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Kampagnen: In Bewegung für eine andere Welt

Der radikale Luther

Ein Projekt zum Gedenken an 500 Jahre Reformation und deren Bedeutung im globalen Süden heute

Das Lutherjahr hat begonnen und mit ihm zahlreiche sinnige und unsinnige Gedenkaktivitäten. Schon seit einigen Jahren arbeitet die Initiative „Die Reform radikalisieren“ an einem zeitgemäßen und kritischen Blick auf den Kirchenrebell und den Prozess der Reformation – von Luthers 95 Wittenberger Thesen bis in die Gegenwart. Beteiligt daran sind auch zahlreiche Theolog*innen aus dem globalen Süden.

Das Reformationsgedenken in Deutschland folgt einem ausgeprägten Interesse an Vermarktung. Luther aus Schokolade, Luther als Playmobil und Luther als Gartenzwerg wird zum Gedenken an den präsentiert, der auf seiner Reise nach Rom 1510/11 heftigen Anstoß am religiösen Kommerz seiner Zeit nahm. Das Gegenteil ist interessant für den globalen Süden: Luthers Kritik des Frühkapitalismus. Aber nicht nur Positives hat der Süden an Luther wiederzuentdecken, sondern auch hart zu Kritisierendes: Luthers Haltung im Bauernkrieg und sein unmögliches Verhältnis zu anderen Religionen.
Diese drei Felder haben auch in dem breiten Material einen prominenten Platz, das eine internationale Gruppe von Forscher*innen und Aktivist*innen in einem sechsjährigen Projekt unter dem Motto „Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ erarbeitet, in fünf Studienbänden veröffentlicht und in 94 Thesen und der Wittenberger Erklärung Anfang 2017 zugespitzt zusammengefasst hat.1

Was hat uns Luthers Kritik am Frühkapitalismus heute zu sagen?
„Gold ist ein wunderbares Ding! Wer dasselbe besitzt, ist Herr von allem, was er wünscht. Durch Gold kann man sogar Seelen in das Paradies gelangen lassen“, zitiert Karl Marx im Kapital aus einem 1503 von Christoph Kolumbus verfassten Brief aus Jamaica. Luthers Ansatz der Reformation betrifft also nicht einfach eine Frömmigkeitsfrage, wie es oft dargestellt wird, sondern trifft in das Herz der damaligen frühkapitalistischen Zivilisation, in der sogar das Heil käuflich geworden ist: „Menschenlehre verkündigen die, die sagen, daß die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald das Geld im Kasten klingt. Gewiß, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen.“ (Thesen 27 und 28 der 95 Wittenberger Thesen; alle Luther-Zitate im Folgenden aus der Weimarer Ausgabe). Und diese kapitalistische Zivilisation schickte sich an, die ganze Welt zu erobern, wie die Verbindung mit Kolumbus zeigt.

In der Globalisierung des imperialen Kapitalismus hat diese Entwicklung ihren Höhepunkt erreicht. Mammon regiert die Welt – nach Luther der „allgemeinste Gott auf Erden“. Aber Luther begnügt sich nicht mit der Kritik des Kapitalismus als Religion (als der systemischen Verletzung des 1. Gebots „Du sollst keine Götter haben neben mir“), sondern er kritisiert die herrschende Form von Marktwirtschaft ökonomisch als mörderischen systemischen Raub, also als Verletzung des 7. Gebots „Du sollst nicht stehlen“.

Die Spitze des räuberischen Gesamtsystems des kapitalistischen Marktes sind nach Luther die „Erzdiebe“. Er meint damit die großen, länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften wie die Fugger. Beim Kaufmannskapital zeigen sich der Götzendienst und der Diebstahl vor allem in der Deregulierung des Marktes bei der Preisbildung, beim Geldkapital in der arbeitslosen Zinsabschöpfung des erarbeiteten Mehrwerts. Beides ist für ihn nicht nur Raub, sondern Mord. In diesem Sinn hat der Schweizer Soziologe Jean Ziegler mit seiner heutigen Aussage Recht: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Denn es wäre genug für alle da.

Als Maßnahme dagegen fordert Luther die regulierende Intervention des Staates in den Markt, sieht aber bereits die Obrigkeiten als vom Kapital korrumpiert an. Deshalb fordert er die systemische Abschaffung dessen, was wir heute transnationale Konzerne und Banken nennen, und beschwört die Prediger, notorisch Zins nehmende Geldverleiher zu exkommunizieren: „Von den Gesellschafften sollt ich wol viel sagen. Aber es ist alles grundlos und bodelos mit eyttel geytz und unrecht. (…) Sollen die gesellschafften bleyben, so mus recht und redlickeyt untergehen. Soll recht und redlickeyt bleyben, so mussen die gesellschafften (...) unter gehen.“

Luther verwirft das kapitalistische Weltwirtschaftssystem, so wie es der Reformierte Weltbund in Accra 2004, der Ökumenische Rat der Kirchen in Busan 2013 in mehreren Dokumenten und Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Die Freude des Evangeliums“ 2013 unter heutigen Bedingungen getan haben. So hätte der globale Süden heute Luther als Verbündeten.

500 Jahre Reformation
Martin Luther, Porträt von Lucas Cranach der Ältere 1529. © Wikimedia Commons

Luther und der Kampf der Bauern
Luthers Verhalten im Bauernkrieg ist weniger eindeutig als normalerweise angenommen. Bekanntlich hat er zunächst deren berechtigte Forderungen aus den Zwölf Artikeln der Oberdeutschen Bauern von 1525 anerkannt und den Feudalherrn und Fürsten ins Gewissen geredet, ihr ungerechtes Verhalten zu ändern und die Forderungen der Bauern zu erfüllen.

Dass er dann nach den Gewalttaten der Bauern seine fürchterliche Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ veröffentlichte, hat einen meist nicht bekannten Grund. 1495 hatte es eine Reichsrechtsreform gegeben, die das mittelalterlichhe Fehderecht aufhob und darauf zielte, den Kampf für Gerechtigkeit in Rechtsprozessen und nicht mit Waffengewalt zu führen. Luther hatte in früheren Schriften dies als biblisch begründetes Friedenshandeln begrüßt. Als nun die Bauern zu den Waffen griffen, sah er dies als Rückfall in gewalttätiges Handeln und Aufhebung der Rechtsordnung an. Insofern muss man Luthers Verhalten tragisch nennen.
Umso eindeutiger müssen allerdings die Kirchen heute an die Seite der weltweit gegen die schöpfungszerstörende Monokultur des Agrobusiness kämpfenden Bauern und Bäuerinnen treten. Der Kampf um ökologische bäuerliche Landwirtschaft gegen die Konzerne wird global von La Via Campesina koordiniert. Im Hohenlohischen hat sich die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) gebildet, die an die Zwölf Artikel der oberdeutschen Bauern in der Reformationszeit anknüpft und zusammen mit La Via Campesina für die UNO eine Charta für Bauernrechte erarbeitet und sie im März 2017 bei einer großen Internationalen Konferenz in Schwäbisch Hall beschließen will. 

Die BESH war bei der 3. Internationalen Konferenz der Inititiative „Die Reformation radikalisiseren“ im Januar 2017 vertreten und hat dort zusammen mit Initiativen für bäuerliche Landwirtschaft unter anderem aus Indien, Argentinien, Brasilien und Indonesien den Abschnitt der Wittenberger Erklärung  zu „Gerechtigkeit durch Ökologisch sensible Landwirtschaft und Landverteilung“ erarbeitet. Darin heißt es unter anderem:
„Wir glauben, dass Gottes Mission für ein Leben in Fülle alle Christen und Christinnen und alle Kirchen verpflichtet, am ökumenischen Prozess für ‚Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung‘ intensiv teilzunehmen. Wenn wir wirklich auf die radikalen Stimmen der Reformation hören wollen, müssen wir aus einem Weltwirtschaftssystem aussteigen, das in Landraub und Naturzerstörung mündet. Das biblische Landverständnis betont die Werte der Subsistenz und kämpft für gesunde Beziehungen zwischen Land und Menschen.

Wir bekennen, dass wir in der Tradition Luthers stehen, der gegen die Bauern die feudal-ständische Ordnung unbiblisch legitimiert hat, und dass spätere lutherische Traditionen daraus die falsche Konsequenz gezogen haben, Ökonomie und Politik für eigengesetzlich zu erklären, obwohl Luther das frühkapitalistische Wirtschaftssystem klar verwarf.  (…)
Wir verwerfen das imperiale hegemoniale System von neoliberaler Politik, Finanzkapitalismus und seinen Modellen des Agrobusiness, das schwere Ungleichheiten in den Beziehungen von Produktion und Handel hervorruft.  (…)
Wir rufen Kirchen dazu auf, sozial-ökonomische Gerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit als Schlüsselaufgaben für ihren Auftrag zu begreifen. Es sind Räume für Reflexion, Auseinandersetzung und Alternativvorschläge aus einer Befreiungsperspektive auf Landwirtschaft und Landnutzung zu schaffen. (…)“

Interreligiöse Solidarität für Gerechtigkeit
Luther hat monströse Schriften gegen Juden und Muslime geschrieben. Das hat seinen theologischen Grund in einem Missverständnis der Theologie des Paulus. Paulus stellt dem befreienden Evangelium von Jesus, dem Messias, das tötende Gesetz gegenüber. Das meint bei Paulus aber nicht die jüdische Tora, sondern das imperiale Gesetz Roms. Während dieses imperiale Gesetz die Menschen und Bevölkerungsgruppen gegeneinander in Konkurrenz ausspielt („teile und herrsche“), die Begierde in einer Klassengesellschaft legalisiert und das Beziehungsverhältnis von Mann und Frau in ein patriarchalisches Herrschaftsverhältnis verkehrt, sagt Paulus inklusiv und emanzipativ: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Herr, da ist nicht Mann und Frau: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus“ (Gal 3,28). Das heißt alle Herrschaftsverhältnisse werden in Christus aufgehoben und es kann große Vielfalt ohne die Unterdrückung der einen durch die anderen möglich werden. Luther aber versteht die frei geschenkte Gerechtigkeit Gottes als gegen die anderen gerichtet. Wir haben die Wahrheit – die anderen sind werkgerecht.

Nach dem Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten an den Juden haben Theologie und Kirchen mit Recht große Anstrengungen unternommen, den Antijudaismus Luthers und der ganzen nachkonstantinischen Christenheit zu überwinden. Inzwischen stellt sich aber heraus, dass diese Buße auf Kosten der Palästinenser*innen geschehen ist und gleichzeitig Islamfeindschaft um sich greift. Das führt dann dazu, dass die notorischen Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen Israels schweigend hingenommen werden. Deshalb ist die Buße für Luthers Schuld an Juden und Muslimen erst echt und überzeugend, wenn sie mit klarem Eintreten für Gerechtigkeit unabhängig von Religion, Volkszugehörigkeit und Geschlecht verbunden ist. Darum haben Juden, Christen und Muslime gemeinsam in die Wittenberger Erklärung im Sinn von „Die Reformation radikalisieren“ einen Passus eingefügt, in dem es unter anderem heißt:2

„Wir glauben mit dem Apostel Paulus, dass im Messias Jesus die ethnischen, Klassen- und Gendergegensätze und Machtasymmetrien überwunden sind. Wir sind überzeugt, dass der nachkonstantinische christliche Antijudaismus und speziell Luthers abscheuliche und grausame Pamphlete gegen die Juden, die von den Nazis als Rechtfertigung für ihren Mord an Millionen von Menschen benutzt wurden, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Aber wir sind auch der festen Überzeugung, dass ChristInnen und Kirchen diese Verbrechen nicht damit wieder gut machen können, dass sie zu den nicht hinzunehmenden Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts schweigen, die der Staat Israel durch seine Kolonisierung des historischen Palästinas über die von der UNO anerkannten Grenzen hinaus und durch die ethnischen Säuberungen an Palästinenserinnen und Palästinensern zu verantworten hat. (…)

Wir verwerfen alle Formen von Antisemitismus und gleichzeitig alle Theologien, die die Enteignung und andauernde Unterdrückung der Palästinenser unterstützen und legitimieren. Ebenso verwerfen wir die dem Schweigen der Kirchen zugrunde liegende Kirchentheologie, die Versöhnung und Dialog ohne Gerechtigkeit predigt.“ (…)

„Die Reformation radikalisieren“ bringt also auch brisante Einsichten für den globalen Süden und unseren Umgang mit ihm hervor.


1
Zahlreiche Informationen dazu finden Sich auf der Webseite des Projekts
Der volle Text steht auf www.radicalizing-reformation.com

Ulrich Duchrow ist Professor für Theologie an der Universität Heidelberg, Vorsitzender von Kairos Europa und hat in den letzten Jahren intensiv bei der Initiative „Die Reformation radikalisieren“ mitgearbeitet.