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Südlink 158 - Dezember 2011

Ernährung global - Unsere Welt zwischen Hunger und Überfluss

Biokerosin bedroht Kleinbauern

Lufthansa fliegt auf der Strecke Hamburg-Frankfurt mit Biokerosin. Der Rohstoff dafür stammt unter anderem aus Mosambik.

von Evelyn Bahn

Fliegen soll klimafreundlicher werden. Um dieses Ziel zu erreichen, erproben erste Fluggesellschaften die Nutzung von Kerosin aus nachwachsenden Rohstoffen, die teilweise aus Entwicklungsländern importiert werden. Bauernorganisationen sehen darin jedoch eine Gefahr für die Ernährungssicherheit – zu Recht, wie das Beispiel Jatrophaanbau in Mosambik zeigt.

Kein anderer Verkehrssektor wächst so schnell wie der Flugverkehr. Nach Angaben der International Air Transport Association (IATA) wächst der Flugverkehr derzeit jedes Jahr um fünf Prozent, und bis zum Jahr 2030 wird es nach Schätzungen doppelt so viele Flugzeuge geben wie heute.

Die ökologischen Folgen des Flugverkehrs sind beträchtlich, bereits heute macht der weltweite Flugverkehr einen Anteil von 4,9 Prozent der von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen aus. Seit dem Jahr 1990 stiegen die CO2-Emissionen des Luftverkehrssektors um 87 Prozent. Die Europäische Union bezieht deshalb die Luftfahrtindustrie ab dem Jahr 2012 in den Emissionshandel mit ein. Alle Fluggesellschaften, die in Europa starten oder landen, bekommen eine bestimmte Menge an Verschmutzungsrechten zugeteilt. Fluglinien, die mehr CO2 emittieren, als ihnen erlaubt ist, müssen Zertifikate zukaufen. Die Fluggesellschaften in Europa haben sich selbst das Ziel gesetzt, trotz steigenden Flugverkehrs den jährlichen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 nicht weiter zu steigern. Um dieses Ziel zu erreichen, erproben sie derzeit die Nutzung von Kerosin aus nachwachsenden Rohstoffen.

Lufthansa-Biokerosin aus Mosambik

Am 15. Juli 2011 startete Lufthansa auf der Strecke Hamburg-Frankfurt im regulären Flugbetrieb einen sechsmonatigen Langzeitversuch mit Biokerosin. Im Rahmen des Projektes wird ein Triebwerk zu 50 Prozent mit Biokerosin betankt, das aus Camelina (Leindotter), tierischen Fetten sowie aus der ölhaltigen Nuss Jatropha gewonnen wird. Die Verwendung von Jatropha für die Biokerosinproduktion wird von Konzernen wie Lufthansa damit begründet, dass die Pflanze auch auf marginalen und anspruchlosen Böden wächst und sich zudem nicht als Nahrungsmittel eignet. Das von Lufthansa verwendete Jatropha wird von dem Bioenergieunternehmen Sun Biofuels Mozambique, einem Tochterunternehmen des britischen Unternehmens Sun Biofuels seit 2009 in der Provinz Chimoio in Mosambik auf 2.000 Hektar Ackerland angebaut.

Dabei handelt es sich jedoch um fruchtbaren Boden. So wurde in Presseberichten ein Manager von Sun Biofuels mit der Aussage zitiert: „Die Idee, dass Jatropha auf marginalen Land angebaut werden kann, ist ein Ablenkungsmanöver. Es wächst zwar auf marginalen Land, aber wenn Sie marginales Land nutzen, erhalten Sie auch marginale Ernten.“ In Chimoio hatten Kleinbauern auf dem Land zuvor Nahrungsmittel für den Eigenbedarf angebaut. Im Rahmen von vier Gemeindekonsultationen stimmten die Dorfchefs jedoch der Nutzung des Landes durch Sun Biofuels zu. Im Gegenzug versprach das Unternehmen Arbeitsplätze zu schaffen sowie Schulen, Krankenstationen und Brunnen zu bauen.

Ackerland gegen Arbeitsplätze

1.200 ArbeiterInnen – zumeist SaisonarbeiterInnen – wurden in den vergangenen zwei Jahren auf der Plantage eingestellt. Zudem wurde eine Krankenstation renoviert und begonnen eine Schule zu bauen. Das insbesondere für die Kleinbauern wichtige Versprechen, Brunnen zu bohren, wurde nicht eingehalten. Die Kleinbauernorganisation UNAC warnt zudem davor, dass SaisonarbeiterInnen viel Zeit auf den Plantagen verbringen, was weniger Zeit für die Bearbeitung ihrer eigenen Machambas (Selbstversorgungsparzellen) lässt. Denn wenn die Haupterntezeit vorbei ist, sind die ArbeiterInnen auf die eigenen Parzellen zur Sicherstellung ihrer Ernährung angewiesen.

Dass die Vergabe des Landnutzungsrechts an Sun Biofuels mit großen Risiken verbunden war, wurde im Oktober deutlich, als das britische Mutterunternehmen Sun Biofuels die Insolvenz ankündigte. Den Menschen in Chimoio droht nun der Verlust ihres Arbeitsplatzes, denn es ist unklar, ob und wie die Plantage in Chimoio weiterbewirtschaftet wird. Die Medien berichten, dass es auf Plantagen des Unternehmens im Nachbarland Tansania bereits zu Entlassungen gekommen ist. Die Kleinbauern in Mosambik haben ihr Ackerland teilweise gegen das Versprechen von Arbeitsplätzen hergegeben. Wenn der Betrieb auf der Plantage eingestellt wird, hätten sie beides verloren. Ob die ArbeiterInnen eine Entschädigung erhalten, muss bezweifelt werden.

Das Beispiel Sun Biofuels zeigt, dass das Versprechen, der Jatrophaanbau werde auch der Bevölkerung vor Ort helfen, auf sehr wackeligen Beinen steht. In einem Land, in dem rund 38 Prozent der Bevölkerung von Unterernährung betroffen sind, muss die Vergabe von Landnutzungsrechten an Investoren, die Energiepflanzen für den Export anbauen, generell in Frage gestellt werden. Kleinbauernorganisationen wie UNAC fordern deshalb, dass die Sicherstellung des Menschenrechts auf Nahrung Vorrang vor dem Anbau von Energiepflanzen für den Export haben muss. Mit der Nutzung von Biokerosin nehmen Fluggesellschaften in Kauf, dass dieses Menschenrecht verletzt wird.

Eine interaktive Weltkarte zum Thema Land Grabbing finden Sie hier.

Evelyn Bahn ist Referentin für Welternährung beim INKOTA-netzwerk.

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