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Montag 08.07.19

Zertifizierung reicht nicht aus, damit Kakao nachhaltig wird

Im Kakaosektor galt Zertifizierung lange Zeit als das einzige Instrument, um Nachhaltigkeit zu erreichen. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Zivilgesellschaft stark für dieses Instrument eingesetzt und so dazu beigetragen, dass die Produktion und der Konsum von zertifiziertem Kakao zugenommen haben.

Mittlerweile stehen dem Kakaosektor deutlich mehr Instrumente zur Verfügung. Durch die zunehmende Verfügbarkeit von Daten und Forschungsergebnissen zur Situation im Kakaoanbau, sowie die vielfältigen Erfahrungen mit der Umsetzung verschiedener Nachhaltigkeitsprojekte hat sich die Bandbreite von Interventionsansätzen deutlich erweitert. Aktuell finden eine Reihe wichtiger Entwicklungen statt: Eine neue ISO-Norm für nachhaltigen und rückverfolgbaren Kakao wurde veröffentlicht, Fairtrade hat seinen Kakao-Mindestpreis erhöht und einen Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen kalkuliert, und die fusionierte Rainforest Alliance/UTZ arbeitet an einem neuen Zertifizierungsstandard. Angesichts dieser Entwicklungen ist es für die Zivilgesellschaft an der Zeit, eine Bestandsaufnahme zu machen:  Wo stehen wir aktuell auf dem Weg zu einem nachhaltigen Kakaosektor?

Armut der Bauern bleibt unverändert groß
Schokoladenunternehmen und Einzelhändler wählen tendenziell das für sie billigste Siegel und ignorieren dabei mögliche negative Effekte ihres Preisdrucks. Der Wettlauf um einen höheren Marktanteil an zertifizierten Kakao hat dazu geführt, dass Kriterien zum Erhalt des Siegels kaum angehoben wurden. Keiner der Zertifizierungsstandards hat bisher signifikant dazu beigetragen, dass Bauern und Bäuerinnen der strukturellen Armut entkommen, geschweige denn ein existenzsicherndes Einkommen erzielen. Obwohl das Durchschnittseinkommen der zertifizierten Bauern etwas höher sein mag als das der nicht zertifizierten Bauern, bleibt die Wirkung der Zertifizierung relativ gering. Ein durchschnittlicher, zertifizierter Kakaobauer ist immer noch weit davon entfernt, ein existenzsicherndes Einkommen zu verdienen. Dass die bisherigen Maßnahmen der Zertifizierungsorganisationen zur Einkommenssteigerung nicht ausreichen, zeigt auch die jüngste Ankündigung der Regierungen der Elfenbeinküste und Ghana, eine Preisuntergrenze von 2.600 US-Dollar pro Tonne exportierten Kakao durchsetzen zu wollen. Auch wenn mit diesem Vorschlag die Regierungen zwar immer noch deutlich unter den 3.467 US-Dollar pro Tonne liegen, die laut Fairtrade in der Elfenbeinküste für ein existenzsicherndes Einkommen nötig wären, handelt es sich um einen wichtigen ersten Schritt. Bis auf kleine Pilotprojekte gibt es weder von Fairtrade noch von Rainforest Alliance bisher Bestrebungen, annährend existenzsichernde Preise zu zahlen. Die Regierungen liegen mit ihrem Vorschlag aber 200 US-Dollar pro Tonne über dem neuen Fairtrade-Mindestpreis, der im Oktober 2019 in Kraft treten wird.

Rainforest Alliance/UTZ sorgt für einen Unterbietungswettlauf
Während Fairtrade zur kommenden Erntesaison seinen Kakao-Mindestpreis erhöhen wird, fehlt im neuen Standard der Rainforest Alliance, welcher zurzeit erarbeitet wird, dagegen bisher jeglicher Mindestpreis. Außerdem ist unklar, ob der neue Standard eine feste Prämie enthalten wird, oder ob deren Höhe von den Bauern wie bisher verhandelt werden muss. Sollte der neue Standard keinerlei Mechanismus enthalten, um für höhere Ab-Hof-Preise zu sorgen, befürchten wir, dass die Bemühungen um ein existenzsicherndes Einkommen für die Bäuerinnen und Bauern dadurch konterkariert werden und ein Unterbietungswettlauf zwischen den Standards droht. Der neue Standard von Rainforest Alliance muss über bloße technische Lösungsansätze hinausgehen und das Machtungleichgewicht in der Lieferkette – insbesondere bei der Preisgestaltung von Kakao – angehen, um den Kleinbäuerinnen und -bauern ein existenzsicherndes Einkommen zu sichern. Rainforest Alliance darf nicht länger ignorieren, dass Kakaobauern stark von schwankenden Weltmarktpreisen abhängig sind. Ein Mindestpreis ist ein Sicherheitsnetz für Kakaobauern. Bei der Veröffentlichung des neuen Standards sollte Rainforest Alliance mindestens einen ähnlichen Mindestpreis wie Fairtrade einführen. Es kann und darf nicht das Geschäftsmodell einer standardsetzenden Organisation sein, die für sich beansprucht Nachhaltigkeit im Kakaosektor zu verbessern, den eigenen Marktanteil auf Kosten der Einkommen der Bauern zu erhöhen.

Die Mindestpreis-Erhöhung von Fairtrade ist ein erster Schritt, aber reicht noch nicht aus
Vor kurzem hat Fairtrade angekündigt, seinen Kakao-Mindestpreis zum Oktober 2019 zu erhöhen. Dies ist ein notwendiger erster Schritt. Fairtrade räumt jedoch selbst ein, dass die Bauern mit diesem Mindestpreis - und einer erhöhten Prämie - immer noch weit davon entfernt sein werden, ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Der neue Fairtrade-Mindestpreis von 2.400 US-Dollar pro Tonne lässt immer noch eine erhebliche Lücke zu den 3.467 US-Dollar, die Fairtrade für die Elfenbeinküste als Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen kalkuliert hat.1 Die Kalkulation von Fairtrade ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte um nachhaltigen Kakao. Um glaubwürdig zu sein, sollte Fairtrade nun allerdings auch einen Zeitplan veröffentlichen, bis wann der volle existenzsichernde Preis an die Bauern gezahlt werden soll.

Zertifizierung wird ihren Versprechen bisher nicht gerecht
Obwohl zwischen einem Viertel und einem Drittel der gesamten weltweiten Kakaoproduktion durch ein Nachhaltigkeitssiegel (wie Rainforest Alliance, UTZ Certified oder Fairtrade) oder ein unternehmenseigenes Nachhaltigkeitslabel (wie Mondelez' Cocoa Life, Nestlé's Cocoa Plan usw.) zertifiziert bzw. verifiziert wird, bestehen weiterhin große Probleme - auch in zertifizierten Betrieben. Kinderarbeit ist nach wie vor eine große Herausforderung in den westafrikanischen Kakaoanbauländern. Regenwaldabholzung ist im Kakaoanbau eher die Regel als die Ausnahme, und das Wachstum der Zertifizierungssysteme hat nicht dazu geführt, die Zerstörung des Regenwalds zu stoppen. Vor kurzem hat Rainforest Alliance/UTZ seine weitere Marktexpansion vorerst ausgesetzt, da es Zweifel an der Zuverlässigkeit der Audits und der Einhaltung der Standards gibt. Dieser Schritt ist zwar zu begrüßen. Er wird aber allein nicht ausreichen, damit die Zertifizierung ihrem Versprechen gerecht wird, Arbeitnehmerrechte und die Umwelt zu schützen und den Bäuerinnen und Bauern ein angemessenes Einkommen zu bieten.

Zertifiziert ist nicht gleich nachhaltig
Es ist irreführend, zu behaupten, dass Nachhaltigkeit allein aufgrund von Zertifizierungssystemen gegeben sei. Trotzdem werden die Begriffe "zertifizierter Kakao" und "nachhaltiger Kakao" fälschlicherweise häufig synonym verwendet. Kakao kann nicht allein auf der Grundlage von Zertifizierung als nachhaltig eingestuft werden, unabhängig davon, ob es sich bei der Zertifizierung um Fairtrade, Rainforest Alliance, ISO[1], Bio oder einen anderen Standard handelt. Immer wieder gibt es Berichte über Bäuerinnen und Bauern, die in extremer Armut leben sowie über Kinderarbeit und Regenwaldabholzung im Zusammenhang mit zertifiziertem Kakao. Es sollte daher niemand mehr behaupten, zertifizierter Kakao sei per se nachhaltig.

Zertifizierung bietet den Bauern trotzdem einige Vorteile
Während die Zertifizierung das Einkommen der Bauern nicht wesentlich zu erhöhen oder vor Umweltschäden oder Arbeitsrechtsverletzungen zu schützen scheint, bietet sie dennoch eine Reihe von Vorteilen. Zertifizierung trägt dazu bei, Wertschöpfungsketten transparenter zu gestalten. Sie ist eine der wenigen Möglichkeiten, wie die Bäuerinnen und Bauern potentiell höhere Preise und Prämien erhalten können. Zertifizierung spielt auch eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Bauernorganisation. Zertifizierung kann nicht die Antwort auf alle Probleme im Kakaosektor sein. Sie muss sich aber an der Frage messen lassen, ob Zertifizierung als Instrument effizient genug ist, um Teil der Lösung zu sein.

Die Probleme im Kakaosektor sind systemisch
Um Lösungen finden zu können, müssen wir uns zuerst über die Art der Probleme klar werden. Nach fast zwei Jahrzehnten der Bemühungen, den Kakaoanbau zu verbessern, ist es an der Zeit, dass wir erkennen: Nicht der Kakaobauer ist das Problem. Das Problem ist systemisch. Systemische Probleme erfordern systemische Lösungen. Derzeit tragen die Kakaobäuerinnen und -bauern fast das gesamte Risiko, ziehen jedoch kaum einen Nutzen aus ihrem Anbau, und niemand übernimmt die Verantwortung für dieses systemische Versagen. Zukünftige Lösungsansätze müssen die ungleiche Verteilung von Risiken und Erträgen, Macht und Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette adressieren. Das Scheitern freiwilliger Initiativen zeigt deutlich, dass gesetzliche Regelungen zu menschenrechtlichen und ökologischen Sorgfaltspflichten erforderlich sind. In der Zwischenzeit müssen alle Zertifizierungsorganisationen ihre Standards verbessern und anerkennen, dass eine nachhaltige Lösung auch Preismechanismen beinhalten muss.

1 Der Referenzpreis für existenzsichernde Einkommen von Fairtrade ist möglicherweise zu niedrig kalkuliert, da sich die tatsächliche Produktivität und Betriebsgröße erheblich von den bei der Kalkulation verwendeten Werten unterscheiden können. Das VOICE-Netzwerk hofft, in naher Zukunft ein Positionspapier dazu zu veröffentlichen.

2 Die neue ISO-Norm weist gegenüber Fairtrade und Rainforest Alliance mehrere zusätzliche Schwächen auf. Ihre rigiden Beschränkungen lassen wesentliche Elemente wie z.B. die Anforderung einer fairen Bezahlung nicht zu. Zudem bezieht sich die Norm im Wesentlichen auf diejenigen Faktoren, die in der direkten Kontrolle des Kakaobäuerinnen und -bauern stehen, während viele der notwendigen Voraussetzungen für Nachhaltigkeit außerhalb der Kontrolle der Bäuerinnen und Bauern liegen. Daher kommt die ISO-Norm einer ausreichend umfassenden Definition von Nachhaltigkeit nicht nahe.

Weitere Informationen zur Kampagne Make Chocolate Fair!

Weitere Informationen zum VOICE-Netzwerk

Das VOICE-Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, die sich für einen nachhaltigen Kakaosektor einsetzen. Neben dem INKOTA-netzwerk gehören dem VOICE-Netzwerk die folgenden Organisationen an: Südwind-Institut (DE), Public Eye (SUI), Solidaridad (NL), Oxfam Novib (NL), FNV (NL), ABVV-FGBT (BEL), Oxfam Weredwinkels (BEL), FERN (BEL), Stop The Traffik (AUS), Mighty Earth (USA), Green America (USA).

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