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Südlink 175 - März 2016

Flucht und Migration - Afrikanische Perspektiven

Ökozid im Nigerdelta

Westliche Rohstoffpolitik ist in Nigeria eine Ursache für Flucht und Migration.

von Peter Donatus

Die Mehrheit der Geflüchteten stammt aus Kriegs- und Krisenregionen, Unrechtsstaaten, Naturkatastrophengebieten und wirtschaftlich schwachen Ländern. In vielen Fällen sind es auch westliche Konzerne, welche die Lebensgrundlagen der Menschen durch rücksichtslose Aktivitäten vernichten. In Nigeria hat die Ölförderung verheerende Auswirkungen auf die Menschen im Nigerdelta. Doch die Genfer Flüchtlingskonvention greift in diesem Fall nicht.

Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen auf Flucht, die meisten von ihnen stammen aus Ländern des globalen Südens. Dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge kommt fast ein Drittel aller Geflüchteten aus Afrika. Sie fliehen wegen Kriegen, bewaffneten Konflikten, Menschenrechtsverletzungen, politischer Instabilität, Diskriminierung, Armut, den Folgen der Klimaveränderung und wegen Naturkatastrophen. Doch es gibt auch den Ökozid – die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch die rücksichtslose Ausbeutung von Rohstoffen und die Subventionspolitik westlicher Industriestaaten.

In vielen Regionen Afrikas werden Ökosysteme systematisch zerstört, um Profite zu maximieren und den Wohlstand im Westen zu sichern und auszubauen. Die friedliche Nutzung dieser Gebiete durch Einheimische ist fast unmöglich. Das Leben in den meisten rohstoffreichen Regionen Afrikas ist unerträglich geworden, sodass viele Menschen verzweifelt ihre Heimat verlassen. KritikerInnen wie die britische Anwältin Polly Higgins fordern daher die internationale Staatengemeinschaft seit langem auf, den Ökozid als „Verbrechen gegen den Frieden“ anzuerkennen. Einige sprechen von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Ölreichtum als Fluch

Umweltzerstörung und Vernichtung von Lebensgrundlagen in Afrika sind nicht neu. Neu ist aber, dass der Ökozid angesichts seiner verheerenden Folgen vielen ExpertInnen als wichtigste Ursache von Flucht und Abwanderung gilt. Diejenigen, die deswegen aus ihrer Heimat fliehen, stehen jedoch nicht unter dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention. Meist werden sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diffamiert, während die Folgen der wirtschaftskriminellen Aktivitäten westlicher Konzerne vertuscht werden.

Die Armut im erdölreichen Nigerdelta Nigerias beispielsweise ist die direkte Folge eines Ökozids. 1958 begann dort die Erdölförderung, die den Einheimischen als Quelle des Wohlstands versprochen wurde. Doch der angekündigte Segen wurde zum Fluch: Der Slogan „Unser Öl, Euer Reichtum, unser Tod und Aussterben!“ ist in der Region häufig zu hören. Tatsächlich ist das rund 70.000 Quadratkilometer große Nigerdelta heute eine der am stärksten verseuchten Regionen der Welt. Verwüstung, Enteignung, Armut und soziale Marginalisierung stehen auf der Tagesordnung.

Nigeria ist mit circa 170 Millionen EinwohnerInnen das bevölkerungsreichste Land Afrikas und verfügt über das größte Erdölvorkommen des Kontinents. Mit rund 2,5 Millionen Barrel pro Tag ist das Land der größte Erdölexporteur Afrikas und der sechstgrößte der Welt. Die Wirtschaft hängt in höchstem Maße von dem schwarzen Gold ab, das für fast 90 Prozent der Staatseinnahmen sorgt. Trotz des Reichtums leben aber fast zwei Drittel der Bevölkerung in absoluter Armut, und wenige korrupte Eliten plündern die Staatskassen nach dem Motto: „Wer am Zoll sitzt, ohne reich zu werden, ist ein Dummkopf.“ Verantwortlich für die Erdölförderung ist die „Shell Petroleum Development Company“, ein Joint Venture zwischen Royal Dutch Shell und dem nigerianischen Staat. Die tatsächlichen Förderaktivitäten führen jedoch diverse Ölfirmen aus, wie Royal Dutch Shell (47%), ExxonMobil (22%), Chevron Texaco (19%) und ENI/Agip (5%).

In den letzten 50 Jahren gab es fast 7.000 Ölunfälle im Niger-Delta, bei denen insgesamt mehrere Milliarden Liter Rohöl ausgelaufen sind und das einstige Naturparadies in eine Hölle auf Erden verwandelt haben. Das Gebiet selbst ist das drittgrößte Wasserreservoir Afrikas. Boden und Gewässer sind massiv verschmutzt, der Boden sogar bis zu fünf Meter tief. Verrostete und veraltete Rohre laufen ungeschützt und überirdisch quer durch Dörfer. Tankreservoirs sind für die Hälfte der Schäden verantwortlich, gefolgt von Sabotageakten und Ölfördertätigkeiten. Stillgelegte Bohranlagen und das illegale Abzweigen von Öl sind weitere Ursachen der Ölpest.

Das Grundwasser ist massiv verseucht. Im Jahr 2011 stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Niger-Delta eine extrem hohe Konzentration von Kohlenwasserstoff fest, mehr als 900 mal höher als internationale Grenzwerte erlauben und 1.000 mal mehr als die vom Staat selbst festgelegten Grenzwerte. Mehr als 400 Millionen Tonnen CO2 gelangen jährlich durch das Abfackeln von Gas in die Atmosphäre. Luftverschmutzung ist laut WHO gesundheitlich höchst gefährlich. Sie ist weltweit eine der Hauptursachen für Krebserkrankungen und -todesfälle.

Proteste werden unterdrückt

Laut UNO werden mindestens 30 Jahre für die Beseitigung der Schäden benötigt, was etwa eine Milliarde US-Dollar kosten würde. Doch jährlich verseuchen weiterhin rund 13 Millionen Barrel Erdöl das Delta. Die Ölkonzerne missachten alle nigerianischen Umweltschutzgesetze und kommen fast ungestraft davon. Die Zahlung von lächerlich geringen Strafen ist lukrativer als die Gesetze zu beachten. Kritiker*innen werfen den Konzernen Rassismus vor und fordern gleiche operative Standards wie in ihren jeweiligen Ländern im Westen. Die korrupten politischen Eliten unternehmen nichts gegen die Machenschaften der Ölmultis, von denen sie selbst profitieren.

Ende der 1980er Jahre reagierte die Regierung brutal auf die friedlich organisierten Proteste gegen die Ölmultis und die wechselnden Militärregime. Federführend dabei war das Ogoni-Volk unter der Führung des Schriftstellers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa. Um die aufflammenden Proteste zu unterdrücken, bat Shell-Nigeria das Militärregime um Hilfe. Diese kam prompt. Es folgte ein Massaker, massenhafte Inhaftierungen ohne Anklagen sowie die Massenflucht aus dem Delta. Ken Saro-Wiwa wurde verhaftet und in Isolationshaft gesperrt. Zusammen mit acht seiner Mitstreiter wurde er am 31. Oktober 1995 zum Tode verurteilt und zehn Tage später hingerichtet – trotz internationaler Proteste.

Mehr als 20 Jahre nach den Hinrichtungen hat sich trotz Demokratie im Land die Lage im Nigerdelta kaum verbessert. Die Verwüstung der Umwelt wird ungehindert fortgeführt. Im Delta leben die Ärmsten der Armen Nigerias. Die Kindersterblichkeit liegt bei 20 Prozent, die Lebenserwartung liegt deutlich unter der des gesamten Landes. Ackerland, Flüsse, Gewässer sind so verschmutzt, dass Ackerbau und Fischerei, die einstigen Lebensgrundlagen, kaum noch möglich sind. Die Folgen sind verheerend: hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit besonders unter Jugendlichen, Massenabwanderung, extrem hohe Kriminalitätsrate, Zwangsprostitution. Ein Ende des Öko-Horrors ist nicht in Sicht.

Im April 2010 ereignete sich im Golf von Mexiko durch eine Explosion auf der Ölbohrplattform „Deepwater Horizon“ des Ölmultis BP die bis dahin schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA, die Empörung und Proteste in den USA und der ganzen Welt auslöste. Der Betreiber BP wurde gezwungen, die Ölpest zügig zu beseitigen und 20 Milliarden US-Dollar Entschädigungs- beziehungsweise Strafzahlungen zu leisten. Doch im Nigerdelta sind solche Bilder seit Beginn der Ölförderung 1958 bitterer Alltag. Im Vergleich zur Ölpest vom Golf von Mexiko genießt das andauernde ökologische Desaster dort derzeit kaum mediale Aufmerksamkeit.

Nigeria ist ein klassisches Beispiel für Ökozid im Zusammenhang mit Flucht und Migration, neben vielen anderen rohstoffreichen Ländern Afrikas. Die Bewohner*innen des Nigerdeltas, die deshalb aus ihrer Heimat in die Großstädte oder gleich ins Ausland auswandern, gelten in Europa oft als „Wirtschaftsflüchtlinge“. Kann eine Politik scheinheiliger sein, die Menschen so klassifiziert ohne die verantwortlichen „Wirtschaftskriminellen“ zu benennen und strafrechtlich zu verfolgen?

Es bedarf einer Reform der Genfer Flüchtlingskonvention. Und die Frage drängt sich auf: Wer sind eigentlich die Wirtschaftskriminellen, die die Lebensgrundlagen von Menschen in Afrika vernichten und diese zur Flucht zwingen? Die Wirtschaft?! Die Wirtschaft aber sind letztlich wir alle.

Peter Donatus ist freier Journalist, Projekt- und Eventmanager und Menschenrechtsaktivist. Als langjähriger Kritiker des Shell-Konzerns kämpft er seit mehr als drei Jahrzehnten gegen die Umweltverwüstung im Nigerdelta. Der 49-Jährige ist vor 26 Jahren nach mehrmonatiger Isolationshaft aus Nigeria geflüchtet. Seither lebt er in Deutschland.

 

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