Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

Südlink 171 - März 2015

Im Griff der Agrarkonzerne - Bäuerliche Landwirtschaft unter Druck

PRO & CONTRA - Hilfe für Kleinbauern oder Konzernförderung?

Ist die German Food Partnership ein sinnvoller Beitrag zur weltweiten Hungerbekämpfung?

von Stefan Schmitz und Jan Urhahn

Mit oder ohne Unternehmen aus dem globalen Norden – wie können ländliche Armut und der Hunger im globalen Süden wirkungsvoller bekämpft werden? Die Bundesregierung setzt mit ihrer „German Food Partnership“ (GFP) auf die Einbindung der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Beteiligte Unternehmen sollen sich zu klaren sozialen, ökologischen und entwicklungsorientierten Standards bekennen. KritikerInnen bezweifeln den entwicklungspolitischen Nutzen dieser öffentlich-privaten Partnerschaften und bemängeln, dass diese viel mehr den Interessen der Agrarkonzerne als denen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern verpflichtet sind.

PRO: Stefan Schmitz

Ein Ausweg aus der Armutsfalle

Um die Wirkung seiner Maßnahmen zur Überwindung von Armut und Hunger im ländlichen Raum zu optimieren, lädt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auch Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu Partnerschaften ein. In diesem Zusammenhang entstand die German Food Partnership (GFP).

Hierin wirken etwa 35 Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft mit, die bereit und interessiert sind, ihre Geschäftsinteressen mit einem entwicklungspolitischen Anliegen zu verbinden. Sie können dadurch ihr unternehmerisches Engagement auch in den Dienst der Überwindung von Armut und Hunger stellen und müssen sich hierbei zu klaren sozialen, ökologischen und entwicklungsorientierten Standards bekennen. Diese Standards sind in dem verpflichtenden „Guide to the German Food Partnership“ festgeschrieben.

Zentrale Aufgabe der öffentlich-privaten Partnerschaft, die das BMZ mit den Unternehmen der GFP eingeht, ist die professionelle Beratung der Kleinbauern und deren Unterstützung beim Aufbau von Marktbeziehungen. Die GFP vertritt kein spezifisches Agrarmodell. Die an den Schulungen beteiligten Kleinbauern erhalten Einblick in eine weite Bandbreite von modernen Produktionsmethoden und behalten die Freiheit selbst zu entscheiden, welche Produktionen und Methoden für ihre Bedürfnisse die besten sind. Vor- und Nachteile sowie Konsequenzen unterschiedlicher Anbausysteme werden transparent gemacht und offen diskutiert.

BMZ und die Unternehmen teilen sich die Kosten der Maßnahmen zu etwa gleichen Anteilen. Das finanzielle Engagement des BMZ beträgt etwa drei Millionen Euro jährlich und damit rund 0,2 Prozent des Finanzvolumens, das das BMZ insgesamt jährlich für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaftsförderung und Ernährungssicherung bereitstellt.

Mit diesem geringen Anteil können wir einen vergleichsweise großen Nutzen für die Armuts- und Hungerbekämpfung erzielen: Am Ende der jetzigen Projektphase wird das Einkommen von deutlich mehr als 100.000 armen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern (mit einem Tageseinkommen von derzeit unter 2 US-Dollar pro Tag) gestiegen sein.

Es geht vor allem um Innovation

Die GFP wirkt an der Verbesserung des Wissens von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern über Produkte, Methoden, Organisationsformen und Märkte mit. Dieser Schwerpunkt hat einen guten Grund. Denn wichtigster Schlüssel zur Produktivitätssteigerung in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist die breite Durchsetzung von Innovation. Die Entwicklung der Landwirtschaft der Welt ist heute hauptsächlich durch Innovation getrieben. Aber Afrika und auch Teile Asiens hinken hier deutlich hinterher. Die durchschnittlichen Erträge in Afrikas Landwirtschaft liegen bei nur 0,5 bis 1,5 Tonnen Getreide pro Hektar; in Deutschland werden 5 bis 8 Tonnen pro Hektar geerntet. Dies muss sich ändern.

Wichtig sind vor allem Agrarforschung, Ausbildung und Beratung, der Einsatz angepasster Technologie und die Reform der verantwortlichen Institutionen. Ziel ist eine umfassende Entwicklung im gesamten Agrar- und Ernährungssektor – vom Acker bis zum Teller – und eine nachhaltige wirtschaftliche Belebung auf dem Land. Dies erfordert Kompetenz und auch eine starke Verhandlungsposition der Kleinbauern am Markt. Beides wird durch die vom BMZ geförderten Bauernorganisationen, Erzeugergemeinschaften und Selbsthilfeorganisationen gewährleistet.

Technische und organisatorisch-institutionelle Innovation im Agrar- und Ernährungssektor ist wichtige Triebkraft für einen konsequenten Weg aus Armut und Hunger. Viele Landwirtschaft treibende Menschen in Entwicklungsländern produzieren gar nicht oder nur unwesentlich über den Eigenbedarf hinaus. Damit stecken sie in einer Armutsfalle. Ziel ist es, diese Menschen aus der Selbstversorgungswirtschaft, die immer mit einem großen Hungerrisiko verbunden ist, zu befreien und ihnen die Perspektive einer marktorientierten Produktion mit eigenem Einkommen zu geben.

Eine produktive Agrar- und Ernährungswirtschaft schafft aber nicht nur Arbeit und Einkommen im ländlichen Raum, sie macht Entwicklungsländer auch unabhängiger von Weltmarktpreisen und garantiert Nahrungsmittel, die für die arme Bevölkerung auf dem Land, aber auch in den Städten bezahlbar bleiben. Wir wissen, dass die Investition in die Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft einen weitaus größeren Armutsminderungseffekt hat als die Investition in andere entwicklungsrelevante Bereiche.

Mit seinem Schwerpunkt auf ländlicher Entwicklung konzentriert das BMZ seine Hilfe dort, wo sie in erster Linie ansetzen muss: im ländlichen Raum. Drei Viertel aller Armen und Hungernden leben auf dem Land. Hier hat das BMZ in den letzten Jahren sein Engagement erheblich ausgeweitet. Die bäuerliche Landwirtschaft steht dabei im Mittelpunkt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf armen Kleinbauern und Landlosen.

Eine Welt ohne Hunger und Mangelernährung ist möglich. Wenn alle engagiert daran mitwirken, ist es möglich, einen der größten Skandale unsere Zeit zu überwinden.

Stefan Schmitz ist Beauftragter für die Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

CONTRA: Jan Urhahn

Wenn Entwicklungshilfe sich ins Gegenteil verkehrt

Um die Welt der Zukunft ernähren zu können, hat die Bundesregierung eine Steigerung der Agrarproduktion in den Ländern des globalen Südens als zentrale Herausforderung identifiziert. Die Modernisierung der Landwirtschaft nach westlichem Vorbild und Technologietransfer seien dafür notwendig. Dabei setzt sie auf eine neue Generation öffentlich-privater Mega-Partnerschaften. Mit der German Food Partnership (GFP) schreibt die Bundesregierung dem Privatsektor eine Schlüsselrolle in den weltweiten Bemühungen zur Überwindung von Hunger und Armut zu. Auch wenn bislang vergleichsweise geringe finanzielle Mittel fließen, deutet sich hier ein weitreichender Paradigmenwechsel an. Der von der Bundesregierung und den Konzernen behauptete entwicklungspolitische Nutzen dieser Partnerschaften ist jedoch fragwürdig und empirisch nicht belegt.

Die GFP bindet weder kleinbäuerliche ErzeugerInnen aktiv in die Entwicklung und Umsetzung ihrer Projekte ein noch ist eine offene und kritische Auseinandersetzung mit den Vorhaben der GFP-Initiative möglich. Vom BMZ nur spärlich veröffentlichte und an vielen Stellen geschwärzte GFP-Dokumente schaffen größtmögliche Intransparenz.

Hätte man beispielsweise marginalisierte Bevölkerungsgruppen und ihre Organisationen in die Entwicklung der Potato Initiative Africa (PIA) in Kenia und Nigeria eingebunden, dann sähe das Endprodukt sicherlich anders aus. Obwohl es in beiden Ländern gar keinen Bedarf an Kartoffeln als Grundnahrungsmittel gibt, wird der Anbau trotzdem gefördert.

Die GFP möchte Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in mehrstufige lokale, regionale und globale Wertschöpfungsketten integrieren, die an der Spitze von wenigen multinationalen Konzernen kontrolliert werden. Um sie an die damit verbundenen Anforderungen wie Produktionsweise, qualitative Standards etc. heranzuführen, sind die Einrichtung von landwirtschaftlichen Demonstrationsbetrieben und die Durchführung von Schulungen zentrale Bestandteile aller GFP-Projekte.

Hier haben die beteiligten Unternehmen weitreichende Mitbestimmungs- und Einflussmöglichkeiten, die sie zu ihren Gunsten nutzen können, um ihre Produkte strategisch zu platzieren und sich neue Märkte zu eröffnen. Im Rahmen der Better Rice Initiative Asia (BRIA) zum Beispiel sollen Angestellte von Bayer und Yara Kleinbauern und Kleinbäuerinnen auf den Philippinen ausbilden. Dabei dürfen die Unternehmen eigene Produkte wie Düngemittel oder Saatgut vorstellen. Darüber hinaus haben sie erheblichen Einfluss auf die Inhalte der einzelnen Trainingsmodule. Die GFP hat damit einseitig marktorientierte Bauern und Bäuerinnen als Zielgruppen im Visier, die große Mehrheit der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen weltweit bleibt außen vor.

Die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen sollen selbstbestimmt entscheiden können, welche Form der Landwirtschaft sie betreiben wollen. Die bisher veröffentlichten GFP-Konzepte machen jedoch deutlich, dass das Agrarmodell der Konzerne gemeint ist – nämlich eine industrielle, weltweit standardisierte und input- und kapitalintensive Landwirtschaft. Die negativen Effekte eines agroindustriellen und nicht nachhaltigen Agrarmodells werden indes nicht adäquat berücksichtigt. Dazu zählen ökologische Schäden (Verlust von Biodiversität, die Verschlechterung der Bodenqualität sowie hohe Treibhausgasemissionen) genauso wie soziale Probleme, wie die weitere Marginalisierung armer Kleinbauern in den Ländern des Südens. Bewährte und traditionelle Anbau- und Produktionsmethoden oder an die jeweiligen Kontexte angepasste Saatgutsorten werden an den Rand gedrängt. Zugleich besteht die große Gefahr, dass kleinbäuerliche ErzeugerInnen in eine Abhängigkeit zu den Saatgut- und Pestizidpaketen der Konzerne getrieben werden. Vielversprechende agrarökologische Ansätze sucht man in der GFP vergeblich.

Es gibt ein Verteilungs- und kein Produktionsproblem

Nach Berechnungen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO würden die weltweiten Erntemengen schon heute ausreichen, um 12 bis 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Es wird nicht zu wenig produziert. Wer den Hunger bekämpfen will, muss Verteilungsfragen angehen. Kleinbäuerliche ErzeugerInnen benötigen einen sicheren Zugang zu Wasser, Land und Saatgut. Doch dies ist kein Thema für die GFP.

Eine Politik, die sich dem Menschenrecht auf Nahrung verpflichtet sieht, muss die Länder des globalen Südens dabei unterstützen, wieder einen funktionierenden Landwirtschaftssektor aufzubauen, der zuvor im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen zerstört wurde. Eine enge Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und insbesondere mit den Organisationen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen ist dafür unabdingbar.

Eine Win-Win-Situation für alle Akteure, von der das BMZ gerne spricht, gibt es allerdings nicht: Die Profitmöglichkeiten deutscher und anderer Konzerne würden beschränkt. Doch nur so kann eine nachhaltige und sozial gerechte Nahrungsmittelversorgung aufgebaut und das Menschenrecht auf Nahrung verwirklicht werden. Deshalb: Keine Entwicklungshilfe für Agrarkonzerne!

Jan Urhahn ist Referent für Landwirtschaft und Welternährung beim INKOTA-netzwerk.

Weitere Artikel aus dem Heft:

Editorial

Michael Krämer: Zwei von siebzehn. Mit Guadalupe Vásquez ist die zweite Frau freigekommen, für die sich die Kampagne "Freiheit für die 17" in El Salvador einsetzt.

Uwe Hoering: Im Griff der Konzerne. Große Unternehmen üben immer mehr Kontrolle über die globale Landwirtschaft aus.
Leonardo Rossi: Fruchtbarer Boden für Monsanto. Argentinien will sich als Agrarexportmacht behaupten. Davon profitieren vor allem Großkonzerne.

Marita Wiggerthale:

nach Oben