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Unabhängiges Indien: Seit 70 Jahren im Übergang

Pinke Unterwäsche für Moralapostel

Die feministische Bewegung in Indien ist vielfältig und kreativ. Und hat sich bis heute nicht spalten lassen

Wer an das Thema Frauen in Indien denkt, hat häufig sofort Bilder von Gewalt und Vergewaltigungen im Kopf. Jenseits dieser medialen Zuspitzung gibt es für Frauen viel mehr Themen, zu denen sie aktiv sind. Die Frauenbewegung blickt auf eine lange Geschichte zurück und hat einige Fortschritte erkämpft. Auch heute hat Feminismus für junge Frauen nicht an Anziehungskraft verloren.

Im Jahr 1852 kam die elfjährige Mukta Salve, ein junges Mädchen aus dem indischen Bundesstaat Maharashtra, in die Millionenstadt Pune. Sie besuchte dort eine Schule, die die Bildungspionierin Savitirbai Phule und ihr Ehemann Jyotiba Phule für Mädchen aus armen Familien und niederen Kasten gegründet hatten. Für Mukta war dies die erste Möglichkeit, zu lernen. Drei Jahre später, im Alter von vierzehn Jahren schrieb sie eine Art offenen Brief an die höheren Kasten, die Brahmanen, die bis dato die Welt des Wissens dominiert hatten und anderen den Zutritt dazu verwehrten.

„Oh, ihr gelehrten Pandits1“, begann die junge Mukta, „hört mit dem selbstsüchtigen Geschwafel eurer dumpfen Weisheit auf und horcht, was ich zu sagen habe.“ Es folgte eine scharfe Kritik an der Praxis, niederen Kasten und Frauen die Bildung vorzuenthalten.

Etwa 30 Jahre später veröffentlichte Tarabai Shinde, eine 32-jährige Frau aus Maharashtra, eine gepfefferte Kritik an Patriarchat und Kaste. Sie hatte den Text „Ein Vergleich zwischen Männern und Frauen“, der als eine der ersten feministischen Abhandlungen Indiens gilt, als Antwort auf einen Zeitungsartikel geschrieben, der von dem Schicksal einer Witwe und ihrem nichtehelichen Kind handelte. Shinde war wütend über die zügellosen männlichen Vorurteile sowie die Frauenfeindlichkeit in dem Artikel und griff ihn aufs Schärfste an. Später arbeitete sie an derselben Schule, die Mukta besucht hatte.

Feminismus Indien
Die indische Frauenbewegung fordert Gleichheit ein: Stencil in Varanasi im Bundesstaat Uttar Pradesh. Foto: Adam Jones (CC BY-SA 2.0)

Muktas und Tarabais Erbinnen
Für heutige indische Feminist*innen sind Mukta Salve, Tarabai Shinde, Savitribai Phule und viele andere Frauen Vorkämpfer*innen, die sie inspirieren und ihnen Hoffnung geben. Dennoch ist Indien nicht für die vielen starken Frauen bekannt, die es in seiner Geschichte gab und die auch heute im ganzen Land zu finden sind. Meldungen über das Land betonen vielmehr die furchtbaren Bedingungen, unter denen Frauen leben, die Gewalt, der sie ausgesetzt sind, die Unterdrückung, mit der sie jeden Tag umgehen müssen, und natürlich die sexuelle Gewalt, die die Medien routinemäßig als Story ausbuddeln.

Zweifelsohne entspricht all dies der Wahrheit. Doch die Wirklichkeit Indiens und der Frauen, die in dem Land leben, ist komplexer und vielschichtiger. In Indien findet ein rasanter Wandel statt, und die Frauen sind mittendrin, wenn ihre Rolle auch nicht immer offensichtlich ist. In dem Bild als aufstrebendes Schwellenland, Supermacht und blühende Demokratie ist wenig von Frauen zu sehen, auch wenn sie manchmal in hohen Positionen politischer Parteien oder von Wirtschaftsunternehmen auftauchen. Doch der Wandel ist breiter und tiefgehender.

Wer unter die Oberfläche schaut, findet Geschichten, von denen viele mit Frauen zu tun haben.

Da ist zum Beispiel die Frauenbewegung oder feministische Bewegung in Indien. Viele der Frauen, die Teil der Bewegung sind, bezeichnen sich selbst jedoch nicht als feministisch, weil sie dieses als ein westliches Konzept ansehen, das nicht ihrer Wirklichkeit entspricht. Es ist nicht einfach, die Geschichte einer Bewegung nachzuzeichnen, die derart vielfältig ist und sich über die Zeit so stark entwickelt hat.

Ebenso schwierig ist es, ihren genauen Beginn zu datieren.  Dem Beispiel von Frauen wie Tarabai Shinde, Savitribai Phule oder Mukta Salve, die im 19. Jahrhundert Vorläuferinnen der feministischen Bewegung waren, folgten im 20. Jahrhundert tausende Frauen, die den Kampf gegen die Fremdherrschaft unterstützten und auf den Straßen für einen Abzug der Briten mobilisierten.

Der Feminismus, wie wir ihn heute kennen, begann in den 1970er Jahren im unabhängigen Indien. Die erste große, landesweite Kampagne richtete sich gegen Gewalt gegen Frauen, vor allem Vergewaltigungen. Ende der 1960er Jahre hatte das Oberste Gericht Indiens ein Urteil gegen zwei Männer gekippt, die eine Frau aus einer niederen Kaste vergewaltigt hatten. Vier Anwälte schrieben daraufhin erzürnt einen offenen Brief an das Oberste Gericht, in dem sie dieses für den in ihren Augen geschehenen Justizirrtum kritisierten.

Die Frauenbewegung startete zahlreiche Kampagnen
Der Brief wurde zum Auslöser einer landesweiten Kampagne von Frauengruppen, obwohl es zu dieser Zeit noch kein Internet gab und selbst gewöhnliche Telefone noch nicht sehr verbreitet waren. Die Kampagne führte dazu, dass das entsprechende Gesetz für Vergewaltigungen nach fast 150 Jahren geändert wurde.

Anschließend intensivierte die Frauenbewegung ihre Aktivitäten. Die 1970er und 1980er Jahre sahen Kampagnen zu Themen wie Umwelt, Landrechte, Ehe- und Scheidungsrecht, Mitgift, Erbschaftsrecht oder das Recht auf Ernährung. „Gebt uns das Indien, das ihr bei der Unabhängigkeit versprochen habt“, forderten die Frauen, „wir sind auch Bürgerinnen.“

Zur gleichen Zeit begannen Akademikerinnen damit, spezielle Forschungszentren zu gründen, die sich mit feministischen Fragestellungen beschäftigten. Anfang der 1970er gab die indische Regierung einen Bericht über Frauen in Auftrag. Dieser sollte Fortschritte herausstellen, die die Regierungspolitik für die Lage der Frauen seit der Unabhängigkeit erreicht hatte.

Doch das Gegenteil war der Fall. Der Bericht unter dem Titel „In Richtung Gleichheit“ zeichnete ein beunruhigendes Bild der Lage der Frauen und belegte, wie der Staat verschiedentlich versagt hatte. Er wurde zu einer Art „Bibel“ der Frauenrechtsbewegung, die dessen Erkenntnisse nutzten, um Änderungen einzufordern.

In den folgenden Jahren blieb die Bewegung nicht nur aktiv, sondern wurde breiter und wuchs. Heute hat praktisch jede politische Partei, ob links, rechts oder in der Mitte, einen frauenpolitischen Flügel. Deren Ideologien unterscheiden sich oft grundlegend voneinander und manchmal sind sie nicht einmal feministisch orientiert. Doch zeigt dies eindrücklich, dass die Politik sich mittlerweile auch an Frauen richtet und versucht, deren Belange programmatisch aufzunehmen.

Feminismus Indien
Die Wirklichkeit der Frauen in Indien ist vielschichtig und lässt sich nicht nur auf Gewalt reduzieren. Foto: Adam Jones (CC BY-SA 2.0)

Die Unterschiede führten nicht zu einer Spaltung
Daneben gibt es Gruppen, die sich als autonom bezeichnen, und deren Aktivismus an die Kampagnen der Vergangenheit erinnert. Sie schließen sich zusammen, um für bestimmte Themen zu kämpfen oder ein öffentliches Bewusstsein dafür herzustellen. Auch gibt es einen großen Sektor von Nichtregierungsorganisationen, die ausdrücklich zu Frauenrechten arbeiten. Trotz der Unterschiede zwischen verschiedenen Ansätzen, gibt es immer wieder auch gemeinsame Aktionen.

Anders als ihr Pendant in vielen westlichen Ländern war die indische Frauenbewegung seit ihren Anfängen inklusiv und intersektional: Auch wenn der Hauptfokus zunächst auf Gewalt lag, bezog die Bewegung andere Themen wie Armut, Gesundheit oder Religion mit ein, die nicht typischerweise als „Frauenthemen“ betrachtet wurden.

Das soll nicht heißen, dass es nicht immer schon auch Spannungen gegeben hätte. Tatsächlich haben diese dazu geführt, dass die Frauenbewegung aktiv geblieben ist.

Eines der ersten Themen, die kontrovers diskutiert wurden, war die Frage, inwieweit sexuelle Identität und Kaste innerhalb der Bewegung eine Rolle spielen sollten. Die „Mainstream-Feminist*innen“ waren gezwungen anzuerkennen, dass sie diesen Themen zuvor keinerlei Beachtung geschenkt hatten. Aber diese Unterschiede führten nicht dazu, dass sich unüberwindbare Mauern gebildet hätten und die Bewegung auseinanderfiel.

Während heute in vielen Ländern von einem „Post-Feminsimus“ oder Rückschlägen für feministische Bewegungen die Rede ist, schließen sich in Indien viele junge Frauen der Welt des Feminismus an. Zahlreiche neue Foren im Internet haben eine neue Energie entfacht. Themen wie sexuelles Vergnügen und Lust werden nicht länger tabuisiert.

Dies sorgt allerdings teilweise für aggressive Reaktionen. Rechte Kreise, die sich als Bewahrer der öffentlichen Moral sehen, hetzten gegen die von ihnen verachteten „modernen“ Frauen. Feministinnen reagieren darauf auf eine Art und Weise, die diese Männer am meisten aufbringt: Sie machen sich darüber lustig. Beispielsweise schickten sie in einer organisierten Massenaktion pinke Unterwäsche an die Rechten und amüsierten sich köstlich bei der Vorstellung, wie diese die Päckchen öffneten. Die Erben von Mukta und Tarabai sind noch immer unterwegs. Nur ihre Methoden sind heute etwas anders.

Aus dem Englischen von Tobias Lambert.

1 Indischer religiöser Gelehrter, zur damaligen Zeit Brahmane.

Feminismus Indien

Urvashi Butalia ist eine feministische Verlegerin und Schriftstellerin in Indien. Seit 2003 leitet sie ihren eigenen Verlag, Zubaan books. 2016 schrieb sie die Südlink-Kolumne „Feministisches Indien“.