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Südlink 183 - März 2018

Saatgut: Warum es nicht den Konzernen gehören darf

Der Allesvernichter

Wie es zu der Neuzulassung des Totalherbizids Glyphosat auf EU-Ebene kam, was dies für Mensch und Umwelt bedeutet und wie Alternativen aussehen könnten

Glyphosat – es gibt kaum ein Produkt, dessen Name so sehr für eine konzerndominierte Landwirtschaft und Forschung steht. Das Pestizid sorgt für hohe Gewinne bei Monsanto und Co. Doch es birgt auch enorme Gefahren. Für die Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen, und für die Vielfalt auf den Äckern der Welt. Schon gibt es sogenannte „Superunkräuter“, die gegen Glyphosat resistent sind und sich immer weiter ausbreiten. Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Diese stehen jedoch den Interessen der großen Agrarkonzerne entgegen.

Der Streit um Glyphosat hat sich zum wahren Dauerbrenner entwickelt. Daran hat sich auch durch die Zulassung um weitere fünf Jahre durch den Rat der Europäischen Union am 27. November 2017 nichts geändert. Zumal die Bewertungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) – und die daran angelehnte Prüfung durch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA sowie die Europäische Chemikalienagentur ECHA – im krassen Widerspruch zur Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation stehen: Letztere klassifizierte Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“.

Wie kommt es zu diesen widersprüchlichen Aussagen? Welche Interessen und Kräfteverhältnisse stehen dahinter? Wer profitiert von Glyphosat und wer muss im globalen Machtspiel einstecken? Was genau ist Glyphosat überhaupt, und was sind die Alternativen?

Roundup Ready, Weedkill & Co.
Glyphosat ist der Hauptbestandteil einer Reihe von Totalherbiziden, also Breitband-Unkrautvernichtungsmitteln. Dabei schätzen Anwender*innen die Eigenschaft, dass sich Glyphosat im Boden wenig verbreitet und deutlich schneller abgebaut wird als Pestizide der ersten Generation wie zum Beispiel DDT. Besonders erfolgreich lässt sich Glyphosat in Kombination mit gentechnisch verändertem Saatgut vermarkten, das gegen das Herbizid resistent gemacht wurde. So kann der Wirkstoff gezielt Begleitkräuter vernichten, ohne die Ackerpflanze selbst zu schädigen.

Die bekannteste Marke ist Monsantos Roundup Ready, das seit 1974 auf dem Markt ist. Heute ist Glyphosat das weltweit am meisten eingesetzte Pestizid und wird auch auf 44 Prozent der deutschen Ackerfläche versprüht. Größte Einzelverbraucherin in Deutschland ist dabei die Deutsche Bahn mit 75 Tonnen pro Jahr. Nur durch die effektive Unkrautbeseitigung könne die Sicherheit im Schienenverkehr gewährleistet werden. Die Patente auf Glyphosat sind im Jahr 2000 ausgelaufen, die größte Produktionsstätte ist heute China.

Ein zentraler Kritikpunkt an Glyphosat sind die negativen Auswirkungen auf die weltweit bedrohte Artenvielfalt. Die Tatsache, dass Glyphosat – wie von den Herstellern gewünscht – auf alle Pflanzenarten wirkt, hat zur Folge, dass nicht nur ein Rückgang in der Dichte, Biomasse und Samenbildung von „Unkräutern“ nachzuweisen ist, sondern dadurch auch das Insektensterben massiv beschleunigt wird, da diese in den Monokulturen nicht genügend Nahrung finden. Wie allgemeinhin bekannt ist vor allem die Bestäubung durch Bienen auch für uns Menschen überlebenswichtig.

Außerdem hat der Einsatz von Glyphosat in Kombination mit herbizidresistenten Ackerpflanzen in den letzten Jahren in den USA zum Entstehen von resistenten „Superunkräutern“ geführt, die wiederum mit neuen Giftcocktails zu bekämpfen versucht wurden. Weitere negative Folgen entstehen durch die Art des Anbaus, der dem Einsatz von Glyphosat meist zugrunde liegt: Vor allem in Argentinien, Brasilien und Paraguay mussten Millionen Hektar artenreicher Landschaften – darunter die ökologisch sensiblen Savannen des brasilianischen Cerrado – den Sojawüsten weichen, oft zum Nachteil von Kleinbauern und -bäuerinnen oder indigenen Gruppen, denen ihr Land genommen wurde. Während in Europa im Durchschnitt zwei Kilogramm Glyphosat pro Hektar zum Einsatz kommen, werden in den sogenannten „Sojarepubliken“ Südamerikas zehn bis zwölf Kilogramm pro Hektar ausgebracht.

Krebserregend oder nicht – ein nicht endender Streit
Seit 2010 durchgeführte Untersuchungen argentinischer Wissenschaftler*innen belegen, dass es parallel zur rapiden Ausbreitung der Gensoja-Monokulturen in Argentinien einen Anstieg der Zahl von Fehlgeburten, Missbildungen bei Neugeborenen und Krebserkrankungen gab – vor allem in jenen Gebieten, die an die mit Glyphosat behandelten Felder angrenzen. Nach Studien der Universität von Rosario ist die Krebsrate in den untersuchten Gemeinden, die alle in Gebieten mit einem hohen Pestizideinsatz auf Gensoja-Monokulturen liegen, 1,79 mal höher als im nationalen Durchschnitt (368 Krebsfälle pro 100.000 Einwohner*innen im Vergleich zu 206 Fällen).

Schon in den 1980er Jahren hat in den USA eine Studie mit Labormäusen eine krebserregende Wirkung von Glyphosat nachgewiesen. Zeitweise wurde der Wirkstoff bereits damals von der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. 2015 kam dann schließlich das Urteil der IARC: Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“.

Agrarflugzeug im Einsatz:Glyphosat ist das weltweit am meisten genutzte Pestizid. Foto: CCO 1.0

Dieses Ergebnis basiert auf der Auswertung von insgesamt neun Krebsstudien an Ratten, von denen in zwei Untersuchungen erhöhte Krebsraten auftauchten, und fünf Studien an Mäusen, die alle bedeutend höhere Krebsraten feststellten. In der Tat sagt die IARC-Gefahrenbewertung noch nichts über das Risiko aus, also die Wahrscheinlichkeit, mit der Menschen in Folge des Kontaktes mit Glyphosat erkranken.

So sei Glyphosat laut Herstellern und auch gemäß der BfR-Bewertung „bei sach- und bestimmungsgemäßer Anwendung“ nicht schädlich. Nichtsdestotrotz reichen laut der EU-Gesetzgebung zwei unabhängige Tierversuche aus, die eine erhöhte Krebsrate aufzeigen, um den untersuchten Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend“ zu klassifizieren und den Einsatz des jeweiligen Pestizids zu verbieten. Doch das geschah nicht.

Das BfR lieferte im Zuge der Neubewertung angebliche Gegenbeweise, welche die Befunde der bisher untersuchten Studien abschwächen sollten. Nach Ansicht des Toxikologen Peter Clausing, der seit Jahren die Debatte um Glyphosat verfolgt, sind diese neuen Studien jedoch nicht stichhaltig, und in mehreren europäischen Ländern reichten Nichtregierungsorganisationen wegen Betrugs Klage gegen das BfR ein. Am Ende bescheinigten jedoch sowohl EFSA als auch ECHA, Glyphosat sei wahrscheinlich nicht krebserregend, und ermöglichten somit eine Neuzulassung des Pestizids auf EU-Ebene für weitere fünf Jahre. Für diese Entscheidung im November 2017 im EU-Ministerrat trägt nicht zuletzt der damalige deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt eine zentrale Verantwortung, der sich mit seiner Zustimmung sogar über die Vereinbarung in der Regierungskoalition hinwegsetzte. Die Interessen von Agrarkonzernen wie Bayer waren ihm wichtiger.

Wie Monsanto Studien manipulierte
Im Frühsommer 2017 veröffentlichte die US-Organisation Right to Know unter dem Namen „Monsanto Papers“ zahlreiche gerichtliche Dokumente, die belegen, wie Monsanto in den vergangenen Jahren versucht hat, die Bewertung der Toxizität von Glyphosat zu beeinflussen.1  Anlass hierfür waren Klagen von insgesamt über 1.000 Bürger*innen und deren Angehörigen, die den Saatgut- und Pestizidhersteller für ihre Erkrankung am Non-Hodgkin-Lymphom, eine Art Lymphdrüsenkrebs, verantwortlich machen.

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Die veröffentlichten internen E-Mails zeigen, wie Monsanto vermeintlich unabhängige Wissenschaftler*innen darum bat, ihren Namen unter die selbst geschriebenen Studien zu setzen, um so die IARC-Einstufung zu diskreditieren und eine Neubewertung durch die US-Gesundheitsbehörde zu verhindern. Auch das BfR übernahm in seiner eigenen Risikobewertung seitenweise Inhalte aus unveröffentlichten Studien von Monsanto, ohne diese Passagen als Zitate zu kennzeichnen. Es wurden lediglich die Namen der von Monsanto beauftragten Autor*innen herausgestrichen. Daraufhin reichte das Umweltinstitut München im Oktober 2017 auf Grundlage eines Gutachtens des Plagiatsprüfers Stefan Weber Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den BfR-Präsidenten ein.

Jüngst wurde ein weiterer Fall bekannt, der zeigt, wie Monsanto seine Macht nicht nur nutzt, um wissenschaftliche Bewertungen zu beeinflussen, sondern auch um kritische Nichtregierungsorganisationen zu schwächen: So ordnete ein US-Gericht auf Antrag von Monsanto Ende Januar 2018 an, die internationale Kampagnenorganisation Avaaz müsse Monsanto und anderen Firmen bis zum 23. Februar sämtliche E-Mails und weitere Dokumente im Zusammenhang mit ihrer Kampagnen- und Lobbyarbeit zu Glyphosat vorlegen und die E-Mail-Adressen von Hunderttausenden Avaaz-Mitgliedern veröffentlichen. Avaaz legte Widerspruch ein, der Fall ist noch nicht entschieden.

Jenseits des Streits um die krebserregende Wirkung von Glyphosat wird deutlich: Das grenzenlose Ringen um Ertragssteigerungen durch Gentechnik und die Erfindung immer neuer, giftiger Unkrautvernichtungsmittel ist alles andere als nachhaltig und dient einzig der Profitmaximierung großer Konzerne wie Monsanto. Gewiss, Glyphosat mag nicht das schlimmste aller Pestizide sein und ein nationaler Ausstieg, wie ihn beispielsweise Frankreich vormacht, darf nicht bedeuten, dass dafür andere, womöglich noch toxischere Herbizide zum Einsatz kommen.

Stattdessen muss die Agrarpolitik dringend agrarökologische Anbaumethoden fördern: Dabei sollten nicht nur kluge Anbausysteme mit vielfältigen Fruchtfolgen und sogenannten „Push and Pull“-Systemen zur Abwehr von Schädlingen im Vordergrund stehen. Die Erzeugung von Lebensmitteln darf nicht in der Hand weniger Großkonzerne liegen. Nachhaltig und vielfältig wirtschaftende Kleinerzeuger*innen müssen in ihren Rechten bestärkt und ihr lokales Erfahrungswissen in die Forschung einbezogen werden. Nur so kann die Weltbevölkerung mit guten Lebensmitteln versorgt werden und die Landbevölkerung in den Ländern des globalen Südens aus der Armutsfalle entkommen.

1 Die Dokumente sind hier öffentlich einsehbar.

Lena Michelsen ist Referentin für Landwirtschaft und Welternährung bei INKOTA.

Mehr Monokulturen, mehr Gentechnik, mehr Pestizide

Warum die geplante Fusion von Bayer und Monsanto so schädlich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ist

Im Saatgut- und Pestizidsektor vollzieht sich aktuell eine regelrechte Welle von Großfusionen: Nach den Zusammenschlüssen von Dow-DuPont und ChemChina-Syngenta im vergangenen Jahr hofft nun die deutsche Bayer AG, bis Juni 2018 von 30 internationalen Kartellbehörden die Genehmigung zu erhalten, Monsanto für 63,5 Milliarden US-Dollar zu übernehmen. Wird diese Fusion zugelassen, vertreiben in Zukunft nur drei Megakonzerne 60 Prozent des kommerziellen Saatguts und etwa 70 Prozent aller weltweit verkauften Pestizide.

Nicht zu Unrecht haben viele Bayer-Mitarbeiter*innen Angst vor einer Rufschädigung durch die Übernahme des umstrittenen Gensaatgut- und Pestizidherstellers und „Erfinders“ von Glyphosat. Doch Bayer-Chef Werner Baumann wird nicht müde zu betonen, dass die Fusion mit Monsanto „vor allem auch für die Gesellschaft Gutes schaffen“ würde. So sagte er bei der Aktionärsversammlung im April 2017: „Indem wir unsere Kompetenzen mit denen von Monsanto zusammenbringen, können wir noch besser dazu beitragen, die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern.“

Bayer würde dabei etwa von Monsantos Expertise im Bereich Gentechnik profitieren. Darüber hinaus ergänzen sich die regionalen Geschäftserfahrungen der beiden Konzerne: Während Monsanto vor allem in den Amerikas die Absatzmärkte kontrolliert, ist Bayer stärker in asiatischen Ländern. Und schließlich erhofft sich Bayer durch die Übernahme einen besseren Zugang zu den neuen Technologien einer digitalisierten Landwirtschaft, dem sogenannten “Precision Farming“. In diesem Bereich ist Monsanto durch seine beiden Töchter Climate Corporation und Precision Planting LLC bereits gut aufgestellt.

Doch welche gesamtgesellschaftlichen Gefahren stehen den ökonomischen Chancen gegenüber? Die Kontrolle von Saatgut in den Händen weniger Megakonzerne bedeutet letztendlich weniger Auswahlmöglichkeiten, womöglich weniger Investitionen in technische Innovation und vermutlich steigende Verkaufspreise. Dies ist besonders für kapitalschwache Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Ländern des globalen Südens fatal. Außerdem verstärkt der Verkauf von (Gen-)Saatgut und Pestiziden im Paket bestehende Abhängigkeiten und behindert die Förderung von Ernährungssouveränität. Nicht zuletzt ist mit einer verstärkten Verbreitung des Geschäftsmodells der Großkonzerne zu rechnen – also mehr Monokulturen, mehr Gentechnik und mehr Pestizide.

Daher geht nicht nur die Zivilgesellschaft in vielen Ländern gegen die Fusion auf die Straße. Auch die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat Bedenken in Bezug auf die künftige Marktmacht des Agrarriesen. So wurde die Prüfungsphase, die Ende Juni 2017 begann, bereits mehrmals verlängert. Die aktuelle Deadline auf EU-Ebene ist nun der 9. April 2018. Auch die Kartellbehörden in Brasilien und Indien haben Bedenken geäußert. Genehmigt wurde die Fusion hingegen unter anderem in Südafrika – allerdings hat die Kartellbehörde dort Bayer angewiesen, einen Teil seines Saatgut- und Pestizidgeschäfts zu verkaufen.

Lena Michelsen

Kein Platz für Dinosaurier: Auch in Deutschland protestieren viele Umwelt- und Entwicklungsorganisationen gegen die Fusion von Bayer und Monsanto. Foto: Aktion Agrar

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von Michael Krämer

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