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Südlink 158 - Dezember 2011

Ernährung global - Unsere Welt zwischen Hunger und Überfluss

Keine reine Privatsache

Warum der Staat Anreize für einen geringeren Fleischkonsum setzen muss

von Julia Sievers-Langer

Mehr als ein Drittel der weltweiten Getreideproduktion wird als Futtermittel verwendet. Ohne einen geringeren Fleischkonsum kann das weltweite Hungerproblem nicht gelöst werden. Was wir essen, ist daher keine reine Privatsache: Der Staat muss aktiv werden und andere Konsummuster fördern.

Die Deutschen essen zu viel Fleisch: 88 Kilogramm hat jedeR BundesbürgerIn im letzten Jahr durchschnittlich verbraucht. Die negativen Folgen des hohen Fleischkonsums sind unter entwicklungs- und umweltpolitisch Interessierten bekannt: Regenwaldabholzung und Vertreibung von Landlosen und Kleinbauern in Südamerika auf Grund von Sojaplantagen; klimaschädliche Treibhausgase und Schäden für Wasser und Böden durch Pestizide und Kunstdünger, die beim Anbau der Futtermittel eingesetzt werden; Verschwendung von Wasser und Getreide durch die „Nahrungsveredelung“; weltweit eine immer stärkere Nahrungs- und Flächenkonkurrenz und daraus resultierend steigende Nahrungspreise. Die Verschärfung des weltweiten Hungerproblems ist nicht nur, aber auch auf diese Faktoren zurückzuführen. Auch für die Gesundheit der Menschen (und damit für unser Gesundheitssystem) und für die Lebensqualität von Tieren hat unser anhaltend hoher Fleischkonsum negative Konsequenzen. Offenbar funktioniert es nicht, dem Markt und den KonsumentInnen allein die Verantwortung dafür zu überlassen, dass weniger Fleisch gegessen wird.

Schon jetzt wird weniger als die Hälfte der globalen Getreideernte für den unmittelbaren Nahrungskonsum verwendet, mehr als ein Drittel wird als Tierfutter genutzt. Würde in allen Ländern der Welt so viel Fleisch gegessen wie in Deutschland, reichte die gesamte Weltgetreideernte nicht aus, um alle Tiere zu füttern. Und tatsächlich steigt der Fleischkonsum weltweit an. Es wird also ein immer größerer Anteil der globalen Getreideernte für Tierfutter verwendet werden – es sei denn, es wird politisch gegengesteuert. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir nicht verantworten wollen, dass die Zahl der Hungernden immer weiter steigt. Die weltweiten Zusammenhänge zeigen: unser Nahrungskonsum ist keine reine Privatsache – der Staat steht in der Verantwortung, darauf hinzuwirken, dass weniger Fleisch gegessen wird.

Während das verantwortliche Landwirtschaftsministerium (BMELV) sich dieser Verantwortung nicht stellen möchte, ist es bereits eine offenkundige Tatsache, dass unser Nahrungskonsum auch eine politische Angelegenheit ist. Die Maßnahmen der Bundesregierung und der EU beeinflussen auf vielfältige Weise, welche Nahrungsmittel auf welche Weise und in welchen Mengen produziert, konsumiert, importiert und exportiert werden: durch die Art und Höhe der Steuern, die wir zahlen, durch Quoten, Zölle und Einfuhrbestimmungen sowie durch Agrarsubventionen und Förderprogramme. Es geht also nicht um die Frage, ob sondern wie die Politik die Nahrungsproduktion und den Nahrungskonsum beeinflusst. Bisher werden die falschen Anreize gesetzt – Massentierhaltung, extrem niedrige Fleischpreise und Fleischexporte, die Märkte in Entwicklungsländern zerstören, sind auch politisch bedingt.

Zurück zum Sonntagsbraten

Welche Maßnahmen können also effektiv dazu beitragen, dass die Deutschen weniger Fleisch essen? Ein Ansatzpunkt sind Kampagnen, die Konsumenten über die Folgen des (hohen) Fleischkonsums aufklären. Denn ein Großteil der Deutschen scheint noch nicht zu wissen, dass es weder für ihre eigene Gesundheit noch für das Klima und die Welternährung gut ist, wenn sie fünf Mal in der Woche Fleisch essen. Aber die Konsumforschung hat gezeigt, dass derartige Informationen für viele Menschen nicht ausreichen, um ihre Ernährung umzustellen. Denn für die meisten spielt beim Essen der Geschmack eine Hauptrolle – und der ist stark gewohnheitsbedingt. Wer es nicht gewohnt ist, fleischlos zu essen, weiß nicht, wie viele leckere vegetarische Gerichte es gibt und wie man sie zubereitet. Daher können Kampagnen nur dann erfolgreich sein, wenn sie dazu beitragen, dieses Wissen und neue Essensgewohnheiten zu verbreiten. Dafür braucht es Vorbilder und einfache Möglichkeiten, vegetarisches Essen zu kosten.

Staatliche Akteure können eine Vorbildrolle einnehmen, indem sie dafür sorgen, dass in öffentlichen Kantinen mehr vegetarische Gerichte angeboten werden und weniger Fleisch. Bisher ist es privaten Initiativen wie „Donnerstag ist Veggietag“ zu verdanken, dass einzelne Städte und Kantinen fleischlose Tage eingeführt haben. Der Staat sollte solche Initiativen unterstützen, damit immer mehr Kantinen diesem Beispiel folgen. Einen Tag in der Woche kein Fleisch zum Mittag anzubieten, ist natürlich nur ein kleiner Schritt auf dem Weg „zurück zum Sonntagsbraten“. Hilfreich wäre es auch, mehr Prominente zu gewinnen, die in der Öffentlichkeit davon erzählen, dass sie aus Überzeugung wenig Fleisch essen und mit fleischlosen Gerichten voll auf ihren Geschmack kommen.

Neben dem Geschmack spielt der Preis eine Hauptrolle für die meisten Deutschen, wenn sie entscheiden, welche Nahrungsmittel sie kaufen. Hier liegt also ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt – Fleisch muss teurer werden. Und das nicht, um Fleischesser zu ärgern, sondern damit die Preise wieder die ökologische und soziale Realität widerspiegeln. Denn die konventionelle Fleischproduktion verursacht immense Kosten, unter anderem in Form von Umwelt- und Klimaschäden. Doch die Verursacher dieser Kosten – die ProduzentInnen und FleischesserInnen – tragen diese Kosten nicht, denn sie sind nicht in den Fleischpreisen enthalten. Stattdessen zahlt die Gesellschaft diese Kosten, also auch diejenigen, die diese Schäden nicht zu verantworten haben.

Die Politik ist gefordert

Das muss sich ändern – aber wie? Verschiedene Nichtregierungsorganisationen fordern, dass die EU die Direktzahlungen an Landwirte zukünftig an ökologische und soziale Auflagen bindet. Eine Mindestquote für den Anbau von Leguminosen (Hülsenfrüchtler), die als Eiweißfuttermittel genutzt werden können, ist eine der geforderten sinnvollen Auflagen. Indem importiertes Sojafuttermittel durch Leguminosen aus europäischem Anbau ersetzt wird, könnte die Klimabilanz der Fleischproduktion wesentlich verbessert werden. Einige Experten fordern sogar, den Import von Soja zu verbieten. Auch die Einführung eines  Zertifizierungssystems ist im Gespräch, damit nur Soja importiert wird, das ökologisch und sozial verantwortungsvoll produziert wurde. Ob das durch ein Zertifizierungssystem tatsächlich geleistet werden kann, ist allerdings umstritten.

Am sinnvollsten für den Klimaschutz und die Welternährung wäre es, zu traditionellen Formen der Tierfütterung, die weitgehend ohne den Anbau von Futtermitteln auskommt, zurückzukehren – indem zum Beispiel Dauergrünland für Rinder zum Weiden genutzt wird. Anita Idel zeigt in ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klimakiller“ überzeugend die Vorteile einer derartigen Rinderhaltung auf: So entsteht keine Nahrungskonkurrenz, denn viele Grünlandflächen können nicht für den Ackerbau genutzt werden und dienen gleichzeitig als großer Kohlenstoffspeicher. Massentierhaltung und Fleischkonsum in Massen ist so natürlich nicht mehr denkbar.

Anreize für eine derartige Umstellung der Tierhaltung könnten zum Beispiel durch  Steuern oder Abgaben gesetzt werden. So fordert zum Beispiel Felix zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, in seinem Buch „Food Crash“ eine Besteuerung von Stickstoff und Eiweiß und somit von künstlichem Stickstoffdünger und Eiweißfuttermitteln (dazu gehört auch Soja). Andere Experten fordern eine Besteuerung verschiedener Fleischarten je nach Futterverwertung der jeweiligen Tiere. Je mehr Getreide, das auch als Nahrung für Menschen genutzt werden könnte, für die Produktion von Fleisch verfüttert wird, desto höher sollte die Besteuerung sein – das ist die Grundidee. Die Argumente für Steuern oder Abgaben als Instrument der Internalisierung von ökologischen und sozialen Kosten sind überzeugend, die verschiedenen Varianten müssen aber noch weiter diskutiert und ausgearbeitet werden, um gesellschaftlich durchsetzbar zu werden. Eine andere Möglichkeit, um der industriellen Massentierhaltung die Grundlagen zu entziehen, sind stärkere Tierschutz- und Tierhaltungsauflagen.

Alle diese Maßnahmen und Auflagen würden dazu führen, dass Fleisch nicht mehr so billig produziert werden kann, wie es zurzeit in der konventionellen Tierhaltung möglich ist. Generell höhere Fleischpreise wären die Folge – so würde die Einkaufsentscheidung zwischen nachhaltig und nicht nachhaltig produziertem Fleisch nicht mehr vom Preisunterschied manipuliert werden. Wir brauchen aber zusätzlich eine bessere Produkttransparenz, damit die Wahl beim Einkauf leichter fällt – das Beispiel der Eierkennzeichnung zeigt, dass es funktioniert. Klar ist, dass ein Mix an Maßnahmen nötig ist, damit Fleisch ökologisch und sozial verantwortungsvoller produziert und weniger Fleisch konsumiert wird.

Manchmal hört man die These, dass es nichts bringt, wenn wir unseren Fleischkonsum verringern, da in China – mit einer ganz anderen Bevölkerungsdimension – der Fleischkonsum weiter steigt. Es muss natürlich international daran gearbeitet werden, dass der Fleischkonsum nicht zu einer weiteren Verschärfung des Welthungerproblems führt. Doch der Pro-Kopf-Konsum von Fleisch in China liegt derzeit mit circa 54 Kilogramm deutlich unter unserem. Die Industrieländer müssen mit gutem Beispiel vorangehen, bevor sie mit China und anderen Schwellenländern über Lösungen des Fleischproblems sprechen.

Zumindest auf europäischer Ebene sind gemeinsame Schritte im Rahmen der anstehenden Reform der gemeinsamen Agrarpolitik schon jetzt möglich. Ob die Bundesregierung ihre Blockiererrolle aufgibt, wird davon abhängen, wie viel Druck die Öffentlichkeit und zivilgesellschaftliche Akteure dem Druck der Agrar- und Ernährungsindustrie entgegenzusetzen vermögen.

Julia Sievers-Langer hat von 2007 bis 2011 für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Bereich der Agrarpolitik und Ernährungssicherung gearbeitet. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin und Gutachterin.

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