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Südlink 163 - März 2013

Die Macht der Finanzindustrie - Hohe Renditen und schwache Reformen

Plädoyer für einen Journalismus des Respekts

Charlotte Wiedemann hinterfragt dasd Menschenbild des Auslandsjournalismus

von Christina Felschen

In ihrem autobiografischen Werkstattbericht „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben” lässt uns die langjährige Auslandsreporterin Charlotte Wiedemann hinter die Kulissen ihrer Arbeit blicken. Sie stellt die fünf journalistischen W-Fragen einmal anders: Wie prägen Medien unseren Blick auf die Welt – und damit unser außenpolitisches Handeln? Was macht guten Journalismus aus? Wo liegen die Grenzen unserer Erkenntnis, institutionell und hermeneutisch? Wann lohnt sich Berichterstattung? Und wer ist „der Leser” überhaupt?

Wiedemann ist eine Auslandsreporterin der alten Schule. Als Islamkennerin berichtet sie seit über zwei Jahrzehnten für namhafte deutsche Medien aus Südostasien, Westafrika und der arabischen Welt. Ihr Buch erscheint in einer Zeit, da die Welt dank der Informationsfülle von Internet, sozialen Medien und Tourismus zusammenzurücken scheint. Doch Wiedemann macht uns keine Illusionen: Die Vernetzung bleibe oberflächlich, der Anteil der Auslandsberichterstattung gehe zurück und Korrespondenten seien oft nur „Darsteller von Authentizität”.

Das Buch ist ein Weckruf für Medienmacher und Öffentlichkeit. Auslandsreporter nehmen Kosten, Mühe und Gefahren auf sich. Doch oft geht irgendwo zwischen der erlebten und der gedruckten Geschichte Wahrheit verloren, schleichen sich Plattitüden und Missverständnisse ein, werden die Rechte von Protagonisten beschnitten und die Leser um ihren Erkenntnisgewinn gebracht. Woran aber krankt der Auslandsjournalismus?

Wiedemann, die selbst als Hauptstadtredakteurin gearbeitet hat und zeitweise in Berlin lebt, kritisiert die Macht der „gatekeeper” in den Redaktionen, „die den Brandgeruch schon in der Nase haben”, wenn noch Versöhnung möglich ist. Aus Zynismus, Abgeklärtheit und Selbstüberschätzung erwarteten sie von Korrespondenten nur Stereotype zu verfestigen. Hunger in Afrika. Fanatismus im Iran. Die edlen Wilden. „Wir schützen uns vor zu viel Erkenntnis”, schreibt Wiedemann. An ihren eigenen Erfahrungen macht sie deutlich, welche Missverständnisse sich zudem bei der Recherche einschleichen können.

Wiedemann plädiert für einen Journalismus des Respekts, vor dem Publikum und vor den Protagonisten. Doch die 59-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung – eine freie Journalistin, die sich spezialisiert hat und von den Honoraren namhafter Medien leben kann. „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben” ist nicht nur ein Buch für Journalisten, sondern für alle, die verstehen wollen, wie Auslandsberichterstattung ihr Weltbild prägt und welche menschlichen Irrtümer und institutionellen Scheren zwischen die Wirklichkeit vor Ort und sie selbst treten.

Charlotte Wiedemann: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt. PapyRossa Verlag, Köln 2012, 186 Seiten, 12,90 Euro.

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Editorial

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