Dienstag 28.01.20

Die Arbeit ist gefährlich und hart, besonders in der Grube

"Monsieur Mandelas karger Lohn"

Für die Elektromobilität in westlichen Industrienationen schürfen Kongolesen unter unsäglichen Bedingungen Kobalt

Mit freundlicher Genehmigung von Peter Seidel, veröffentlicht INKOTA seinen Artikel, der am Mittwoch, 16. Oktober 2019 im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen ist. 

Lithium-Ionen-Akkus. Die Bezeichnung für diese Hochleistungsbatterien löst viele positive Assoziationen aus: Sie sind die Basis für Elektromobilität weltweit. Sie bewegen den Streetscooter aus Aachen, mit dem die Post Pakete ausfährt. Sie stecken in den Elektroautos von Tesla, BMW, VW, Renault, Nissan oder Toyota, in E-Bikes und E-Scootern.

Lithium-Ionen-Akkus verheißen eine sauberere Luft in den Städten und weniger Motorenlärm. Sie werden als Teil des Kampfes gegen den Klimawandel betrachtet, weil sie deutlich weniger Kohlendioxid in Herstellung und Betrieb produzieren als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Die Akkus basieren vor allem auf dem Zusammenwirken von zwei Metallen–Lithium und Kobalt. Die Batterien weisen eine besonders hohe Energiedichte auf, ermöglichen also eine bezogen auf ihr Gewicht hohe Leistung.

Soweit die positive Seite dieser Energiespeicher, die die Welt umweltfreundlich bewegen sollen. Die unschöne, dreckige, Umwelt-und Menschenrechten vielfach Hohn sprechende Seite der Elektromobilität beginnt dort, wo diese Rohstoffe herkommen. Zum Beispiel Kobalt: Fast die Hälfte der bekannten weltweiten Kobaltvorräte, 3,5 Millionen Tonnen (48 Prozent), sind auf ein einziges Land in Afrika konzentriert: die Demokratische Republik Kongo (DR Kongo). Nimmt man die nächstgrößeren Lagerstätten in Australien (16,5 Prozent), Kuba (6,9 Prozent) und den Philippinen (3,8 Prozent) hinzu, kommen nur vier Länder weltweit auf mehr als drei Viertel der globalen Kobaltvorräte.

Doch die Kobaltmengen im Kongo überragen alles: Zwei Drittel (64,1 Prozent) des 2017 weltweit geförderten Kobalts – fast 76000 Tonnen – stammen nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur aus dem zentralafrikanischen Land. Das Metallerz Kobalt wird vor allem in den südost-kongolesischen Provinzen Haut Katanga und Lualaba abgebaut, zum großen Teil von Tochterfirmen internationaler Bergbauunternehmen wie dem Schweizer Konzern Glencore und dessen chinesischem Konkurrenten Huayou Cobalt.

"Die Kleinschürfer haben Angst vor Geldbußen. Deshalb melden sie Unfälle meist nicht."

Aber auch Kleinschürfer spielen eine wichtige Rolle im kongolesischen Bergbau. Nach Angaben der Rohstoffagentur wird etwa ein Fünftel des Kobalts von Kongolesen im handwerklichen Tage- oder Untertagebau gewonnen. Bis zu 150.000 Kongolesen sind hier beschäftigt.

Sie arbeiten sehr oft in illegal eingerichteten Gruben, ohne die nötige Schutzkleidung, ohne Atemschutz gegen den Kobaltstaub, der in Verdacht steht, schwere Lungenerkrankungen zu verursachen. Sie begeben sich in den häufig technisch mangelhaft gesicherten, selbst gebauten Stollen in Lebensgefahr. Oft schuften auch Kinder mit. Sie waschen das Kobalterz oder transportieren die schweren Säcke mit dem Kobalterz.

Die Zahl der Todesopfer in dieser Form des Bergbaus sei hoch, sagt Jacques Nzumbu Mwanga dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Wie hoch, weiß niemand so genau, denn die Schürfer „haben Angst vor den Geldbußen, die ihnen der Staat auferlegen könnte “und melden deshalb Unfälle meist nicht, sagt der Jesuit und Experte für Rohstoffgovernance bei der kongolesischen Nichtregierungsorganisation Carf („CentreArrupepourla Recherche et la Formation“) – „Arrupe-Zentrum für Forschung und Bildung“, benannt nach einem früheren Generaloberen der Jesuiten.

Einer Recherche von Amnesty International zufolge starben allein im Zeitraum zwischen September 2014 und Dezember 2015 mindestens 80 Menschen in den Minen des kongolesischen Südens. Einer der Kleinschürfer aus Kolwezi, der Hauptstadt der Provinz Lualaba, erklärte sich bereit, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ Fragen zu beantworten. Mandela heißt er, so wie der vormalige südafrikanische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger. Aber mehr möchte er von seiner Identität nicht preisgeben. Auch Fotos während der Arbeit in seiner Mine will er nicht machen lassen. Zu groß die Angst, erkannt zu werden und Ärger mit Offiziellen der Provinz zu bekommen, denn die Arbeit der Kleinschürfer findet in einer rechtlichen Grauzone statt.

"Die Arbeit ist gefährlich und hart, besonders in der Grube"

Er sei Vater von fünf Kindern, erzählt er. Gemeinsam mit zwei Cousins schürft er Kobalt „von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang“. Ein erwachsener Sohn hilft ihm beim Transport der Säcke voller Erz, die er auf seinem Motorrad zu den chinesischen Händlern am Stadtrand von Kolwezi auf dem Musompo Markt bringt. In seiner Familie arbeiten keine Minderjährigen, sagt er, aber er sehe viele Kinder beim Waschen oder beim Sammeln des kobalterzhaltigen Gesteins.

Auf die Frage, ob das eine gute Arbeit sei, ist seine Antwort klar: „Nein. Die Arbeit ist gefährlich und hart, besonders wenn wir für viele Stunden in der Grube arbeiten. Es gibt dabei viele Tote. Für uns Kleinschürfer gibt es außerdem keine wirklich freien Abbaugebiete, also müssen wir mitunter im Verborgenen arbeiten. Und die chinesischen Händler betrügen uns, wenn wir unser Material verkaufen.“

Die Kleinschürfer sind praktisch dazu gezwungen, Kobalt illegal abzubauen, weil es an von der Regierung ausgewiesenen Flächen für den handwerklichen Kobaltbergbau fehlt. „Das führt dazu, dass die Kobaltschürfer im Verborgenen und in rechtlicher Unsicherheit arbeiten müssen. Es führt auch zu Konflikten mit der Minenindustrie“, sagt Nzumbu Mwanga.

Er macht die Regierung und die schwache kongolesische Verwaltung für diese Situation verantwortlich: „Der Staat hat es versäumt, Zonen für den Kleinbergbau auszuweisen.“ Der Experte betont, dass Kleinbergbau gesetzlich geschützt sei. Ohne die Chance auf eigene Claims bauten viele Bergleute Kobalt aber auf Flächen ab, für die der industrielle Bergbau Lizenzen vom kongolesischen Staat erworben habe.

Aber das korrupte Geschäft endet nicht mit dem Kobaltabbau. Denn der Gouverneur der Provinz bestimmt auch, welchem Händler er das Aufkaufmonopol für die Rohstoffe der Kleinschürfer in einem bestimmten Gebiet gibt. Die Bergarbeiter sind gezwungen, ihr Kobalterz an diesen einen Händler zu dem von ihm diktierten Preis zu verkaufen.

Laut Nzumbu Mwanga verdient eine Kleinschürfer-Familie im Monat oft nicht mehr als 200 bis 250 US-Dollar (umgerechnet 175 bis 220Euro). Unser Gesprächspartner berichtet zwar, dass er auch 500 US-Dollar und mehr monatlich erziele. Aber: „Alles hängt vom Verkauf ab und vom Kurs, zu dem Kobalt gehandelt wird. “Er wiederholt: „Wir werden oft betrogen. Unser Verkaufserlös, selbst wenn wir in seltenen Fällen sogar 1500 US-Dollar erreichen, ist kein Gewinn. Mit unseren Ausgaben, bei all den Risiken, die das Schürfen mit sich bringt, schaffen wir es nicht, Geld zu sparen. Am Ende des Monats ist kein Geld mehr da.“

Über den lokalen Handel zum Beispiel auf dem Musompo Markt gelangt das Kobalterz aus dem Kleinbergbau in die nationale und internationale Verarbeitungskette. Das wiederum bedeutet: Kein Bezieher von Lithium-Ionen-Akkus für Elektroautos weltweit kann ausschließen, das in seinem Fahrzeug Kobalt steckt, bei dessen Abbau Menschen- und Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden.

Darauf weist auch Beate Schurath, Referentin für das Thema Ressourcengerechtigkeit bei der Nichtregierungsorganisation Inkota, hin. Mit Blick auf die deutschen Autohersteller sagt sie: „Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie verbindlich die Einhaltung von Sorgfaltspflichten von den Unternehmen einfordert. Die Regierung muss endlich einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen für die Einhaltung der menschenrechtlichen Verpflichtungen durch die Unternehmen schaffen.“

Zwar verabschiedete die Bundesregierung im Dezember 2016 den Nationalen Aktionsplan Menschenrechte. Die darin festgehaltenen Ziele zur Sorgfaltspflicht deutscher Unternehmen für Menschenrechte in ihrer Lieferkette sind aber unverbindlich. Sanktionen gegen Firmen, die gegen ihre Pflicht zur Sorgfalt verstoßen, sieht der Plan nicht vor. Um den Druck auf die Unternehmen zu erhöhen, hatten 11.000 Unterstützer in einer E-Mail-Aktion Autoherstellern die Frage gestellt: „Wie gerecht ist die Herstellung Ihrer Elektroautos?“ Die Ergebnisse sind im Internet zu finden (www.verkehrswende-gerecht.de).

Unterdessen geht die Arbeit in unzähligen kleinen Minen und offenen Schürfgruben im Süden des Kongo weiter. Der Hunger der Autoindustrie auf diesen Rohstoff steigt rasant an. 2017 wurden weltweit 110.000 Tonnen Kobalt verkauft. Für 2026 geht die Deutsche Rohstoffagentur von 225.000 Tonnen aus.

Dieser Artikel, geschrieben von Peter Seidel, ist am 16. Oktober 2019 im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen.

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Ressourcengerechtigkeit

E-Mobilität

Publikation: Kobalt. kritisch³

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