Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

Mittwoch 26.02.14

Wie ein Fisch im Wasser - Ein Porträt

Wer sind eigentlich die Menschen, die in den von INKOTA geförderten Projekten im Ausland arbeiten? Guillermo Rivera zum Beispiel setzt sich schon seit Jahrzehnten für ein besseres El Salvador ein. Heute leitet Guillermo Rivera das Projekt der Nichtregierungsorganisationen OIKOS am Vulkan Chaparrastique in El Salvador. Früher hat er in der Guerilla für ein besseres Land gekämpft.

Wer Guillermo Rivera heute in den Gemeinden am Vulkan Chaparrastique erlebt, kann sich an einen Satz von Mao Zedong erinnert fühlen: „Der Revolutionär schwimmt im Volk wie ein Fisch im Wasser”, erklärte der berühmte Chinese einst und meinte damit die große Nähe, die zwischen den zivilen Bewohnern einer Gegend und den Aufständischen bestehen müsse. Ohne Unterstützung durch die Landbevölkerung könne keine Befreiungsbewegung lange überleben.

Auch Rivera hätte den Bürgerkrieg in El Salvador von 1981 bis 1992 sicherlich nicht überlebt, wenn sich die Guerilla FMLN und die armen Bauern und Bäuerinnen nicht auf vielfältige Weise beigestanden hätten. Er verbrachte zwölf lange Jahre in der Guerilla, zumeist in heftig umkämpften Gebieten. Eine Zeit, die er nicht bereut, über die er aber eher selten spricht. Er ist glücklich, überlebt zu haben – und bei seiner Familie sein zu können. Mit Gloria, einer Guerillera aus seiner Einheit, hatte Guillermo Rivera während des Krieges zwei Kinder bekommen. Ein drittes kam einige Jahre später dazu. Seine Tochter Sandra sah er bei Kriegsende zum ersten Mal. Da war sie ein halbes Jahr alt.

Musik, die Sprache des Friedens

Für seine Kinder wollte Rivera ein anderes Leben, ohne Krieg und Gewalt. Ihre Sprache wurde die Musik. „Meine Kinder spielen sehr gut”, sagt Rivera heute zufrieden. Alexis, Riveras ältester Sohn, spielt klassische Gitarre und arbeitet als Musiklehrer. Sandra hat ein Stipendium für eine Musikhochschule in den USA bekommen. Und Claudia, die jüngste, hat im Jugendsinfonieorchester El Salvadors die erste Geige gespielt. Die Kinder haben ihren Vater auch schon in den Osten El Salvadors begleitet, wo Rivera seit vielen Jahren bei der Nichtregierungsorganisation OIKOS arbeitet. Sogar bei einem alternativen Saatgutfest im Rahmen des Projekts, das INKOTA seit einigen Jahren unterstützt, sind Riveras Kinder schon aufgetreten. „Sie tun etwas für den Frieden im Land”, erklärt Rivera. „Sie treten in Gemeinden auf, wo viel Gewalt herrscht. Die Jugendlichen sollen sehen, dass es noch etwas anderes gibt.”

El Salvador ist schon seit Jahrzehnten von Gewalt geprägt. In den Jahren vor und während des Bürgerkriegs starben über 70.000 Menschen, zumeist Zivilisten, die vom Militär oder der Polizei ermordet wurden. Oder von den Todesschwadronen, die seit den späten 1970er Jahren immer schlimmer in dem kleinen mittelamerikanischen Land wüteten. Auch für Guillermo Rivera war dies eine gefährliche Zeit. Er war seit einigen Jahren politisch aktiv, nahm an Schulbesetzungen und Demonstrationen teil. Ein Lehrer, der, wie Guillermo später erfuhr, Mitglied der Kommunistischen Partei war, hatte ihm erklärt: „Die große Armut in unserem Land hat mit den ungerechten Strukturen zu tun. Wir können sie verändern.”

1980 wurde die Lage immer riskanter. Im März wurde der berühmte Erzbischof Oscar Arnulfo Romero am Altar erschossen, Dutzende Leichen tauchten jeden Tag auf, gefoltert und verstümmelt. Im September ermordeten die Todesschwadronen Riveras Schwester. Auch er stand auf einer Todesliste, konnte aber mit seiner Mutter und seinen verbliebenen Geschwistern ins Exil nach Mexiko fliehen.

„Viele in der Guerilla meinten anfangs, der Krieg würde nicht länger als sechs Monate dauern”

Nur wenige Monate später kehrte er nach El Salvador zurück. Lange Jahre am Guazapa folgten, einem erodierten Vulkangebirge nur rund dreißig Kilometer von der Hauptstadt San Salvador entfernt und über die gesamte Kriegszeit eines der zwischen Guerilla und Armee am stärksten umkämpften Gebiete. 1986 konnte er für ein paar Wochen nach Mexiko, um seine Mutter zu besuchen, eine wunderbare Zeit, wie er sich erinnert. Es blieb das einzige Mal. „Viele in der Guerilla meinten anfangs, der Krieg würde nicht länger als sechs Monate dauern. Ich hingegen dachte, dass wir wohl zwei Jahre brauchen, bis wir gewonnen haben. Es wurden zwölf lange Jahre daraus”, erzählt Rivera.

Den Krieg hatte die Befreiungsbewegung FMLN auch dann nicht gewonnen, aber immerhin erreichte sie wichtige politische Reformen, die Verkleinerung der Armee und den Neuaufbau einer zivilen Polizei. „Es war Zeit, den Krieg zu beenden. Die Regierung konnte uns nicht besiegen, doch wir konnten auch nicht gewinnen”, so die realistische Einschätzung Riveras. Schon bald nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens Anfang 1992 kehrte Guillermo Rivera ins zivile Leben zurück.

Wer sich organisiert, hat die Chance sein Leben zu verbessern

Vor vierzig Jahren haben die Menschen in El Salvador begonnen, sich massiv zu organisieren und gegen das ungerechte System aufzubegehren. Erst als sie sich zusammentaten, entstand für sie die Chance auf Veränderungen. „Das ist heute nicht anders”, erklärt Guillermo Rivera. „Es geht nicht mehr darum, das gesamte System zu verändern. Aber wenn sich die Menschen hier organisieren, haben sie viel größere Chancen, ihr Leben zu verbessern. Dies gilt besonders für die Frauen, denen gleiche Rechte in den Gemeinden häufig noch verwehrt werden.”

Dieser Projektschwerpunkt liegt Rivera auch bei seiner Arbeit im OIKOS-Projekt sehr am Herzen. Der Großteil der Projektbeteiligten sind Frauen, häufig allein erziehende Mütter. Am weitesten ist die während des Projekts gegründete Frauengruppe in der Gemeinde El Chirrión. Selbstbewusst fordern die Frauen bei der Kreisverwaltung Verbesserungen der Infrastruktur und Unterstützung für besonders notleidende Gruppenmitglieder. Bei „Don Guillermo”, wie sie ihn liebevoll nennen, können sie Rat einholen und finden immer ein offenes Ohr.

Einmal jedoch konnte Guillermo Rivera ihnen nicht beistehen. Als am Sonntag des 29. Dezember 2013 der Vulkan Chaparrastique ausbrach, war der Projektkoordinator, der sonst bei jeder Katastrophe sofort zur Stelle ist, zur Untätigkeit verdammt. Kurz vor Weihnachten war er mit seiner jüngsten Tochter nach Los Angeles geflogen, um seine Mutter und einen Bruder zu besuchen. Die waren nach einigen Jahren im Exil in Mexiko in die USA ausgewandert, wo sie seither leben. Zehn lange Tage bis zur Rückreise folgten, bis sich Rivera endlich aufmachen konnte zu „seinen” Gemeinden am Chaparrastique. Zehn Tage, in denen er mit bangen Blicken, die Nachrichten im Fernsehen und im Internet verfolgte und per Skype Kontakt mit OIKOS hielt.

Es waren aber auch glückliche Tage mit seiner Mutter und seiner Tochter. Die waren froh, dass er den Flug nicht umbuchen und sich kein neues Ticket leisten konnte.
Guillermo Rivera ist ein Familienmensch und genießt die Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern. Doch wenn es um seine Arbeit geht, legt er eine enorme Disziplin an den Tag, die sicherlich ein Erbe aus der Guerilla ist. Das bekommt auch seine Familie zu spüren, wenn am Wochenende mal wieder zu wenig Zeit bleibt, um nach Hause ins rund drei Stunden entfernte Santa Tecla zu fahren.

An normalen Tagen sitzt er spätestens um sechs Uhr früh am Computer und arbeitet an Projektberichten oder neuen Anträgen – nachdem er erst einmal mit seiner Frau oder einem seiner Kinder telefoniert hat. Viel lieber als die Büroarbeit sind ihm jedoch die Fahrten in die ein paar Kilometer entfernten Projektgemeinden. Da kann die Sonne an den Abhängen des Vulkans Chaparrastique noch so sehr herunterbrennen, wenn ein Bauer ihm sein Feld zeigen will, scheut er keinen noch so langen Weg. Geduldig hört er sich die Berichte der Projektbeteiligten an, beantwortet alle Fragen und erklärt, was als nächstes zu tun ist. Unschwer ist zu erkennen, wie wohl er sich mit den Menschen auf dem Land fühlt. Hier ist er ganz in seinem Element. Wie ein Fisch im Wasser eben.

Von Michael Krämer, Projektreferent El Salvador bei INKOTA

Dieser Artikel ist leicht verändert Mitte Januar im Rahmen einer Spendenaktion in der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen.

Erfahren Sie mehr über unsere Partnerorganisation OIKOS

nach Oben