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Mittwoch 17.03.21

„Die Klimakrise macht keine Pause“

Weltweit mobilisierte Fridays for Future Millionen junger Menschen: Protest in Turin, Italien, im Mai 2019; Foto: MikeDotta / shutterstock.com

Quang Paasch, Sprecher von Fridays for Future, im Südlink-Interview über Konsumgewohnheiten und die Herausforderungen für die Klimabewegung

Fridays for Future hat viele junge Menschen politisiert und dazu gebracht, über die Folgen ihres eigenen Konsums nachzudenken. In der Klimapolitik hat sich indes bisher nur wenig geändert. Im Südlink-Interview erklärt Quang Paasch, warum kritischer Konsum auf der individuellen Ebene nicht ausreicht, um strukturelle Veränderungen zu erreichen, und dass nach der Coronapandemie weiter mit der Klimabewegung zu rechnen ist.

Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff „Kritischer Konsum“ hören?

     Kritischer Konsum bedeutet ganz Vieles. Wenn wir die Klimagerechtigkeitsdebatte sehen, ist es erstmal eine Frage globaler Perspektiven. Wir im globalen Norden müssen unseren Lebensstil und somit auch unseren Konsum hinterfragen. Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, ob mit kritischem Konsum eine individuelle Perspektive gemeint ist oder wir zunächst strukturelle, systemische Änderungen brauchen, um einen kritischen Konsum überhaupt nachhaltig und ethisch gestalten zu können.

Gerade bei jüngeren Menschen scheint Fridays for Future dazu geführt zu haben, dass etwa viel mehr Schüler*innen als früher über die Auswirkungen des eigenen Konsums nachdenken. War das bei Ihnen auch so?

     Bevor ich zu Fridays for Future gekommen bin, war ich nicht ansatzweise ökologisch oder nachhaltig eingestellt. Für mich war das Klimathema sehr weit weg, weil die Aufklärungsarbeit gefehlt hat. Ich habe zum Beispiel nie hinterfragt, ob ich vielleicht weniger Fleisch essen oder auf Fast Fashion verzichten sollte. Auch in meinem Umfeld spielten solche Debatten keine Rolle.
Nach den ersten Monaten mit Fridays for Future galt es dann als völlig normal, wenn jemand gesagt hat, dass er oder sie vegetarisch isst oder Second Hand einkauft. Es war plötzlich kein Nischenthema mehr, sondern man konnte ganz natürlich darüber diskutieren.

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Kann kritischer Konsum im Hinblick auf den Klimawandel denn etwas bewirken?
     Das kommt darauf an. Wenn es dabei nur um die individuelle Ebene geht, bin ich skeptisch. Natürlich brauchen wir aus globaler Gerechtigkeitsperspektive einen kritischen Konsum sowie ein Zusammenspiel aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch wenn man den kritischen Konsum komplett in die Verantwortung von Individuen auslagert, wird es auch keine strukturellen Veränderungen geben. Menschen dürfen nicht gezwungen werden, sich zum Beispiel vegan zu ernähren. Kritisch heißt ja nicht einfach, etwas zu verbieten, sondern dass man selbst darüber nachdenkt.

Wie wird dieses Spannungsfeld zwischen individuellem Konsum und politisch-struktureller Veränderung innerhalb von Fridays for Future diskutiert?
     Die Konsumdebatte ist emotional aufgeladen und auch eine Debatte der Privilegien. Es gibt an Fridays for Future die berechtigte Kritik, sehr privilegiert, bürgerlich und weiß zu sein. Wenn einzelne Aktivist*innen von uns den Konsum anderer shamen ist es schon richtig zu sagen: Okay Leute, wir sind auf die Straße gegangen, um diese strukturellen Veränderungen einzufordern. Wenn wir jetzt Individuen in prekären Lebenssituationen erzählen, dass sie aufhören sollen dieses und jenes einzukaufen und zu konsumieren, dann bekommen wir keine Mehrheiten und keine Solidarität, sondern schließen Menschen nur aus. Wir müssen also inklusiver sein. Gleichzeitig bewegen wir uns aber auch in diesem Spannungsfeld und sollten auf Aufklärung und Sensibilisierung setzen.

Was macht Fridays for Future, um weniger weiß und mittelschichtslastig zu werden?
     Wir versuchen viel über Framing und Öffentlichkeitsarbeit zu erreichen. Auf den Streiks achten wir zum Beispiel darauf, wer redet und welche Themen gesetzt werden. Das gilt auch für den Social-Media-Bereich. Wir machen interne Briefings und führen Gespräche mit Aktivist*innen. Aber wir sind keine Partei mit Parteibuch und Programm, sondern eine lose Bewegung. Und da ist es schwierig zu koordinieren, welche einzelnen Personen wie und wo auftreten und was sie aussagen. Wir müssen also auch intern viel Sensibilisierungsarbeit leisten.
     Und wir sind natürlich Teil der Gesellschaft. Wir wachsen und lernen, dass die Debatten um intersektionale Perspektiven, also zum Beispiel Klassismus, Sexismus oder Rassismus, nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Wir können uns nicht von solchen Problematiken freisprechen. Es ist ein Reflexionsprozess, der auch vor strukturellen, gesellschaftlichen Hürden steht.

Im Herbst 2019 brachte Fridays for Future mit riesigen Streiks und Demonstrationen Millionen Menschen auf die Straße. Jenseits des vielen Zuspruchs sind handfeste politische Erfolge in der Klimapolitik allerdings ausgeblieben. Und seit Beginn der Coronakrise können Massenmobilisierungen im herkömmlichen Sinne nicht mehr durchgeführt werden. Wie soll es mit Fridays for Future weitergehen?
     Diese Frage interessiert gerade alle. Ich kann dazu nur sagen, dass wir es selbst nicht wissen. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sich aufgrund von Corona verschoben und es ist schwierig, das Interesse noch auf andere Themen zu lenken. Aber die Klimakrise macht keine Pause und ist noch immer genauso bedrohlich wie zuvor. Für uns als Bewegung heißt das, dass wir, sobald es weniger Infektionen gibt, wieder verstärkt auf die Straße gehen müssen. Auch angesichts der diesjährigen Bundestagswahl und mehrerer Landtagswahlen sollten wir uns nicht den Atem rauben lassen. Wir müssen mobilisieren und aufklären.

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Kann man nach so langer Pause einfach an die großen Mobilisierungen von 2019 anknüpfen?
     Sobald wir weniger über Corona reden müssen, werden auch andere wichtige Themen wie die Lage von Geflüchteten oder die Klimakrise wieder stärker wahrgenommen werden. Vielleicht ist das optimistisch gedacht, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bewegung den Diskurs in den letzten Jahren so weit nach vorne gebracht hat, dass wir nach oder sogar noch während dieser Pandemie das Feuer neu entfachen können. Die Bewegung hat sich weder zerfasert noch ist sie konservativer geworden. Im Gegenteil sind wir eher noch enttäuschter, progressiver und fordernder.

Obwohl den meisten Menschen klar ist, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern und Fridays for Future weltweit Rückhalt hat, tut sich politisch erschreckend wenig. Woran liegt das?
     Wir sind größtenteils eine Jugendbewegung und werden von der Gesellschaft nicht als politische Subjekte ernst genommen. Es ist nicht einfach, dem Rest der Bevölkerung zu vermitteln, dass wir Politik für die Zukunft und die Generationen nach ihnen machen. Viele von uns sind nicht wahlberechtigt und können somit nicht mitentscheiden. Wir sitzen auch nicht in Gremien und Institutionen. Und wenn wir uns die Systemfrage stellen, ist es schwer, über eine sozial-ökologische Transformation zu sprechen und dafür Mehrheiten zu gewinnen. Die fehlende Kommunikation darüber, dass Klima- und Umweltpolitik nicht das Leben einschränken, sondern verbessert und dass es nicht nur die Perspektive urbaner, sondern auch ländlicher Regionen sein sollte, führt zu Unmut in der Bevölkerung. Und das heißt dann in der Politik eben: „Wir können das nicht machen, weil wir sonst abgewählt werden.“ Auch der Lobbyismus der Kohleindustrie und anderer klimaschädlicher Branchen hat enorme Auswirkungen.

Aktivist*innen von Fridays for Future haben angekündigt, bei der Bundestagswahl kandidieren zu wollen, etwa bei den Grünen. Besteht nicht die Gefahr einer politischen Vereinnahmung?

     Auch darauf habe ich nicht die eine Antwort: Prinzipiell sollten Parlamente die Bevölkerung repräsentieren. Es fehlen ganz klar junge Menschen, die ihre Perspektiven einbringen, sei es in der Klimafrage oder bei anderen Themen. Daher befürworte ich, dass junge Menschen in die Politik und die Parteien gehen. Aus der Sicht von Fridays for Future sehe ich das aber auch kritisch. Denn als Bewegung sind wir überparteilich.
     Es gibt keine Partei, die in ihrem Grundsatzprogramm oder Wahlprogramm auch nur ansatzweise die Forderung nach der Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels erfüllt, auch nicht die Grünen oder Die Linke. Es liegt auf der Hand, dass man sich als einzelne Person in einer Fraktion den Regeln und Hürden des Parlamentarismus unterordnen muss und nicht die Klimarevolution umsetzen kann. Als Aktivist kann man zumindest den Diskurs verschieben und damit vielleicht irgendwann auch politische Mehrheiten gewinnen.

Eine andere Möglichkeit wäre, die große Mobilisierungsfähigkeit zu nutzen und Aktionen zivilen Ungehorsams durchzuführen, wie es radikalere Teile der Klimabewegung wie zum Beispiel Ende Gelände tun. Könnte etwa durch Blockaden klimaschädlicher Infrastruktur nicht mehr Druck aufgebaut werden als durch Streiks, Demonstrationen und einzelne Kandidaturen?
     Bis vor ein paar Monaten habe auch ich intern noch gefordert, dass wir radikaler werden müssen. Aber Fridays for Future ist ja nicht die einzige Klimabewegung, sondern wir haben unsere Nische gefunden. Als sehr große und junge Bewegung müssen wir uns unserer Verantwortung bewusst werden. Wir können schlecht radikalere Aktionen durchführen, wenn wir wissen, dass an unseren Streiks auch Grundschulkinder oder Menschen mit Behinderung teilnehmen. Auch haben nicht alle das Privileg, weiß, männlich und ökonomisch wohlhabend zu sein und würden mit einer Festnahme oder gar Inhaftierung sehr viel riskieren.
     Fridays for Future steht für den Streik am Freitag auf der Straße. Was die Teilnehmer*innen darüber hinaus machen, ist ihnen ja offengestellt. Einige von uns nehmen auch an Aktionen von Ende Gelände oder Extinction Rebellion teil. Wir sind als Bewegung solidarisch gegenüber anderen Aktionen. Aber unser Label bleibt der „Schulstreik für das Klima“.

Das Interview führte Tobias Lambert.


Quang Paasch ist Klimaaktivist und Sprecher von Fridays for Future Deutschland.

 

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