-amerikanische Grenzstadt Ciudad Juárez den Namen Santa Teresa. Am Anfang des zweiten Teils seines Romans „2666“ erzählt er, wie die Hauptfigur Amalfitano dort ankommt.

„Ich weiß nicht, was mich bewogen hat, hierherzukommen, sagte sich Amalfitano nach einer Woche in Santa Teresa. Du weißt es nicht? Du weißt es wirklich nicht? fragte er sich. Ehrlich, ich weiß es nicht, sagte er zu sich selbst, und das sagte eigentlich alles. Er hatte ein eingeschossiges Häuschen, drei Zimmer, ein komplettes Bad und ein zusätzliches Klo, eine amerikanische Küche, ein Wohn-Esszimmer mit Fenstern nach Westen, eine kleine Backsteinveranda mit einer verwitterten Holzbank, verwittert durch den Wind aus den Bergen und vom Meer, verwittert durch den Wind aus dem Norden, durch den Wind aus den Tiefebenen und den nach Rauch riechenden Wind aus dem Süden. (...) Er hatte einen Patio, ideal, um dort Rasen zu säen und Blumen zu pflanzen, obwohl er nicht wusste, welche Blumen sich hier am besten eigneten – Blumen, nicht Kakteen oder Sukkulenten. Er hatte Zeit (glaubte er), einen Garten anzulegen.“
Geboren in Chile, hat Roberto Bolaño lange Jahre in Mexiko verbracht und ließ sich schließlich in Spanien nieder – ein Ortewechsler auch er, zudem ein radikaler. In seinem Essay „Exile“ sagt er: „Alle Literatur trägt das Exil in sich, egal, ob sich der Schriftsteller mit zwanzig Jahren aus dem Staub machen musste oder nie sein Haus verlassen hat.“ Bolaño ist mit dieser Auffassung nicht allein – die Literatur der Welt ist durchzogen von Einsamen, Fremden, Rastlosen, Suchenden, denen ein realer, physischer Ort nicht genug Trost im Leben bieten kann.

Es gilt daher genau hinzuhören, wie Bolaño den Ort – Amalfitanos Haus in Santa Teresa – zeigt. Die kargen Ausstattungsbeschreibungen geben wenig Anhaltspunkte – eingeschössig, drei Zimmer und so weiter: das könnte fast überall sein. Aber es weht Wind: aus den Bergen und vom Meer, aus dem Norden und dem Süden. Vielleicht legt er einen Garten an, aber bis er soweit angekommen ist, dass er auch weiß, welche Pflanzen hier wachsen, dauert es noch.

Roberto Bolaño macht explizit, was für viele interessante Bücher gilt: Ein Ort auf der geographischen Landkarte und einer auf der literarischen sind nicht deckungsgleich, auch wenn sie denselben Namen tragen und sich ganz erstaunlich ähneln. Sogar Teju Cole mit seinen großen Stadtbüchern – „Open City“ über New York, „Jeder Tag gehört dem Dieb“ über Lagos – sind da keine Ausnahme, so reportageartig, so getränkt mit Verkehrsmitteln, Straßen- und Gebäudenamen sie auch daherkommen mögen. Sie sind zugleich Romane über das Eindringen einer Stadt in jemandes Leben „im Schritttempo“, wie es am Beginn von „Open City“ heißt, und am Beispiel von Lagos über die Rückkehr in eine andere Stadt als die, die er einst verlassen hat, über das Vergehen der Zeit und das Verändern seiner selbst.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir tun nichts Schlechtes, wenn wir in Romanen aus dem Süden nach genauen Ortsbeschreibungen suchen. Wir werden sie finden, weil sich den Autorinnen und Autoren gewisse Stoffe anbieten, auch solche, die mit Orten im engeren oder weiteren Sinne zu tun haben, mit geschichtsgetränkten oder geschichtsvergessenen, fremdartigen oder vertrauten, mit scheinbar unberührten oder durchglobalisierten Orten des Südens, die uns interessieren. Und sie werden uns, wenn das Buch gut ist, nicht allein literarisch packen, als Erzählung, die uns etwas angeht, sondern auch, weil sie uns einen Ort erschließen, den wir bisher ganz anders gesehen haben oder der uns unbekannt war.

Aber wir lassen weite Felder des Denkens unbeackert und Freuden der Lektüre ungenossen, wenn wir nicht weiter schauen. Im Zentrum der Literatur steht der Mensch, im Zentrum eines konkreten Romans zuallererst sein Autor, seine Autorin. Das Land, in das Dany Laferrière durch das Fenster des Romans steigt, ist sein eigenes, ist er selbst.

Die Orte der Literatur finden sich im Kopf
Oder nehmen wir Taiye Selasi und ihren großartigen Roman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“: Eine Familie, die über den Globus verstreut lebt, trifft sich in Ghana, weil sie den gerade verstorbenen Vater zu bestatten hat. Ja, der Roman zeigt uns die Orte, an denen er spielt, Accra, Lagos, London, New York, in fesselnder Intensität. Diese Orte und ihr spannungsreiches Beziehungsnetz prägen aber, und darum geht es im Roman in erster Linie, die handelnden Personen.

Am Ende bestatten sie den Vater dann tatsächlich. „Benson holt die Urne aus einem offiziell wirkenden Karton und reicht sie Fola mit einem offiziell wirkenden Nicken. Sie hatte geplant, die Asche in der Meeresbrise zu verstreuen, den Mann freizulassen, das Ende ein Anfang und so weiter. Aber als sie jetzt den Deckel abschraubt, schafft sie es nicht. Irgendwie findet sie es nicht richtig, dass er verstreut werden soll. Sie sind genug verstreut worden, denkt sie. Zerbrochener Topf, Fragmente. Lass ihn da drin, denkt sie, damit er ganz bleibt. Also schraubt sie den Metalldeckel wieder zu und kniet am Wasserrand nieder. Ihre Kinder schaut sie lieber nicht an, aus Angst, sie könnte anfangen zu weinen. ‚Odabo.’ Leb wohl. Stellt die Urne ins Wasser.“

In der „Meeresbrise“, einer eigenartigen Mischung aus Wasser und Luft, lösen sich bei Taiye Selasi die festen Orte auf. Die Entscheidung der Witwe Fola, die Asche ihres Mannes nicht zu verstreuen, sondern die ganze Urne dem Meer zu übergeben, ist ein schwacher Trost – früher oder später wird sich auch diese Urne öffnen. Was aber zählt, ist: Die verstreute Familie hat durch diese Urne wieder zusammengefunden und wird sich so an den Vater erinnern. Die Orte der Literatur, auch der Literatur des globalen Südens, finden sich im Kopf.

Valentin Schönherr

Valentin Schönherr ist Geschichtslehrer und Redaktionsmitglied des Südlink.

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