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Mittwoch 13.03.19

„Ich bin kein Niemand!“

Im Dezember haben die Kakaobäuerin Elizabeth Osei Agyei und Sandra Kwabea Sarkwah von der INKOTA-Partnerorganisation SEND-Ghana eine Rundreise quer durch Deutschland unternommen. Im Gespräch mit Kakao-Referentin Evelyn Bahn berichten die beiden über ihre Eindrücke von Deutschland, den Kontakt mit Verbraucherinnen und Verbrauchern und über ihren Kampf für höhere Kakaopreise.

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Evelyn: Ihr wart im Dezember auf Rundreise durch Deutschland und habt Menschen in Berlin, Oldenburg, Speyer und Tübingen getroffen. Was werdet Ihr von diesen Begegnungen in Erinnerung behalten?

Sandra: Ich habe damit gerechnet, dass sich die Leute hauptsächlich für das Endprodukt interessieren – also die Schokolade. Aber sie waren wirklich am Wohlergehen der Kakaobauernfamilien und an der Situation in Ghana interessiert. Viele wollten wissen, was VerbraucherInnen tun können, damit sich die Situation der Menschen in Ghana verbessert. Besonders über ihre eigene Rolle und Verantwortung wollten sie viel erfahren. Dieses große Interesse macht mir Mut.

Elizabeth: Für mich war es eine wichtige Erfahrung, über mein Leben in Ghana vor großem Publikum zu berichten. In Tübingen waren wir zum Beispiel bei einem Schokoladenfestival. Die Größe der Veranstaltung hat mich sehr beeindruckt. Es waren unglaublich viele Menschen aus der ganzen Welt dort. Und trotzdem fiel es mir am Ende der Tour viel leichter, von mir zu erzählen. Ich hatte einfach genug Übung bekommen. Und nebenbei: Ich habe dort zum ersten Mal eine heiße Schokolade getrunken – hat gut geschmeckt!

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Ghana ist der zweitgrößte Kakaoproduzent weltweit. 20 Prozent des Kakaos stammen aus dem westafrikanischen Land. Die Existenz von einer Million Kakaobauern und -bäuerinnen und ihren Familien hängt an der braunen Bohne. Elizabeth Osei Agyei (links) und Sandra Kwabea Sarkwah fordern deshalb, den Einfluss der Kakaobäuerinnen und -bauern endlich zu stärken.

 

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Warum habt ihr diese Aufklärungstour überhaupt gemacht?

Sandra: Die Mehrheit der Kakaobauernfamilien lebt unterhalb der Armutsgrenze. Wir wollten VerbraucherInnen, PolitikerInnen und VertreterInnen der Schokoladenindustrie in Deutschland über die Lebenssituation von Kakaobauernfamilien informieren – und so ein Bewusstsein dafür schaffen, dass mit dem jetzigen Kakaopreis ein Leben in Würde nicht möglich ist.

Eure Forderung ist also ein höherer Preis für die Kakaobohnen. Wenn Kakao teurer wird, müssen wir in Deutschland aber auch mehr für Schokolade bezahlen, oder?

Elizabeth: Jedes Jahr werden die Preise für Lebensmittel und andere Waren in Ghana teurer. Aber wir bekommen nicht mehr Geld für unsere Kakaobohnen. Wenn die VerbraucherInnen mehr für die Schokolade bezahlen würden, würden uns die Unternehmen hoffentlich einen besseren Preis geben.

Sandra: Das hoffe ich auch. Aber wenn die VerbraucherInnen mehr zahlen, dann muss auch sichergestellt werden, dass das Geld bei den Bauern und Bäuerinnen ankommt.

Was sollten VerbraucherInnen eurer Meinung nach tun?

Sandra: VerbraucherInnen müssen ihre Stimme gegenüber der deutschen Regierung erheben und verbindliche Regeln für Unternehmen zum Schutz der Menschenrechte einfordern. Bisherige freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus. Damit der Kakaosektor gerechter wird und sich die Lebensbedingungen der Bauern und Bäuerinnen verbessern, brauchen wir Verbindlichkeit. Hier sind die VerbraucherInnen in Deutschland auch als BürgerInnen gefragt.

In Ghana wird der Kakaosektor durch eine staatliche Behörde reguliert, das Ghana Cocoa Board (Cocobod). Es gibt den Vorwurf, dass innerhalb des Cocobod das Geld in privaten Taschen verschwindet. Stimmt das?

Sandra: Das große Problem des Cocobod ist die fehlende Transparenz: Wir wissen nicht, wie viel Geld es wofür ausgibt. Interessanter als die Frage der Veruntreuung ist also die Frage, wie das Geld tatsächlich verteilt wird. Kakaobauern und -bäuerinnen in Ghana erhalten ungefähr 70 Prozent des Verkaufspreises. Was passiert aber mit den verbleibenden 30 Prozent? Das Cocobod bezahlt davon den Transport und andere logistische Aufgaben, die Verteilung von Pestiziden und Düngemitteln und die Gehälter seines Personals. Aber was genau wo hingeht, das wissen die Kakaobäuerinnen und -bauern nicht. Sie haben aber ein Recht darauf, zu erfahren, was damit passiert – denn eigentlich ist es ihr Geld, dass da verwendet wird.

Wir werden immer wieder gefragt, ob es für die Menschen in Ghana nicht besser wäre, wenn nicht nur der Kakao, sondern die gesamte Schokolade dort hergestellt würde. Weil dann mehr GhanaerInnen etwas vom Schokoladengeschäft hätten und wohl auch der Einfluss der Kakaobäuerinnen und -bauern in der Lieferkette größer wäre. Was denkt Ihr darüber?

Sandra: Ich kann diese Argumentation gut nachvollziehen, glaube aber nicht, dass das machbar ist. Zum einen wären die Produktionskosten sehr hoch. Wir produzieren nur den Kakao in Ghana. Die anderen Zutaten, wie Zucker und Milchpulver, müssten wir importieren. Zum anderen fehlt es an einer stabilen und leistungsstarken Energieversorgung. Dazu kommt noch unser Klima. Die hohen Temperaturen sind ungünstig, um Schokolade herzustellen. Wir müssten wahnsinnig viel Energie aufbringen, um die Schokolade zu kühlen, damit sie nicht schmilzt. Das ist wirtschaftlich kaum rentabel. 

Dann müssen die Kakaobäuerinnen und -bauern also anders gestärkt werden. SEND-Ghana führt deshalb zum Beispiel Argumentations- und Verhandlungstrainings für sie durch. Was lernen die Teilnehmenden dort genau?

Elizabeth: Erstmal hat mir die Schulung gezeigt, dass ich eine Kakaobäuerin bin und kein Niemand. Wir Kakaobäuerinnen haben bislang keinen Zugang zu Versammlungen oder politischen Entscheidungsträgern. Deshalb bin ich sehr froh, dass sich SEND-Ghana dafür einsetzt, dass unsere Stimme gehört wird.

Sandra: Es geht darum, den Bauern und Bäuerinnen zu vermitteln, warum das Thema Interessensvertretung so wichtig ist, um sich für faire Preise für Kakaobohnen einzusetzen. Durch Argumentations- und Verhandlungstrainings erhalten sie die Möglichkeit, sich gegenüber politischen Entscheidungsträgern zu äußern. Nur wenn die Bäuerinnen und Bauern ihre Stimme laut erheben und für sich einstehen, wird die Politik auf ihre Forderungen reagieren.

Und bislang hat niemand die Kakaobäuerinnen und -bauern gefördert?

Sandra: Es gab über die Jahre schon viele Unterstützungsangebote. In diesen Maßnahmen ging es aber fast immer nur darum, die Kakaoerträge zu steigern. Sie erhöhen den Arbeitsaufwand auf der Plantage enorm, führen aber kaum zu höheren Einkommen. Uns ist es wichtig, dass Bauern und Bäuerinnen diese Ungerechtigkeiten erkennen und sie formulieren können.

Elizabeth, Du bist eine Fairtrade-zertifizierte Kakaobäuerin. Es gibt noch weitere Siegel des Fairen Handels, die wir in Deutschland zum Beispiel von den Schokoladentafeln kennen. Ändern die Siegel etwas an der Lebenssituation von Kakaobauern und  bäuerinnen?

Elizabeth: Für mich erstmal ja, weil ich über Kuapa Kooko – meine Kakaokooperative – eine Fairtrade-Prämie erhalte. Für jeden 64 Kilo-Sack Kakao erhalte ich 5 Cedis extra (etwa 0,90 Euro, Anm. d. Red.). Zudem nutzt unsere Kooperative die Prämie, um zum Beispiel in Brunnen oder Schulen zu investieren. Außerdem schätze ich die Krankenversicherung, die in Ghana sehr teuer ist. In unsere Gemeinde kommt ein Arzt, der uns untersucht. Wenn ich krank bin, kann ich einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen. Kuapa Kokoo übernimmt sogar die Transportkosten.

Abschließend ein Blick in die Zukunft: Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, wie würde im Jahr 2030 das Leben einer Kakaobauernfamilie aussehen?

Elizabeth: Ich wünsche mir, dass mich die Menschen respektieren – und andere Kakaobäuerinnen und -bauern auch. Dass sie sagen, schaut her, diese Person ist eine Kakaobäuerin. Wir fordern Respekt für uns, unsere Arbeit und unsere Familien.

Sandra: Kakaobauern und -bäuerinnen sollten in angemessenen Unterkünften wohnen und einen Zugang zu guter Gesundheitsversorgung erhalten. Ihre Kinder haben das Recht auf eine anständige Bildung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Altersvorsorge. Die Arbeit auf Plantagen ist ein Knochenjob, der mit zunehmendem Alter kaum noch durchführbar ist. Sie haben auch fast keine Möglichkeit, zu sparen. Ein existenzsicherndes Einkommen, während des Arbeitslebens und im Alter, das ist mein allergrößter Wunsch für die Kakaobauern-Familien – bei uns und überall auf der Welt.

Vielen Dank, dass ihr hier wart. Es war eine tolle Zeit mit euch!

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