Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

Montag 12.06.17

Die Change Your Shoes Speakers Tour 2017

Gopinath Parakuni, Geschäftsführer der indischen NRO CIVIDEP

Nach einer dreiwöchigen Speakers Tour durch fünf europäische Länder treten unsere Gäste Gopinath Parakuni und Brinda Kamaraj von der indischen NRO CIVIDEP wieder den Heimweg an. Neben Stationen in Großbritannien, Spanien, Schweden und Polen waren die beiden insgesamt für sechs Tage in Berlin, um öffentlich auf die prekäre Situation der ArbeiterInnen in der südindischen Schuh- und Lederindustrie aufmerksam zu machen. Dabei haben sie auch unsere Forderungen nach mehr Transparenz und glaubwürdigen Anstrengungen für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Schuhlieferkette bestärkt.

Tatsächlich stießen wir an allen Speakers Tour-Stationen auf ein großes Interesse mit neugierigen Nachfragen und kontroversen Diskussionen – ob im Entwicklungsministerium (BMZ), beim Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L), bei einer Veranstaltung im taz café oder auf dem Evangelischen Kirchentag (DEKT). Gopinath, der Geschäftsführer von CIVIDEP, schaffte es immer wieder, mit einer Mischung aus kritischer Analyse und Ironie sein Publikum gleichzeitig zum Raunen und zum Schmunzeln zu bringen.

Im taz café kritisierte er die „Sozialaudits“ vieler europäischer Hersteller, die vorgeben, Arbeits- und Sicherheitsstandards durch regelmäßige Fabrikkontrollen einzuhalten. Doch wie soll ein Zulieferer diese Standards einhalten, wenn er unter enorm hohem Zeit- und Kostendruck steht? Dieser Druck wird nach unten an das schwächste Glied der Kette weitergegeben. ArbeiterInnen werden angehalten, die AuditorInnen bei Kontrollen anzulügen. Sie sollen erzählen, dass sie keine unbezahlten Überstunden machen, einen ausreichenden Lohn bekommen und sich beschweren können. Das alles trifft in der Regel jedoch nicht zu. Gopinath forderte daher von den Schuhherstellern weitergehende Anstrengungen wie finanzielle Unterstützung, um ihren Zulieferern zu ermöglichen, Sozialstandards einzuhalten. Schließlich würden sie hohe Profite erwirtschaften und hätten einen großen Einfluss, den sie zum Positiven nutzen könnten.

Bei einer Podiumsdiskussion auf dem Evangelischen Kirchentag mit VertreterInnen des BMZ, dem Bundesverband der Leder- und Schuhwarenindustrie, der Grünen und der Medien beleuchteten wir noch genauer die Rolle, die verschiedene Akteure dabei haben, eine menschenwürdige und umweltverträgliche Schuhlieferkette zu schaffen. Der HDS/L-Geschäftsführer Manfred Junkert verwies darauf, dass die gesamte Lieferkette sehr komplex und unübersichtlich sei und es schwierig ist, alle vorgelagerten Schritte nachzuverfolgen. Doch darauf erwiderte Gopinath: „Die Schuhlieferkette ist zwar komplex, aber es ist möglich, sie nachzuverfolgen, wenn man es nur will.“

Außerdem argumentierte Junkert, dass seine Verbandsmitglieder – namhafte Unternehmen wie Deichmann, Gabor oder Birkenstock – die jeweilige Gesetzgebung und sozialen Missstände in den Produktionsländern nur begrenzt beeinflussen könnten. In diesem Zusammenhang verwies er auf die CADS-Brancheninitiative, die bisher stark auf die Umweltaspekte fokussiert. Jedoch wird und muß die Branche die Herausforderungen im Bereich Sozialstandards und Menschenrechte bei der Arbeit perspektivisch angehen. Diese Argumente ließ Gopinath ebenfalls nicht unkommentiert: Einkaufende Unternehmen können und müssen die Einhaltung nationaler Gesetzgebung stärken. Außerdem tragen sie eine Verantwortung für internationale Menschen- und Arbeitsrechte, wie sie in den ILO-Konventionen und den UN-Leitprinzipien vereinbart wurden. Europäische Unternehmen können ihre Marktmacht nutzen, damit zum Beispiel das Recht auf Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit eingehalten wird und Gewerkschaften bei Überprüfungen und Verbesserungen vor Ort einbezogen werden.

Auch von der deutschen und europäischen Politik wünschte sich Gopinath Parakuni weitergehende Anstrengungen. Insbesondere mit Gunther Beger vom BMZ, diskutierte er, dass die Entscheidung für faire und ökologische Standards nicht der einzelnen Person überlassen werden kann. Deshalb braucht es ergänzende gesetzliche Regulierungen zu den bestehenden Multi-Stakeholder-Initiativen wie dem Textilbündnis. An dieser Stelle setzte Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher der Grünen, eine klaren Schwerpunkt und bestärkte die Forderung von Gopinath: „Es braucht klare Gesetze! Denn: Wo kommen wir da hin? Bald gibt es also ein Orangenbündnis, ein Palmölbündnis usw. – die allesamt nichts bringen […]. Der aktuelle Siegeldschungel stiftet zudem nur Verwirrung beim Konsumenten.“

Der Filmemacher Christian Jentzsch (Der Preis der Turnschuhe) findet deutliche Worte aufgrund der aktuellen Recherchen in Kambodscha, Vietnam und China. Strenge Regulierungen sind nicht im Interesse der Unternehmen: „Wenn Arbeitsrechts-,  Umwelt- und Lohnstandards in den Produktionsländern so hoch wären wie hierzulande, hätten sie doch überhaupt keinen Grund mehr, dorthin zu gehen. Sobald Standards, wie z.B. das Lohnniveau in China, steigen, ziehen sie einfach weiter in Länder mit niedrigeren Standards. Der Fehler liegt im System: Wir befinden uns in einem völlig unregulierten globalisierten Kapitalismus.“

Der öffentliche und kritische Dialog durch unsere Partner hat demonstriert: Es braucht klare Regeln und einen langen Atem. Berndt Hinzmann von INKOTA und der Kampagne für Saubere Kleidung bekräftigt: „Maßnahmen der Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit und auch Brancheninitiativen wie das Textilbündnis sind wichtige Schritte. Dennoch muß Politik und der Gesetzgeber angesichts der drängenden Probleme und Menschenrechtsverletzungen entlang der globalen Lieferkette eine schnellere strukturelle Veränderung erzielen. Eine Sorgfalts- und Haftungspflicht für Unternehmen und mehr Transparenz für eine bessere Verbraucherinformation, wie es die UN-Leitprinzipien fordern, kann dies erreichen. Der Nationale Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung (2016) ist genau an dieser Stelle sehr schwach. Hier muß ernsthaft Verbessert werden, wenn das Bekenntnis zu den Menschenrechten und einer nachhaltigen Lieferkette nicht nur ein Lippenbekenntnis sein will.“

Die Speakers Tour war ein wichtiger Beitrag dazu, denn die Zivilgesellschaft aus Süd und Nord haben sich gegenüber der europäischen Politik und Wirtschaft Gehör verschafft.

Mit der Petition „Transparenz statt Versteckspiel“, können Sie ebenfalls den Forderungen zu Nachdruck verhelfen. Fordern sie Firmen wie Deichmann, Camper, Prada, Birkenstock, CCC dazu auf, ihre Lieferketten offenzulegen und transparent über die Einhaltung der Menschenrechte zu berichten.

Petition unterschreiben

 

Mehr über die Kampagne Change Your Shoes

Spendenaktion: Aufdecken, anklagen, ändern! – Wie wir die Schweinerei mit den Schuhen beenden können

 

 

nach Oben