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Südlink 178 - Dezember 2016

Fairer Handel: Erfolgsmodell mit Schwächen

Anbau im Süden, Veredlung im Norden

Kaffee, Kakao und Co. im Ursprungsland weiterzuverarbeiten, ist kein Hexenwerk. Doch auch im Fairen Handel passiert dies viel zu selten.

von Jens Klein

Wenn der Faire Handel sich darin erschöpft, Rohstoffe aus dem Süden im Norden zu verarbeiten, dann verfehlt die Bewegung ihr Ziel. Die Importeure sollten ihre HandelspartnerInnen verstärkt dabei unterstützen, die lokale Weiterverarbeitung  auszubauen und somit auch auf dem heimischen Markt erfolgreich zu sein. Nur so entstehen echte Perspektiven und unabhängige Produzentengruppen. Ein Plädoyer.

Yanet Giovana Garay Flores hat eine Erfolgsgeschichte im Gepäck. Die Geschäftsführerin der peruanischen Kooperative Agropia spaziert über einen Kartoffelacker in Deutschland und erzählt vom Bau einer Chipsfabrik auf mehr als 3.000 Metern Höhe. Seit März produzieren die MitarbeiterInnen von Agropia aus den Kartoffeln der knapp 100 GenossInnen eigene Chips. Die kleinbäuerlichen ProduzentInnen in den Anden haben sich dem Erhalt der Sortenvielfalt verschrieben und kultivieren auf ihren kleinen Parzellen Dutzende alter Kartoffelsorten. Rote und blaue, kleine und große, runde und ovale: Bei Agropia wird deutlich, was Sortenvielfalt konkret bedeutet.

Doch auch mit den verrücktesten Kartoffeln lässt sich nur schwer Geld verdienen. Agropia hat in Zusammenarbeit mit der französischen Nichtregierungsorganisation „Agronomes et Vétérinaires Sans Frontières“ und Fairhandelsakteuren wie der Genossenschaft Ethiquable deshalb ein Konzept entwickelt, die Ernte der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen vermarkten zu können und somit deren Lebensverhältnisse zu verbessern. Im Vergleich zum reinen Rohstoffhandel verbleibt nun ein wesentlich größerer Anteil der Wertschöpfung im Ursprungsland, und es wurden auch jenseits des Agrarsektors qualifizierte Jobs in einer strukturschwachen Region geschaffen.

Die Geschichte Agropias ist im Fairen Handel keineswegs einzigartig, aber doch viel zu selten. Denn häufig ist der Faire Handel bloß ein Rohstoffhandel zu besseren Bedingungen. Damit ist im Vergleich zu den unsäglichen Einkaufspraktiken des konventionellen Handels schon viel bewegt.

Wenn wir als Fairhandelsakteure allerdings dauerhaft bloß Rohstoffe einkaufen und hier in Europa aufwendig veredeln lassen, dann verfehlt unsere Bewegung ihr Ziel. Als Importeure sollten wir unseren Beitrag dazu leisten, lokale Strukturen zu verbessern, indem wir die ErzeugerInnnen im globalen Süden insbesondere auch dabei unterstützen, mit weiterverarbeiteten Produkten im Export sowie auf dem lokalen Markt erfolgreich zu sein.

Neue Abhängigkeiten vermeiden
Der internationale Handel mag ein wichtiges Standbein und ein wertvoller Devisenbringer sein. Nachhaltige Entwicklung sollte jedoch nicht alleine in Abhängigkeit vom globalen Markt erfolgen. Global denken, lokal handeln: Was für hiesige Agenda-Prozesse gilt, lässt sich auch auf Märkte in Lateinamerika, Afrika und Asien übertragen. Die Partnerschaft mit Fairhandelsakteuren aus dem Norden kann wichtiger Impulsgeber und Katalysator sein, aber daraus sollten neue Möglichkeiten, keine neue Abhängigkeiten entstehen.

Aus hochwertigen Zutaten können europäische Manufakturen und Fabriken erstklassige Produkte herstellen. Das haben wir bereits bewiesen und das bildet für die meisten von uns den Kern ihres Geschäfts. Jetzt sollten wir den Mut haben, die Weiterverarbeitung im Ursprungsland verstärkt in den Fokus zu rücken.

Nun sind Kartoffeln kein Kaffee und Peru ist nicht Ruanda. Jedes Produkt und jede Region bringt natürlich andere Ausgangssituationen und Herausforderungen mit sich. Zudem werde einige alte Hasen vielleicht verständnislos den Kopf schütteln und an gescheiterte Weiterverarbeitungsversuche in grauer Vorzeit denken. Doch die Zeit steht nicht still. Allein die in den vergangenen Jahren stetig verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten erleichtern die Arbeit erheblich.

Unterschiedliche Qualitätsansprüche, logistische Herausforderungen und rechtliche Stolperfallen lassen sich nicht negieren. Aber was hält uns davon ab, es immer wieder zu probieren? El Puente und Café Chavalo zeigen, dass im Ursprungsland gerösteter Kaffee in Deutschland durchaus interessierte AbnehmerInnen findet. Kallari bringt edle Schokolade aus Ecuador nach Europa. Jedes einzelne Projekt ist eine kleine Erfolgsgeschichte für sich.

Bei Ethiquable hat die Weiterverarbeitung in den Ursprungsländern seit jeher einen hohen Stellenwert: Jedes vierte Produkt im Sortiment kommt bereits fertig verpackt in Europa an. Ob Zucker aus Peru, Konfitüren und Snacks aus Ecuador oder Ananas aus Madagaskar: Im Schulterschluss mit den Partnerkooperativen wurden Produkte entwickelt, die den europäischen Vorschriften entsprechen und zugleich Perspektiven auf den lokalen Märkten haben. Möglich machen dies die Partnerschaften mit den Akteuren des Fairen Handels. Denn viele Kooperativen können erst dadurch die nötige Infrastruktur zur Weiterverarbeitung ihrer Erzeugnisse aufbauen.

Eine Voraussetzung dafür sind Rezepturen mit möglichst regionalen Zutaten. Denn Weiterverarbeitung vor Ort ist nur dann sinnvoll, wenn nicht erst Kakao aus Ecuador, Ananas aus Madagaskar, Milchpulver aus dem Allgäu und Zucker aus Paraguay zusammengebracht werden müssen. Weniger ist mehr.

Das ist kein weltfremder Ansatz, sondern ein Teil der Konsumwirklichkeit anno 2016. Wir erleben ein wachsendes Interesse an Produkten mit ursprünglichem Geschmack und Zutatenlisten, die nicht gleich Plakatwände füllen. Wenn sich diese Lust am Purismus mit dem wachsenden Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und dem Wunsch nach Informationen über die Herstellung von Lebensmitteln paart, dann erwächst daraus eine große Chance für den Fairen Handel.

Fairer Handel ist kein Zustand, den wir einmal erreicht haben, um uns anschließend selbstgerecht zurückzulehnen. Er ist ein fortlaufender Prozess, den wir stets hinterfragen, kritisch betrachten und immer wieder neu erfinden müssen. Unsere Grundüberzeugungen und Kriterien sind das Mindestmaß, dem unser Handeln gerecht werden muss.

Ich plädiere nicht für halsbrecherische Manöver und radikale Veränderungen des Geschäftsmodells. Damit wäre niemandem gedient, vor allem nicht unseren Handelspartnern. Aber ich wünsche mir die Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen und sich auf nachhaltige Innovationen einzulassen – nicht Made in Europe, sondern Made in Ghana, Peru oder Vietnam.

Jens Klein ist Pressereferent der Fairhandelsgenossenschaft Ethiquable Deutschland und importiert mit seinem Unternehmen Café Chavalo fair gehandelten Bio-Kaffee aus Nicaragua.