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Südlink 164 - Mai 2013

Digitaler Süden - Neue Medien und politische Mobilisierung

Die Medien der Revolution

In Ägypten haben soziale Medien und Netzwerke bei den Umbrüchen eine zentrale Rolle gespielt. Es wäre aber falsch, von einer „Facebook-Revolution” zu sprechen.

von Juliane Schumacher

Sie gehörten zu den Helden des Tahrir-Platzes: Blogger und andere MedienaktivistInnen hatten eine enorme Bedeutung für die Mobilisierung und Koordinierung der Proteste gegen das verhasste Mubarak-Regime. Twitter, Facebook und YouTube sind Teil der ägyptischen Revolution. Längst nicht alle aber hatten Zugang zum Internet oder konnten sich ein Smartphone leisten – und gingen trotzdem auf die Straße und stellten sich Polizei und Militär entgegen.

Sie waren immer dabei, während der ägyptischen Revolution im Januar und Februar 2011 und in den Wochen und Monaten danach: Wenn die Menschen in einem Demonstrationszug durch die Kairoer Innenstadt zogen und auf dem Tahrir-Platz Zelte aufschlugen. Wenn AktivistInnen vor dem Militärgericht gegen Vorladungen kritischer JournalistInnen protestierten oder vor dem Innenministerium an den Tod des Bloggers Khaled Said erinnerten. Wenn die Ärzte in den Streik traten oder StudentInnen ihre Fakultät besetzten – die BloggerInnen waren immer auch dort. Ein-Mann- oder Eine-Frau-Agenturen gleich verfolgten sie das Geschehen, zwei, drei Kameras umgehängt, das Handy gezückt. Sie tippten Nachrichten in Sekundenschnelle in ihre Twitter-Accounts, filmten, fotografierten, machten Notizen, zogen sich für eine Weile zurück, um via Laptop Berichte, Bilder und Filme ins Netz zu stellen.

Mit der ägyptischen Revolution waren sie auf einen Schlag bekannt geworden, zu Ruhm gelangt, wurde viel über ihre Rolle geschrieben und diskutiert. Eine „Facebook-Revolution” tauften westliche BeobachterInnen die arabischen Revolutionen, und die BloggerInnen waren ihre Helden. Waren sie das? Und spielte das Internet tatsächlich eine so entscheidende Rolle für die Revolution?

Blogs als zuverlässigste Informationsquelle

Die Rolle des Internets und anderer neuer Medien in der ägyptischen Revolution darf ebenso wenig überschätzt wie unterschätzt werden. Bereits in den Jahren vor der Revolution hatten BloggerInnen damit begonnen, Informationen über Proteste, Streiks und Menschenrechtsverletzungen, die in der zensierten ägyptischen Presse nicht veröffentlicht werden durften, zu sammeln und – häufig sehr übersichtlich und ausgewogen – im Internet zu veröffentlichen.

Die Blogs bekannter Blogger (wie 3arabawy, Zeinobia oder Sandmonkey) waren und sind neben den englischsprachigen Onlinezeitungen die unabhängigste und zuverlässigste Quelle für Nachrichten in Ägypten. Die BloggerInnen selbst stammen zumeist aus der kleinen Gruppe langjähriger AktivistInnen, die sich bereits vor der Revolution für Menschenrechte und mehr politische Freiheiten einsetzte, junge, gebildete Menschen, die fast ausnahmslos aus der Oberschicht stammen und über enge Kontakte ins westliche Ausland verfügen.

Das erklärt auch, warum die BloggerInnen für das Ausland eine wichtige Rolle spielten: Da sie meist gut englisch sprechen, sind sie attraktive Ansprechpartner für die westliche Presse, die sie schnell als „Repräsentanten” oder „Sprecher” der Revolutionsbewegung darstellte. Eine Rolle, der sie sich immer verwehrten. Sie leisteten und leisten bis heute im Grunde klassisch journalistische Arbeit – nicht umsonst nennen sie sich selbst citizen journalists: Sie sortieren Nachrichten, bereiten sie auf, kommentieren, berichten von den Orten des Geschehens. Ihrer Herkunft aus meist bekannten und wohlhabenden Familien verdanken sie eine gewisse Freiheit vor Repression. Das Internet ersetzt zu einem großen Teil die weiterhin fehlende freie nationale Presse, zumindest für jene, die Zugang dazu haben.

Das sind in Ägypten viele – Mubarak hatte ironischerweise mit einer groß angelegten „Internetoffensive” 2008 zusammen mit großen Telekommunikationsfirmen dafür gesorgt, dass das Land eine sehr gute Infrastruktur und günstigen Zugang zum Internet bekam. Fast 40 Prozent der Bevölkerung nutzen heute das Internet regelmäßig (in Deutschland sind es 80 Prozent).

Die ägyptische Jugend nutzt quer durch alle Schichten das Internet sehr intensiv, sei es, um Kontakt mit der Familie im Ausland zu halten, um zu flirten oder eben um Politik zu machen. In den letzten Jahren hatten AktivistInnen das Internet als Ort von Vernetzung und Kampagnen entdeckt. Auch dies geht darauf zurück, dass das Internet im Vergleich zur sonst streng von der Staatssicherheit überwachten Öffentlichkeit als relativ frei gelten konnte.

Proteste organisieren mit Facebook und Twitter

Berühmt geworden ist die Facebook-Seite „We are all Khaled Said”, die Aktivisten nach dem Tod des Bloggers Khaled Said aufbauten. Said wurde im Juni 2010 von Polizisten auf offener Straße zu Tode geprügelt. Über die Facebook-Seite fanden die grausigen Bilder seiner Leiche, Videos und Hintergrundinformationen rasch Verbreitung und karikierten die Version der Polizei, es habe sich um einen Dealer gehandelt, der an Drogen gestorben sei.

Die Facebook-Seite wurde zu einer absolut dezentralen und umso wichtigeren Plattform für die Vernetzung von MenschenrechtsaktivistInnen und kann als eine Basis der Revolution gelten, die ein halbes Jahr später Mubarak stürzte. Was sich da im Internet tat und was es bewirkte, erkannten die Sicherheitsdienste erst am 25. Januar 2011. „Im Grunde waren wir es, die in einer virtuellen Welt lebten, und nicht sie”, zitiert Wael Ghonim, Initiator der Seite We are all Khaled Said, in seinem Buch Revolution 2.0 einen Regierungsbeamten.

Während der Revolution von Anfang 2011, aber auch bei sämtlichen Protesten seither spielten Facebook und Twitter eine wichtige Rolle bei der Organisation und Koordination der Proteste. Wenn im Jahr nach der Revolution nach einer Demonstration wieder einmal der Tahrir-Platz besetzt wurde, war ein Smartphone ein sehr nützliches Werkzeug – im Minutentakt liefen über Twitter aktuelle Meldungen über Treffpunkte oder mögliche Angriffe, wurde Bescheid gegeben, wo gerade Decken oder Wasser gebraucht wurden und wo sich Freiwillige zur Bewachung des Platzes melden sollten. Polizeiübergriffe, aber auch politische Statements oder Berichte von Aktionen wurden über Facebook und YouTube oder live über Programme wie Bambuser verbreitet.

Diese Internetaffinität ist in der ägyptischen Protestbewegung besonders stark ausgeprägt – und spiegelt die große Rolle, die soziale Medien für einen Großteil der Jugendlichen im Alltag spielen. Dass sie nicht die Ursache, ja nicht einmal notwendig waren für das Zustandekommen der Revolution, zeigt zum einen die Tatsache, dass Revolutionen auch in anderen Ländern stattfanden, in denen es keine vergleichbare Infrastruktur gab und das Internet viel weniger intensiv genutzt wurde, etwa im Jemen oder in Libyen. Und zum anderen die Tatsache, dass die Revolution ihren Höhepunkt ab dem 28. Januar 2011 genau in jenen Tagen erreichte, in denen das Regime das Internet abgeschaltet hatte, und die Mobilfunknetze gleich mit.

Das Internet hatte sich in den Monaten und Jahren vor der Revolution als ein Ort etabliert, wo die bekannten Menschenrechtsaktivisten sich vernetzen und Informationen tauschen konnten. Die Revolution jedoch begann erst in dem Moment, als die Proteste eben diesen Zirkel verließen und die breite Masse sich anschloss. Auch jene, die weniger Zugang zum Internet hatten, die prekäre Jugend, die ArbeiterInnen, die verarmte Stadt- und Landbevölkerung.

Mit der Revolution haben sich auch die „alten” Medien verändert

Auch war das Internet nicht das einzige Medium der Revolution: Satellitensender wie Al-Jazeera haben mit ihren unabhängigen, teils kritischen Berichten und ihren Live-Schaltungen von den Protesten sehr viel zum Erfolg der Revolution beigetragen – und sie haben, anders als das Internet, nicht nur junge, eher gebildete Kreise erreicht, sondern eine breite Masse. Denn für einen Großteil der Bevölkerung ist der Fernseher nach wie vor das zentrale Informationsmedium. Und Fernsehen hieß (ebenso wie Radio) über lange Zeit die Programme des staatlichen Rundfunks – eher Propaganda der Regierung denn Journalismus.

Mit dem Aufkommen arabischsprachiger Satellitensender wie Al-Jazeera aber auch ägyptischer Privatsender bekamen diese Konkurrenz. Der Vergleich der verschiedenen Programme offenbarte wie verzerrt oder gefälscht die staatliche Berichterstattung war. Noch heute macht man sich in Ägypten lustig darüber, wie das Staatsfernsehen die Bilder eines leeren Tahrir-Platzes zeigte, während man gleichzeitig auf dem eigens eingerichteten Live-Sender von Al-Jazeera den Platz übervoll von protestierenden Menschen sehen konnte. Das Zusammenspiel zwischen dem „alten” Medium Fernsehen und den neuen Medien war eng: Al-Jazeera etwa nahm bei seinen Berichten immer auch Bezug auf die Nachrichten, die über Facebook und Twitter liefen, konnte Bilder und Videos nutzen, die User im Internet hochgeladen hatten.

Mit der Revolution ist Bewegung in die Medienlandschaft in Ägypten gekommen, und zwar auf allen Ebenen: Mehr als zehn Millionen (von insgesamt 83 Millionen) ÄgypterInnen nutzen heute Facebook. Gleichzeitig begann die neue Militärregierung nach der Revolution, einzelne bekannte Aktivisten wegen Äußerungen im Internet und in Blogs vorzuladen, teils auch vorübergehend zu inhaftieren. Von einer flächendeckenden Überwachung des Internets ist das noch weit entfernt, aber dennoch eine gezielte Einschüchterung.

Über das erste Jahr herrschte ein Boom in der ganzen Medienbranche, zahlreiche Privatsender nutzten die neue Freiheit. Neue Zeitungen erschienen und gingen teils wieder ein. Auch das Staatsfernsehen bekannte sich kurzzeitig zu einem unabhängigeren Journalismus, um dann doch recht schnell wieder in den alten Trott zu verfallen und brav auf Linie der Regierung zu berichten.

So verlor das Internet seine besondere Rolle auch wegen der größeren Freiheit der anderen Medien. Starreporter Josri Fouda konnte eine Sendung auf dem privaten Fernsehkanal OnTV etablieren und der Kabarettist Bassem Joussef macht sich live im Fernsehen über Präsident Mohammed Mursi lustig. Die Bloggerinnen bloggen weiter, doch sie haben ihre besondere Rolle – zumindest vorübergehend – verloren.

Das könnte sich aber wieder ändern: Die Muslimbrüder kontrollieren die Staatsmedien immer stärker und Al-Jazeera hat seinen Ruf als unabhängiges Medium zumindest bei den Jugendlichen eingebüßt. Denn der Sender, der immer mehr oder weniger offen auf der Seite der Revolution stand, ist in Katar ansässig und ist, so kritisieren manche AktivistInnen in Ägypten, den Muslimbrüdern gegenüber zu unkritisch –diese stehen dem Königshaus in Katar nahe. Das Internet wird als Medium für Protest und Widerstand weiterhin attraktiv bleiben.

Juliane Schumacher ist freie Journalistin in Berlin. Von März bis November 2011 berichtete sie für verschiedene Zeitungen aus Kairo. 2012 veröffentlichte sie im Unrast Verlag das Buch „Tahrir und kein Zurück” über die Revolutionsbewegung in Ägypten.

Weitere Artikel aus dem Heft

Editorial

Jan Hanrath: Der globale Süden vernetzt sich. Macht, Möglichkeiten und Grenzen neuer Technologien für soziale Mobilisierung im globalen Süden.

Digitaler Süden - ein Glossar.

Abdou Rahime Diallo: Und dann wurden sie ein Paar. Wie die afrikanische Diaspora das Internet für Familienzusammenhalt, politische Information und Geldtransfer nutzt.

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