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Freitag 06.10.17

Vom Ackern und von Äckern

„Viele kleine Veränderungen machen einen riesen Unterschied."

Kleinbäuerin Cristina Crúz und der Agraringenieur Rony Aguilar aus Guatemala touren aktuell durch Deutschland um über ihren Kampf für Ernährungssicherheit und gegen den Goldabbau in Guatemala zu berichten.

Im Rahmen einer Info-Tour zum Thema „Ernährungssicherheit statt Goldabbau in Guatemala“ schildern die VertreterInnen der INKOTA-Partnerorganisation Pastoral de la Tierra (Landpastorale) die aktuellen Herausforderungen im westlichen Hochland von Guatemala und erzählen von den Lösungsansätzen, die im neuen INKOTA-Projekt umgesetzt werden. Die Rundreise führte u.a. nach Berlin, Leipzig, Rostock, Staßfurt sowie mehrere Orte im Land Brandenburg.

Die beiden freuen sich über das große Interesse und die Herzlichkeit, die ihnen auf ihrer Rundreise entgegengebracht wurde. „Es berührt mich sehr zu sehen, dass es den Menschen hier nicht egal ist, mit welchen Problemen wir in Guatemala zu kämpfen haben. Das Wichtigste für mich am Projekt ist die Aufklärung über unsere Rechte. Als indigene Frau hatte ich nicht die Möglichkeit die Schule zu beenden. Ich musste meinen Vater begleiten, der an der Küste zur Kaffeeerntezeit Arbeit suchte. Später war ich dafür zuständig unsere Tiere zu hüten. Das Projekt der Landpastorale ist das erste Projekt, das in meiner Gemeinde stattfindet. Durch die Fortbildungen habe ich schon viel gelernt, habe an Demonstrationen teilgenommen, pflanze jetzt acht verschiedene Gemüsesorten an und stelle meinen eigenen Biodünger her. Für mich und meine Familie ist das eine große Veränderung“, erzählt Cristina Crúz.

Cristinas Mann war zuerst nicht begeistert, als sie ihm mitteilte, dass sie zwei Wochen nach Deutschland reisen würde. Aufgrund ihres neuen Selbstbewusstseins schaffte sie es jedoch ihn davon zu überzeugen, dass sie diese einmalige Gelegenheit nicht ungenutzt lassen darf. „Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass ich einmal so weit reisen würde. Mein Mann war ein paar Mal in den USA zum Arbeiten, allerdings reiste er über den Landweg. Ich bin die erste aus meiner Familie, die jemals ein Flugzeug betreten hat. In Deutschland ist alles ganz anders als bei uns, alles ist neu für mich und sehr aufregend.“ Doch der erste Eindruck, dass in Deutschland alles geordneter zugeht, revidierte sich ein wenig, als nach dem Unwetter Xavier beim Bahnverkehr mehrere Tage das absolute Chaos herrschte. So konnen unsere Gäste die Veranstaltung in Hamburg nicht wahrnehmen, weil sie über sieben Stunden in Magdeburg feststeckten. Die beiden nahmen es mit Gelassenheit, es läuft eben nicht immer alles nach Plan.

Rony Aguilar nimmt viele neue Ideen mit zurück nach Hause: „In Guatemala sind leider nur wenige Menschen bereit, für Bioprodukte einen höheren Preis zu zahlen. Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft und die große Verfügbarkeit an Bioprodukten hier in Deutschland haben mich sehr beeindruckt. Wir als Landpastorale werden uns weiter dafür einsetzen, dass KleinbäuerInnen in San Marcos auf Bioproduktion umstellen und auf giftige Pestizide verzichten. Durch das Projekt konnten wir schon erste Erfolge verzeichnen.“

In Guatemala klafft die Schere zwischen arm und reich besonders weit auseinander. Während Superreiche aus der Hauptstadt für ein Wochenende gerne mal in ihrem Privatjet in die USA fliegen, herrscht im ländlichen Raum extreme Armut und viele Kinder leiden an chronischer Unter- und Mangelernährung. Die Lebensbedingungen werden zusätzlich noch durch den Klimawandel und einen kanadischen Bergbaukonzern erschwert. Oft bleiben Regenfälle selbst während der Regenzeit aus, es kommt immer häufiger zu Dürren sowie Hagelfällen und Frost. Dadurch werden die Ernten der kleinbäuerlichen Familien beschädigt oder manchmal sogar komplett zerstört. Beim Goldabbau durch den kanadischen Konzern GoldCorps werden hochgiftige Chemikalien (Cyanide) in Flüsse geleitet, wodurch diese nicht mehr wie zuvor zum Wäschewaschen und Baden genutzt werden können. Pro Stunde werden durch den Konzern ca. 125.000 Liter Wasser verwendet – so viel Wasser verbrauchen 50 kleinbäuerliche Familien im Schnitt pro Jahr. Als Folge sind viele Bäche bereits ausgetrocknet oder führen deutlich weniger Wasser als zuvor.

Durch das aktuelle Projekt der Landpastorale wird die Ernährungssituation von 122 kleinbäuerlichen Familien durch eine Diversifizierung und Ausweitung der Produktion sowie die Anwendung von agrarökologischen Methoden verbessert. Statt wie traditionell ausschließlich Mais und Bohnen, bauen die KleinbäuerInnen jetzt auch eine Vielzahl an Gemüse- und Obstsorten an. Häusliches Abwasser wird durch ein einfaches Kohlefiltersystem geklärt und kann dadurch für die Bewässerung des Gemüses wiederverwendet werden. Durch Fortbildungen werden die indigenen KleinbäuerInnen über ihre Rechte aufgeklärt und bei friedlichen Protesten gegen die Ausweitung des Goldabbaus unterstützt.

Derzeit werden in Sipakapa die ersten Tunnelgewächshäuser errichtet. „Das ist gleich in dreifacher Hinsicht eine wirklich wirksame Maßnahme“ so Rony. „Auf der einen Seite reicht dadurch eine Tröpfchenbewässerung aus und die knappen Wasserressourcen werden optimal genutzt. Auf der anderen Seite werden die Pflanzen vor zu starken Regenfällen und Hagel geschützt, was im Hinblick auf die sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels besonders wichtig ist. Drittens können bei den konstant warmen Temperaturen im Gewächshaus Gemüsesorten angebaut werden, die unter freiem Himmel keine Chance hätten. Dadurch wird die Ernährung der Familien sinnvoll ergänzt.“ Rony zeigte sich durchweg begeistert von dem Projekt. „Viele kleine Veränderungen machen einen riesen Unterschied. Wir versuchen im Projekt ganzheitlich zu arbeiten. Es geht uns nicht nur um Landwirtschaft, sondern Gesundheits- und Hygieneaspekte müssen unbedingt mitgedacht werden. Um Durchfall- und Infektionskrankheiten zu reduzieren, müssen Tiere und Wohnraum voneinander getrennt sein. Die neuen Ställe ermöglichen den Projektteilnehmenden dies umzusetzen.“

Kleinbäuerin Cristina Crúz (re.) und der Agraringenieur Rony Aguilar (li.) von der INKOTA-Partnerorgansation Landpastorale in Guatemala

Teil der Rundreise waren auch die Mitgestaltung von zwei Erntedankgottesdiensten – in Eberswalde-Finow und Brodowin. Der mit Trauben, Brot, Kürbissen, Kartoffeln reich geschmückte Altar erinnerte Cristina Crúz an den traditionellen Maya-Altar, dessen Bedeutung sie während des Projekts erlernte. Indigene wurden über Jahrhunderte diskriminiert und viele der indigenen Bräuche sind bereits verloren gegangen. Deshalb wird in dem Projekt versucht, sich auf alte Traditionen zurückzubesinnen.

Jetzt bin ich geradezu stolz darauf die Tracht aus Sipakapa zu tragen! Heutzutage wollen die Meisten nur noch modische Kleidung haben, sich kleiden wie Menschen in den USA. Meine Eltern haben mir die Sprache aus Sipakapa nicht mal beigebracht, obwohl es ihre Muttersprache war. Es wäre sehr schade, wenn die Sprache ganz verloren gehen würde. Dank der Fortbildungen schämen wir uns nicht mehr wegen unserer Traditionen, sondern wollen sie wiederbeleben.“ berichtet Cristina.

Bei einem Besuch der „Bunten Höfe“ in Mecklenburg-Vorpommern informierten sich die Kleinbäuerin Cristina Crúz und der Agraringenieur Rony Aguilar über ökologische Anbaumethoden in Deutschland und lernten das Konzept der solidarischen Landwirtschaft kennen, bei dem ein fester AbnehmerInnenkreis Ernteanteile erwirbt und dafür einen monatlichen Festpreis zahlt. Das aktuelle Landpastorale-Projekt fördert mit solidarischer Vermarktung und Tauschhandel einen Ansatz, der in eine ähnliche Richtung geht. Besonders spannend fanden die beide den Besuch eines Biohofs: Noch nie hatten sie eine solch große Vielfalt an Tomaten gesehen. Wir durften selber ernten und kosten: Die gelben Tomaten haben Cristina und Rony besonders gut geschmeckt, sodass sie Samen mitgenommen haben um diese künftig selber auch anzupflanzen.

Mehr über das Projekt der Landpastorale

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