Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

INKOTA-Dossier 9 - Juni 2011

Tourismus - Begegnungen der anderen Art

"Nicht tot, bitte!"

Marion Kreissl

Kindersextourismus ist ein globalisiertes Verbrechen, seine Bekämpfung umso schwieriger

Die "Ware" Kind floriert: Die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist zu einem gigantischen Wirtschaftszweig geworden, der vom wachsenden Tourismus profitiert und juristisch nur schwer zu verfolgen ist. Daher muss die Tourismusindustrie dringend Maßnahmen ergreifen, um Kinder besser zu schützen. Dabei können ihnen auch ehemalige Betroffene helfen, die dafür kämpfen, dass ihr Schicksal der nächsten Generation erspart bleibt.

"Eine Frau versprach mir, es gäbe in Mombasa viele Jobs für Mädchen – ich müsste nur mitkommen. Um welche Art von Job es ging, wusste ich nicht", erzählt Betty mit einer Mischung aus Trauer und Wut in der Stimme. Seit einem Jahr wird die 15-jährige Kenianerin zur Prostitution gezwungen.

Geschichten wie ihre gibt es millionenfach: Jedes Jahr, so schätzt das UN-Kinderhilfswerk UNICEF, werden rund 1,5 Millionen Minderjährige sexuell ausgebeutet. Doch die Fallzahlen aus den einzelnen Ländern lassen ahnen, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist.

Kinderhandel, Kindersextourismus und Kinderpornografie greifen oft ineinander. Wie Betty werden Kinder aus entlegenen Gebieten oft in Touristengebiete gehandelt. Dort sind die Profite höher und die Opfer – weit entfernt von ihrem eigenen sozialen Umfeld – verletzbarer.

Videos oder Fotos von der Ausbeutung bringen weitere Einnahmen. Denn allein darum geht es: Profit. "Was kann ich mit dem Kind machen für mein Geld?" fragte ein verdeckter Reporter einmal eine Zuhälterin auf dem Straßenstrich an der deutsch-tschechischen Grenze. "Alles", antwortete sie. "Nur nicht tot, bitte." Das würde die "Ware" unbrauchbar machen.

Der weltweite Jahresumsatz mit Kinderpornografie und Kinderprostitution lag laut UNICEF schon 2003 bei rund 250 Milliarden Euro. Seitdem haben sich die Möglichkeiten des Internets und die Mobilität der Reisenden noch vergrößert.

Sexuelle Ausbeutung von Kindern gäbe es auch ohne den Tourismus, doch er bietet Strukturen, die das Geschäft begünstigen: Viele meist zahlungskräftige Menschen kommen an einem Ort zusammen, an dem sie Erholung und Spaß suchen. Außerhalb ihrer gewohnten Umgebung legen sie auch ihre Scham ab.

Eine besondere Klientel sind Geschäftsreisende, denn sie sind oft alleine unterwegs und fühlen sich in Städten ohne bekannte Gesichter sicher. Allein auf den Philippinen sollen zwischen 50.000 und 100.000 Kinder in der Prostitution arbeiten; ähnlich viele in Thailand und Kambodscha.

Doch die Ausbeutung ist keineswegs auf Südostasien beschränkt: Auch in Lateinamerika, Afrika, an der Schwarzmeerküste und an der deutsch-tschechischen Grenze werden tausende Kinder sexuell ausgebeutet. Betroffen sind sowohl Mädchen als auch Jungen – wobei deren Ausbeutung oft nicht als solche wahrgenommen wird: "Was ist so schlimm daran, wenn mein Junge mit einem weißen Mann schläft?" fragte einmal eine Mutter in Sri Lanka. "Davon kann er doch nicht schwanger werden."

Die Täter: nicht nur pädosexuelle Touristen

Wie sieht er aus, so ein Kindersextourist? Dickbäuchig, weiß, pädosexuell, im "besten Alter"? Unser Bild ist erschreckend einseitig; längst kommen weite Bevölkerungsschichten als Kunden – und Kundinnen – in Frage.

In einer Bar in Gambia sitzt eine 55-jährige Britin händchenhaltend mit einem deutlich minderjährigen Jungen. Sie berühren einander eindeutig sexuell. Auf die Strafbarkeit sexueller Beziehungen mit Minderjährigen angesprochen, reagiert die Frau verblüffend dreist: Die Initiative sei von dem Jungen ausgegangen, somit wolle er es doch auch. Nur eine gute Hotelpolitik verhinderte, dass die Frau den Jungen mit auf ihr Zimmer nahm.

Die Täter haben viele Gesichter: Immer mehr Frauen sind darunter, und neben den TouristInnen ist die Zahl der lokalen und regionalen TäterInnen nicht zu unterschätzen. Ebenso wenig sind alle TäterInnen pädosexuell; viele entscheiden "aus der Situation heraus" mal "etwas Neues" auszuprobieren – wenn es sich schon anbietet...

Transnationale kriminelle Netzwerke und lokale Strukturen – von Taxifahrern zu Clubbesitzern – setzen gleichermaßen auf die "Ware" Kind. Die Ausbeutung ist ein Wirtschaftszweig, der nach den klassischen Regeln von Angebot und Nachfrage funktioniert. So preist ein Zuhälter in Kambodscha eifrig und mit lauter Stimme seine Angebotspalette an: "Sie wollen ein Mädchen von acht Jahren, neun, zehn, elf, zwölf? Ich kann alle besorgen!"

Die Strafverfolgung der TäterInnen stellt die Justiz vor große Herausforderungen. Dank extraterritorialer Gesetze kann man TäterInnen in vielen Ländern für im Ausland begangene Verbrechen verurteilen; auch in Deutschland ist das möglich. Theoretisch.

Doch die sexuelle Ausbeutung von Kindern geschieht meist in einem internationalen Kontext; zuständig sind Strafverfolgungsbehörden verschiedener Länder mit unterschiedlichen Standards. Und um die strafrechtliche Verfolgung überhaupt erst aufzunehmen, bedarf es einer koordinierten Zusammenarbeit von staatlichen Stellen, Migrationsbehörden, nicht-staatlichen Organisationen, Opfern und Zeugen aus verschiedenen Ländern.

Diesem Hürdenlauf hält nur stand, wer genug Betroffenheit, Geduld und Erfahrung mitbringt. Britische und australische Zeugen, die im Fall eines Österreichers aussagen wollten, der in Indien kleine Jungen missbraucht hatte, mussten erst fünf Stellen kontaktieren, ehe der Fall ins Rollen kam.

Sie hielten durch. Außerdem sicherte ein Verbindungsbeamter des österreichischen Bundeskriminalamtes vor Ort Beweise – nur so konnte es tatsächlich zu einer Verurteilung in Österreich kommen.

Doch eine solche Verkettung glücklicher Umstände ist eher selten. Um es Reisenden leichter zu machen, Verdachtsmomente oder Hinweise zu melden, wurden in den vergangenen Jahren in vielen europäischen Ländern Meldestellen eingerichtet (die deutsche Stelle ist unter stopp-missbrauch@bka.de zu erreichen).

Für die Strafverfolgungsbehörden sind solche Hinweise wichtige Anhaltspunkte, denn die Festnahme und Verurteilung eines Täters schafft nicht nur Gerechtigkeit für Betroffene, sondern verhindert auch weitere Opfer.

Der Kinderschutzkodex: eine Chance

TäterInnen benutzen die touristische Infrastruktur, um Kinder sexuell auszubeuten – daher kommt der Tourismusindustrie bei der Bekämpfung von Kindersextourismus eine Schlüsselrolle zu.

Immerhin 947 Reiseunternehmen, Touristikverbände und Hotelketten in 37 Ländern haben bislang den "Verhaltenskodex zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung im Tourismus", kurz Kinderschutzkodex, unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, umfassende Maßnahmen zum Kinderschutz zu ergreifen.

Zum einen geht es darum Beschäftigte, Reisende und Geschäftspartner im In- und Ausland aufzuklären und zu sensibilisieren; zum anderen müssen sie Kinderschutzklauseln in Zuliefererverträge und Unternehmenspolitik aufnehmen und jährlich Berichte über ihre Aktivitäten vorlegen.

Auch die VerbraucherInnen wünschen sich solche Maßnahmen immer stärker, wie die Reiseanalyse 2010 gezeigt hat: Demnach ist den KonsumentInnen der Schutz von Kindern am allerwichtigsten und rangiert damit noch vor Themen wie Umweltschutz, fairen Löhnen und Gesundheitsschutz.

Dennoch konzentriert sich die Tourismuswirtschaft großteils auf ökologische Themen; Maßnahmen zum Kinderschutz sind oft temporär und auf einzelne Aspekte beschränkt.

Zusätzlich lassen die Unternehmen ihre Maßnahmen nicht immer extern kontrollieren, zumal eine solche Kontrolle sehr teuer ist. Diese Makel treffen teilweise auch auf die Unterzeichner des Kinderschutzkodexes zu.

Strukturen wie Mitgliedsbeiträge, regionale Geschäftsstellen und Evaluierungsmaßnahmen sollen die Qualität des Kinderschutzkodexes in Zukunft verbessern. Denn um die sexuelle Ausbeutung von Kindern wirksam zu bekämpfen, müssen alle beteiligten Akteure kontinuierlich und intensiv zusammenarbeiten.

Gezeichnet fürs Leben

Kinderschutz, sowohl präventiv als auch aktiv, ist enorm wichtig, um Kindern wie Betty schlimme Folgen zu ersparen. Denn die sexuelle Ausbeutung kann sich ein Leben lang bemerkbar machen.

Unmittelbarer sichtbar sind körperliche Schäden, von ungewollten Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten und HIV/AIDS bis zu Alkohol- und Drogenmissbrauch. Doch viele Betroffene haben mit Depressionen oder der Ablehnung des eigenen Körpers zu kämpfen. Zudem werden viele in ihrer lokalen Gesellschaft stigmatisiert: Einige dürfen nicht mehr heiraten, andere werden sozial völlig ausgeschlossen.

Betty wünscht sich nichts mehr, als wieder ein "normales" Leben zu führen, irgendwann einmal zu heiraten und Kinder zu bekommen. Pia ist schon auf dem besten Weg zurück ins Leben: Die junge Filipina fand Mitte der 1990er Jahre Hilfe bei der Organisation PREDA, die ausgebeutete Kinder aufnimmt und sie bei der Rehabilitierung und Heilung unterstützt.

Nach über drei Jahren regelmäßiger Therapiesitzungen hilft Pia mittlerweile selbst betroffenen Kindern. Eine solche gegenseitige Hilfe ist besonders wertvoll, da beide Seiten davon profitieren. Auch wenn manche Narben bleiben, ist eine erfolgreiche Rehabilitierung mit der Unterstützung verschiedener Akteure machbar.

Pia denkt schon einen Schritt weiter: "Wenn ich groß bin möchte ich als Polizistin arbeiten. Dann kann ich andere Kinder beschützen."

Die "Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung" ECPAT bietet einen kostenlosen E-Learning-Kurs an, mit dem Tourismusunternehmen ihre Mitarbeiter zur Bekämpfung von Kindersextourismus schulen können: www.childprotection-tourism.org.

Marion Kreissl ist seit 2007 Projektkoordinatorin, Referentin und Trainerin im ECPAT-Netzwerk. ECPAT engagiert sich im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern und setzt dabei auf eine stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Weitere Informationen zu ECPAT gibt es unter www.ecpat.de.

Weitere Artikel aus dem Heft

Editorial

Heinz Fuchs: Unterwegs mit Herz und Verstand. "Fair handeln" ist auch im Tourismus möglich

Interview José Gualinga: Voneinander lernen, füreinander streiten. Die BewohnerInnen von Sarayaku laden Touristen zu sich in den Regenwald ein – und sichern so ihr Überleben

nach Oben