Dienstag 02.06.20

Schwarzes Leben in Deutschland

Black Lives Matter organization

Für die weiße Öffentlichkeit sind rassistische Anschläge kein Thema

Von Marie-Abla Dikpor

Im Gegensatz zu den Behauptungen in Sonntagsreden, wonach der Angriff von Hanau „uns allen“ gegolten habe, müssen sich weiße Menschen nicht davor ängstigen, von Rassist*innen erschossen zu werden. Unsere Kolumnistin Marie-Abla Dikpor schon – und wünscht sich mehr Solidarität.

Ich versuche meine Gedanken zu ordnen, das Knäuel zu entwirren, das ich in meinem Kopf habe, seitdem Corona alle Schlagzeilen beherrscht. Dabei weiß ich, dass ich in dieser Situation sehr privilegiert lebe. Und gleichzeitig verfängt sich immer mehr in diesem Gedankenknäuel, das aus Ängsten besteht.

Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kaloyan, Fatih, Vili
Angstgedanken darüber, wie gerade über Menschen geredet wird, die zu der sogenannten Risikogruppe zählen und wie es diesen Menschen wohl gerade geht. Angstgedanken darüber, wie Menschen in Deutschland diese Zeit erleben, die bei politischen Entscheidungen rund um Corona meist nicht mitgedacht werden: vernachlässigte Kinder und Jugendliche, Arme, Alleinerziehende, von häuslicher Gewalt betroffene, Menschen ohne klaren Aufenthaltsstatus, Obdachlose, psychisch Kranke, Menschen, die ihre Sucht nicht befriedigen können oder gerade von allem überfordert sind. Und wie geht es der Marktverkäuferin in Togo, der Textilarbeiterin in Bangladesch oder der Schwarzen Krankenpflegerin in den USA? All diese Gedanken verknoten sich mit der Angst, die schon vorher da war.

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Denn was mich eigentlich noch beschäftigt, was bisher liegen geblieben ist, sind diese Namen. Die Namen der am 19. Februar in Hanau Getöteten. Kaum ein deutsches Medium gedenkt ihrer noch. Der öffentliche Diskurs über den Terror von Hanau ist längst wieder verstummt. Es gab wieder einmal eine rassistisch motivierte Tat, das passiert nun mal. Weiter im Text.

Genau wie ich fühlen sich von der Tat in Hanau viele der Menschen terrorisiert, die täglich Rassismuserfahrungen in Deutschland machen. Nach der Tat schickten wir uns wortlose Nachrichten, boten Solidaritätsanrufe, Umarmungen, gemeinsame Heul-Sessions an. Meine Feeds in den sozialen Medien waren gefüllt mit tröstenden, solidarischen, manchmal wütenden Worten. Im Gegensatz dazu war meine weiße reale Umgebung vergleichsweise still. Ein, zwei Menschen fragten mich, wie es mir mit der Situation ginge, aber allen anderen drängte ich meine Trauer und Angst eher auf.

Weil wir alle gelernt haben, dass es ein Tabu ist, Rassismus zu thematisieren, traut sich niemand, gegenüber Betroffenen Solidarität auszusprechen. Dabei müsste man ja auch zugeben, dass man die gesellschaftliche Positionierung des Gegenübers als nicht-weiß erkennt. Stattdessen werden Sprüche bemüht wie „Dieser Angriff war ein Angriff auf uns alle“. Aber nach Hanau muss ich immer wieder daran denken, dass meine weißen Freund*innen sich eben nicht tatsächlich davor ängstigen müssen, dass sie von Rassist*innen erschossen werden. Ich schon. Ich kann mich nicht verstecken. Meine Haut, mein Haar, meine Gesichtszüge schreien es auf die Straße: ICH BIN SCHWARZ. Ein rechtsterroristischer Täter wie der aus Hanau würde in mir eine Fremde sehen, einen Menschen, der nicht hierher gehört. Der getötet werden soll. Das ist ein furchtbares Gefühl. Ein Gefühl, dass mir den Atem nimmt.

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Es geht nicht um Fremden- und Ausländerhass, es geht um Rassismus. Die Medien, die in ihrer Berichterstattung jene Begriffe nutzten, haben noch einiges nicht verstanden. Ich bin nicht fremd, die Ermordeten waren nicht fremd. Dass eine Person mich oder sie aufgrund der sogenannten Hautfarbe als „fremd“ oder „ausländisch“ bezeichnet, liegt darin begründet, dass sie aufgrund rassistischer Konzeptionen Deutsch- und Zugehörig-Sein gleichsetzen mit weiß-Sein. Das ist eine Konstruktion von Nationalität und Zugehörigkeit, die Deutschland sehr eigen ist und die lang zurückreichende Geschichte von BIPoC in Deutschland unsichtbar macht. Dabei ist doch allen klar, dass es nicht um Hass gegenüber der weißen französischen Familie oder dem weißen US-Amerikaner geht, wenn diese in Deutschland leben. Aber tausenden Menschen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft wird ihre Zugehörigkeit tagtäglich abgesprochen, weil sie eben nicht weiß sind. Das ist doch Quatsch. Oder eben einfach Rassismus.

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Wieder kreisen meine Gedanken darum, wie sehr Rassismus in Deutschland tabuisiert und unaussprechbar gemacht wird. Das führt so weit, dass sogar Verbrechen nicht aufgeklärt werden können. Menschen werden getötet und die Täter*innen nicht dafür zur Verantwortung gezogen, weil Rassismus nicht als Motiv in Frage kommt. Und sobald sich dieses Motiv dann doch zu sehr aufdrängt, wird eifrig vertuscht. Siehe die rassistischen Morde des NSU, den gewaltsamen Tod von Oury Jalloh in Dessau oder zuletzt den Mord an einem yezidischen Jugendlichen in Celle. Mir kommen vor Empörung die Tränen, dass Deutschland es nicht mal bei einem rassistischen Attentat von der Grausamkeit Hanaus schafft, Betroffenen Trost oder doch zumindest ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Denn es mag zwar schnell in Vergessenheit geraten, aber es gibt viele BIPoC in Deutschland, die sich von einer Tat wie der in Hanau tatsächlich auch selbst betroffen fühlen. Und die immer noch darauf warten, dass die grausame rassistische Tat konkrete politische Konsequenzen hat. Aber die weiße Öffentlichkeit wirkt allzu zufrieden damit, dass Hanau mittlerweile kein Thema mehr ist.

Wie für viele BIPoC in Deutschland, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, mich mit weißen Menschen und ihrem Leiden zu identifizieren und damit auch zu solidarisieren. Ich wünsche mir so sehr, dass das endlich auch umgekehrt der Fall wäre – und frage mich, was dafür noch passieren soll.

Dieser Bericht ist eine Vorveröffentlichung aus der bald erscheinenden Ausgabe 192 des Südlink-Magazins.

Marie-Abla Dikpor ist eine Schwarze Frau in Berlin. Sie ist Mitorganisatorin des intersektionalen Festivals IN*VISION und Bildungsreferentin im Bereich Rassismuskritik, Intersektionalität und Machtkritik.

 

 

 

 

 

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