Südlink 168 - Juni 2014

Hundert Jahre Erster Weltkrieg -
Der globale Süden zwischen den Fronten

Das Zerrbild der Askari

Während des Ersten Weltkriegs kämpften in Deutsch-Ostafrika viele afrikanische Soldaten in der deutschen Schutztruppe. Ein Teil von ihnen war zwangsrekrutiert, viele nahmen aber als Freiwillige an diesem Krieg teil.

von Michelle Moyd

Unter dem Befehl von Paul von Lettow-Vorbeck gehörten während des Ersten Weltkriegs tausende Afrikaner zur Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Schon bald nach der Kapitulation Ende 1918 entstand der Mythos des „treuen Askari“. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass die Askari keine Helden waren. Sie waren Akteure inmitten kolonialer Kriegsgewalt und viele von ihnen an schweren Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt.

Am 25. November 1918 ergab sich eine kleine, heruntergekommene Armee britischen Offizieren und Truppen in Abercorn, Nordrhodesien. Es handelte sich um etwa 1.100 afrikanische Kolonialsoldaten und ihre deutschen Befehlshaber, allesamt Mitglieder der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Ihre Kapitulation beendete die Kämpfe in Ostafrika während des Ersten Weltkriegs, die sich länger hinzogen als der Krieg an der Westfront in Europa.

Auf dem Höhepunkt ihrer Stärke Ende 1916 gehörten zwischen 11.000 und 12.000 der als Askari bekannten afrikanischen Soldaten zur deutschen Schutztruppe. Laut den meisten Berichten haben sie in einem beschwerlichen Feldzug, in dem sie zahlenmäßig unterlegen, schlecht ausgestattet und chronisch unterernährt waren, geschickt gekämpft. Doch die Kämpfe forderten einen hohen Tribut, die Anzahl der Soldaten, die sich Ende 1918 in Abercorn ergaben, war relativ klein.

Der Mythos der „treuen Askari“

Aus der Geschichte der Kapitulation vor den zahlenmäßig weit überlegenen Kolonialtruppen der Alliierten entstand schon bald der Mythos der „treuen Askari“. Nach diesem Mythos, der bis in die jüngste Zeit wirkte, haben die Askari ihrem Befehlshaber, dem 1917 zum General ernannten Paul von Lettow-Vorbeck, dem Kaiser und dem Deutschen Reich mit standhafter Loyalität gedient.

Dieser Mythos verdeckt jedoch die Tatsache, dass es die meisten Askari nicht bis nach Abercorn geschafft haben. Tausende von ihnen desertierten, starben, verschwanden oder endeten schon vorher als Gefangene der Alliierten. Jene, die mit Lettow-Vorbeck bis zum Ende des Feldzuges durchhielten, waren höchstwahrscheinlich langjährige Veteranen der Schutztruppe und hatten daher im Fall einer Kapitulation am meisten zu verlieren.

Die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika begann de facto im Jahr 1890, als die Wissmanntruppe, der Vorgänger der Schutztruppe, einen Aufstand von KüstenbewohnerInnen niederschlug und damit begann, das Hinterland des heutigen Tansania zu erobern. In ihren frühen Jahren hatte die Schutztruppe Soldaten in Nordostafrika (Ägypten, Sudan, Eritrea, Somalia) und Südostafrika (Mosambik) rekrutiert.

Später, als britische und portugiesische Kolonialbeamte weitere Rekrutierungen auf dem Land, das unter ihrer Kontrolle stand, untersagten, begannen deutsche Kolonialbeamte massiv damit, Männer aus Deutsch-Ostafrika anzuwerben. Vor allem rekrutierten sie innerhalb der Nyamwezi und Manyema, die als fleißig und klug galten, seit sie sich im 19. Jahrhundert an Netzwerken von Handelskarawanen beteiligten, die die Küste Tansanias mit dem Hinterland verbanden. Die meisten Askari waren freiwillig bei der Schutztruppe und nicht gewaltsam zum Dienst gezwungen worden.

Die Schutztruppe bot Privilegien

Tatsächlich erhielten Askari in der Schutztruppe vergleichsweise hohe Gehälter, die der Kolonialstaat in bar auszahlte, und sie übten als Soldaten und Polizisten eine große Autorität aus. Auch wenn sie von den deutschen Offizieren und Unteroffizieren scharfer Disziplin ausgesetzt waren, genossen sie gleichzeitig erhebliche Privilegien gegenüber den meisten Afrikanern, die unter deutscher Herrschaft in Ostafrika lebten. Die Askari nutzten die ihnen von der Kolonialregierung verliehene Autorität dazu aus, ihren Status als wichtige Männer in ihrem Wirkungsbereich rund um die als bomas bekannten kolonialen Militärfestungen zu festigen.

Anderen Afrikanern galten die Askari daher als gefährliche Männer, die im Namen des kolonialen Staates willkürlich Gewalt ausübten. Diese Gewalt nutzten sie dazu, ihren eigenen Wohlstand zu mehren, in materieller wie in menschlicher Hinsicht.
Die Askari schätzten große Haushalte, da dies in Ostafrika damals ein Maß für Ansehen war. Sie besaßen häufig Vieh und Grundstücke, die dazu dienten, den Wohlstand ihres Haushaltes zu mehren. Daher sahen einige AfrikanerInnen die Askari auch als Männer, die soziale und wirtschaftliche Sicherheit bieten konnten, was auch Heirat und Familiengründungen ermöglichen konnte.

All dies nützte den Askari, da jeder neue Haushalt das eigene Arbeitskräftekontingent erhöhte. Viele empfanden die Beziehung zwischen den Askari und dem kolonialen Staat als abstoßend, doch für Andere bot sie Aufstiegsmöglichkeiten.

Die lokalen Gemeinschaften fürchteten die Askari

Während des Ersten Weltkriegs verhielten sich die Askari weiterhin gemäß ihres Status‘ als Kolonialdiener und einflussreiche Personen. Sie marschierten in großen Kolonnen, die häufig Haushaltsmitglieder umfassten. Zum einen, weil sie die ihrem Status gemäße Rolle nicht voll hätten ausspielen können, wenn sie sie zurückgelassen hätten, zum anderen aber auch, weil sie die Haushaltsmitglieder als Arbeitskräfte brauchten, um logistische Aufgaben wie Wäschewaschen, Kochen, Gesundheitsversorgung und Transport ihrer Güter zu bewältigen.

So wie während der gesamten Kolonialzeit waren die Askari dafür verantwortlich, junge Männer als Arbeiter oder Soldaten zu rekrutieren, und sie ergriffen auch Frauen und Kinder gegen ihren Willen. Die Askari waren dafür berüchtigt, Vieh- und Lebensmittelbestände zu plündern, und hatten keine Skrupel, Gemeinschaften ohne Vorräte oder Ressourcen zurückzulassen, die diese für ihr Überleben benötigten.
Daher trugen jene, die vor der Schutztruppe fliehen konnten, immer so viel wie möglich mit sich und versteckten den Rest beziehungsweise ließen ihn zurück. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass viele AfrikanerInnen die Askari der Schutztruppe positiv betrachtet oder willkommen geheißen haben. Eher brachten die lokalen Gemeinschaften die Anwesenheit der Askari mit Elend in Verbindung.

In diesem Sinne führte der erste Weltkrieg schlicht in größerem und verheerenderem Maßstab die Praktiken fort, die in der Kriegsführung in Deutsch-Ostafrika bereits seit 1890 praktiziert wurden. Die Askari spielten für die deutschen Kriegsanstrengungen in Ostafrika eine entscheidende Rolle. An vielen Gemeinschaften, die das Pech hatten, während des Krieges auf ihrem Weg zu liegen, übten die Askari furchtbare Gewalt aus.

Wenn sich der Kriegsbeginn nun zum hundertsten Mal jährt, gilt es, an die zutiefst imperialistischen Ursachen des Ersten Weltkrieges erinnern. Nur so können wir die Askari als komplizierte historische Akteure inmitten kolonialer Kriegsgewalt betrachten, und nicht als mythische, heldenhafte Karikaturen, die für das Deutsche Reich gekämpft haben.

Aus dem Englischen von Tobias Lambert.

Michelle Moyd lehrt Geschichte an der Indiana University Bloomington. Sie ist auf afrikanische Geschichte, die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Afrika und Militärgeschichte spezialisiert. Im Juni dieses Jahres erscheint ihr Buch Violent Intermediaries: African Soldiers, Conquest, and Everyday Colonialism in German East Africa.

Weitere Artikel aus dem Heft

Michael Krämer: Editorial

Stefan Rinke: Mehr als ein Krieg in Europa. Der Erste Weltkrieg wurde auch im globalen Süden ausgefochten – und hat die Krise des kolonialen Systems verschärft.

Katharina Lange: Grenzen auf dem Reißbrett. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen im Nahen Osten.

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