Montag 18.05.20

Corona in der Demokratischen Republik Kongo: Zwischen Fakten und Fiktion

Jacques Nzumbu Mwanga, Direktor der INKOTA-Partnerorganisation CARF; Bild: privat

Am 10. März 2020 wurde in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, der erste COVID-19-Fall bestätigt. Anfang Mai ging die Zahl der Infizierten auf die 1.000 zu, 96 Prozent davon in Kinshasa, wo sich die Krankheit auf das Stadtzentrum konzentriert. Trotz dieser Fakten leben die Kongoles*innen in der Fiktion. Die Mehrheit glaubt weder an diese Zahlen noch an die Krankheit. Grund dafür ist die schlechte Kommunikation auf lokaler und internationaler Ebene sowie die unreflektierte Weiterverbreitung von Nachrichten über soziale Netzwerke. Tatsächlich wurde zu Beginn der Krise der Eindruck erweckt, dass es sich um eine weit entfernte Krankheit handele. Eine Krankheit zudem, die hohen Temperaturen nicht standhalte sowie Schwarze und afrikanische Gemeinschaften nicht befalle.

Als das Virus am 10. März erstmals in der DR Kongo auftrat, verdächtigten die meisten Kongoles*innen die Behörden der Mittäterschaft. Wie konnten sie Flugzeugen aus betroffenen Ländern eine Landeerlaubnis erteilen? Versuchten sie nicht, die Krankheit auszunutzen, um Hilfsgelder einzuwerben? Diese Verschwörungstheorien zirkulierten zuerst in sozialen Netzwerken. Von den bis Anfang Mai 36 Verstorbenen in der DR Kongo stammt niemand aus den Armenvierteln. Die Machthaber, Minister und Parlamentarier gehörten zu den ersten, die von COVID-19 betroffen waren, und auch zu den ersten, die daran starben. Dies trug zur Fiktion einer „Krankheit der Reichen“ bei.
So nimmt vor allem der arme und weniger gebildete Teil der Bevölkerung die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht ernst. Die absolute Vertrauenskrise zwischen dem Staat und seinen Bürger*innen ist somit perfekt.

Fiktionen des Staates

Darüber hinaus zeigt diese Pandemie bildhaft die Fiktion des Staates in der DRK auf. Statt die Sicherheit zu garantieren, machten sich maskierte Sicherheitskräfte diesen Ausnahmezustand zunutze und führten strikte Kontrollen durch, bei denen sie häufig die Rechte der Einzelnen missachteten. Auch haben die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen die Fiktion eines qualitativ hochwertigen Gesundheitssystems in der DR Kongo zerschlagen. Von geplanten 130 Millionen US-Dollar, um auf das Virus zu reagieren, hat der kongolesische Staat bisher nur drei Millionen ausgezahlt. Die Fiktion eines Staates, der dank seiner Rohstoffe über solide Finanzen verfügt, ist ebenfalls zerbrochen. Die Währung, der kongolesische Franc, hat stark an Wert verloren. Die Bergbauunternehmen brachten die Arbeiter unter Kontrolle, indem sie sie zwangen, in den Minen zu bleiben. Zur Sorge ihrer Familien und der Arbeiter selbst, die gewaltsam voneinander getrennt wurden.

Die Kongoles*innen leben von einem Tag auf den anderen und haben sich unter Lebensgefahr Notmaßnahmen zum Überleben widersetzt. Trotz der Fakten scheinen sie keine Angst mehr vor Covid-19 zu haben. Wenn die Coronakrise vorbei ist, müssen wir das Vertrauen zwischen Staat und Bevölkerung wieder aufbauen. Diese will Taten sehen, keine Fiktion eines Staates, der nur auf dem Papier auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Freiheit und Wohlstand beruht.

Aus dem Französischen von Daniel Baumert.

Jacques Nzumbu Mwanga ist Direktor für Forschung und Naturressourcenmanagement von CARF, einer Partnerorganisation von INKOTA in der DR Kongo. Seit 2018 arbeitet INKOTA eng mit Jacques N. Mwanga insbesondere zum Themenfeld Kobaltlieferketten, Menschenrechte und Automobilindustrie zusammen.

Dieser Bericht ist eine Vorveröffentlichung aus der bald erscheinenden Ausgabe 192 des Südlink-Magazins.

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