Wer sich wehrt fliegt raus
Frau Ramirez hat einige Jahre für Adidas in einem Zulieferbetrieb in El Salvador ge-arbeitet. Entlassen wurde sie, als sie und einige Kolleginnen eine Gewerkschaft gründeten um ihr legitimes Recht einzufordern.
Hintergründe des Konfliktes
Estela, welchen Hintergrund hat Euer Arbeitskampf bei Hermosa-Manufactoring?
Die Arbeitsbedingungen bei Hermosa-Manufactoring waren nie besonders gut, aber wir brauchten diese Arbeit, auch wenn der Lohn sehr niedrig war - aber es gibt kaum andere Arbeitsmöglichkeiten... Wir haben immer viele Überstunden gemacht, wenn eine Sache raus musste und das war nicht immer freiwillig (in Hochzeiten haben wir auch schon mal 20 Std. am Stück gearbeitet ...). Zum Arzt durften wir nur, wenn je-mand schon schwer krank war und ganz schlimm war, dass sie Schwangere "zur Bestrafung" in die Cafeteria gesperrt haben. All das haben wir lange hingenommen, und aus Angst hat kaum jemand den Mund aufgemacht, wer es doch gewagt hat, sich z.B. gewerkschaftlich zu organisieren, wurde entlassen. Als uns dann aber nicht einmal mehr der mickrige Lohn ausgezahlt wurde, war das Maß voll. Zu siebt haben wir uns bei einer Gewerkschaft eingeschrieben, am 03. April 2005 wurden wir als Sektion der Gewerkschaft STITAS für unseren Betrieb beim Arbeitsministerium re-gistriert. Auch die anderen Arbeiterinnen und Arbeiter hatten genug von der Unter-drückung und so fanden wir immer mehr UnterstützerInnen, 63 sind es bis heute. Im Arbeitsministerium haben sie uns dazu angehalten, noch abzuwarten - und auch die "gelbe" Gewerkschaft, bei der wir leider gelandet waren, war uns keine wirkliche Un-terstützung, die haben uns einfach unglaublich schlecht beraten. Der Inhaber von Hermosa, Montalvo hat dann ziemlich schnell seine früheren Drohungen wahrge-macht und den Betrieb Anfang Mai 2005 geschlossen - allerdings ohne uns zu kün-digen und ohne uns die gesetzlich vorgeschriebenen Abfindungen zu zahlen. Und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass Montalvo uns jahrelang zwar die Sozi-alabgaben abgezogen, diese aber nicht abgeführt, sondern in die eigene Tasche ge-steckt hat. Auch diese Gelder fordern wir natürlich, mit den ausstehenden Löhnen, Überstunden- und Urblaubszahlungen, etc., kommt da eine ganz schöne Summe zusammen (164.577 US $) - aber Montalvo weigert sich bis heute zu zahlen.
Für welche Marken habt Ihr denn genäht?
Genäht wurde bei uns Kleidung, Sportkleidung überwiegend. Hemden, T-Shirts, Shorts, Hosen, etc. für die Marken: adidas, Nike, Russel, Puma... Adidas und Nike haben sich dann auch im Dezember 2005 mit uns getroffen. Insgesamt gab es vier Treffen, einmal auch mit dem Arbeitsministerium - da kamen wir garnicht zu Wort. Wir haben mittlerweile den Eindruck, dass die Markenfirmen sich mit diesen Treffen nur positiv darstellen wollen und auf Zeit spielen. Während wir nach mehr als 9 Mo-naten ohne Lohn ums bloße Überleben kämpfen. Ab und an haben wir ja ein Le-bensmittelpaket von einer Hilfsorganisation bekommen, das war gut, hat aber natür-lich unsere Situation nicht geändert ... Die Vertreter der Markenfirmen weigern sich, Verantwortungzu übernehmen. Gregg Nebel von adidas sagt z.B., das wäre zwar schlimm, was bei uns passiert ist, aber adidas hätte ja nicht die Arbeitsverträge mit uns gehabt, daher wären sie nicht für die Missstände verantwortlich. Zwar hätte adi-das mal bei uns produzieren lassen, aber das sei Jahre her. Und das zum Beispiel stimmt nicht, wir haben bis zum Schluss, d.h. noch 2005, adidas-Produkte genäht. Bis Ende 2003 war das direkt für adidas und danach als Subunternehmer von Chi Fung, die sind direkter Vertragspartner von adidas.
Markenfirmen wie adidas und Nike werben ja in ihren Verhaltenskodizes damit, dass sie ihrer sozialen Verantwortung nachkommen - und schreiben in den Kodizes auch Rechte fest, die bei Euch verletzt wurden ...
Ja, damit haben wir auf dem letzten Treffen mit adidas auch angefangen zu argu-mentieren. Danach hat Gregg Nebel (Anm: der adidas-Vertreter) sich dann nicht mehr um Treffen mit uns bemüht, das wollte er wohl nicht so gerne hören ... Wir ha-ben dann angefangen, stärker Druck auf die Markenfirmen auszuüben. Als Gregg Nebel das nächste Mal in El Salvador war, haben wir am 10.02.2006 die Zufahrt des Hilton Prinzess Hotel in San Salvador blockiert, wo er wohnte. Wir haben dann über Lautsprecher erklärt, dass wir uns nicht mehr weiter verschaukeln und hinhalten las-sen, sondern von adidas und Nike die Zahlung einer Entschädigung fordern, für die erlittenen Arbeitsrechtsverletzungen.
Wie schätzt Du denn die Chancen ein, dass Ihr in El Salvador selbst zu einer Lösung kommt?
Ich denke, das sieht ziemlich schlecht aus. Wir haben zwar wegen der Unterschlagung der Sozialabgaben Strafanzeige gegen Montalvo erstattet, da läuft jetzt ein Strafverfahren, aber ob unsere Justiz wirklich gegen ihn vorgehen wird, muss sich erst noch zeigen. Wir haben auch versucht, über Einzelklagen gegen Montalvo an unser Geld zu kommen, aber das ist schwierig, einiges ist schon verjährt und nicht alle konnten die notwendigen Beweise vorbringen - zu Anfang waren wir einfach to-tal schlecht beraten. Aber jetzt haben wir zum Glück eine gute Anwältin, die uns die Melidas (Anm: eine Frauenorganisation, die Maquilaarbeiterinnen unterstützt und organisiert) vermittelt haben, die bezahlen sie auch. Ein paar Prozesse haben wir gewonnen, die Hälfte ging verloren, einige sind noch offen. Ich denke, dass wir unse-re Forderungen politisch durchsetzen müssen, was hier aber wirklich schwierig ist - wir haben z.B. immer wieder vom Arbeitsministerium gefordert, dass die dafür sor-gen, dass unsere Gesetze eingehalten werden und dass Montalvo uns jetzt endlich das uns zustehende Geld zahlt, aber die sagen nur, da können sie nichts machen. Die Kontakte von Montalvo sind wohl einfach zu gut, ich glaube, der ist auch ARENA-Mitglied (Anm: die ultrakonservative Regierungspartei) - uns ArbeiterInnen hat er frü-her jedenfalls immer gezwungen, im Wahlkampf für ARENA auf die Straße zu gehen.
Habt Ihr denn Unterstützung im Land?
Ja, zum Glück. Als wir gemerkt haben, dass die Gewerkschaft FENASTRAS, bei der wir leider gelandet sind - wir hatten ja gar keine Ahnung - im Grunde für den Unter-nehmer arbeitet, haben wir uns umgeschaut. Wir haben dann eigentlich überall, an alle Türen geklopft und die Melidas haben uns von Anfang an unterstützt. Wir sind dann auch auf die Gewerkschaftsvereinigung CSTS gestoßen, die Gewerkschaften die da Mitglied sind, haben uns bei allen unseren Aktionen unterstützt, das ist mitt-lerweile unsere eigentliche politische Heimat. An die CSTS angegliedert ist auch der "mesa de la maquila", da sind wir auch mit vertreten. Mittlerweile haben sich die mei-sten zum Thema Maquila arbeitenden NGOs und eine andere Gewerkschaft in einer UnterstützerInnengruppe zusammengefunden, das ist natürlich gut. Wir kämpfen hier natürlich weiter, aber ich glaube, ohne internationale Unterstützung können wir nicht gewinnen.
Seit wann arbeitest Du denn in der Maquila?
Bei Hermosa habe ich 2000 angefangen und seit 1995 arbeite ich im Bereich der Maquilas. Zuerst habe ich bei Inducor angefangen, da haben wir Unterhosen genäht. Da war ich aber nur ganz kurz, nur 2 Monate, da haben sie superschlecht bezahlt, für tausend Kinderunterhosen habe ich nur 1,9 US $ bekommen - und das dauerte den ganzen Tag die zu nähen... Dann habe ich eine Weile nicht gearbeitet, ich musste mich vor meinem Ehemann verstecken, von dem ich mich getrennt hatte. Irgendwann habe ich dann bei Prone SA angefangen, das ist eine echt große Fabrik, da war ich 4 ½ Jahr. Die Arbeitsbedingungen waren auch nicht so gut, besonders wegen der Chefin, die hat immer rumgeschrien. Im Anschluss habe ich für drei Monate in der Maquila ATC gearbeitet, aber auch da war`s fürchterlich, wir mussten bis tief in die Nacht arbeiten und Überstunden bekamen wir nicht bezahlt - und dort haben sie auch nicht pünktlich bezahlt. So bin ich danach zu Lido-Industria gewechselt, das war total weit weg, da musste ich immer hintrampen - zwei Stunden dauerte eine Strecke. Da bin ich dann natürlich auch nicht lange geblieben, nach vier Monaten habe ich das nicht mehr gepackt... Stell Dir vor, einmal habe ich keinen Lift gekriegt... Ja, und dann habe ich bei Hermosa angefangen - das war zwar auch nicht viel besser, aber eben im Vergleich ziemlich nahe. Wann musstest Du denn dann aus dem Haus? Na, um 7.00 fingen wir an und eine Stunde brauchte ich, um dahinzulaufen, d.h. ich bin um 6.00 los. Du musstest laufen? Ja, für den Bus hatte ich nur selten das Geld.
Und was hast du gemacht, bevor Du angefangen hast in der Maquila zu arbeiten?
Bis zur 6. Klasse bin ich in Nejapa zur Schule gegangen, danach konnten wir das nicht mehr bezahlen. Vorher war das schon so, dass wir nur das Geld für Bücher, Schuluniform etc. hatten, weil meine Mutter mit uns für 2-3 Monate im Jahr in die Kaf-feeernte ging. Weit weg war das, 2-3 Stunden mussten wir zu Fuß gehen. Das war hart da, übernachtet haben wir unter Plastikplanen und nur alle 2-3 Wochen konnten wir mal nach Hause. Mit 14 habe ich dann begonnen als Hausangestellte zu arbei-ten, ein Jahr habe ich das gemacht. Das war sehr hart, die haben viel gefordert und ich musste eigentlich rund um die Uhr arbeiten, nur alle 14 Tage konnte ich mal nach Hause - da ist man nicht frei. Es hat mir besser gefallen im Kaffebeneficio zu arbei-ten, da gab es geregelte Arbeitszeiten. Zu Anfang war das allerdings wirklich schwie-rig, mir wurde übel und schwindelig, weil der Kaffee, den ich sortieren musste, da auf dem Band an mir vorbeifuhr, aber ich habe mich daran gewöhnt. Da habe ich 1 ½ Jahr gearbeitet. Mit 19 habe ich dann begonnen, in den Häusern zu waschen und zu bügeln - das war auch keine schöne Arbeit und die meisten die das machen, haben ziemlich wenig Bewusstsein. Nach 1 ½ Jahren habe ich meiner Mutter geholfen, die sich einen kleinen Marktstand erarbeitet hatte, da haben wir Gemüse verkauft - den konnten wir dann aber leider nicht so lange halten. 1986 habe ich dann 6 Monate in der Rinderaufzucht gearbeitet, zu dieser Zeit habe ich geheiratet und dann auch ziemlich bald meine erste Tochter bekommen. Zwei Jahre dadrauf wurde meine zweite Tochter geboren. Das war keine schöne Zeit, mein Mann hat mich sehr übel behandelt, fürchterlich, meine Selbstbewusstsein hat sehr gelitten.
Und wie bist du da wieder rausgekommen?
Es gab nach dem Friedensabkommen (Anm: zwischen der FMLN und der Regierung) Geld für Familienprogramme und in einem Zentrum in der Nähe wurde eine Schulung über Gender angeboten. Ich weiß garnicht mehr, wie ich da gelandet bin, auf jeden Fall hat mir das gut getan. In den drei Monaten, die ich in dem Programm war, ist mein Selbstbewusstsein wieder etwas gestiegen. Die hatten da auch einen Psychologen, der mich behandelt hat, das war total gut. Ich habe dann begonnen, meinem Ehemann gegenüber wieder meine Rechte einzufordern - und da hat meine Ehekrise angefangen, weil ich mich nicht mehr misshandeln ließ. Teil des Programms war auch dieser Kurs, wo wir nähen gelernt haben, da habe ich ein Zertifikat gemacht, sodass ich nach der Trennung dann in der Maquila arbeiten konnte, allerdings nicht sofort, da ich mich erst vor meinem Mann verstecken musste, er hat mich nach der Trennung massiv bedroht.
Habt Ihr Euch scheiden lassen?
Nein, das ist zu teuer. Hier gibt es viele Paare, die getrennt leben und eigentlich lieber geschieden wären, aber eine Scheidung nicht bezahlen können. Mittlerweile lebe ich allein und das ist ganz gut so - so bin ich freier. Naja, in Wirklichkeit lebe ich nicht "allein", ich teile mir mit meiner einen Tochter und mit meiner Enkelin die Woh-nung, wir haben beide ein Zimmer. Zum Glück kann ich jetzt wieder in Nejapa leben. Aber ich habe schon lange nicht mehr die Miete gezahlt, ich bin nur noch nicht rausgeflogen, da hier mittlerweile schon acht Jahre wohne. Ich hoffe, wir kriegen bald das Geld, das uns Montalvo schuldet - oder eine ähnliche Summe aus einem Fonds der Multis, wir brauchen das alle dringend.
Estela, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Reingard Zimmer