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Südlink 159 - März 2012

Alternativen zum Wachstum - mit Rio+20 aus den globalen Krisen?

Die Glücksformel

Bhutan richtet seine Politik nicht am Wirtschaftswachstum aus, sondern an der Zufriedenheit seiner BewohnerInnen

Das kleine Königreich Bhutan hat weltweit eines der niedrigsten Bruttoinlandsprodukte (BIP) – und doch gehören die Bhutaner zu den glücklichsten Menschen überhaupt. Seit ein junger König 1974 das „Bruttoglücksprodukt“ erfand, erklärt sich die Regierung für die Zufriedenheit der BürgerInnen verantwortlich – heute erobert seine Idee die Welt. Interview mit Karma Ura, der die Regierung in Fragen des Glücks berät.

Karma, sind Sie ein glücklicher Mensch?
(lacht) Ja, ich bin glücklich! Nun, ich halte meine Erwartungen niedrig. Ich versuche, mich komplett auf die Gegenwart zu konzentrieren und lebe von einem Tag zum anderen. Unsere Erinnerungen und Zukunftspläne können uns nur allzu leicht vom Hier und Heute ablenken. Ich gehe jeden Morgen eine Stunde im Wald spazieren; da nimmt mich die Gegenwart ganz gefangen.

Offenbar gehören Sie in Bhutan zu einer Mehrheit: 88 Prozent der Menschen in Ihrem Land bezeichneten sich in einer Umfrage 2010 als glücklich – viel mehr als in Deutschland. Dabei ist Bhutan bitterarm und wird erst seit vier Jahren demokratisch regiert.
Unsere Wirtschaftsleistung ist nicht das Maß aller Dinge. Das Bruttoinlandsprodukt kann sie ohnehin nicht abbilden: Unsere starke Subsistenzwirtschaft und immaterielle Kultur kommen darin zum Beispiel gar nicht vor. Unser Wohlbefinden wird durch viele Faktoren bestimmt. In Bhutan lernen schon Sechsjährige meditieren, um eine ruhige positive Haltung zu entwickeln und der Rastlosigkeit zu entkommen.

Das von Ihnen geleitete Forschungsinstitut misst im Auftrag der Regierung das Glück der BewohnerInnen. Wie definieren Sie Glück?
Konsum und äußere Stimuli können kurzfristige Glücksgefühle auslösen; uns geht es aber nicht um Hedonismus, sondern um eine reflektierte, nachhaltige Form des Glücks. Wir haben acht Faktoren gefunden, anhand derer wir durch Umfragen das Bruttoglücksprodukt bestimmen: Dazu zählt das psychische Wohlbefinden, eine ausgewogene Zeitnutzung, kulturelle Vielfalt, vitale Gemeinschaften, gute Regierungsführung, eine widerstandsfähige Umwelt, Bildung, Gesundheit und ein angemessener Lebensstandard.

Macht die Möglichkeit, einen Volksvertreter zu wählen, glücklich? Wie zufrieden waren die Bhutaner zu Zeiten der Monarchie?
Die Aussagen zum Glück haben sich seit den Siebziger Jahren kaum geändert. Ein gut regierender Monarch, der durch sein einfaches Leben zum Vorbild wird und klare Visionen für die Zukunft hat, kann eine kleine Gesellschaft offenbar genauso glücklich machen wie ein Parlament.

Langsam, aber sicher erobert die Moderne auch Bhutan: Seit 1999 gibt es dort Fernsehen und gerade öffnet sich das Land dem Tourismus. Wie sorgt die Regierung dafür, dass die BewohnerInnen glücklich bleiben?
Jede Entscheidung des Parlaments – der Bau einer Straße oder die Öffnung für den Güterverkehr – wird auf der Grundlage unserer Glücksfaktoren daraufhin geprüft, ob sie die BewohnerInnen zufriedener machen wird. Andernfalls kommt der Beschluss nicht zustande. Im Laufe der Geschichte haben sich die meisten Regierungen von ihrem ursprünglichen Ziel entfernt: Sie steuern das Wirtschaftswachstum, kontrollieren die Inflation, schaffen Arbeitsplätze und Infrastruktur. Zufriedenheit, so glauben sie, komme dann schon automatisch. Das Streben nach Glück wird entkoppelt und ins Private verschoben.
Die Regierung von Bhutan geht genau andersherum vor: Sie führt sich ihr oberstes Ziel vor Augen – das Glück ihrer BürgerInnen – und schafft dann die entsprechenden Bedingungen. Unsere Regierung dient den Menschen, nicht dem Wirtschaftswachstum an sich.

Eine Kleinbäuerin im Himalaya würde sich über eine arbeitssparende Maschine aber sicher freuen. Wie lange trägt Wirtschaft zum Wohlstand bei?
Ohne Zweifel müssen erst einmal die Grundbedürfnisse der Menschen gestillt werden: Nahrung, eine angemessene Unterkunft, Bildung, Gesundheit. Doch die Art, wie die Menschen im Westen ihr Geld ausgeben, entfernt sich immer mehr von diesen Grundbedürfnissen: So wird nur noch ein Bruchteil des Einkommens für Nahrung verwendet, sehr viel hingegen für Unterhaltung, Freizeit und Reisen. Wir müssen arbeiten, um uns die Freizeit zu erkaufen – klingt das nicht paradox?
In sogenannten modernen Gesellschaften arbeitet man heute weniger Stunden als früher, aber die Arbeit ist intensiver, konzentrierter, anstrengender geworden. Trotz kürzerer Arbeitszeiten klagt jeder über Zeitmangel, fühlt sich einem größeren Druck ausgesetzt – und spart beim Schlaf. Das trägt nicht eben zum Glück bei. Und wie nutzen wir die Freizeit? Wir tun anstrengende Sachen wie fernzusehen. Der Ausweg ist, Freizeit- und Kulturangebote zu schaffen, die unser Budget, unser Zeitkonto und die Umwelt nicht belasten. Durch den Wald laufen zum Beispiel.

Sie sprechen immer von „wir“. Im Westen ist die Suche nach dem Glück sehr individualisiert.
Glück ist ein kollektives Gefühl; es kann nur entstehen, wenn die Beziehungen zwischen den Menschen stimmen. Die Vorstellung, alleine glücklich zu sein, finde ich seltsam. Zeit für sich zu haben kann wertvoll sein, wenn es eine freie Entscheidung ist – aber nicht, wenn ich zwangsläufig Jahr für Jahr alleine verbringe und in Gedanken hin- und herirre. Das Internet kann Beziehungen von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen. Wir müssen Freizeit zurück in den öffentlichen Raum bringen.

Sie haben selbst in Europa gelebt – was können wir von Bhutan lernen?
Aus meiner Erfahrung ist das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss, im Westen stärker verbreitet als in vielen Entwicklungsländern. Nach Bhutan haben auch andere Länder die Suche nach Alternativen in Gesetze und Verfassungen übernommen. Deutschland ist dabei, Verschwendung und unnötigen Konsum zu minimieren, regenerative Energien zu erzeugen und den globalen Fußabdruck zu verkleinern. Der Westen ist in der Lage und in der Pflicht sein Verhalten zu ändern.

Karma Ura leitet das unabhängige Centre for Bhutan Studies, das zum Bruttosozialglück forscht. Außerdem ist er Mitglied der Reflection Group der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Rio-Prozess. Er hat Wirtschaftswissenschaften in Delhi und Oxford studiert.

Das Gespräch führte Christina Felschen Anfang Februar am Telefon. Übersetzung aus dem Englischen.

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