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Südlink 158 - Dezember 2011

Ernährung global - Unsere Welt zwischen Hunger und Überfluss

Einen Insektenburger, bitte!

Das Fleisch der Zukunft kommt von Kleinsttieren

von Larissa Bruun

Traditionellen Fleischkonsum kann sich die Menschheit nicht mehr leisten: zu groß ist der Verbrauch an Flächen und Nahrungsmitteln, zu viele Treibhausgase werden freigesetzt. Doch es gibt eine Alternative: Insekten sind gesund, ökologisch – und für vier von fünf Menschen schon heute lebenswichtig.

Ein Blick in die Zukunft. Auf unserem Balkon bauen wir lokales Bioessen an: Kräuter, Gemüse und – Insekten. Abends gibt es Tacos; dazu werfen wir eine Handvoll Insekten in den Topf, würzen sie und fertig ist die Füllung. Insektenzucht ist kinderleicht; sie ernähren sich von Gemüseabfällen.

Käfer, Grillen und Maden sind das Bioessen von morgen – kein Witz! Angesichts von Klimawandel und Nahrungsmittelknappheit ist es schlichtweg fahrlässig, wenn wir weiterhin große Tiere vom Ende der Nahrungskette essen. 70 Prozent der weltweiten Anbaufläche werden derzeit für die Fleischproduktion verwendet, als Weideland und für Futtermittel. Von einer „Fleischkrise“ spricht Arnold van Huis, der als Insektenforscher (Entomologe) an der Universität Wageningen in den Niederlanden lehrt: „1990 haben wir im Schnitt 20 Kilogramm Fleisch pro Jahr gegessen, heute essen wir 50 Kilogramm und wenn wir so weitermachen, werden es 2030 schon 80 Kilogramm sein. Das kann sich die Welt nicht leisten.“

Eine Frage der Gewohnheit

„Insekten sind eine leckere und umweltfreundliche Alternative zu Fleisch“, sagt van Huis' Forscherkollege Marcel Dicke. „Für ein Kilogramm Rindfleisch müssen wir erst einmal zehn Kilogramm verfüttern. Mit derselben Futtermenge könnten wir auch drei Kilogramm Schweinefleisch produzieren, fünf Kilogramm Hühnchen oder bis zu neun Kilogramm Heuschrecken.“ Je kleiner ein Tier sei, desto weniger Energie brauche es, um zu wachsen. Doch Insekten haben noch einen weiteren großen Vorteil: Sie brauchen keine großen Flächen; Agrarprodukte könnten den Menschen vorbehalten bleiben.

Und was ist mit dem Ekel vieler Menschen im Norden vor der Idee, ein Insekt in den Mund zu nehmen? „Alles eine Frage der Gewohnheit!“, findet van Huis. „Die meisten Leute essen ja auch Shrimps, obwohl sie Insekten sehr ähnlich sind.“ Man müsse sie allerdings gut zubereiten, rät er: Insektengehacktes oder -pasteten seien ein guter Start.

Weltweit essen vier von fünf Menschen Insekten; vor allem in tropischen Ländern sind sie eine beliebte Nahrungsquelle. „Doch wenn die Menschen im Norden Insekten weiterhin ablehnen, kann es passieren, dass der globale Süden nachzieht und seinen traditionellen Insektenverzehr aufgibt“, fürchtet Serge Verniau, Referent der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Laos. Sein Büro fördert den Erhalt dieser indigenen Praxis. Laotische Bauern kombinieren Klebereis mit wilden Pflanzen, Pilzen, Insekten und anderen kleinen Tieren. Jedes zweite laotische Kind unter fünf Jahren leidet an chronischem Hunger – daran hat auch das Wirtschaftswachstum im letzten Jahrzehnt nichts geändert. Insekten liefern die dringend benötigte Energie sowie Proteine, Fett und Spurenelemente wie Calcium und Eisen.

Insekten to go

Bis wir an einer europäischen Würstchenbude einen Insektenburger bestellen können, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Doch schon heute essen wir etwa 500 Gramm Insekten pro Kopf und Jahr, ohne es zu merken: Spuren der kleinen Tiere kommen in Beeren, Gemüse und Pilzen vor, aber auch in Fertigprodukten wie Saft, Suppen, Pasta, Mehl und Schokolade. Ein Lebensmittelgesetz in den USA legt sogar fest, dass Ketchup nicht mehr als 30 Fruchtfliegeneier pro 100 Gramm enthalten darf. Doch Insekten werden auch gezielt eingesetzt: Alkoholika und Softdrinks, Joghurt, Kekse und Süßigkeiten mit der Kennzeichnung „E120“ verdanken ihre karminrote Farbe abertausenden Cochenilleläusen.

Die Niederlande sind dem restlichen Europa beim Insektenverzehr weit voran; dort werden die Kleinsttiere bereits gezüchtet und finden sich auf den Speisekarten vieler Restaurants. „Spätestens 2020 werden Insekten in jedem europäischen Laden erhältlich sein“, glaubt Marcel Dicke und fügt hinzu: „Vielleicht auch schon früher – dann aber diskreter: in Saucen oder zerhackt auf Tiefkühlpizzen.“

Übersetzung aus dem Englischen von Christina Felschen.

Larissa Bruun ist eine finnische Journalistin, die seit 2003 für verschiedene Nichtregierungsorganisationen in Lateinamerika und Asien gearbeitet hat. Von 2008 bis 2010 war sie UN-Freiwillige im FAO-Regionalbüro in Laos.

Der Artikel wurde in finnischer Sprache und ähnlicher Form im Dezember 2010 in der finnischen Zeitschrift Maailman Kuvalehti (www.maailmankuvalehti.fi) veröffentlicht.

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