Kampagnen-Infos, Mit-Mach-Aktionen, Termine - Abonnieren Sie den INKOTA-Newsletter und bleiben Sie auf dem Laufenden!

Südlink 170 - Dezember 2014

Gewerkschaften im globalen Süden:
Ringen um Autonomie und Solidarität

Eine Frage der Koalitionen

Nicht immer arbeiten Gewerkschaften gut mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Gut funktioniert die Kooperation in der Clean Clothes Campaign.

von Frauke Banse

Solidarität ist ein Fundament gewerkschaftlichen Handelns. Dies gilt nicht nur für den betrieblichen Zusammenhalt gegenüber den Arbeitgebern, sondern auch auf internationaler Ebene. Die internationale Textilproduktion ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, internationale Solidarität zu organisieren – und wie wichtig es dabei ist, Bündnisse mit anderen Organisationen zu schaffen.

Mehr als 1.100 ArbeiterInnen starben, als am 24. April 2013 das Rana-Plaza-Gebäude in Bangladesch einstürzte, über tausend weitere wurden schwer verletzt oder trugen tiefe psychische Schäden davon. In die internationalen Medien wäre diese Megakatastrophe auch ohne die Arbeit von Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen gekommen. An der katastrophalen Sicherheitssituation in Bangladeschs Nähfabriken hätte sich jedoch wenig geändert, noch hätten die Opfer der Katastrophe eine, wenn auch beschämend geringe, Entschädigung bekommen.

Es war vor allem die Clean Clothes Campaign (CCC), die gemeinsam mit Partnern in Bangladesch Beweise über die Lieferbeziehungen zwischen den Zulieferbetrieben, die in dem Gebäude produzierten, und internationalen Textilunternehmen sammelte. Sofort nach dem Einsturz startete die CCC in Europa eine sehr effektive Öffentlichkeitsarbeit – mit dem Erfolg dass endlich das von lokalen Gewerkschaften, Arbeitsrechtsorganisationen und globalen Gewerkschaftsverbänden entwickelte und juristisch verbindliche Abkommen zum Brand- und Gebäudeschutz in Bangladesch von zahlreichen großen Bekleidungsunternehmen unterzeichnet und die Opfer zumindest ansatzweise materiell entschädigt wurden.

Gewerkschaften als Teil der Kampagne für Saubere Kleidung

In beiden Kampagnen – zum Brand- und Gebäudeschutz wie bei der Entschädigungskampagne – arbeitete die CCC auf allen Ebenen eng mit Gewerkschaften zusammen. Vor allem in Europa war die CCC dabei die treibende Kraft und leistete den Großteil der Öffentlichkeitsarbeit, die letztlich beiden Abkommen zum Durchbruch verhalf.

Wieso leisten die hiesigen Gewerkschaften diese Arbeit nicht allein? Solidarität ist schließlich das Fundament ihres Handelns. Gewerkschaften sind durchaus nicht nur Kooperationspartner der CCC, sie sind auch Teil der Kampagne. So gehören die IG Metall, ver.di, die GEW und das DGB Bildungswerk zum Trägerkreis der Kampagne für Saubere Kleidung, dem deutschen Zweig der CCC.

Sobald Gewerkschaften aber ihr Kerngeschäft, die ökonomische Interessenvertretung der über sie organisierten abhängig Beschäftigten, verlassen, gehen sie häufig Koalitionen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen ein.1 Denn andere Organisationen haben Kenntnisse und Kontakte, die sich für Gewerkschaften nicht notwendig aus ihrem Alltagsgeschäft ergeben.

Die CCC ist ein über 20 Jahre gewachsenes europaweites Netzwerk diverser Organisationen (Gewerkschaften, Aktionsgruppen, weltliche und religiöse NRO, Forschungsinstitutionen), über die Jahre hat sie sehr enge Beziehungen zu Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen in den Produktionsländern aufgebaut und arbeitet seit ihrer Gründung monothematisch zur internationalen Bekleidungsindustrie, hat also eine hohe Expertise auf dem Gebiet.

Auf die mit diesen Elementen verbundenen Ressourcen kann die CCC in der Öffentlichkeitsarbeit, in der Recherche und in Verhandlungen mit Unternehmen zurückgreifen. Sie füllt damit eine strategische Leerstelle, handelt aber in keinem Fall losgelöst von Gewerkschaften. Vielmehr handelt die Kampagne in allen wichtigen Fragen mandatiert durch Gewerkschaften und Arbeitsorganisationen in den Produktionsländern, damit sind Gewerkschaften häufig auch ihr „Auftraggeber“.

Jedes Land, in dem die Clean Clothes Campaign vertreten ist, hat Personen, die für die sogenannten Eilaktionen zuständig sind. Sobald es zu Arbeitsrechtsverletzungen in Fabriken kommt, aus denen beispielweise deutsche Bekleidungsfirmen ihre Ware beziehen, wird die deutsche Eilaktionskoordination gebeten, aktiv zu werden.

Die zuständige Person setzt sich dann mit den jeweiligen Unternehmen in Verbindung und fordert sie auf, über das Fabrikmanagement den Forderungen der Beschäftigten vor Ort nachzukommen. Geschieht dies nicht, wird der Fall öffentlich gemacht. Die Eilaktionskoordination arbeitet dabei teilweise sehr eng wiederum mit den nationalen Gewerkschaften zusammen, zum Beispiel wenn es in den hiesigen Bekleidungsunternehmen aktive Betriebsräte gibt, die die Forderungen der KollegInnen aus den Bekleidungsfabriken des globalen Südens unterstützen.

Die Clean Clothes Campaign bittet die Gewerkschaften aber auch in Verhandlungen mit Unternehmen oder bei Gesprächen mit Regierungen um Unterstützung. Bei den Eilaktionen handelt es sich also um sehr konkrete, mandatierte Solidaritätsarbeit, die die Organisationsmacht der Gewerkschaften in den Produktionsbetrieben deutlich vergrößern kann.

Aber die Gewerkschaften machen auch unabhängig von der CCC konkrete Solidaritätsarbeit. So sind insbesondere die über ver.di organisierten Betriebsräte der Bekleidungsmarken H&M und Zara aktiv. Sie nahmen zum Beispiel in der Kampagne für das Abkommen zum Gebäude- und Brandschutz in Bangladesch Einfluss auf das Management, den verbindlichen Vertrag zu unterzeichnen. Die KollegInnen von H&M und Zara stehen in einem regen Austausch mit den KollegInnen in den Produktionsländern und diskutieren ihre Belange auf den Versammlungen.

Da es in Deutschland kaum noch Textilproduktion gibt, entstehen für die hiesigen Gewerkschaften in der Solidaritätsarbeit weit weniger Spannungen durch die internationale Konkurrenz als in anderen Bereichen der industriellen Produktion. Dies erleichtert vermutlich die internationale Solidaritätsarbeit deutscher Gewerkschaften in diesem Bereich.

1Wie diese Koalitionen konkret aussehen, hängt von der „Identität“ der einzelnen Gewerkschaften ab, von ihrer inhaltlichen Ausrichtung, welche Beschäftigtengruppen sie organisiert, wie sie demokratisch verfasst ist – jeweils in Interaktion mit der politischen Kultur des entsprechenden Landes. In Deutschland ist es zudem so, dass entscheidende Teile der internationalen Arbeit der Gewerkschaften von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) getragen werden. Seit den 1960er Jahren gibt es diese informelle Übereinkunft zwischen DGB-Gewerkschaften und FES. Die DGB-Gewerkschaften sind darüber hinaus in die Konferenzen, Programmplanungen und Abstimmungsgespräche der FES eingebunden und stellen den stellvertretenden Vorsitzenden der FES.

Frauke Banse koordiniert bei INKOTA die Eilaktionen der Kampagne für Saubere Kleidung.

Weitere Artikel aus dem Heft

Editorial

Jörg Nowak: Im Ringen um Autonomie. Viele Gewerkschaften im globalen Süden versuchen, sich von den Regierungen unabhängig zu machen. Einige mit Erfolg.

Malehoko Tshoaedi: Gewerkschaften am Scheideweg. Zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid ist der südafrikanische Dachverband COSATU tief zerstritten.

nach Oben