Donnerstag 26.03.20

Von der Kultfigur zum Freund - Ernesto Cardenal, die DDR und INKOTA

Ernesto Cardenal war Revolutionär, Priester, Dichter und Kulturminister Nicaraguas. Willi Volks, ehemaliger Geschäftsführer von INKOTA, blickt auf vier Jahrzehnte der Begegnungen und Zusammenarbeit zurück. Ein Nachruf auf einen Freund und Wegbegleiter.

Ernesto Cardenal war unter der DDR-Bevölkerung bestens bekannt: Seine Bücher wurden vom Aufbau-Verlag und dem Union-Verlag herausgegeben und die Solidarität mit Nicaragua gehörte nach dem Sieg der Sandinistischen Revolution über die Somoza-Diktatur 1979 zur Staatsräson. Dementsprechend präsent war das Land in den Medien. Ernesto Cardenal selbst besuchte die DDR mehrmals.

Seine Anziehungskraft hielt noch lange an: Beispielsweise war noch fünfzehn Jahre nach der Wende eine Konzertlesung mit ihm in der Kulturbrauerei im Ostberliner Prenzlauer Berg völlig ausverkauft. Zusätzliche Stühle wurden in den Saal gestellt und Stehplätze vergeben.

Erste Begegnung mit Cardenal: SED-Funktionäre überrumpelt

Für uns als Mitglieder der kirchlichen „Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua“ (IHN) in Leipzig, die sich als INKOTA-Mitgliedsgruppe verstand, hatte Ernesto Cardenal eine ganz besondere Bedeutung: Er war die Kultfigur der Sandinistischen Revolution, mit der wir die Hoffnung auf einen dritten Weg, einen demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, verbanden.

Bereits mit seinem ersten offiziellen Staatsbesuch in der DDR, als nicaraguanischer Kulturminister im Jahr 1982, verband sich für die IHN ein Ereignis der ganz besonderen Art. Mit einem kleinen Kreis von Mitgliedern der SED-Bezirksleitung besuchte Ernesto Cardenal die vorher abgeschlossene und scheinbar menschenleere Thomaskirche. Einige Mitglieder der Gruppe hatten sich jedoch zuvor hineingeschmuggelt, kamen hinter den Bänken hervor und Karim Saab, einer der Mitbegründer der IHN, überreichte Ernesto Cardenal ein sehr wertvolles antiquarisches Buch und berichtete über die Solidaritätsarbeit der erst seit etwa einem Jahr bestehenden Gruppe.

Die SED-Funktionäre sollen recht sauertöpfisch geschaut und krampfhaft versucht haben, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ernesto Cardenal gefiel es offensichtlich. Jedenfalls sagte er später seinem deutschen Verleger Hermann Schulz vom Wuppertaler Peter Hammer Verlag, dass dies die interessanteste Begegnung währende seines DDR-Aufenthalts gewesen sei und schickte Karim Saab eine persönliche Dankeskarte.

Zugleich schmückte die Klappkarte unserer Gruppe das Foto vom Papstbesuch 1983 in Nicaragua, als Johannes Paul II. Ernesto Cardenal den Segen verweigerte und stattdessen mit erhobenem Zeigefinger mahnte, er möge sein politisches Engagement sowie seine Nähe zur Befreiungskirche überdenken.

                                                                                                           Bild: AP Photo/Barricada

Repression gegen praktische Solidarität

Ich stieß erst Ende 1983 zur IHN. Erzählungen über die für DDR-Verhältnisse schlicht unvorstellbare Begegnung in der Thomaskirche machten immer wieder die Runde und die Karte von Ernesto Cardenal wurde von uns behandelt wie ein Heiligtum.

Auch im Alltag der Gruppe spielten vor allem die Werke Cardenals, die in seiner christlichen Kommune auf einer Insel im Solentiname-Archipel im Nicaraguasee entstanden waren, eine wichtige Rolle. So lasen und besprachen wir begeistert das „Evangelium der Bauern von Solentiname“ und führten zusammen mit nicaraguanischen Studenten (es waren ausschließlich Männer) in Kirchen die Bauernmesse (Misa Campesina) auf. Das Publikum war begeistert, nicht aber die Partei und die Staatsorgane: Unsere Gruppe wurde als verlängerter Arm des CIA diffamiert und den Nicaraguaner*innen wurde der Kontakt mit uns bei Strafe untersagt – ein Nicaraguaner wurde deswegen vom Studium suspendiert und nach Hause geschickt. Auch das war Teil der offiziellen Solidaritätspolitik der DDR.

Eifersüchtige Wache vor Cardenals Büchern

Auch eine meiner ersten Aktivitäten in der IHN war indirekt mit Ernesto Cardenal verbunden: Ich durfte seine Bücher „bewachen“. Bei der Buchmesse 1984 in Leipzig gab es einen Gemeinschaftsstand des Peter Hammer Verlags von Hermann Schulz und dem Lamuv Verlags von René Böll, dem Sohn Heinrich Bölls. Beide Verlage aus der BRD waren nicht sehr finanzkräftig, weshalb sie sich den täglichen Zwangsumtausch von West-Mark in DDR-Mark und die Aufenthaltskosten nicht leisten wollten. Darum übernahmen wir die Standbetreuung. Die Regale von westdeutschen Ständen waren am Ende der Messe normalerweise fast leergefegt, da das westdeutsche Personal an den letzten Tagen kulant darüber hinwegsah, wenn Bücher geklaut wurden. Unsere Regale hingegen waren noch gut gefüllt. Wir bewachten sie eifersüchtig, denn ein Teil von ihnen, vor allem Bücher von Ernesto Cardenal, gingen nach der Messe in den Bestand der IHN über.

Sehnsuchtsort Monte Fresco

Der Verleger Hermann Schulz war inzwischen ein guter Freund und Unterstützer unserer Arbeit geworden. Er versorgte uns mit Informationen, schenkte uns Bücher aus seinem Verlag, stellte Kontakte her und half uns, diese über die geschlossene Grenze hinweg am Laufen zu halten.

Das betraf vor allem unsere direkten Kontakte nach Nicaragua, denn wir hatten inzwischen unseren konkreten Ort der Hoffnung und Sehnsucht ausgemacht: Das kleine Nest Monte Fresco, am Kilometer 28 der alten Straße von Managua nach León gelegen. Wir unterstützten die dortige Schule „Tania La Guerillera“, benannt nach der aus der DDR kommenden Tamara Bunke, die in Bolivien an der Seite von Che Guevara kämpfte und dort umkam.

Schon die Entstehungsgeschichte der Partnerschaft mit der Schule in Monte Fresco war mühsam und kam vor allem durch die Unterstützung von Maria Eisenhuth vom Solidaritätskomitee Dietzenbach zustande. Sowohl sie als auch Hermann Schulz besuchten Monte Fresco, transportierten Briefe, machten Fotos und überbrachten uns die Grüße der Lehrer*innen und Wunschlisten und Zeichnungen von den Kindern.

Unser „Bruder und Freund Ernesto Cardenal“

Hermann Schulz unterstützte uns auch beim Aufrechterhalten der Kontakte zu Ernesto Cardenal. Ich erinnere mich an zwei oder drei Briefe von ihm in dieser Zeit. Er nannte uns „Liebe Freunde der Gruppe Hoffnung Nikaragua“ (man beachte die Schreibweise mit „k“, die in der DDR üblich war) und bedankte sich für unsere Solidarität mit Monte Fresco. Wir wiederum schrieben an unseren „Bruder und Freund Ernesto Cardenal“.

Das muss man sich mal vorstellen! Ernesto Cardenal, diese schillernde und faszinierende Persönlichkeit der Sandinistischen Revolution, war unser Bruder und Freund geworden. Etwas Schöneres und Größeres konnte es für uns in der eingemauerten DDR kaum geben!

Der Alltag unserer Gruppe war dagegen eher bescheiden, mühsam und vor allem durch zwei Dinge bestimmt: Pakete mit Heften, Stiften, Radiergummis und anderem zu verschicken und auf Post aus Monte Fresco zu warten. Da half es sehr, wenn unser Alltag mal durch eine etwas andere Aktion unterbrochen wurde: Bei einer kirchlichen Veranstaltung in Berlin konnten wir Ernesto Cardenal ein Akkordeon übergeben, das sich ein kleines Mädchen aus der Schule in Monte Fresco gewünscht hatte.

Cardenal: Gegenentwurf zum Sozialismus Marke DDR

Eine Persönlichkeit wie Ernesto Cardenal als Kulturminister im „sozialistischen Bruderland“ Nicaragua wollte die DDR-Führung natürlich als einen der ihren vereinnahmen.

Ich erinnere mich beispielsweise an eine Veranstaltung im Jahr 1985 in einer Berliner Kirche. Der Veranstalter war die Christliche Friedenskonferenz (CFK) der DDR, die sehr staatsnah agierte und selbst die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 guthieß. Ernesto Cardenal hielt eine Rede über Christentum und Sozialismus. In der sich anschließenden Diskussion wurden einige vorsichtig-kritische Fragen gestellt. Das genügte Heinrich Fink, dem damaligen Vorsitzenden der CFK in der DDR, die Veranstaltung abrupt zu beenden. Fink erklärte den bis dahin sehr munter wirkenden Ernesto Cardenal kurzerhand für müde und erschöpft und geleitete ihn aus dem Altarbereich. Peinlich!


Der DDR-Führung gelang es nicht, Ernesto Cardenal zu vereinnahmen. Er war zu groß für sie und bewegte sich in anderen, höheren Dimensionen. Seine Sozialismus-Vorstellung war der Gegenentwurf zum Sozialismus Marke DDR.
Wenn die Führung der DDR von der Weltrevolution schwafelte, konnte das angesichts des verkrusteten und kleinbürgerlichen „real existierenden Sozialismus“ in der selbsternannten Diktatur des Proletariats nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen. Sprach Cardenal von Revolution, dann tat sich ein Raum auf: visionär, befreiend, emanzipatorisch. Als ganzheitliche Persönlichkeit von Wort, Tat und Haltung war er glaubwürdig. Diese Glaubwürdigkeit war der DDR-Führung längst abhandengekommen.

Cardenal vereinigte die drei Wirkungsbereiche als Priester und Befreiungstheologe, als Dichter und als Politiker auf beeindruckende Art und Weise. Seine mystische und wundervoll bildhafte Poesie verband sich mit der Vision einer gerechten Gesellschaft und der praktischen revolutionären Politik des Aufbaus von Kulturzentren und Dichterwerkstäten des Volkes im sandinistischen Nicaragua.

„Wie kann ein wirklicher Christ Kapitalist sein?“

Er nannte sich mitunter Kommunist. Für ihn war Christ sein und Kommunist sein kein Widerspruch. Im Gegenteil: ihm war es wichtig, beides zu vereinen. Aus christlicher Nächstenliebe wollte er eine gerechte sozialistisch-kommunistische Gesellschaft schaffen. Für alle. Vor allem aber für die Ärmsten der Armen. Dies begriff er als Liebe und Befreiungsakt für alle Völker und es war ihm eine Verantwortung, die ihn in die Unendlichkeit des Lebens und des Universums führte – wie seine Poesie.

„Kommunismus – das heißt das Reich Gottes auf Erden – was für mich dasselbe ist“, schrieb er.

Wer diese Aussage heute belächelt oder gar abtut, möge den geschichtlichen Kontext bedenken: Es war die Zeit des Kalten Krieges zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Block. Für viele Menschen– auch in der DDR – war ein demokratischer Sozialismus ein erstrebenswertes Ziel.
Und wenn Ernesto Cardenal auf die Frage: „Wie kann ein Christ Marxist sein?“ antwortete: „Wie kann ein wirklicher Christ Kapitalist sein?“, so scheint mir das noch heute, angesichts der Politik von sich christlich nennenden Parteien, sehr bedenkenswert.

Cardenal und INKOTA: vereint in der Opposition gegen Ortega

Wie wir wissen, ist die Revolution in Nicaragua Vergangenheit. Cardenal hat sich vom einstigen Revolutionshelden und heutigen Präsidenten Daniel Ortega öffentlich distanziert und ihn einen Diktator genannt.

Auch INKOTA ist schon lange auf Distanz zum Regime Ortegas gegangen. Heute unterstützen wir Projekte von Partnerorganisationen der Zivilgesellschaft, die sich mehrheitlich ebenfalls von den regierenden Sandinist*innen gelöst haben oder, wie die Stiftung Popol Na, Hilfe für die Opfer dieser neuen Diktatur leisten.

Als INKOTA im Jahr 2001 einen Beirat aus Prominenten zur Unterstützung seiner Arbeit bildete, fiel uns als einer der ersten Ernesto Cardenal ein, der ohne großes Zögern zusagte. In der Folgezeit unterstützte er mehrmals Kampagnen für unsere Projekte in Nicaragua.

Ich erinnere mich diesbezüglich an eine sehr schöne Konzertlesung mit der Grupo Sal 2004 in der Dreikönigskirche in Dresden, mit deren Erlös ein Projekt vom Frauenzentrum Xochilt Acalt, einer INKOTA-Partnerorganisation im Landkreis Malpaisillo, gefördert wurde.

Quicklebendig noch mit 85 Jahren

In den folgenden Jahren traf ich Ernesto Cardenal noch mehrfach auf der (fast) jährlich stattfindenden Konzertlesungstournee durch Deutschland mit der Grupo Sal. Wegen seiner damals schon angeschlagenen Gesundheit, stand hinter jeder abgeschlossenen Tournee die bange Frage, ob dies nicht die letzte war.

Ich erinnere mich noch gut an ein Abendessen nach der Konzertlesung 2010 in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg. Im Gegensatz zu manchen Vorjahren schien er bei bester Gesundheit. Jedenfalls aß und trank er mit Genuss und erzählte. Die Zeit schritt erheblich voran und die Musiker, die am nächsten Morgen sehr früh aus den Federn mussten, um die Weiterfahrt nach Hamburg vorzubereiten, wurden langsam ungeduldig – doch es brauchte mehrere geschickte Anläufe, ehe Ernesto sich durchringen konnte, die Gaststätte zu verlassen.

Am 1. März dieses Jahres ist Ernesto Cardenal im Alter von 95 Jahren gestorben.
Mir werden die Bilder von dem quicklebendigen Ernesto in der langen Kreuzberger Nacht wohl immer im Gedächtnis bleiben.

Für mich bleibt von dem Vielen, was er uns gegeben hat, vor allem eins:
Seine Sehnsucht nach einer gerechteren Welt lebt weiter, auch bei INKOTA!

Gracias, Padre* Ernesto!

Willi Volks

*Ernesto Cardenal wurde 1985 durch den Vatikan das Priesteramt entzogen, Papst Franziskus hat Anfang 2019 alle Sanktionen gegen ihn aufgehoben. Darüber war er sehr glücklich.

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