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Südlink 177 - September 2016

Ernährungssouveränität: Für eine Landwirtschaft mit Zukunft

Agrarwende jetzt!

In Nord und Süd gleichermaßen: Warum es so wichtig ist, das Konzept der Ernährungssouveränität umzusetzen

von Jan Urhahn und Christine Pohl

Das gegenwärtig vorherrschende Landwirtschafts- und Ernährungssystem steckt in der Sackgasse. Weltweit, im globalen Norden wie im globalen Süden. Immer weniger Akteure haben immer mehr Macht, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen bleiben auf der Strecke, die Verbraucher*innen sind immer mehr den großen Konzernen ausgeliefert. Es ist höchste Zeit für eine umfassende Agrarwende. Einen Handlungsrahmen dafür bietet das Konzept der Ernährungssouveränität.

Kaum ein Markt ist so konzentriert wie der globale Agrarmarkt. Von Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung haben in den letzten Jahrzehnten nur die großen Akteure des weltweiten Agribusiness profitiert. Gegenwärtig rollt eine weitere Markt- und damit Machtkonzentrationswelle auf uns zu: Die Agrargiganten Monsanto und Bayer, DuPont und Dow sowie ChemChina und Syngenta planen sich zusammenzutun – die Folgen wären fatal: zwei bis drei Saatgutkonzerne kontrollierten größtenteils unser Saatgut und damit die Lebensgrundlagen der Menschheit.

In anderen Bereichen des Agrarmarktes sieht es nicht besser aus: Vier Agrarhändler – Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Dreyfus – kontrollieren etwa Dreiviertel des weltweiten Getreide- und Ölsaatenhandels. In Deutschland werden circa 90 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels von nur fünf Konzernen beherrscht: Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), Aldi, Edeka, Rewe und Metro. Je größer ihre Marktmacht, umso mehr können die Unternehmen Preise, Geschäftsbedingungen und auch die politischen Rahmenbedingungen bestimmen.

Auch der Besitz und die Kontrolle über Land sind heute hochgradig konzentriert. Obwohl rund 80 Prozent der Erzeuger*innen weltweit Kleinbauern und Kleinbäuerinnen mit weniger als zwei Hektar Fläche sind und diese den größten Teil unseres Essens herstellen, bewirtschaften sie gerade einmal zwölf Prozent der global vorhandenen Ackerfläche. Demgegenüber kontrolliert ein Prozent der Betriebe zwei Drittel der Ackerflächen.

Ackerland ist zum Investitionsobjekt geworden und Landflächen werden in großem Stil gekauft oder gepachtet. Dies geht allzu oft einher mit der Vertreibung von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, mit Menschenrechtsverletzungen und sozialen Konflikten. Für marginalisierte ländliche Bevölkerungsgruppen werden zwar zum Teil Schutzmechanismen oder Ausgleichszahlungen für den Verlust von Land gefordert. Landreformen, die die ungleiche Verteilung von Land wirklich angehen würden, haben in politischen Auseinandersetzungen aber kaum eine Chance auf Realisierung.

Kaum ein anderer Sektor ist dermaßen auf funktionierende Ökosysteme angewiesen wie der Agrarbereich. Gleichzeitig geht rund ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen auf das Konto der Landwirtschaft, beispielsweise aus der Herstellung und Verwendung von Kunstdüngern, aus der Massentierhaltung oder aus der Umwandlung von Wiesen, Wäldern oder Mooren zu Monokulturen. Allein die Nutzungsänderungen von Landflächen zum Anbau von Energiepflanzen oder von Futtermitteln wie Soja sind für mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Emissionen verantwortlich.

Die Folgen des Klimawandels treffen vor allem den globalen Süden: zum Beispiel verringern an den Brennpunkten des Hungers, wie etwa Subsahara-Afrika und Südasien, steigende Temperaturen, verstärkte Trockenheit und abnehmende Regenmengen die Ernteerträge oder machen die Landwirtschaft gänzlich unmöglich. Vermehrte Extremwetterereignisse wie sintflutartige Regenfälle, Überschwemmungen und Stürme vernichten Felder und Ernten, verringern den Viehbestand oder zerstören Produktionsmittel.

Was ist Ernährungssouveränität?

Um den Problemen und Machtungleichgewichten des Welternährungssystems zu begegnen, wurde Mitte der 1990er Jahre von La Via Campesina, der internationalen Bewegung der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen und Landarbeiter*innen, das Konzept der Ernährungssouveränität mitentwickelt. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist das Recht aller Völker und Länder, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu definieren. Jedem Menschen soll es möglich sein, sich in Würde zu ernähren – entsprechend den eigenen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Umständen und ohne die Ernährungs- und Lebensgrundlagen anderer und zukünftiger Generationen zu zerstören.

Ernährungssouveränität ist ein politisches Konzept und keine „one size fits all“-Blaupause, die einfach jedem Ort der Welt übergestülpt werden könnte. Einige Grundprinzipien und Forderungen sind die verbindenden Elemente des Konzepts:

§  Nahrung soll vorwiegend regional erzeugt und vermarktet werden, statt für den Export und globale Märkte bestimmt zu sein.

§  Kleinbäuerliche Erzeuger*innen und insbesondere von Hunger und Unterernährung Betroffene sollen einen langfristigen und gesicherten Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut bekommen.

§  Staaten und deren Bevölkerungen sollen das Recht erhalten, sich beispielsweise gegen subventionierte Lebensmittelimporte, die lokale Märkte zerstören, zu schützen.

§  Die Macht von Saatgut- und anderen Lebensmittelkonzernen soll zurückgedrängt werden.

§  Die Umsetzung des Konzepts soll durch agrarökologische (und damit ganzheitliche) Erzeugungssysteme erreicht werden. Agrarökologie als landwirtschaftliche Praxis baut auf dem Erfahrungsschatz und dem traditionellen Wissen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen auf und fördert stabile ökologische Kreisläufe. 

Elizabeth Mpofu, Generalkoordinatorin von La Via Campesina, erklärt Ernährungssouveränität so: „Ernährungssouveränität heißt unter anderem, dass wir lokale Ernährung wollen und brauchen – und nicht industrialisiertes und standardisiertes Essen: Wir brauchen Lebensmittel von guter Qualität erzeugt in lokal angepassten agrarökologischen bäuerlichen Anbausystemen. Ernährungssouveränität bedeutet, dass wir Zugang und Kontrolle über unser Land, unsere Territorien, unser Wasser und unser Saatgut haben wollen. All diese Güter müssen denen gehören und denen zur Verfügung stehen, die auf dem Land und vom Land leben.“

Die Umsetzung des Konzepts der Ernährungssouveränität kann schrittweise die notwendige sozial-ökologische Transformation herbeiführen, um den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu begegnen. Dabei ist die Forderung nach Ernährungssouveränität auch eine Forderung nach mehr Demokratie und Dezentralisierung – und damit nach Selbstbestimmung.

Ein zentrales Anliegen ist es, die politische Auseinandersetzung zu suchen und zu diskutieren, wie die Rechte unterschiedlicher Akteure wie Erzeuger*innen und Verbraucher*innen zu vereinen sind. So verstanden ist Ernährungssouveränität auch eine Einladung zu einem partizipativen und suchenden Veränderungsprozess, der die Möglichkeit bietet, verfestigte Herrschafts- und Machtverhältnisse zu thematisieren und in Frage zu stellen.  

Auch der Staat ist dabei in der Verantwortung. Seine Aufgabe ist es, gute Rahmenbedingungen zu garantieren und Akteure zu fördern, die sich für die Umsetzung von Ernährungssouveränität einsetzen. Dazu gehören zum Beispiel die Umsetzung von Landreformen, die Achtung der Rechte von Bauern, Bäuerinnen und Landarbeiter*innen sowie das Recht auf eine gentechnikfreie Landwirtschaft. Ebenso wichtig ist der Schutz der bäuerlichen Landwirtschaft vor den Wirtschaftsinteressen internationaler Saatgut- und Agrarchemiekonzerne sowie vor Billigimporten aus dem Ausland. Wie Elizabeth Mpofu fordert: „Daher brauchen wir Schutz vor den transnationalen Konzernen und der schadhaften Industrialisierung der Landwirtschaft und der Ernährungssysteme, die uns allen im Namen von Fortschritt und Wachstum verkauft werden.“

An vielen Stellschrauben drehen

Doch an welchen Stellschrauben können und sollten staatliche Stellen drehen, um eine umfassende Agrarwende und Ernährungssouveränität Wirklichkeit werden zu lassen?[1]

1. Öffentliche Förderung für ernährungssouveräne Erzeugungssysteme: Statt der industriellen Landwirtschaft sollten Regierungen ernährungssouveräne – diversifizierte und agrarökologische – Erzeugungssysteme unterstützen. Subventionen sollten an die Anwendung agrarökologischer Methoden gekoppelt werden. Für Methoden zum Erhalt und der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, dem Recycling von Biomasse und der Steigerung der Biodiversität sowie der Minimierung des Einsatzes von Agrarchemikalien und fossiler Energie sollte es finanzielle Unterstützung und Beratungsangebote geben. Gleichzeitig sollten Regeln und Gesetze geändert werden, welche die agrarökologische Erzeugung behindern – wie zum Beispiel für die kleinbäuerliche Produktion unangemessene Vorschriften für Lebensmittelsicherheit.

2. Gemeinschaftliche Kontrolle der Gemeingüter: Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut sollten prinzipiell allen Menschen zur Verfügung stehen und als Gemeingut gemeinschaftlich gepflegt und geschützt werden. Deshalb sollte Politik nicht die Aneignung von natürlichen Ressourcen durch Investoren begünstigen, sondern Gruppen unterstützen, die sich für einen gemeinschaftlich organisierten Erhalt von und Kontrolle über natürliche Ressourcen einsetzen.

Im Bereich Saatgut zählt dazu unter anderem die Förderung des Aufbaus von lokalen Saatgutbanken, Tauschnetzwerken oder bäuerlicher Züchtung. Genauso sollte die extreme Konzentration von Eigentum (beispielsweise an Land, Ressourcen, aber auch geistigem Eigentum) und Macht kartellrechtlich begrenzt werden.

3. Lokale Versorgung und alternative Infrastruktur: Bauern und Bäuerinnen brauchen einen sicheren Zugang zu lokalen Märkten, auf denen sie ihre Erzeugnisse anbieten können. Städte und Kommunen können dafür den Aufbau von Bauernmärkten vorantreiben und Infrastrukturen bereitstellen, die dies weiter unterstützen.

Darüber hinaus unterstützt zum Beispiel im französischen Rennes die Stadtverwaltung den Aufbau urbaner Gärten, die Gründung solidarischer Landwirtschaftsprojekte, kooperativer Lebensmittelläden und von „Open-Air“-Märkten zur Feierabendzeit – sowohl finanziell als auch durch die Bereitstellung von Infrastruktur.

Im globalen Süden gilt es, bislang gut funktionierende und vielfältige informelle Märkte weiter zu fördern, statt sie zugunsten eines westlichen Einzelhandelsmodells auszutrocknen. Diese Märkte schaffen einer großen Anzahl von Bauern und Bäuerinnen ein Einkommen und versorgen die Metropolen zuverlässig mit Lebensmitteln. Auch hier gibt es noch weitere Potenziale: Bauern und Bäuerinnen können von Verwaltungen unterstützt werden sich zu organisieren, um den Transport, die Lagerung und den Verkauf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in die Städte weiter zu verbessern.

4. Faire Preise und existenzsichernde Einkommen: Politische Entscheidungsträger*innen müssen sich dafür einsetzen, dass Bauern und Bäuerinnen für ihre Erzeugnisse kostendeckende Preise erhalten, damit sie und ihre Beschäftigten in Würde leben können und sich auf existenzsichernde Einkommen verlassen können.

Ein Beispiel, wie das funktionieren kann, liefert die Upländer Bauernmolkerei in Hessen, ein Zusammenschluss von 110 Biobauern und Biobäuerinnen. Sie liefern nicht nur die Milch, sondern verarbeiten sie auch in ihrer eigenen Molkerei und vermarkten die Produkte in eigener Regie. Damit das Angebot an Biomilch nicht die Nachfrage übersteigt und zum Preisverfall führt, erhält jede*r Lieferant*in ein spezifisches Mengen-Lieferrecht.

Auch auf politischer Ebene könnten die Erzeugungsmengen am Bedarf ausgerichtet und Preise aktiv reguliert werden. Zudem sollten Entscheidungsträger*innen die Rechte der Erzeuger*innen und der Arbeiter*innen fördern, damit sie sich organisieren und ihre Interessen durchsetzen können.

5. Öffentliche Beschaffung zugunsten regionaler Erzeuger*innen: Bei der Versorgung von Kantinen, Schulen und Kindertagesstätten sollten vor allem lokale Erzeuger*innen, die nach agrarökologischen Methoden wirtschaften, bevorzugt werden. Produkte können zum Beispiel von öffentlichen Stellen zu verlässlichen Preisen und Mengen abgenommen werden. Wo die öffentliche Daseinsvorsorge privatisiert wurde, sollte dies rückgängig gemacht werden oder zumindest klare Auflagen für die Versorgung formuliert werden. Das schafft nicht nur eine zukunftsfähige Existenzgrundlage für die Bauern und Bäuerinnen, sondern gewährleistet auch eine vielfältige und hochwertige Versorgung mit Essen aus der Region.

In Brasilien zum Beispiel müssen seit 2009 30 Prozent der Gelder für das Essen in öffentlichen Bildungseinrichtungen für Produkte von kleinbäuerlichen Erzeuger*innen aus den jeweiligen Regionen genutzt werden. Mit der staatlichen Initiative werden über 45 Millionen Personen – vor allem Kinder und Jugendliche – täglich im ganzen Land mit regionalem Essen versorgt.

6. Ernährungssouveränität und Agrarökologie in (Aus)Bildung und Forschung: Bisherige Wissensvermittlung und Wissensgenerierung sind vor allem an den Erfordernissen industrieller Agrarsysteme ausgerichtet. Öffentliche Bildungs- und Forschungsprioritäten müssen neu ausgerichtet werden, damit Bauern und Bäuerinnen das notwendige Rüstzeug bekommen, um sich von einer ressourcenverschwendenden Landwirtschaft und Tierhaltung zu verabschieden. Durch die Förderung der partizipativen Forschung zwischen Bauern und Bäuerinnen und Wissenschaftler*innen können agrarökologische Praktiken und Innovationen weiterentwickelt und verbreitet werden.

In Burkina Faso beispielsweise verbindet die Nichtregierungsorganisation Diobass Aktionsforschung mit partizipativer Innovationsentwicklung: Gemeinsam mit Bauern und Bäuerinnen werden Initiativen und Neuerungen im Bereich Pflanzen- und Tierproduktion gesammelt und ausgewählt. Anschließend werden die Neuerungen von den Bauern und Bäuerinnen in experimentellen Feldversuchen getestet. Dabei können sie ihre offenen Fragen sowie Faktoren für die Versuchsanlage oder -methodik einbringen. Solche Beispiele sollten Schule machen.

7. Stärkung von Bauernbewegungen und anderen Initiativen: Eine Demokratisierung der Ernährungssysteme ist essenziell und muss politisch gefördert werden. An den Aushandlungsprozessen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene zur Neugestaltung der politischen Rahmenbedingungen der Ernährungssysteme sind eine Vielzahl von Akteur*innen zu beteiligen – neben politischen Entscheidungsträger*innen vor allem Bauern und Bäuerinnen sowie engagierte Bürger*innen, Verbraucher*innen und Umwelt- und Menschenrechtsgruppen.

Die vielfältigen Initiativen, die an unterschiedlichen Stellen für die Agrarwende arbeiten, sollten auch politisch unterstützt werden. In vielen Städten weltweit und inzwischen auch in Deutschland entstehen Ernährungsräte – breite Foren von Erzeuger*innen, Menschen aus dem Lebensmittelhandwerk, Umweltschützer*innen, Verbraucher*innen und Aktivist*innen –, die sich auf lokaler Ebene für zukunftsfähige Ernährungssysteme engagieren. Diese sollten von staatlichen Stellen unterstützt und als Sprachrohr der Zivilgesellschaft in politische Entscheidungsprozesse involviert werden.

Deutschland trägt Verantwortung

Bolivien, Mali, Nepal, Senegal und Venezuela haben das Konzept der Ernährungssouveränität bereits in ihren Verfassungen verankert. Auch die Bundesregierung sollte Entwicklungsstrategien und Forderungen von internationalen Bewegungen wie La Via Campesina aufgreifen und umsetzen. Eigentlich müsste La Via Campesina einer der wichtigsten Partner bei der Erarbeitung von Entwicklungsstrategien sein.

Doch obwohl staatliche Stellen wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Kontext der globalen Hunger- und Armutsbekämpfung gerne die wichtige Rolle von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen betonen, hat es bis heute noch nie das Gespräch mit La Via Campesina gesucht. Politische Ausgrenzung und Diskriminierung ländlicher sozialer Bewegungen in vielen Regionen der Welt sind Kernursachen für anhaltenden Hunger und Armut und dem Verharren im Status Quo.

Ernährungssouveränität lebt vom Engagement von Pionieren und von vielzähligen Menschen, die sich gemeinsam für eine soziale und ökologische Agrarwende einsetzen. Los geht‘s.

Jan Urhahn ist Referent für Landwirtschaft und Welternährung beim INKOTA-netzwerk. Christine Pohl ist Koordinatorin für den Ernährungsrat Berlin und arbeitet ebenfalls beim INKOTA-netzwerk.

Die weltweite Bewegung für Ernährungssouveränität

Das Konzept der Ernährungssouveränität bietet eine Alternative zum dominanten industriellen Modell von Landwirtschaft und Ernährung. La Via Campesina (LVC) strebt mit diesem Konzept eine radikale Demokratisierung an – das Recht der Länder, Regionen und Menschen über ihre Ernährungssysteme selbst zu bestimmen.

LVC ist mit circa 200 Millionen Mitgliedern der weltgrößte Zusammenschluss von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, Landarbeiter*innen, Landlosen und indigenen Gemeinschaften. Mitgliedsorganisationen sind zum Beispiel die Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) in Brasilien, die Österreichische Bergbauern- und -bäuerinnenvereinigung (ÖBV) oder die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Deutschland.

Damit wurde das Konzept der Ernährungssouveräntät aus einer ländlichen Perspektive heraus und von landwirtschaftlichen Erzeuger*innen selbst entwickelt. Einer größeren politischen Öffentlichkeit wurde das Konzept 1996 beim Welternährungsgipfel in Rom präsentiert. Seitdem wurde es stetig weiterentwickelt und ist fester Referenzrahmen für die Arbeit zahlreicher Nichtregierungsorganisationen und anderer zivilgesellschaftlicher Gruppen weltweit.

Um eine Bewegung für Ernährungssouveränität voranzutreiben organisierten LVC und viele weitere Organisationen und Initiativen 2007 ein großes weltweites Treffen in Mali, das sogenannte Nyéléni-Forum. 500 Delegierte – Bauern und Bäuerinnen, Landarbeiter*innen, Verbraucher*innen, urbane Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen – aus 80 Ländern erarbeiteten und verabschiedeten bei dem Treffen eine gemeinsame Deklaration, die Nyéléni-Erklärung. Diese  enthält ein gemeinsames Verständnis von Ernährungssouveränität und dient für viele Bewegungen weltweit als Grundlagentext und Referenzrahmen.

Im Jahr 2011 fand in Österreich das erste europaweite Nyéléni-Forum statt. Vom 26. bis zum 30. Oktober 2016 wird das zweite europäische Nyéléni-Forum veranstaltet – dieses Mal in Rumänien. Dort sollen Erfahrungen ausgetauscht und Strategie- und Aktionspläne erarbeitet werden, um gemeinsam für eine Ausrichtung der Politiken hin zu Ernährungssouveränität zu kämpfen. Für das Forum werden Delegationen aus mehr als 40 Ländern erwartet.

Mehr Informationen zum Nyéléni-Forum gibt es in deutscher Sprache unter http://nyeleni.de/ oder auf Englisch unter http://nyelenieurope.net/en/news.


[1] Einige Überlegungen dieses Abschnitts sind der 2016 veröffentlichten Studie von IPES-Food „From uniformity to diversity: a paradigm shift from industrial agriculture to diversified agroecological systems“ entnommen (www.ipes-food.org).