"Teamgeist" macht nur Adidas reich

FußballnäherInnen in Pakistan können von ihren Löhnen nicht leben —
so müssen auch die Kinder arbeiten

Auszug aus dem INKOTA-Brief Nr. 135, Fußball global - Faszination und Kommerz


Der offizielle WM-Fußball 2006 kommt aus Thailand und wird maschinell geklebt. Das Massenprodukt "Adidas Teamgeist" wird hingegen - wie zwei von drei Fußbällen aller Art und weltweit - in Pakistan von Tausenden Händen genäht. Ein Ausflug nach Sialkot im Nordosten Pakistans macht deutlich, dass dabei vor allem die Sportartikelfirmen aus dem Westen profitieren. Die NäherInnen können von ihren Löhnen nicht leben. So wird das - in der Fußballproduktion durchgesetzte - Verbot von Kinderarbeit ausgehebelt: Die Familien sind gezwungen, ihre Kinder in andere Branchen arbeiten zu schicken.


Die Welthauptstadt der Fußballproduktion liegt im Nordosten Pakistans: In Sialkot werden pro Jahr zwischen 35 und 40 Millionen Fußbälle, rund zwei Drittel der Weltproduktion, hergestellt. Bisher ausschließlich handgenähte Bälle. Gut 40.000 FußballnäherInnen leben davon. Sie arbeiten in über 2.000 Nähzentren im ländlichen Umland der Stadt und zum Teil auch in den Dörfern der Nachbardistrikte. Adidas und Nike, Karstadt und Coca-Cola, alle lassen in Pakistan Fußbälle nähen. Sie investieren dort nicht selbst, sondern werden von selbständigen pakistanischen Sportartikelfirmen beliefert.
Das Zusammennähen der einzelnen "Waben" zu einem Fußball dauert je nach Qualität des Balles und Erfahrung des Nähers/der Näherin zwei bis zweieinhalb Stunden. Es ist der zeit- und arbeitsintensivste Produktionsschritt bei der Fußballherstellung. Er wurde bereits seit den 1970er Jahren aus den Fabriken der pakistanischen Fußballunternehmen in der Stadt Sialkot ausgelagert, um die Löhne der NäherInnen an das niedrigere Niveau im ländlichen Umland anzupassen. In den Nähzentren arbeiten je nach Größe 20 bis 50 Näher, in Einzelfällen auch 150 bis 500. Zumeist am Rande eines Dorfes gelegen, arbeiten die Näher in einem Haus mit drei bis vier Räumen. Die einzelnen Zimmer sind mit Bastmatten ausgelegt. Heute haben die größeren Nähhallen alle einen Ventilator, der in den heißen Sommermonaten das Arbeiten etwas erträglicher macht. Die Näher sitzen auf kleinen Stühlen. Sie können so mit Hilfe ihrer Beine in einer Holzklammer die einzelnen Waben festhalten und mit beiden Händen nähen. Die einzelnen Waben sind maschinell vorgestanzt und mit kleinen Schlitzen versehen worden. An den Wänden hängen Zeitungsfotos von Schlager- oder Filmstars, ansonsten sind die Räume kahl.


Die FußballnäherInnen kennen keine festen Arbeitszeiten. Sie werden nach Stücklohn, also nach der Anzahl der fertig genähten Bälle bezahlt. Die meisten arbeiten acht bis zehn Stunden am Tag. Es gibt keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und keine bezahlten Urlaubstage. Gearbeitet und frei gemacht wird hier täglich auf eigene Rechnung. Ein Nähzentrum arbeitet meistens nur für ein Fußballunternehmen in Sialkot, oft aber auch für zwei oder drei. Die NäherInnen sind daher nicht direkt Angestellte der städtischen Fußballfirmen, sondern arbeiten für einen Subkontraktor, der bei den städtischen Firmen die Aufträge einholt und meist auch für den Antransport der Arbeitsmaterialien und den Abtransport der fertigen Bälle zur Exportfirma sorgt. So arbeiten die NäherInnen faktisch außerhalb des Geltungsbereichs der pakistanischen Arbeits- und Sozialgesetze. Im Durchschnitt kommt einE NäherIn auf ein Monatseinkommen von 3.150 Rupien (umgerechnet 44 Euro). Damit verdienen sie etwa 30 Prozent weniger als ihre KollegInnen in den Sportartikelfabriken in der Stadt. Für die Grundversorgung einer - in Pakistan üblichen - sechsköpfigen Familie bedarf es nach einer gemeinsamen Studie des Arbeitsministeriums und verschiedener Gewerkschaften eines Einkommens von 12.000 Rupien im Monat. Um ein solches Einkommen zu erreichen, müssten vier Familienmitglieder Fußbälle nähen. Dies war und ist die Quelle der Kinderarbeit in Pakistan. Ohne existenzsichernde Einkommen bleibt ein hoher Druck auf die Familien, auch ihre älteren Kinder zur Arbeit zu schicken.


Kinderarbeit: Verschoben aber nicht abgeschafft
Noch vor zehn Jahren war jedeR dritte FußballnäherIn 15 Jahre oder jünger. Im Vorfeld der Fußball-WM 1998 kam es aber zu einer breiten öffentlichen Diskussion über die Kinderarbeit in der Fußballherstellung und zu vielfachen Protesten vor den Toren von Adidas, Nike und Puma. Die global agierenden Sportartikelkonzerne übten starken Druck auf die pakistanischen Fußballfirmen aus, um dieses Problem aus der (Fußball-) Welt und den Schlagzeilen zu bekommen. Die weltmarktintegrierten pakistanischen Sportartikelfirmen in Sialkot erkannten, dass dieses Problem existenzgefährdend für sie werden könnte und rangen sich zu energischen Schritten durch.
Im so genannten "Atlanta-Abkommen" wurde 1997 zwischen der Sialkoter Industrie- und Handelskammer (SCCI), der Weltarbeitsorganisation ILO und UNICEF die Durchsetzung des Verbots der Kinderarbeit in der pakistanischen Fußballindustrie für Kinder unter 14 Jahren vereinbart. Nachdem zunächst die ILO die externe Kontrolle der Kinderarbeit übernahm, wurde diese Aufgabe im März 2003 an die "Independent Monitoring Association for Child Labour" (IMAC) übergeben. Diese Non-Profit-Organisation führt täglich mit zwölf speziell geschulten Mitarbeitern - sechs Frauen und sechs Männer - zufallsgesteuerte Inspektionstouren in den Nähzentren durch. Seitdem gilt die Fußballproduktion der an diesem Programm teilnehmenden pakistanischen Fußballfirmen als frei von Kinderarbeitern. Nach Eigenangaben von IMAC erfasst ihr Monitoring über 95 Prozent der Fußballexportproduktion in Sialkot. So hat das Engagement wesentlicher Teile der pakistanischen Sportartikelunternehmer zu einer drastischen Reduktion der Kinderarbeit in der Fußballherstellung geführt. Soziale Begleitmaßnahmen von UNICEF und anderen Organisationen sollten zugleich dafür Sorge tragen, dass diese Kinder zur Schule gehen können.
Mit dem niedrigen Lohnniveau und der Beschränkung des Atlanta-Abkommens allein auf das Verbot der Kinderarbeit bei der Herstellung von Fußbällen ist der Kinderarbeit in der Region jedoch nicht grundsätzlich der Boden entzogen worden. Wahrscheinlich wurde sie lediglich in andere Branchen, beispielsweise die Teppichherstellung, Ziegeleien oder Autowerkstätten, verdrängt. Für Pakistan insgesamt geht die "Human Rights Commission of Pakistan" heute von etwa zehn Millionen KinderarbeiterInnen im Land aus - mit steigender Tendenz.


Konzerngewinne rauf - Löhne runter
Entgegen der häufig vertretenen These, Globalisierung bringe Vorteile für alle Beteiligten, muss in diesem Fall festgestellt werden, dass die Stücklöhne für einen Fußball in den vergangenen zehn Jahren von umgerechnet 0,56 Euro auf 0,51 Euro gesunken sind. Die Konzentration der Arbeiten in den Nähzentren hat zwar die Arbeitsplatzgestaltung verbessert und nicht wie zunächst befürchtet, zu einer völligen Beseitigung der Frauenarbeit geführt, sie aber doch deutlich eingeschränkt. Die Familien in Sialkot können daher heute an dem wachsenden Sportartikelweltmarkt nur zu schlechteren Bedingungen teilnehmen.
Die Sportartikelkonzerne konnten dagegen ihre Position auf dem Weltmarkt deutlich verbessern. An jedem Fußball aus Pakistan, der bei uns für 25 Euro verkauft wird, macht Adidas einen Gewinn von 1,34 Euro. Das ist mehr als das Doppelte des Nählohns für diesen Ball. Vor zehn Jahren konnte Adidas am Verkauf eines solchen Balls nur 0,90 Euro "gewinnen". So haben sich die Gewichte zwischen den Produzenten in der Peripherie und den Konzernen in den Metropolen verschoben. Daher kann es nicht verwundern, dass Adidas mit 390 Millionen Euro 2005 seinen Jahresgewinn innerhalb von zehn Jahren mehr als verdreifachte und im Februar 2006 ohne Probleme für 3,1 Milliarden Euro die Nummer 3 des Sportartikelweltmarkts Reebok übernommen hat. Die zunehmende Konzentration der "Global Player" im Sportartikelgeschäft wird die Bedingungen für Sialkots FußballnäherInnen sicher nicht vereinfachen. Ohne eine Umverteilung von Gewinneinnahmen der globalen Sportartikelkonzerne an die Fußball- und SportartikelnäherInnen in Sialkot sind wirklich existenzsichernde Löhne und faire Arbeitsbedingungen, aber auch eine umfassende und nachhaltige Einschränkung der Kinderarbeit in der Region nur schwer zu schaffen.


Jörg Zimmermann hat seine Promotion zur Fußballproduktion in Pakistan geschrieben und ist mehrmals zur Recherche in Sialkot gewesen, zuletzt im vergangenen Jahr.