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Südlink 171 - März 2015

Im Griff der Agrarkonzerne - Bäuerliche Landwirtschaft unter Druck

Fruchtbarer Boden für Monsanto

Argentinien will sich als Agrarexportmacht behaupten. Davon profitieren vor allem Großkonzerne.

von Leonardo Rossi

Seit Argentinien im Jahr 1997 die Verwendung von Gentechnik auf den Feldern legalisiert hat, ist der Verbrauch giftiger Pestizide sprunghaft angestiegen. Dies hat verheerende Folgen für die Umwelt und Gesundheit der Menschen. Doch die Regierung hält trotz lokalen Protesten und zahlreichen Konflikten an dem industriellen Agrarmodell fest.

Argentinien gilt mittlerweile weltweit als Musterschüler des Agrobusiness. Das Land hat sich den großen Herstellern von Saatgut und Pestiziden geöffnet und die Regierung lässt keinen Zweifel daran, das Agrobusiness weiter fördern zu wollen. International bekannte Unternehmen wie Monsanto, Bayer, Syngenta oder Cargill dominieren den Agrarbereich.

Das von argentinischen Umwelt- und kleinbäuerlichen Organisationen am häufigsten kritisierte Unternehmen ist zweifellos Monsanto. Weltweit für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr das Vorhaben des US-amerikanischen Agrar- und Biotechkonzerns, nahe der Kleinstadt Malvinas Argentinas im zentralen Bundesstaat Córdoba die größte Aufbereitungsanlage von genmanipuliertem Mais Lateinamerikas zu errichten.

Gefahren für die Gesundheit

Unterstützung erhielt Monsanto unter anderem von der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, dem Gouverneur der Provinz Córdoba, José Manuel de la Sota, und dem Bürgermeister von Malvinas Argentinas, Daniel Arzani. Die drei PolitikerInnen gehören unterschiedlichen Parteien an, stehen jedoch geschlossen hinter Monsanto. Laut Angaben des Unternehmens würden zur Aufbereitung des Maises jährlich 300.000 Liter Chemikalien eingesetzt werden. Verschiedene medizinische Studien, unter anderem von der Nationalen Universität Córdoba, haben die negativen gesundheitlichen Auswirkungen aufgezeigt, die eine Aufbereitungsanlage in dieser Gegend für die Bevölkerung hätte. Dazu gehören eine Zunahme von Allergien und Atemwegsproblemen.

Seit 2012 hatte es Proteste gegen den Bau der 216 Silos gegeben, in denen jeweils 137 Tonnen genmanipuliertes Saatgut lagern sollen. Nach zwei Jahren Kampf auf der Straße und juristischen Auseinandersetzungen, erzielte die BürgerInnenbewegung Asamblea Malvinas Lucha por la Vida (Versammlung von Malvinas Kampf für das Leben) Anfang 2014 einen Erfolg. Die Umweltbehörde von Córdoba lehnte die von Monsanto durchgeführte Umweltverträglichkeitsstudie ab.

Ein Gericht untersagte den Weiterbau der Anlage, solange keine neue Studie vorliege. Der Entscheidung vorangegangen war eine monatelange Blockade der Zufahrtswege zur Baustelle. Die Protestierenden mussten sich dabei viermal gegen Übergriffe und Räumungsversuche durch die Polizei und Teile der korrumpierten Baugewerkschaft UOCRA (Unión Obrera de la Construcción de la República Argentina) wehren. Monsanto will nun nach den Präsidentschaftswahlen im Herbst dieses Jahres eine neue Umweltverträglichkeitsstudie vorlegen.

Eine Erfolgsgeschichte für das Agrobusiness

In Argentinien ist der Agrarriese bereits seit 1956 aktiv. Im Jahr 1980 begann Monsanto in der Provinz Buenos Aires, das auf Glyphosat basierende Unkrautbekämpfungsmittel Roundup abzufüllen. Im Jahr 1996 erhielt Monsanto unter der neoliberalen Regierung von Carlos Menem nach nur 81 Tagen die Zulassung der genmanipulierten, gegen Roundup resistenten Sojabohnensorte Roundup Ready (RR).

Aus Sicht von Monsanto ist die Unternehmensgeschichte in Argentinien von da an ein Erfolg auf der ganzen Linie. Im Jahr 1998 investierte Monsanto nach eigenen Angaben 136 Millionen US-Dollar, um den bei der Herstellung von Herbiziden verwendeten Wirkstoff Glyphosat, der bis dahin aus den USA importiert wurde, in Argentinien selbst herzustellen. Zwei Jahre später weihte das Unternehmen die mit einer Jahresproduktion von 120 Millionen Litern Glyphosat größte Agrochemiefabrik Lateinamerikas ein. Heute werden in Argentinien jährlich mehr als 200 Millionen Liter des hochgiftigen Herbizids eingesetzt. Während das Land 1991 für Unkrautbekämpfungsmittel noch 192 Millionen US-Dollar ausgab, waren es zwei Jahrzehnte später schon mehr als 1,2 Milliarden Dollar.

Auch im Bereich Saatgut legte Monsanto deutlich zu. In der Erntesaison 1996-1997 waren in Argentinien 94,5 Prozent der sieben Millionen Hektar, auf denen Soja angebaut wurde, gentechnikfrei. Im selben Zeitraum begann Monsanto mit dem Verkauf der Gensoja. Heute sind fast 99 Prozent der Soja, die auf mittlerweile 20 Millionen Hektar angebaut wird, gentechnisch modifiziert, und Monsanto verfügt über eine Monopolstellung in dem Bereich.

Seit der Legalisierung der Gentechnik haben verschiedene argentinische Regierungen zahlreiche neue Saatgutsorten zugelassen. Bis 2001 waren es insgesamt sieben Gensorten. Die Regierungen von Néstor Kirchner und seiner Frau Cristina Fernández ließen seit 2004 24 weitere gentechnisch veränderte Sorten Saatgut zu. Auf die Kritik an dem Agrarmodell, das auf einem Saatgut mit großen gesundheitlichen, umweltpolitischen und sozialen Risiken beruht, nahmen sie keinerlei Rücksicht.

Bei den genehmigten Sorten handelt es sich fast ausschließlich um Mais und Soja, aber auch Baumwolle von den Unternehmen Monsanto, Nidera, Syngenta, Dow, Pioneer, Bayer und BASF. Den Genehmigungen versucht sich das Centro de Estudios Legales del Medio Ambiente (CELMA) entgegenzustellen. Die Organisation aus AnwältInnen bemängelt die fehlende Umsetzung öffentlicher Anhörungen und Umweltverträglichkeitsstudien, die laut dem argentinischen Umweltgesetz und der von Argentinien ratifizierten Biodiversitätskonvention vorgeschrieben sind.

Welche Auswirkungen die Gentechnik auf das Ökosystem hat, soll laut einer Resolution des Agrarministeriums bei der Genehmigung tatsächlich keine Rolle spielen. CELM hält dieses Vorgehen für verfassungswidrig und warnt vor unkalkulierbaren Risiken für die Biodiversität und die Menschen.

Hohe Risiken, wenige Gewinner

Es ist nur eine Hand voll Firmen, die von dem herrschenden Agrobusinessmodell profitieren. Laut dem Ökonomen Miguel Teubal exportieren die sieben Unternehmen Cargill, Noble Argentina, ADM, Bunge, LDC-Dreyfus, AC Toepfer und Nidera 83 Prozent der argentinischen Sojabohnen. 82 Prozent des Sojaöls entfällt auf nur fünf Unternehmen (Bunge, LDC-Dreyfus, Cargill, AGD und Molinos Río de la Plata). Es überwiegen also überwiegend multinationale Konzerne.

Bei einigen anderen Agrargütern ist die Konzentration noch höher. Mit einer gesunden und ausreichenden Ernährung der lokalen Bevölkerung hat diese Art von Landwirtschaft kaum etwas zu tun. Ein im vergangenen Dezember veröffentlichtes Kommuniqué der argentinischen Regierung veranschaulicht diese Tendenz.

So begrüßte das Agrarministerium, dass China der Vermarktung von jeweils einer Genmaissorte des schweizerischen Agrochemiekonzerns Syngenta und einer Gensojasorte von Bayers Biotechnologiesparte CropScience grünes Licht erteilt hat. Diese Entscheidung werde „den Handel zwischen Argentinien und dem asiatischen Land erhöhen”, hieß es seitens des Ministeriums. Für die Ziele der Regierung ist dies von enormer Bedeutung. Denn der „Plan Estratégico Agroalimentario“ sieht eine Ausweitung der für den Export genutzten Agrarfläche auf 42 Millionen Hektar bis 2020 vor, um Argentinien weiter als Agrarexportmacht zu profilieren.

Über die Schattenseiten dieses Erfolgsmodells, wie etwa die mehr als 300 Millionen Liter Agrochemie, die die Unternehmen nach eigenen Angaben jährlich in Argentinien versprühen, wird nur wenig berichtet. In den Dörfern, die in der Nähe besprühter Felder liegen, sind laut dem „Universitären Umwelt- und Gesundheitsnetzwerk” (Red Universitaria de Ambiente y Salud) 30 Prozent der Todesfälle auf verschiedene Krebserkrankungen zurückzuführen, während es landesweit 20 Prozent sind.

Auch die fortwährende Abholzung großer Waldflächen und der Verlust an Biodiversität spielen in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Allein zwischen 2002 und 2011 verschwanden laut offiziellen Angaben mehr als drei Millionen Hektar Wald. Die Regierung selbst erkennt an, dass es in Argentinien mindestens 857 Konflikte wegen Landstreitigkeiten um neun Millionen Hektar gibt, die 60.000 bäuerliche Familien betreffen. Das argentinische Agrarmodell, an dem dieselbe Regierung festhält, ist jedoch denkbar weit davon entfernt, sich der Logik der multinationalen Konzerne zu entziehen.

Aus dem Spanischen von Tobias Lambert.

Leonardo Rossi ist argentinischer Journalist und schreibt seit vielen Jahren über die negativen Auswirkungen des argentinischen Agrarmodells.

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Editorial

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