Südlink 168 - Juni 2014

Hundert Jahre Erster Weltkrieg -
Der globale Süden zwischen den Fronten

Grenzen auf dem Reißbrett

Der Erste Weltkrieg wurde auch im globalen Süden ausgefochten – und hat die Krise des kolonialen Systems verschärft

von Stefan Rinke

Millionen Soldaten aus den Kolonien nahmen an den Kämpfen des Ersten Weltkriegs teil und zahlreiche Kriegsschauplätze lagen außerhalb Europas. Doch selbst nach hundert Jahren ist die Erinnerung an diesen Krieg fast ausschließlich eine europäische. Dabei hatte der Krieg von 1914 bis 1918 Auswirkungen im gesamten globalen Süden und zu einer Neuausrichtung der Welt beigetragen.

Was ist ein Weltkrieg? Die Europäer, die im August 1914 wie von der Leine gelassen aufeinander losgingen, benutzten diesen Begriff schon vor Kriegsbeginn in der festen Überzeugung ihrer eigenen Bedeutung als Zentrum der Welt. Ein Krieg unter den europäischen Großmächten konnte im Zeitalter des Imperialismus nur ein Weltkrieg sein, schließlich hatte man auch Kolonien in der ganzen Welt, und die wurden selbstverständlich mit in den Konflikt hineingezogen. Welt bedeutete also das Europa der Großen nebst kolonialen außereuropäischen Anhängseln.

Diese eurozentrische Sichtweise hat sich in der Geschichtsschreibung und im Geschichtsbewusstsein in den letzten hundert Jahren nur langsam geändert. Für die Regierungen, die sich auf das Gedenken generalstabsmäßig vorbereiten – zumal in England und Frankreich, wo der „Große Krieg“ immer noch eine wesentlich größere Rolle für das historische Selbstverständnis spielt als in Deutschland – , handelt es sich nach wie vor um eine rein europäische Angelegenheit. Die Globalität dieses Kriegs und die Verflechtung mit dem sogenannten „Süden“ der Welt bleiben ausgeblendet.

Natürlich gibt es seit einigen Jahrzehnten die Arbeiten von HistorikerInnen aus Asien, Afrika, Australien und auch Osteuropa, die sich mit dem Beitrag der eigenen Region zum Krieg beschäftigen. Sie haben besonders auf die teils horrenden Menschenverluste an Soldaten aus den Kolonien hingewiesen, die auf europäischen Schlachtfeldern geopfert wurden oder hinter den Fronten niedrigste Dienste verrichten mussten. Wir wissen heute, dass die außer- und osteuropäischen Kriegsschauplätze enorme Verluste gerade auch unter der Zivilbevölkerung gefordert haben. Besonders deutlich wird dies in Kleinasien, wo die sogenannten „ethnischen Säuberungen“ in den Völkermord an den ArmenierInnen mündeten.

Die vielzitierte „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ war also keineswegs auf Europa begrenzt. Oliver Janz hat diese Dimension in seinem Buch „14: Der große Krieg“ (Frankfurt 2013) sehr schön zusammengefasst und gezeigt, dass viele Fronten außerhalb Europas lagen. Gekämpft wurde vor allem dort, wo das Deutsche Reich Kolonien hatte. In großen Teilen Afrikas, anders als im Zweiten Weltkrieg sogar südlich der Sahara, im pazifischen Raum von Tahiti bis hin zur chilenischen Küste, im Fernen Osten, in Sibirien und im riesigen Osmanischen Reich fanden die Kämpfe statt. Wenngleich vielerorts mit geringerer Intensität als in Europa.

Briten und Franzosen rekrutierten im Lauf des Kriegs große Mengen an Soldaten aus ihren Kolonien, oftmals unter Anwendung von Zwang. Die britischen Dominions Kanada, Australien und Neuseeland waren daran in starkem Maß beteiligt. Doch auch aus anderen Teilen des Empire kamen die Soldaten, mehr als eine Million allein aus Indien. Frankreich rief rund eine halbe Million Mann aus seinem Kolonialreich in Afrika und Asien zu den Waffen, was in Deutschland rassistische und antikolonialistische Affekte hervorrief. Aus China holte man darüber hinaus rund 36.000 Arbeiter, sogenannte „Kulis“.

Die Neuausrichtung der Welt

Allerdings fand der Krieg noch auf anderen Ebenen im globalen Rahmen statt, sodass die Bezeichnung „Erster Weltkrieg“ gerechtfertigt ist. Es handelte sich auch deshalb um einen wirklich globalen Krieg, weil er das weltweite Finanz- und Wirtschaftssystem ebenso erschütterte wie die kulturellen Wertvorstellungen, die der Weltherrschaft der Europäer zugrunde lagen.

London war im 19. Jahrhundert zum Mittelpunkt des globalen Finanzsystems aufgestiegen. Durch den Kriegseintritt Großbritanniens kamen die internationalen Finanzbeziehungen ins Wanken. Um den sündhaft teuren Krieg zu finanzieren, brauchten aber alle Geld, viel Geld. Dieses musste nun aus den USA kommen, die sich vom Nettoschuldner zum Nettogläubiger entwickelten. Hatten die Schuldnerländer beispielsweise Lateinamerikas bis 1914 ihre Kredite in London aufgenommen, so mussten sie sich nun an die Wall Street wenden. Die schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend globalisierte Wirtschaft richtete sich auf die Vereinigten Staaten aus, ein Trend, der bis zum heutigen Tag anhalten sollte.

Damit stellten sich auch die Weichen im internationalen Handelsverkehr neu. Ohnehin war der durch die Seeblockade der Entente und den U-Boot-Krieg der Mittelmächte schwer mitgenommen. Der freie Handel kam zum Erliegen. Auch die neutralen Länder, die hauptsächlich im globalen Süden zu finden waren, waren davon betroffen. Um deren nationale Souveränität und um bestehende Verträge und völkerrechtliche Vereinbarungen scherten sich die kriegführenden Weltmächte nicht. Das globalisierte System ging nicht völlig unter. Es wurde nur komplett neu ausgerichtet, und zwar auf die Bedürfnisse der kriegführenden Ententemächte hin.

Glücklich die Länder des Südens, die kriegswichtige Rohstoffe im Angebot hatten wie Kupfer oder Kautschuk. Der Salpeter aus Chile etwa war notwendig zur Herstellung des Schießpulvers. Ohne ihn hätten die Alliierten den Krieg kaum länger als bis 1915 führen können. Ins Deutsche Reich, vor Kriegsausbruch der Hauptabnehmer, gelangte kein Salpeter mehr, doch schuf dort die Haber-Bosch-Synthese Abhilfe, ohne die keine Munitionsproduktion mehr möglich gewesen wäre. Im Laufe des Kriegs gewannen die Lebensmittelimporte aus Übersee je mehr an Bedeutung, desto mehr Erzeuger an den Fronten ihr Leben lassen mussten. Die Tatsache, dass die Alliierten diese globalen Ressourcen ungehindert abrufen konnten und die Mittelmächte nicht, war eine wesentliche Grundlage für den Ausgang des Kriegs.

Der Anfang vom Ende des Kolonialsystems

Der Krieg war darüber hinaus von Beginn an ein „Kulturkrieg“ beziehungsweise stilisierten die Kriegsparteien ihn dazu hoch. Die Propaganda gewann im Ersten Weltkrieg eine neue Dimension und sie richtete sich nicht nur nach innen, sondern auch nach außen an die Neutralen. Europäer unterstellten sich nun gegenseitig den Zivilisationsbruch und beschuldigten sich der Barbarei, was angesichts der Vorgänge auf den Schlachtfeldern nicht weit hergeholt war. In Afrika, Asien und Lateinamerika wirkte diese Propaganda teils kontraproduktiv, erschütterte sie doch den Mythos von der naturgegebenen europäischen Überlegenheit massiv.

Die bereits vor dem Krieg vorhandenen antiimperialistischen und antikolonialen Strömungen verstärkten sich während der Kriegsjahre vielerorts erheblich. Das lag nicht nur an der Wirkung der Propaganda, sondern auch an den realen Auswirkungen des Kriegs auf die Arbeiterschaft in Stadt und Land. Insbesondere in vielen Städten des Südens lösten die Kampfhandlungen in Europa eine Notlage aus. Arbeitslosigkeit, eine galoppierende Inflation und die gleichzeitige Explosion der Verbraucherpreise stürzten viele Menschen in existenzielle Not. Auch das war eine gern übersehene Konsequenz des Kriegs.

Die Folge waren zunehmende soziale Spannungen. Dies stand auch unter dem Eindruck der Versprechungen und Hoffnungen, die sich mit der Teilnahme am Ersten Weltkrieg gerade in den Kolonien verbanden. Die Opfer, die man in einem unsinnigen Krieg brachte, erhielten nur selten die verdiente Anerkennung. Die Protestbereitschaft der städtischen Arbeiterschaft wuchs unter dem Eindruck der Russischen Revolution 1917 stark an. Vielerorts kam es zu Aufständen, die sich zwar in der Regel noch nicht gegen die Kolonialherrschaft als solche richteten, sondern nur bessere Lebensbedingungen einforderten. Allerdings war der Schritt zur Radikalisierung der Forderungen nicht groß.

Die von Lenin und Woodrow Wilson vertretene Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, die durch die Gründung des Völkerbunds eine institutionalisierte Grundlage erhielt, blieb trotz der vollmundigen Ankündigungen des US-Präsidenten eine Utopie. Allerdings entfaltete das damit verbundene uneingelöste Versprechen eine Sprengkraft, die in den folgenden Jahrzehnten den Anstoß zu antiimperialistischen und antikolonialistischen Bewegungen überall im Süden der Welt geben sollte. So war der Erste Weltkrieg einschneidend für das Leben von zahllosen Menschen auch im globalen Süden. Das haben wir bisher zu wenig wahrgenommen. Es wird Zeit, dass sich eine Globalgeschichte, die den Anspruch stellt innovativ zu sein, dieser Herausforderung annimmt.

Stefan Rinke ist Professor für Geschichte Lateinamerikas am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Er ist derzeit Einstein-Fellow am Ibero-Amerikanischen Institut und arbeitet zum Wandel des globalen Bewusstseins in Lateinamerika während des Ersten Weltkriegs.

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Michael Krämer: Editorial

Katharina Lange: Grenzen auf dem Reißbrett. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen im Nahen Osten.

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