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INKOTA-Dossier 9 - Juni 2011

Tourismus - Begegnungen der anderen Art

Unterwegs mit Herz und Verstand

Heinz Fuchs

"Fair handeln" ist auch im Tourismus möglich

Unser Reiseverhalten ist weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Und doch ist ein Tourismus möglich, der die Bedürfnisse der Reisenden genauso berücksichtigt wie die Interessen der "Bereisten" und ökologische Belange. Erste Schritte sind getan, aber noch immer dominiert die Schnäppchenmentalität den Reisemarkt.

Allen Krisen zum Trotz verzeichnet der globale Tourismus seit Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten. Laut Welttourismusorganisation (UNWTO) legten die internationalen Touristenankünfte 2010 um 6,7 Prozent zu. Weltweit wurden 935 Millionen grenzüberschreitende Reisen unternommen, in den nächsten Jahren wird wohl die Grenze von einer Milliarde internationalen Reisen überschritten.

Statistisch gesehen haben alle fünf Weltregionen 2010 von einer positiven Gesamtentwicklung im Wirtschaftssektor Tourismus profitiert. Stolz verkündet die UNWTO dass diese als Erholung bezeichnete Entwicklung von den Entwicklungs- und Schwellenländern angeführt wird.

Tourismus gilt als Jobmotor. Soziale und ökologische Belange spielen jedoch oft eine untergeordnete Rolle in der "weißen Industrie". Der Tourismus ist weltweit einer der größten Arbeitgeber und Wirtschaftsbereiche.

Der World Travel and Tourism Council (WTTC) zählt insgesamt 200 Millionen Menschen, die zur Hälfte direkt im Tourismus und zur anderen Hälfte in der Zulieferung beschäftigt sind. Hinzu kommen diejenigen, die in privaten Pensionen und der Gastronomie als mithelfende Familienangehörige, StraßenhändlerInnen, Souvenirverkäufer und selbst ernannte Fremdenführer rund um Hotels und Sehenswürdigkeiten herum tätig sind.

Einschließlich dieses "informellen Sektors" arbeiten schätzungsweise rund 240 Millionen Menschen im Tourismus. Etwa 60 Prozent der Beschäftigten sind Frauen, die für dieselbe Arbeit durchschnittlich fast ein Viertel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Tourismus, Flugverkehr und Klima

Mit dem globalen Wachstumstrend, der vermutlich weiter anhalten wird, geht allerdings ein umwelt- und klimapolitisches Desaster einher. 2050 wird der Flugverkehr bei unverändertem Wachstum rund 25 Prozent aller Treibhausgase verursachen.

Die UNWTO geht davon aus, dass der Tourismussektor durch Personentransport, Beherbergung und verschiedene Aktivitäten an den Reisezielen aktuell rund fünf Prozent der globalen CO2-Emissionen verursacht. Bei Fernreisen entstehen allein 97 Prozent der Emissionen durch den Flug. Werden neben den CO2-Emissionen noch weitere Ursachen berücksichtigt, prognostizieren Wissenschaftler, dass der Anteil des Tourismus an den Treibhausgasemissionen bei bis zu 14 Prozent liegen könnte.

Wenn es um Vorschläge zur Kerosinbesteuerung oder um eine Klimaabgabe auf Flugtickets geht, warnen Fluggesellschaften, vermeintliche Entwicklungsexperten sowie Wirtschaftsvertreter und ihre Lobbyisten fast schon routinemäßig vor den dramatischen Folgen – insbesondere für den Tourismus in den ärmsten Ländern. Doch bei genauerem Hinsehen liegt in dieser Annahme mehr Mythos als Wahrheit.

Weder hat die Flugverkehrsabgabe, die seit Anfang des Jahres erhoben wird, eine ökologische Steuerungswirkung noch wird die Einbeziehung des Flugverkehrs in das Europäische Emissionshandelssystem (EU-EHS) ab 2012 nennenswerte Auswirkungen auf die Entwicklung des internationalen Flugverkehrs haben.

Trotz Ticketabgabe verzeichnete Lufthansa im ersten Quartal ein deutliches Umsatzplus, und eine Studie belegt, dass aufgrund des allgemeinen Nachfragewachstums selbst strenge Vorgaben unter dem EU-EHS zu keinem Rückgang der internationalen Ankünfte führen würden, nur zu einem langsameren Wachstum.

Auch die Gleichung Tourismus = Entwicklung hat sich längst als Mythos herausgestellt: Bei touristischen Großprojekten bleibt häufig wenig Geld im Land und kommt längst nicht immer bei den Menschen in den besuchten Regionen an.

Die internationale Arbeitsorganisation ILO bestätigte erst kürzlich die Angabe, dass in Entwicklungsländern im Schnitt 40 bis 50 Prozent der touristischen Einkünfte wieder das Land verlassen (sog. Leakages). Allgemein gilt: Je höher der Entwicklungsstand, desto geringer sind die Abflussraten.

In vielen Ländern ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Doch auch wenn in vielen Einzelfällen lokale Tourismusprojekte oder gemeindebasierte touristische Aktivitäten ergänzende Einkommensmöglichkeiten schaffen, profitieren die Entwicklungsländer insgesamt nur marginal von der touristischen Dynamik.

Nach wie vor verdienen die klassischen Industrieländer und die dort beheimateten Konzerne am meisten am Tourismus. Vielen kleineren gemeindebasierten Tourismusprojekten fehlt es hingegen an Marktzugängen und stabilen, kalkulierbaren Gästezahlen.

Auch zeigen die aktuellen Entwicklungen in den stark auf Tourismus ausgerichteten Ländern Nordafrikas, wie sehr die herrschenden Eliten und Militärs in den Tourismus eingebunden sind und von diesem profitieren beziehungsweise profitiert haben.

Deutlich ist: Einnahmen aus dem Tourismus können bestehende soziale und politische Probleme sogar noch verschärfen, Wirtschaftseliten stützen und korrupte Regierungen stärken, statt Einkommensmöglichkeiten, Zukunftsperspektiven und soziale Sicherheit für die Bevölkerung zu schaffen.

Hat Tourismus das Potenzial und wenn ja, wie und unter welchen Bedingungen kann Tourismus einen Beitrag für eine zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung leisten? Mit dieser Herausforderung sehen sich Tourismuswissenschaft, Entwicklungsexperten und Tourismusmacher gleichermaßen konfrontiert.

Die Antwort ist ein "Ja, aber". Tourismus kann wirtschaftlichen Aufschwung bedeuten und interkulturelles Lernen fördern, weltbürgerliches Bewusstsein stärken und Reisende zu global verantwortlichem Handeln anregen. Ebenso deutlich ist aber auch, dass Tourismus Regeln braucht, besonders um die Schwachen vor der Dominanz wirtschaftlicher Interessen zu schützen und sie an Entscheidungen und Erträgen teilhaben zu lassen. Gerade dieser Regulierung hat sich die Reiseindustrie bis heute weitgehend entzogen.

Ich reise, also bin ich

Es geht jedoch nicht nur um ökonomische Fragen. Gibt es auch einen immateriellen Nutzen für die "Bereisten"? Kann es im Tourismus Begegnungen auf Augenhöhe geben und ist gegenseitiges Lernen in Anbetracht von Wohlstandsgefälle und extrem unterschiedlichen Lebensbedingungen überhaupt möglich?

Goethes "Italienische Reise" gilt bis heute für viele als das Modell überhaupt fürs Lernen auf Reisen. Doch hatte er weder gleichberechtigte Begegnungen noch gemeinsames Lernen im Sinn. Es ging um die Kunst des Reisens an sich, um persönliche Erfahrung und individuelle Bereicherung.

Reisen in außereuropäische Gebiete waren bis ins 19. Jahrhundert Teil des kolonialen Expansionsdrangs. Fremde Lebenswelten wurden dabei als primitiv und barbarisch definiert. Dass Reisen und Lernen dennoch etwas miteinander zu tun haben, drückt sich in unserer Sprache aus: Menschen, die Ahnung von etwas oder sich länger mit einem Sachverhalt befasst haben, bezeichnen wir als "bewandert" oder "erfahren".

Reisen war und ist stets mit sozialen Erwartungen und gesellschaftlichem Status verbunden. Dabei klaffen allerdings die Erwartungen der Reisenden, der Menschen an den Zielorten und derjenigen, die touristische Produkte entwickeln und vermarkten, oftmals weit auseinander: Während Reisende authentische Erlebnisse und Erfahrungen suchen, bieten die Tourismusmacher häufig lediglich Fassaden und Pseudo-Events.

Auch wenn kaum jemand TouristIn sein möchte, man selbst gern Individualität, Abenteuer und eine persönliche Note betont und die Touristen eigentlich immer die anderen sind, so hat sich doch die Pauschalreise – genormt oder aus Modulen scheinbar individuell zusammengestellt – als bleibende Größe im Massentourismus etabliert.

Rund die Hälfte der deutschen AuslandsurlauberInnen reist pauschal und gern auch "All Inclusive". Beispiele aus Kenia, der Dominikanischen Republik und anderen "Urlaubsparadiesen" zeigen, dass Pauschaltourismus keineswegs ein Allheilmittel für arme und strukturschwache Regionen ist.

Damit Tourismus ökologisch und soziokulturell vertretbar ist, müssen die Menschen im jeweiligen Land angemessen profitieren und ihre Arbeits- und Dienstleistungen fair vergütet werden. Dabei spielt die Einbeziehung regionaler Ressourcen eine wichtige Rolle.

Verantwortung im Tourismus

Eine an den Interessen der Menschen ausgerichtete Tourismusentwicklung fordert von allen Beteiligten – von Unternehmen, Agenturen, Hotels und Reisenden – eine an den grundlegenden Menschenrechten ausgerichtete Haltung, die da lautet: "Richte keinen Schaden an", oder wie es im Fachjargon der Friedens- und Menschenrechtsarbeit heißt: "Do no harm".

Tourismus dürfte allerdings der von staatlicher Seite bisher unregulierteste Wirtschaftssektor überhaupt sein. Mangels wirksamer gesetzlicher Spielregeln hat das Thema Unternehmensverantwortung unter dem Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) mittlerweile auch Eingang in touristische Unternehmen gefunden.

CSR hat die Nische verlassen und ist im touristischen Mainstream angekommen. Es steht für unterschiedlichste Maßnahmen von Reiseunternehmen, die das Ziel verfolgen, den Tourismus nachhaltig und zukunftsfähig zu gestalten. Einig scheinen sich die Tourismusunternehmen mittlerweile darin, dass CSR ein freiwilliges Instrument ist, das über die Einhaltung rechtlicher Rahmenbedingungen hinausweist.

Rolle und Macht der Reisenden

Tourismus ist weitgehend "people business" und damit nicht nur eine Angelegenheit von Unternehmen und Staaten. Machen wir uns nichts vor: Unser aller Reiseverhalten ist ebenso wie unsere Wirtschaftsweise und unser Werte- und Konsummodell in der jetzigen Form weder nachhaltig noch zukunftsfähig. Die Frage "Wie wollen wir zukünftig leben?" stellen sich in Anbetracht vielschichtiger Krisenszenarien mittlerweile viele Menschen, die den eigenen Lebensstil – inklusive ihres Reiseverhaltens – hinterfragen.

Für Reiseunternehmen müssen sich CSR-Maßnahmen auch durch die Nachfrage der Kunden bezahlt machen. Die Verantwortung von Unternehmen ist laut einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung einem Drittel der reiseaktiven Haushalte in Deutschland wichtig.

So viele sind bereit, durchschnittlich etwa acht Prozent mehr für eine entsprechende Reise zu zahlen. Wenn also Reisende bereit sind, soziale und ökologische Anstrengungen zu honorieren, ist damit unmittelbarer Einfluss auf die Reisewirtschaft möglich.

Wer eine Flugreise plant, wird als verantwortlich Reisender die Kompensation seiner Flugemissionen mit einplanen. Und er wird den Reiseveranstalter sorgfältig auswählen: zum Beispiel danach, ob der Veranstalter sein Engagement im Rahmen des Deutschen Reiseverbandes (DRV) zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung im Tourismus nachweist und den entsprechenden Verhaltenskodex umsetzt.

Verantwortliche Reiseplanung und -entscheidung sind vor allem eine Frage der Einstellung – auch bei knappem Reisebudget. Urlaub und Reisen dürfen nicht als "Dauer-Schnäppchen" zur billigen Konsumware und zum Massenprodukt vom Ramschtisch verkommen.

Sicher spielt der Preis eine Rolle, dahinter steht aber auch ein ideeller Wert. Ob eine Reise als wertvolles Erlebnis begriffen wird, welches sorgfältige Einstimmung und Vorbereitung braucht, damit alle Beteiligten möglichst großen Nutzen davon haben, entscheiden ganz erheblich die Reisenden selbst.

Es geht auf Seiten der Reisenden im umfassenden Sinn um "Fair Reisen mit Herz und Verstand". Trotz aller Einschränkungen, Bedenken und notwendiger Kritik gilt auch in Zukunft: Reisen in ferne Länder kann bilden, den Horizont erweitern, weltbürgerliches Bewusstsein prägen und ein unvergessliches Erlebnis sein.

Auf der anderen Seite werden Umweltprobleme und soziale Spannungen im Tourismus größer. "Augen zu und durch" ist keine Alternative.
In der Rücksichtnahme auf Natur, Umwelt und Soziales liegt die Zukunftschance für den Tourismus. Sie bedeutet nicht zwangsläufig Komfortverzicht, Verbote und Einschränkungen. Im Gegenteil: Gerade durch behutsamen Umgang mit der Umwelt und Respekt gegenüber den bereisten Ländern und Menschen gewinnt eine Reise nachhaltig an Qualität.

Seltener fliegen, länger vor Ort bleiben, gut vorbereitet reisen, verantwortliche Reiseentscheidungen treffen, Transparenz vom Reiseveranstalter hinsichtlich der ökologischen und sozialen Hintergründe des gewählten "Reiseprodukts" fordern, faire Preise zahlen und den Menschen auf Augenhöhe begegnen sind Schritte hin zu einem fairen und zukunftsfähigen Tourismus.

Heinz Fuchs leitet die Arbeitsstelle Tourism Watch des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED).

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