Südlink 168 - Juni 2014

Hundert Jahre Erster Weltkrieg -
Der globale Süden zwischen den Fronten

Editorial

von Michael Krämer

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ende Juli jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum einhundertsten Mal. Die Erinnerungsmaschine ist längst angelaufen, im Wochenrhythmus erscheinen neue Bücher zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Zahlreiche Medien präsentieren, zumal in ihren Online-Ausgaben, täglich eine Anekdote aus den Wirren der großen Völkerschlacht. Es wird also eigentlich genug gesagt und geschrieben.

Wirklich? Es wird zwar viel kommuniziert, doch mit etlichen Leerstellen. Mit diesem Schwerpunkt zum Ersten Weltkrieg widmen wir uns einigen der viel zu wenig oder gar nicht beachteten Themen. Das europäische Gedenken reduziert den Ersten Weltkrieg nämlich allzu gerne auf seine Schauplätze und Auswirkungen in Europa. Dabei trug dieser Krieg das „Welt“ zu Recht im Namen.

Gekämpft und gestorben wurde auch in Afrika und in Asien. Und es waren nicht nur europäische Soldaten, die auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ihr Leben ließen. In den Kolonien waren es sogar in der großen Mehrzahl Nichteuropäer, die niedergemetzelt wurden. Der europäische Imperialismus scherte sich nicht darum, dass die Bevölkerungen ganzer Länder durch einen Krieg, mit dem sie herzlich wenig zu tun hatten, in Not und Elend gestürzt wurden.

Aber auch an den europäischen Fronten kämpften Hunderttausende Soldaten aus nichteuropäischen Ländern. Die wenigsten von ihnen zogen – zumeist durch Versprechen gelockt, die später nicht erfüllt wurden – freiwillig auf die Schlachtfelder vor Verdun oder an der Marne. Am stärksten setzte Frankreich auf das Mittel der Zwangsrekrutierung, vor allem in den Kolonien Westafrikas. In den Schützengräben angekommen mussten die tirailleurs sénégalais („Senegalschützen“), wie sämtliche westafrikanischen Soldaten pauschal genannt wurden, häufig besonders gefährliche Aufgaben übernehmen.

Doch es waren nicht nur die üblichen Gefahren des Krieges, denen sie ausgesetzt waren. Die Soldaten aus den Kolonien stießen häufig auf Verachtung und Rassismus. Die deutsche Propaganda beschwor die „Schande“, dass nun weiße Soldaten auch von Schwarzen getötet wurden. Zudem würden afrikanische und asiatische Soldaten im massenhaften Sterben an der Westfront die Verwundbarkeit der Europäer erkennen – Gift für den Respekt vor den Weißen, was zwangsläufig in die Auflehnung gegen das gesamte Kolonialsystem münden müsse; Diskussionen übrigens, die so ähnlich auch in Frankreich und Großbritannien geführt wurden.

Eine klare Linie vom Ersten Weltkrieg zur Entkolonialisierung Afrikas ist kaum zu belegen. Mit seinem großen Schlachten hat Europa in den Augen der Kolonisierten allerdings bestimmt nicht an Respekt gewonnen. Und die in den Jahren des Krieges und danach vor allem vom US-Präsidenten Woodrow Wilson geförderte Idee des Selbstbestimmungsrechts der Völker hat die Legitimität des kolonialen Herrschaftssystems weiter infrage gestellt.

Der Erste Weltkrieg war ein globaler Krieg. Hundert Jahre nach seinem Beginn sollte dies endlich zum Allgemeingut werden. Eine erhellende Lektüre wünscht Ihnen,

Michael Krämer

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Stefan Rinke: Mehr als ein Krieg in Europa. Der Erste Weltkrieg wurde auch im globalen Süden ausgefochten – und hat die Krise des kolonialen Systems verschärft.

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