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Südlink 182 - Dezember 2017

Literarischer Süden: In Büchern unterwegs

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„Das passiert jeden Tag in aller Welt“

Ein Gespräch mit dem Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner über seine Haft in der Türkei, absurde Vorwürfe und wie er die Zeit im Gefängnis überstanden hat

Der Albtraum begann am 5. Juli. Gemeinsam mit einem Kollegen und acht türkischen Menschenrechtler*innen wurde Peter Steudtner während eines Seminars auf der vor Istanbul gelegenen Insel Büyükada verhaftet. Es folgte eine Odyssee durch verschiedene Polizeistationen und Gefängnisse, bis er am 25. Oktober freikam. Angeklagt wurden die „Istanbul 10“ der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Das Verfahren gegen sie ist noch nicht zu Ende.

Peter, Du warst unter dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung mehr als 100 Tage in Haft. Mit ein paar Wochen Abstand: Kommt Dir das Erlebte wie ein Albtraum vor?
Normalerweise wacht man aus einem Albtraum auf und dann kommt der Tag. Bei mir war es umgekehrt: Ich hatte die Nacht zum Träumen und bin morgens in einem Albtraum aufgewacht. Es war nicht jeden Tag schrecklich, aber jeden Tag aufs Neue bin ich im Gefängnis aufgewacht, ohne dass es einen Grund dafür gab.

Wie geht es Dir jetzt?
Es fühlt sich momentan an wie in einer Parallelzeit. Ich genieße das Zusammensein mit meiner Familie und mit den Menschen, dir mir fast vier Monate gefehlt haben. Gleichzeitig bin ich mit meinen Gedanken und manchmal auch mit meinem Tagesrhythmus noch im Gefängnis in Silivri.

Du wurdest am 5. Juli während eines Menschenrechtsseminars auf der Insel Büyükada festgenommen. Was dachtest Du, als die Polizei kam?
Mein erster Gedanke war: So fühlt sich das also an. Ich hatte von anderen gehört, wie das ist, aber selbst noch keine solche Razzia erlebt. Dann habe ich überlegt: Was habe ich gehört, was ist hilfreich? Ruhig bleiben, direkten Augenkontakt vermeiden, nicht bedrohlich wirken. Es war wie in einem schlechten Film: Die Polizisten waren alle in zivil, hatten die Waffen hinten im Gürtel stecken, haben sich aber nie ausgewiesen. Sie sprachen weder Deutsch noch Englisch, und ich damals noch kein Türkisch.

Haben die Polizisten erklärt, was Euch vorgeworfen wird?
Nein, das erfuhren wir erst nach zwei Wochen, bei der ersten Anhörung. Bis dahin gab es nur Gerüchte.

Und was besagten die Gerüchte?
Mitgliedschaft in einer Terrororganisation. Schon am ersten Abend wurde mir in einem inoffiziellen, aber sehr harschen Verhör vorgeworfen, dass ich zur PKK gehöre, die Gülen-Bewegung unterstütze und ein Spion Deutschlands sei. Auch nach BND-Kontakten wurde ich gefragt.

Worum ging es eigentlich in dem Seminar?
Dieses Seminar speziell für Menschenrechtsverteidiger*innen habe ich mit meinem Kollegen Ali Gharavi schon öfter angeboten. Wir hatten diese Seminare bereits in Mosambik, Angola, Kenia und Myanmar ohne Probleme abgehalten. Weil wir schon vor einiger Zeit festgestellt haben, dass diese Bereiche eng miteinander verknüpft sind, geht es um eine Verbindung zwischen Umgang mit Stress und Trauma und zusätzlich um Datensicherheit.

Wie ging es nach der Festnahme weiter?
Wir kamen in eine kleine Polizeistation auf Büyükada. Dort gab es genau zwei Zellen, ohne Tageslicht, in eine kamen wir sechs Männer, in die andere die vier Frauen. Am späten Nachmittag wurden wir informiert, dass der Staatsanwalt auf Basis der Notstandsgesetze für einen Tag Kontaktsperre über uns verhängt hatte. Wir konnten also weder Anwälte informieren, noch Konsulate oder Familienangehörige.
Nach zwei Nächten wurden Ali und ich mit dem Schiff nach Istanbul gebracht und haben mit einem Polizeibus die anderen acht eingesammelt, die noch in der ersten Nacht auf Gefängnisse in Istanbul verteilt worden waren. Das war eine schöne Stadtrundfahrt durch Istanbul, das ich bis dahin noch gar nicht kannte. Wir wurden ins Polizeipräsidium in Vatan Caddesi gebracht, wo wir in der Antiterroreinheit in einer ehemaligen Tiefgarage landeten. Dort verbrachten wir zwei Wochen. Es waren Hunderte andere Leute in dieser Tiefgarage, in der Antiterroreinheit und neben an in der Abteilung für Organisierte Kriminalität.

Istanbul 10
Brüssel im Juli 2017. Eine der vielen Aktionen zur Freilassung der »Istanbul 10«. Foto: Richard Burton / AI

Wie war deine Stimmung in diesen zwei Wochen?
Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen. Also obwohl das Essen die ersten zwei Wochen wirklich miserabel war, trotzdem regelmäßig zu essen. Möglichst viel Kontakt zu den Mitgefangenen zu haben. Wir haben Miniworkshops gemacht, um herauszufinden, was uns gut tut. Oder gemeinsam mit den anderen zu überlegen, ob Weinen gut ist oder nicht. Im Männertrakt ist Weinen nicht an der Tagesordnung, da wird eher der starke Mann rausgekehrt. Und trotzdem konnten wir den anderen sagen, dass es völlig okay ist, wenn jemand weint. Die Solidarität war groß, ich habe viele Inhaftierte beim Weinen begleitet.

Waren die anderen auch aus politischen Gründen in Haft?
Ich war im Hochsicherheitstrakt der Antiterroreinheit, da wurden alle des Terrorismus verdächtigt. Häufig aus völlig absurden Gründen. Zum Beispiel hatte einer in einem Restaurant am Nebentisch gehört, dass jemand angeblich zum IS übertreten wollte. Doch derjenige hatte nur einem Freund aus der Zeitung etwas über den IS vorgelesen.
In einer Woche kamen vor allem Leute, die beschuldigt wurden, der Gülen-Bewegung anzugehören. Das waren viele Intellektuelle, Professoren, Richter oder Anwälte. In der nächsten Woche kamen eher Leute, denen die Mitgliedschaft im IS vorgeworfen wurde, die haben viel mehr gebetet.

Konntest du in dieser Zeit auch mit deiner Familie sprechen?
In der Polizeistation auf Büyükada konnte ich einmal mit meiner Partnerin Magdalena Freudenschuss sprechen. In Vatan ging das nicht, aber immerhin konnte ich jeden Tag meine Anwält*innen sehen, die in Kontakt mit ihr standen.

Wie ging es nach diesen zwei Wochen weiter?
Wir wurden erst einem Staatsanwalt vorgeführt, der für uns alle Untersuchungshaft verlangte. Dem entsprach in der anschließenden Gerichtsverhandlung der Richter. Vier der türkischen Seminarteilnehmer*innen von Büyukada kamen in das Gefängnis von Silivri, vier kamen unter Auflagen frei – wobei zwei von ihnen kurze Zeit später doch wieder inhaftiert wurden. Das war ein Riesenschlag. Wir alle, auch die anderen Gefangenen, dachten, dass wir freikommen.

Weil es bei euch so besonders absurd war?
Zum einen das, und weil Ali als Schwede und ich als Deutscher mit dabei waren. Alle dachten, dass kann sich keiner leisten, uns ohne Beweise weiter festzuhalten.

Wo kamt ihr dann hin?
Ins Ausländergefängnis nach Maltepe. Dort wurden wir das erste Mal wie Kriminelle behandelt. Wir wurden geschubst und mit der Art, wie sie uns durchsuchten, wollten sie zeigen, dass sie uns möglichst klein halten würden. Die Beamten haben sich aber auch untereinander angeschrien und geschubst. Zum ersten Mal bekam ich Angst, in diesem Gefängnisbetrieb unter die Räder zu kommen. Das hat sich bei der medizinischen Untersuchung noch verstärkt. Dort saßen Mitgefangene mit Verletzungen, wo ganz klar war, dass diese Ergebnis von Schlägereien waren.
Da waren Ali und ich sehr froh, dass unsere Zelle abgeschieden in einem Trakt im 1. Stock war, wo wir keinerlei Kontakt zu anderen Gefangenen hatten. Das war ein eigener Trakt, wo wir uns frei bewegen konnten. Gut, frei ist relativ, aber es waren zwei relativ gute Wochen für uns, wir konnten uns gegenseitig unterstützen.

Das waren die zwei Wochen, nachdem Du offiziell diese Anklage bekommen hast. Ist es da bei dir umgeschlagen, dass du dachtest, jetzt ist die Lage sehr ernst?
Für mich war es von Anfang an sehr ernst. Ich arbeite seit langem mit Menschenrechtsaktivist*innen und weiß, dass sich solche Verfahren über Jahre hinziehen können. Dass man aus irgendwelchen politischen Gründen jederzeit wieder freigelassen werden kann, dass man aber auch ohne jegliche Beweise verurteilt werden kann. Die Vorstellung, bis zu zehn Jahren von der Familie getrennt zu sein, war natürlich eine Horrorvorstellung. Gleichzeitig hatte ich aber auch eine innere Zuversicht, dass ich das aushalten kann, zumindest solange ich nicht misshandelt werde.

Und was passierte, als die zwei Wochen vorbei waren?
Da kamen die Beamten und sagten zu uns: ‚Your are leaving, take your stuff!! Es kostete uns fünf Minuten, um herauszubekommen, dass wir nicht freigelassen werden, sondern dass sie uns in ein anderes Gefängnis bringen würden, nach Silivri. Dort wurden Ali und ich voneinander getrennt und verbrachten die ersten drei Tage in Isolationshaft. Danach kam ich in eine Zelle mit einem anderen Gefangenen. Jede Zelle hatte einen eigenen kleinen Hof. Der hatte sieben Meter hohe Mauern, aber wir konnten da drüber schreien und so mit Gefangenen aus den Nachbarzellen reden. Zu Ali hatte ich aber bis zu meiner Freilassung keinen Kontakt mehr.

Waren Deine Nachbarn auch politische Gefangene?
In diesem Trakt von acht Zellen wurde allen vorgeworfen, die Gülen-Bewegung zu unterstützen. Es war auch ein bisschen ein VIP-Bereich, in Anführungsstrichen. In der Zelle neben meiner waren ein Ex-Gouverneur und ein Ex-Bürgermeister. Es gab hochrangige Generäle, Polizeikommandanten, Universitätsprofessoren und so weiter. So hatte ich das Glück, dass es in den Nachbarzellen immer mindestens einen gab, der Englisch sprach. Auch mein Mitinsasse, ein junger Student, sprach Englisch.

Was hast Du gedacht, als Du nach Silivri kamst und schon einige Wochen in Haft warst?
Ich habe mir die verschiedenen Szenarien ausgemalt, was nun passieren kann. Ich bekam mit, wie lange andere schon in Haft waren; aber auch wie plötzlich jemand um Mitternacht entlassen wurde, und keiner wusste wieso. Ich habe so gelebt, stets den nächsten Tag zu schaffen und so gut es ging, etwas für mein eigenes Wohlergehen getan. Morgens habe ich Yoga gemacht und als ich Stift und Papier hatte, habe ich jeden Tag Tagebuch geschrieben.
In diesem Hof von 7,20 mal 4,80 Meter bin ich viel gelaufen und habe irgendwann angefangen, meinen eigenen kleinen Marathon zu laufen. Außerdem habe ich viel gelesen. Ich bin allen Autoren und Autorinnen dankbar, die es schaffen, einen mit ihren Büchern in andere Gedankenwelten zu entführen. Meinem Zellennachbarn habe ich zum Geburtstag aus einem Briefumschlag ein Schachspiel gebastelt, dann haben wir ganz viel Schach gespielt. Auch ein Backgammon haben wir uns gebaut.

Hat dir deine Ausbildung als Konflikttrainer dabei geholfen, mit dieser Situation zurechtzukommen.
Ja. Ich habe in den letzten Jahren viele Menschenrechtsverteidiger*innen trainiert, auch um sie auf eine Zeit im Gefängnis vorzubereiten. Ich bringe nichts bei, was ich nicht selbst gemacht habe oder mir zumindest vorstellen kann, es selbst zu machen. Durch diese Trainings hatte ich das Feedback von anderen Menschenrechtsverteidiger*innen, die mir berichtet haben, was ihnen im Gefängnis geholfen hat. Manche kamen irgendwann nach einem meiner Trainings ins Gefängnis, und nach ihrer Freilassung haben sie mir geschrieben, was ihnen geholfen und was nicht funktioniert hat.

Wir haben sieben Jahre zusammengearbeitet. Dabei habe ich Dich stets als jemanden erlebt, der eher das Positive sieht. Würdest Du auch sagen, dass deine Gabe, eher optimistisch an eine Sache rangehen zu können, Dir auch in Silivri geholfen hat?
Auf jeden Fall. Ich habe in meinem Leben Sachen erlebt, die schlimmer waren, und gemerkt, wie Menschen, vor allem meine Familie, mich tragen können. Ich habe gelernt, darauf und auf meine innere Kraft und Flexibilität zu vertrauen. Natürlich sind der Rahmen einer Menschenrechtsverletzung und die Kommunikationseinschränkungen unmenschlich. Und trotzdem kann ich etwas mit mir angefangen, auch unter schlechten Bedingungen. Mit entsprechender Vorbereitung ist sehr vieles auszuhalten.

Du konntest alle zwei Wochen zehn Minuten mit deiner Familie telefonieren. War das immer schön, oder auch manchmal belastend, weil es so wahnsinnig kurz war?
Das sind zehn sehr gefühlvolle Minuten, aber die bedeuteten auch einen immensen Druck. Zudem bin ich kein großer Telefonierer, es war nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden.  Manchmal waren meine Eltern dabei, zwei Mal auch meine kleine Tochter. Die zehn Minuten mussten also auch noch aufgeteilt werden.

Dann kam irgendwann der Prozess. Wie hast Du Dich da drauf vorbereitet?
Etwa zehn Tage vor dem Termin rief mir jemand zu, er habe im Fernsehen gesehen, dass der Büyükada-Prozess am 25. Oktober sein solle. Die Anklageschrift bekam ich am gleichen Nachmittag, auf Türkisch. Mein Zellennachbar hat sie für mich übersetzt. Bald danach hatte ich ein Treffen mit meinen Anwält*innen, und ab da konnte ich sie täglich sehen, manchmal mehr als vier Stunden lang. Mehrmals haben wir meine Verteidigungsrede durchgesprochen und immer wieder versucht, diese zu kürzen. Wir mussten ausbalancieren, wie mit juristischen Argumenten umzugehen ist, die politisch motiviert sind. Das war schwierig, aber es ging gut. Je näher der 25. Oktober kam, umso nervöser wurde ich.

Was hast Du gedacht, als der Prozess begann?
Ich habe mich riesig gefreut, die anderen wieder zu sehen. Wir hatten über drei Monate im Gefängnis verbracht, davor haben wir gerade einmal drei Tage bei dem Seminar zusammen verbracht. Ich kannte die anderen kaum, aber trotzdem war da eine enorm starke Verbindung. Mit dieser Stimmung sind wir in das Gerichtsverfahren gegangen. Bis zur letzten Minute hatte ich kein Gefühl dafür, ob wir freikommen oder zu zehn Jahren Haft verurteilt werden.

Wie war das, als das Urteil gesprochen wurde?
Überwältigend. Wir haben es erst mit zwei Minuten Verzögerung mitbekommen, weil unsere Übersetzerin, die Familienangehörigen und Prozessbeobachter*innen zur Urteilsverkündigung nicht zugelassen waren. Erst mal waren alle wie in Schockstarre, ungläubig. Und dann hat uns eine Anwältin gesagt ‚You are free, you are free.‘ Die Freilassung war jedoch erst aus dem Gefängnis in Silivri. Also wurden wir wieder in Handschellen im Gefangenentransporter nach Silivri gebracht, aber in wesentlich besserer Stimmung. Mein Zellennachbar hat mir geholfen, meine Sachen zusammenzupacken und hat sich riesig für mich gefreut.

Wie war die Begleitung durch die deutschen Behörden?
Von den diplomatischen Bemühungen habe ich kaum etwas mitbekommen. Die beiden Mitarbeiterinnen aus dem juristischen Bereich des Konsulats haben alles in ihrer Macht Stehende getan und immer wieder versucht zu verhandeln, um die Kommunikationsbeschränkungen zu lockern. Auch das eine Treffen, das ich mit dem Deutschen Botschafter hatte, war sehr gut und offen.

Inzwischen war am 22. November der zweite Tag des Verfahrens. Was ist da passiert?
Der mitangeklagte Leiter der türkischen Sektion von amnesty international, Taner Kılıç, wurde nicht freigelassen. Er wurde bereits einen Monat vor uns inhaftiert und sitzt seitdem in einem Gefängnis in Izmir. Positiv ist, dass alle Auflagen für die acht türkischen Mitinhaftierten unseres Seminars aufgehoben wurden. Sie müssen sich nicht mehr regelmäßig bei der Polizei melden und haben ihre Reisepässe zurückbekommen.
Auch wurde festgelegt, dass wir zu den nächsten Gerichtsterminen nicht mehr erscheinen müssen. Aber wir sind ja auch schon bei diesem zweiten Tag des Verfahrens nicht vor Gericht erscheinen. Der nächste Gerichtstermin ist erst für den 31. Januar 2018 anberaumt. Die Gefahr ist, dass sich der Prozess unendlich lang hinzieht. Das dieser Prozess weitergeht, ist eine Farce. Insbesondere für meine türkischen Mitangeklagten ist die emotionale Belastung enorm.

Wie geht es nun weiter?
Ich bin noch in der Zeit des Ankommens und nehme mir viel Zeit für die Familie und für Freunde. Ich werde bestimmt im Menschenrechtsbereich aktiv bleiben, da kriegt mich keiner weg. Mit anderen, die mich die Monate in Haft unterstützt haben, möchte ich das Erlebte gemeinsam auswerten und überlegen, was wir daraus lernen können und wie wir dies anderen zugänglich machen können. Das könnte so eine Art „preparing for prison guide“ werden. Ein anderer Bereich, den wir in den Fokus rücken wollen, ist die Unterstützung von denen, die unterstützen, Familienangehörigen und engen Freund*innen.

Wie wichtig waren während der Gefängniszeit die vielen Solidaritätsbekundungen von außen?
Ich habe seit meiner Jugend über Amnesty International Briefe an Gefangene geschrieben. Nun habe ich gemerkt, wie gut das tut, zu wissen, dass da Leute schreiben und an einen denken. Ich möchte allen danken, die sich in den letzten Monaten für mich und die anderen der Istanbul 10 eingesetzt haben. Ich habe die große Bitte, auch weiterhin Menschenrechtsaktivist*innen durch Briefe schreiben, Aktionen, auf politischer und juristischer Ebene zu unterstützen. Was ich erlebt habe, passiert Menschenrechtsaktivisten in aller Welt täglich.

Das Gespräch führte Michael Krämer.

Peter Steudtner
© Gregor Zielke / panphotos.org

Peter Steudtner hat lange Zeit bei INKOTA gearbeitet. Seit einigen Jahren ist er als Trainer für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und holistische Sicherheit sowie als Dokumentarfilmer tätig.

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