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Südlink 182 - Dezember 2017

Literarischer Süden: In Büchern unterwegs

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„Dantala sucht nach einer Vaterfigur“

Religion fülle die Räume, die Regierung und Gesellschaft leer lassen, sagt der nigerianische Autor Elnathan John im Interview

In seinem Debütroman „An einem Dienstag geboren“ schildert Elnathan John den Aufstieg der Terrororganisation Boko Haram im Norden Nigerias aus der Sicht des heranwachsenden Protagonisten Dantala. Im Südlink-Interview spricht der nigerianische Autor und Satiriker über die Hintergründe des Buchs, die heutige Rolle afrikanischer Autor*innen und seine allmählichen Zweifel am Sinn von Satire.

Jenseits der politisch-religiösen Facetten ist Ihr Roman „An einem Dienstag geboren“ eine Art Coming-of-Age-Story. Was war die Idee hinter dem Buch?
Ich wollte ein Buch schreiben, das die Personen in dem Teil Nordnigerias, in dem die Handlung spielt, als komplexe Menschen darstellt. Denn über diese Region wird häufig nur im Zusammenhang mit religiöser Gewalt berichtet. Dabei haben nicht nur der Konflikt mit Boko Haram, sondern vor allem die Individuen, die in dem Buch vorkommen, unterschiedliche Facetten. Und ich wollte verschiedene Aspekte der Maskulinität des Protagonisten betrachten, die Probleme, die ihm seine Entwicklung vom Jungen zum Mann beschert.

Dantala schließt sich einer islamistischen Gruppe an, von der sich später eine Gruppierung abspaltet, die unschwer als Boko Haram zu erkennen ist. Warum fühlt er sich von der Religion so angezogen?
Er wird in eine sehr muslimische Umgebung hineingeboren und hat daher nicht viele Optionen. Es geht ihm wie vielen anderen darum, Unterstützung, Wertschätzung, Geborgenheit zu erfahren. Dantala sucht nach Orientierung, nach einer Vaterfigur. Die Religion füllt die Räume, die Regierung und Gesellschaft leer lassen. Religiöse, ethnische oder andere Selbsthilfegruppen bieten eine Dienstleistung an, die aber natürlich nicht gratis ist. Im Gegenzug fordern sie mal Loyalität, mal Engagement, manchmal auch einfach Geld.

Die Sicht von Dantala ermöglicht den Leser*innen einen anderen Zugang zum Thema Islam als ihn die Medien hierzulande üblicherweise vermitteln. Sie selbst leben zurzeit in Berlin. Ruft das Buch in Nigeria andere Reaktionen hervor als in Europa?
Wenn ich in der Region, in der die Handlung angesiedelt ist, aus dem Buch lese, kommen spezifischere Fragen. Es wird dort viel weniger als ein Buch wahrgenommen, das Erklärungen über den Islam liefert. Menschen erkennen sich selbst oder ihre Nachbarn darin wieder, die Diskussionen gehen wesentlich tiefer. Die Geschichte soll dort, wo sie angesiedelt ist, funktionieren. Aber gute Literatur kann Raum, Zeit und Kulturen überwinden und Menschen in jeglicher Sprache erreichen. Deshalb ist es möglich, Bücher zu übersetzen, auch wenn dabei immer etwas verloren geht.

an einem Dienstag geboren Elnathan John
Viele Menschen in Nigeria leben in getrennten Gemeinschaften. Religion ist eine davon. Nationalmoschee in der Hauptstadt Abuja. Foto: Global Panorama (CC BY-SA-2.0)

Sie selbst schreiben auf Englisch, verwenden in ihrem Buch aber zahlreiche Begriffe des in Nordnigeria und angrenzenden Ländern gesprochenen Hausa. Warum haben sie das Buch nicht komplett in Hausa verfasst?
Englisch ist meine erste Sprache und die Sprache meiner Erziehung. Natürlich gibt es Argumente dafür, in Hausa zu schreiben, die Ngũgĩ wa Thiong’o sehr eloquent herausgearbeitet hat. (siehe auch Text und Rezension auf Seite 20-21; Anm. der Red.) Doch in Nigeria beispielsweise gibt es mehr als 500 ethnische Gruppen. Im Gegensatz zu Südafrika oder Kenia wird im Bildungssystem hingegen ausschließlich Englisch verwendet. Schriebe ich in Hausa, würde ich viel weniger Menschen erreichen, auch innerhalb Nigerias. Jetzt kann man sagen, man schreibt in Hausa und übersetzt es ins Englische. Aber in meinem Fall ist Englisch nun mal die Sprache, in der ich mich literarisch ausdrücken kann.
Natürlich bin ich für die Rettung afrikanischer Sprachen. Aber ich kann es nicht erzwingen, eine Geschichte in Hausa zu Papier zu bringen. Meine Position ist etwas näher an Chinua Achebe, der sagte: „Lassen Sie sich nicht von der Tatsache täuschen, dass wir vielleicht auf Englisch schreiben, denn wir haben die Absicht, unerhörte Dinge damit zu tun.“ Sprache und Kultur sind etwas, dass sich ständig im Fluss befindet, sie verändert sich. Englisch ist zwar die koloniale Sprache, die sie uns gegeben haben, aber wir machen daraus, was wir wollen.

Ihr Buch ist zuerst in Nigeria erschienen. Viele afrikanische Autor*innen werden allerdings erst bekannt, wenn sie in europäischen oder US-amerikanischen Verlagen veröffentlichen. Woran liegt das?
Wer in westlichen Verlagen erscheint, ist viel sichtbarer. Die Arbeit der meisten afrikanischen Autoren verlässt niemals den Kontinent. Früher hatten wir in Nigeria stabile Verlage, aber durch den wirtschaftlichen Niedergang seit den 1980er Jahren bestimmen überwiegend westliche Verlage den Buchmarkt. Es gibt zwar eine Reihe kleinerer Verlage, aber die befinden sich in ständigem Überlebenskampf und bieten auch keinen mit westlichen Verlagshäusern vergleichbaren Vertrieb.
Im Fall der anglophonen Literatur werden die Standards dafür, was international als gut gilt, in London und New York gesetzt. Dadurch verändert sich auch die Leserschaft. Denn wenn ein Verlag seine Bücher überwiegend dort verkauft, hat das großen Einfluss darauf, was überhaupt veröffentlicht wird. Da arbeiten Menschen, die Listen erstellen wie „Die zehn wichtigsten Schriftsteller Afrikas“. Es hat viel mit kulturellem Kolonialismus zu tun, dass viele Menschen in Afrika diesen Empfehlungen vertrauen. Dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein. Wir sollten sagen: „Hey, das sind Autoren, die ihr lesen solltet.“

Gibt es denn viel Austausch zwischen afrikanischen Autor*innen aus unterschiedlichen Regionen des Kontinents?
Den gibt es, wenn auch weniger, als ich mir wünschen würde. Es finden viele Gespräche statt, es gibt Festivals und Kontakte über das Internet. Aber die Kontakte finden weitgehend innerhalb der unterschiedlichen Sprachregionen statt, also jeweils im anglophonen, lusophonen, frankophonen oder arabisch-sprachigen Afrika.
Tatsächlich sind allenfalls die bekanntesten Autoren in die jeweils anderen Sprachen übersetzt. Aber selbst ein Autor wie Mia Couto aus Mosambik spielt außerhalb der lusophonen Welt keine große Rolle. Im anglophonen Afrika ist vielleicht sein Name bekannt, aber gelesen wird er kaum. Aus Nordafrika kennen wir höchstens ein paar Autoren, die auf Französisch schreiben und in Europa Preise gewonnen haben. Das ist also wieder das gleiche Problem der alten kolonialen Strukturen: Autoren aus Afrika gelangen nach Europa und darüber zurück nach Afrika.

Die erste und zweite Generation afrikanischer Schriftsteller*innen nach der Unabhängigkeit schrieb häufig über große Themen wie Kolonialismus, Kapitalismus oder die postkoloniale Gesellschaft. Sind jüngere Autoren unpolitischer geworden?
Es scheint so, als habe es eine Bewegung hin zu Mikrothemen wie Identität, Sexualität oder persönlichen Geschichten gegeben. Ich sehe darin aber nicht so sehr einen Wechsel vom Politischen zum Persönlichen. Denn wenn man das Persönliche auch als Politisch begreift, ist es eher eine Ausweitung politischer Themen.
Die Leute suchen nach neuen Wegen, sich auszudrücken und zu definieren, und sind darin heute freier. Jüngere Autoren tragen nicht mehr diese Bürde mit sich herum wie die erste Generation von Schriftstellern nach der Unabhängigkeit, die es als Verpflichtung betrachtete, sich nationalistisch auszudrücken.

Als Satiriker schreiben sie regelmäßig offene Briefe an den amtierenden nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari, der 1983 durch einen Militärputsch schon einmal an die Macht kam und heute demokratisch gewählt ist. Sie sprechen ihn mit Darling Buhari an. Hat er Ihre Zuneigung jemals erwidert und Ihnen einen Antwortbrief geschickt?
Ich wünschte, aber nein, das hat er nicht. Wir leben in Zeiten, in denen man niemanden dazu bringen kann, sich für etwas öffentlich zu schämen. Im September beispielsweise hat der Präsident vor der UNO-Generalversammlung gesprochen. In seiner Rede hat er die Weltgemeinschaft dazu aufgefordert, eine Delegation nach Nordkorea zu schicken, um dort zu vermitteln, mit Kim Jong-un über die Zündung von Atombomben zu diskutieren. Doch in seinem eigenen Land lässt er gegen Proteste das Militär auffahren. Ich frage mich mittlerweile, welchen Sinn Satire noch hat, wenn wir in einer Post-Scham-Welt leben.

Hat Satire in Nigeria denn keinen Einfluss auf öffentliche Debatten?
Nicht wirklich. Nigeria ist geprägt von Gruppenloyalitäten. Es gibt keine gemeinsame Idee von Staat, von sozialer Gerechtigkeit, deshalb suchen sich viele Menschen ihre Nischen. Dies kann eine ethnische Gruppe oder eine Kirche sein. Wenn man nun diese Nischen antastet, reagieren die Leute mit einer Verteidigungshaltung. Rational geführte Debatten können so gar nicht entstehen.

Das Interview führte Tobias Lambert im September.

Elnathan John
© Alla Sieg

Elnathan John ist nigerianischer Autor, Satiriker und Anwalt. Derzeit lebt er in Berlin und arbeitet an Kurzgeschichten über die deutsche Hauptstadt und an einem neuen Roman.

Das Menschliche im Konflikt

an einem dienstag geboren john

Dantala ist zehn Jahre alt. Er wächst im Norden Nigerias in einem religiösen Umfeld auf, hängt auf der Straße herum und rauft sich mit anderen Jungs. Als er im Jahr 2003 gegen Geld an politischen Unruhen teilnimmt, die aus dem Ruder laufen, muss er in die Großstadt Sokoto fliehen. Dort findet er Zuflucht in einer Moschee. Sheikh Jamal und Malam Abdul-Nur nehmen den Jungen bereitwillig auf und bieten ihm an, für sie zu arbeiten. Doch bald schon gehen die Ansichten über die richtige Verbreitung des Islams nicht nur innerhalb der Moschee auseinander.

Mit seinem großartigen Debütroman „An einem Dienstag geboren“ hat der nigerianische Autor Elnathan John ein beeindruckendes Buch über das Heranwachsen inmitten eines sich radikalisierendem Islam geschrieben. Auf einer Ebene handelt der Roman von nigerianischer Politik und dem Aufstieg der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram. Gleichzeitig erzählt das Buch die Geschichte einer Jugend, die so oder ähnlich auch anderswo stattfinden könnte.

Dantala ist ein verunsicherter Jugendlicher, der verzweifelt nach Vorbildern und einem Sinn sucht. Er hadert mit seiner aufkommenden Sexualität, besucht heimlich eine Prostituierte und verliebt sich unglücklich. Vielschichtig verhandelt Elnathan John auf der Mikroebene große Themen. Inmitten von Hass und Fundamentalismus nimmt er das Menschliche in den Blick.

Elnathan John: An einem Dienstag geboren. Aus dem Englischen von Susann Urban. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2017, 256 Seiten, 24,80 Euro.

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