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Südlink 158 - Dezember 2011

Ernährung global - Unsere Welt zwischen Hunger und Überfluss

Warum so viele Menschen hungern

Um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, sind grundlegende Änderungen in der Agrarpolitik notwendig

von Christine Chemnitz

Während in Deutschland immer mehr Menschen mit den gesundheitlichen Folgen von Übergewicht kämpfen, nimmt weltweit der Hunger zu. Dass heute fast ein Sechstel der Weltbevölkerung Hunger leidet, liegt jedoch nicht daran, dass es nicht genügend Nahrung gibt. Ein großer Teil der Menschen auf der Welt kann es sich schlichtweg nicht leisten, ausreichend Nahrungsmittel zu kaufen. Armut und Hunger sind also eng miteinander verknüpft. Dabei sind Alternativen durchaus möglich.

Mehr als eine Milliarde Menschen leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze von einem US-Dollar am Tag. Die Zahl der Hungernden wurde im letzten Jahr von der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen der FAO auf die fast identische Zahl von etwa 900 Millionen Menschen geschätzt.

Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen leben heute etwa 75 Prozent der Hungernden auf dem Land. Etwa die Hälfte dieser Menschen lebt in kleinbäuerlichen Familien. Weitere 22 Prozent der Hungernden sind LandarbeiterInnen, acht Prozent Nomaden, von der Fischerei oder der Nutzung von Wäldern abhängig. Mehr als 60 Prozent der chronisch hungernden Menschen sind Frauen.

Wie es wurde was es ist

Wieso hungern vor allem Menschen, die aus dem bäuerlichen Umfeld kommen? Eigentlich müssten sich Menschen auf dem Land doch leichter selbst ernähren können. Zahlreiche Gründe verhindern dies jedoch: die zu bewirtschaftenden Flächen sind zu klein, der Boden ist übernutzt, es fehlt an den nötigen Produktionsmitteln, an Infrastruktur, an guten Lagermöglichkeiten, an landwirtschaftlicher Beratung und an angepasster Forschung. Daher sind gerade Kleinbauern auf dem Land Nettonahrungsmittelkonsumenten.

Viele der genannten Punkte könnten geändert werden. Dazu braucht es aber einen politischen Rahmen, politische Visionen für eine nachhaltige Entwicklung und den Willen zu investieren. Obwohl noch heute die meisten Menschen in Entwicklungsländern in der Landwirtschaft beschäftigt sind, haben sowohl die Regierungen der Entwicklungsländer als auch die internationalen Geber in den letzten zwanzig Jahren kaum in den Agrarsektor investiert – es lohnte sich schlichtweg nicht.

Abgesehen von einer kurzen „Hochpreisphase“ in den 1970er Jahren sanken die realen Preise für Agrarprodukte seit den 1950er Jahren konstant. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass viele Industrieländer seit den 50er Jahren die eigene Landwirtschaft mit riesigen Summen subventioniert haben. Die Subventionen waren an die Produktionsmenge gekoppelt und setzten damit den Anreiz, einen möglichst hohen Ertrag pro Hektar zu erwirtschaften. Die Folge war eine starke Überproduktion, die mit weiteren Subventionen versehen exportiert wurde – mit dem Resultat von weltweit sinkenden Preisen für Agrargüter.

Die nationale landwirtschaftliche Produktion in vielen Entwicklungsländern konnte mit den subventionierten Importen nicht konkurrieren. Vor allem weil die agrarpolitische Ausrichtung im globalen Süden quasi konträr zu der der Industrieländer stand: Die Landwirtschaft wurde nicht subventioniert, sondern oft sogar besteuert. Die jeweiligen Regierungen investierten kaum Geld in Forschung, Infrastruktur, Beratung oder auch Vermarktungssysteme. Die heimischen Produkte wurden von den billigeren importierten Produkten vom Markt verdrängt und vielen Bauern wurde die Existenzgrundlage genommen.

Die niedrigen Weltmarktpreise in Kombination mit fehlenden Visionen für eine nachhaltige Agrarentwicklung im Süden bildeten in der Vergangenheit die Basis für die Ernährungsstrategie der Regierungen vieler Entwicklungsländer: Nahrungsmittel wurden möglichst günstig importiert und den KonsumentInnen im eigenen Land zur Verfügung gestellt.

Dass dieses Konzept weder heute noch in der Vergangenheit aufgegangen ist, zeigt die Zahl der weltweit Hungernden, die seit Jahrzehnten nicht unter 800 Millionen gesunken ist. Auch die sehr niedrigen Agrarpreise der 90er Jahre konnten an dieser traurigen Situation nichts ändern. Im Gegenteil: Die Agrarsektoren im Süden wurden immer mehr geschwächt. Unzählige Betriebe wurden aufgegeben und damit verschwanden die Einkommensmöglichkeiten für die ländliche Bevölkerung. Mit dem Verlust des Einkommens und dem Verlust des eigenen Landes geht häufig der Hunger einher – trotz der stark angestiegenen Produktion und den konstant sinkenden Agrarpreisen konnten sich die Menschen keine Nahrungsmittel leisten.

Die großen Trends im Agrarsektor und ihre Folgen

Die Gründe für die Trendwende im Agrarsektor sind vielfältig und sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite zu finden: Die wachsende Weltbevölkerung fragt immer mehr Nahrungsmittel nach. Zudem steigt das Einkommen bei Teilen der Weltbevölkerung und damit ändern sich ihre Konsumgewohnheiten: die Menschen essen mehr Fleisch und andere tierische Produkte.

Mit der wachsenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt auch die Nachfrage nach Futtermitteln für die Fleischproduktion. Schon heute wird fast die Hälfte des weltweit produzierten Getreides für die Tierfütterung genutzt, Tendenz steigend. Allein das von Europa als Futtermittel importierte Soja belegt in den Ländern des globalen Südens eine Fläche von mehr als 36 Millionen Hektar. Doch auch zur Produktion von Bioenergie, in der Papierindustrie oder in der Chemie werden steigende Mengen Getreide verwendet.

Aber nicht nur die Nachfrage verändert sich weltweit, sondern auch die Angebotsseite. Unter anderem aufgrund des Klimawandels rechnet die Weltbank bis 2080 weltweit mit einem Produktivitätsrückgang von bis zu 16 Prozent; betrachtet man ausschließlich die Entwicklungsländer, liegt er sogar bei bis zu 21 Prozent. Besonders betroffen sein werden voraussichtlich Subsahara-Afrika und Asien, die Weltregionen, wo schon heute der Großteil der Hungernden lebt.

Gleichzeitig geht das Produktionswachstum in der Landwirtschaft zurück. Zwischen 1963 und 2007 hat sich die landwirtschaftliche Produktion um mehr als 150 Prozent gesteigert. In den kommenden Jahren wird die landwirtschaftliche Produktion in einigen Teilen der Welt zurückgehen und in anderen weniger stark ansteigen als bislang. Damit ist zu erwarten, dass die weltweiten Preise für Nahrungsmittel langfristig immer weiter steigen werden.

Während eine durchschnittliche Familie in Deutschland lediglich 14 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgibt, liegt dieser Anteil bei armen Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern bei bis zu 80 Prozent. Daher hat die Preisentwicklung der Jahre 2007/08, als die Preise für verschiedenste Grundnahrungsmittel in kürzester Zeit um mehr als 100 Prozent anstiegen, dazu geführt, dass heute mehr als 150 Millionen Menschen zusätzlich von Hunger betroffen sind. Egal ob sie auf dem Land oder in der Stadt leben: Für all jene, die mehr Nahrungsmittel kaufen als sie verkaufen (oder produzieren), wirken sich die kurzfristig hohen Preise fatal auf ihre Lebenssituation aus.

Höhere Preise sind auch eine Chance

Und dennoch – höhere und vor allem faire Preise für Bauern eröffnen eine Chance für wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Räumen vieler Entwicklungsländer. Sie legen den Grundstein für neue Investitionen und Visionen. Bessere Produzentenpreise und mehr Arbeitsplätze im ländlichen Raum könnten neue wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten vorantreiben.

Betrachtet man die heutigen Entwicklungen im Agrarsektor ist genau das Gegenteil der Fall: Der größte Teil der heutigen Investitionen bringt eine nachhaltige ländliche Entwicklung nicht nur nicht voran, er verhindert sie schlicht: Im Kampf um die knapper werdenden landwirtschaftlichen Produktionsressourcen sitzen die kleinbäuerlichen ProduzentInnen meist am kürzeren Hebel. Allein seit 2001 sind knapp 230 Millionen Hektar Agrarland verpachtet oder verkauft worden. Mit der Folge, dass die dort wirtschaftenden Bauern und Bäuerinnen von Ihrem Land vertrieben werden.

Um diese fatalen Folgen falscher Investitionen zu verhindern, bedarf es klarer politischer Rahmenbedingungen. Die Regierungen des Südens müssen politische Strukturen schaffen, die es den ProduzentInnen ermöglichen von den höheren Preisen zu profitieren. Eine gerechtere ländliche Entwicklung hängt unter anderem von der sicheren Gewährung von Landrechten, dem Zugang zu Wasser, funktionierenden ländlichen Beratungssystemen und der Forschung in lokal angepasste und nachhaltige Produktionstechniken ab. So bekämen mehr Menschen auf dem Land ein faires Einkommen, und die Abwanderung in die Städte würde sinken.

Wie könnten neue Wege und nachhaltige Lösungen in der Landwirtschaft aussehen? Welche Ideen und Vorschläge gibt es, um die weltweite Ernährungssituation zu verbessern, und wie nachhaltig sind sie?

Sowohl die Regierungen aber auch die Zivilgesellschaft und die Wissenschaft , im Bereich Ernährungssicherung und Landwirtschaft, sind sich in vier grundlegenden Punkten einig: Erstens bedarf es mehr Investitionen in die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern, sowohl von staatlicher Seite als auch von Seiten der internationalen Geber; zweitens müssen Hunger und Armut direkt angegangen werden, ihre Bekämpfung ist kein Nebenprodukt einer allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung; drittens spielen kleinbäuerliche ProduzentInnen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Hunger und Armut; und viertens werden Hunger und Armut nur dann nachhaltig bekämpft, wenn die Herausforderungen des Klimawandels als integraler Bestandteil einer landwirtschaftlichen Entwicklungsstrategie mitgedacht werden.

Auch wenn es in diesen Punkten einen weitreichenden Konsens der unterschiedlichen Akteure gibt, so gehen die Meinungen bei der Umsetzung weit auseinander. Dahinter stehen grundlegend verschiedene agrarpolitische Ideen und Weltbilder.

Grüne Revolution oder angepasste Landwirtschaft

Unter dem gemeinsamen Dach der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) kämpfen die Rockefeller- und die Gates-Stiftung gemeinsam mit der FAO und einigen internationalen Unternehmen für eine „neue Grüne Revolution in Afrika“. Dahinter verbirgt sich die Idee eines weitreichenden Technologietransfers, der die Bereitstellung von gentechnisch verändertem Saatgut und Düngemitteln beinhaltet.

Vieles von dem, was heute als „neue Grüne Revolution“ kommuniziert wird, entspricht aber in den Grundstrukturen der „alten Grünen Revolution“, die schon in den 1970er Jahren in Afrika kaum zu Ertragssteigerungen beigetragen hat. Wie damals ist das Herz der neuen Grünen Revolution der Technologietransfer, und ihr Ziel ist klassisch: Produktionssteigerung. Die Agrarforschung konzentriert sich jedoch schon seit Jahrzehnten auf das Ziel der Produktionssteigerung – ohne signifikante Erfolge in der Bekämpfung von Hunger und Armut zu erzielen.

Gerade die Landwirtschaft in Afrika ist ein Mosaik aus unterschiedlichen Ökosystemen, Produktions- und Lebensweisen, die in jeweils sehr unterschiedliche politische, institutionelle und infrastrukturelle Rahmenbedingungen eingebettet sind. Lösungen, die weder die lokalen Bedürfnisse noch die lokalen Fähigkeiten der ProduzentInnen ausreichend berücksichtigen, haben damals nicht funktioniert und werden es heute auch nicht tun.

Aber es werden auch alternative Strategien zur „neuen Grünen Revolution“ entwickelt. So hat der 2008 veröffentlichte Weltagrarbericht des IAASTD (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development) in einem vierjährigen internationalen Dialogprozess mehr als 400 WissenschaftlerInnen und VertreterInnen von Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammengebracht, um gemeinsam neue Konzepte für eine nachhaltige Landwirtschaft zu entwickeln. Der Bericht vereinigt Stimmen verschiedener kultureller und professioneller Hintergründe, und es ist beeindruckend, wie anders die Konzepte einer zukunftsfähigen Landwirtschaft aussehen, wenn ein Prozess diese vielfältigen Stimmen ersnt nimmt.

Der Weltagrarbericht unterstreicht die multifunktionelle Bedeutung der Landwirtschaft, in der sie nicht nur als Produzent von Lebensmitteln betrachtet wird, sondern auch in ihrer Rolle als Lebensgrundlage für die ländliche Bevölkerung und für den Erhalt von Ökosystemen und Ressourcen. Er fordert, traditionelles Wissen sowie ökologische und soziale Fragen stärker in die Agrarforschung einzubeziehen und sieht im Gegensatz zu AGRA die Forschung im Spitzentechnologiebereich, wie im Bereich der grünen Gentechnik nicht als ein adäquates Mittel für eine nachhaltige ländliche Entwicklung. Der Bericht des IAASTD entwirft ein umfassendes Konzept einer ökologisch und sozial nachhaltigen Landwirtschaft. Er hat den Mut, der Komplexität des Problems mit vielschichtigen Antworten zu begegnen.

Um Hunger nachhaltig zu bekämpfen, muss die ökonomische Situation der Hungernden verbessert werden. Ganz konkret heißt das in vielen Entwicklungsländern die Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Dafür müssen Ernährungssicherheit und Klimaschutz intelligent miteinander verknüpft werden. Lokal angepasste integrierte Produktionsweisen, bessere Lagermöglichkeiten, um die Verluste zu verringern, vielfältige Sortenwahl und ProduzentInnen, die die eigene Produktion mit ihren jeweiligen Eigenheiten und Unwägbarkeiten kennen und damit umgehen können, kleine Wirtschaftseinheiten, die in lokale Kreisläufe eingebunden sind. Eine Landwirtschaft also, die das Potenzial hat, Armut zu mindern und die ländliche Ernährung zu sichern – ohne dabei massiv zum Klimawandel beizutragen.

Um diese Art der Produktion zu fördern, muss die kleinbäuerliche Produktion mit all ihren Schwierigkeiten aber eben auch ihren Entwicklungsmöglichkeiten ernst genommen werden. Weitreichende Investitionsprogramme in Bildung, Beratung, Infrastruktur, Ernte und Lagertechnik müssten gestartet werden. Es muss regionale Antworten geben und keine globalen. Kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern – mit mehr als subventioniertem Düngemittel – ist ein langfristiger Weg, der ohne die ganz schnellen Lösungen auskommen muss. Damit ist er für viele Regierungen eher unattraktiv.

Um eine gerechte und nachhaltige Landwirtschaft zu erreichen, müssen die Industrieländer ihre Agrarpolitik grundlegend überdenken. Eine landwirtschaftliche Produktion, die so stark auf fossilen Energieträgern und auf der Zulieferung günstiger Agrarrohstoffe basiert und deren grundsätzliches Entwicklungskonzept auf dem globalen Handel von Agrargütern beruht – und damit auf klimaschädlichen Produktions- und Transportsystemen – ist kein zukunftsfähiges Modell. Die Landwirtschaft der Zukunft sollte das Menschenrecht auf Nahrung stärken, einen Beitrag zur Armutsreduzierung und zur wirtschaftlichen Entwicklung im ländlichen Raum leisten, Ressourcen nachhaltig nutzen und die Ressourcenqualität verbessern. Sie sollte zum Klimaschutz und dem Erhalt der biologischen Vielfalt beitragen und lebenswerte ländliche Räume mit guten Einkommens- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Landwirte und Beschäftigte bei hohem Arbeits- und Gesundheitsschutz schaffen.

Um einen wirklichen Kampf gegen Hunger und Armut weltweit zu führen, bedarf es einer grundlegenden Trendwende in der Landwirtschaft und ein Umdenken in allen Institutionen und Gesellschaften.

Christine Chemnitz ist Referentin für Internationale Agrarpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung.

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